Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Schwule und Wiederverheiratete dürfen keine Hostien empfangen

Hugo Stamm am Freitag den 21. März 2014
Kommunion_Klein

Kommunion: Frauen, die die Pille nehmen, Schwule und Wiederverheiratete sollen ausgeschlossen werden. Foto: Keystone

Laut dem Churer Bischof Vitus Huonder sind Kirchenmitglieder, die sich zur Homosexualität bekennen, die Pille als Verhütungsmittel benutzen oder geschieden und wieder verheiratet sind, in einer «irregulären Situation». Eine nette Umschreibung für eine sündige Lebensführung. Oder eine Verfehlung, zumindest aus katholischer Warte. Deshalb werden sie von der Kommunion ausgeschlossen und dürfen keine Hostie empfangen.

Drückt man es ungeschminkt aus, klingt es so: Schwule und Wiederverheiratete sind Gläubige zweiter Klasse. Besonders krass ist das Verdikt für Frauen, die die Pille schlucken. Verhütung ist offenbar des Teufels. Über den Daumen gepeilt stigmatisiert die Kirche damit etwa die Hälfte der Gläubigen zu Personen, die nicht würdig sind, die Kommunion zu empfangen.

Laut Huonder sollen sie die Arme verschränken, damit der Pfarrer weiss: Aha, wieder ein Sünder, der die Hostie nicht verdient. Als Trost bekommen dann die Stigmatisierten den Segen des Pfarrers. Dumm nur, dass die ganze Gemeinde der Gläubigen mitbekommt, wer der Kommunion unwürdig ist. Die Gottesdienstbesucher können dann rätseln: Ist die Gläubige mit den verschränkten Armen lesbisch oder nimmt sie die Pille?

Doch was ist, wenn ein schwuler Pfarrer den Gottesdienst leitet? Also ein «Sünder» andern «Sündern» die Hostie verweigert? Dann führt das Gedankenspiel ins Absurde. So will es das Kirchenrecht, so verlangt es Hardliner Bischof Vituos Huonder.

Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass in der katholischen Kirche schwule Pfarrer tätig sind. Die aufgedeckten Skandale zeigen zudem, dass manche Geistliche pädophil sind. Der katholische Theologe David Berger, der das Buch «Der heilige Schein» geschrieben hat, behauptet, dass 50 Prozent der katholischen Pfarrer homosexuell seien. Es mögen weniger sein. Unbestritten ist aber, dass in der katholischen Kirche überdurchschnittlich viele Geistliche schwul sind.

Es mutet deshalb – um es vorsichtig auszudrücken – sonderbar an, dass Homosexuelle oder Pädophile die Hostie austeilen, schwule Gläubige sie aber nicht empfangen dürfen.

Die meisten Pfarrer in der Schweiz kümmern sich nicht um das Kirchenrecht und verteilen die Hostie allen Gläubigen. Dies mit dem Segen ihrer Bischöfe. Doch der Hardliner Vitus Honder will nun in seinem Bistum das Rad der Zeit zurückdrehen. Dabei scheint es ihm egal zu sein, wie viele seiner Vikare und Pfarrer homosexuell oder pädophil sind. Und somit auch nicht berechtigt, die Hostie zu empfangen. Wichtig ist nur, dass der Schein gewahrt wird und Reformen unterbunden werden können.

Vom Mythos, wir seien die Krone der Schöpfung

Hugo Stamm am Donnerstag den 13. März 2014
Die Wissenschaft machts möglich: Hubble-Bild einer Sternenformation in der Nähe der Milchstrasse. (Reuters/NASA)

Perspektiven der Wissenschaft: Bild des Sternenbilds Orion vom Satellit Hubble. (Reuters/NASA)

Wir Menschen sind schwach und gebrechlich. Unsere Präsenz auf der Erde ist ein vergleichsweise kurzer Besuch auf diesem Planeten. Schon eine schwere Krankheit kann uns aus der Bahn werfen und uns existentiell erschüttern.

Werfen wir aber einen Blick in den Kosmos, wächst unser Ego. Denn wir sind überzeugt, das Zentrum der Unendlichkeit um uns herum zu sein. Zumindest beseelte uns diese Überzeugung bis zur Neuzeit. Bis uns die Wissenschaften die Dimensionen des Alls aufzeigten. “Nachdem mittlerweile mehr als 500 Planeten in fremden Sonnensystemen entdeckt worden sind, gehört die Existenz anderer Welten und vielleicht sogar anderer Erden längst nicht mehr in den Bereich der Science Fiction”, sagt Jennifer Wiseman, Astrophysikerin bei der US-Weltraumbehörde Nasa.

Die bekennende Christin weiss, was dies bedeuten kann. Sollten sich die Merkmale verdichten, dass es Leben auf fernen Planeten gibt, wird es unser Bewusstsein prägen. Vor allem traditionelle Religionen würden in ihrem Selbstverständnis erschüttert.

Die Verfasser der religiösen Schriften, die glaubten, die Erde sei eine Scheibe, konnten vor 1500 und mehr Jahren nicht ahnen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse ihr Weltbild dereinst auf den Kopf stellen werden. Die Wissenschaften stürzten die Religionen in ein Dilemma.

Doch Strenggläubige sind selten verlegen, Widersprüche aus der Welt zu schaffen. Sie berufen sich darauf, die Schriften seien von Gott inspiriert. Dieser Gott habe eine Absicht verfolgt, die wir Menschen nicht erkennen könnten. Und so schauen sie weiterhin voll stolz ins Weltall und sind überzeugt, von Gott exklusiv geschaffen worden zu sein, was aus wissenschaftlicher Sicht nicht sehr wahrscheinlich ist.

Gläubige können immerhin darauf bauen, dass es noch sehr lang dauern wird, bis wir fremdes Leben nachweisen können. Denn die Planeten, in denen andere Existenzen möglich sein könnten, sind unerreichbar weit entfernt. So können sie weiterhin am Glauben festhalten, wir Menschen seien die Krone der Schöpfung. Allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz.

Atheisten wehren sich gegen christliches Monument

Hugo Stamm am Sonntag den 2. März 2014
Skizze des Monuments, das der Satanic Temple errichten will. Grafik: Keystone

Skizze des Monuments, das der Satanic Temple errichten will. Grafik: Keystone

Die Religionsfreiheit gehört zu den grundlegenden Errungenschaften moderner Gesellschaften und Rechtssysteme. Sie sind deshalb ein zentraler Aspekt der Menschenrechte. Obwohl die Freiheit in religiösen Fragen weitgehend unbestritten ist, kommt es immer wieder zu Disputen und Auseinandersetzungen. Denn Gläubige neigen manchmal dazu, die Rechte aus ihrer Sicht zu werten oder für ihre Interessen zu nützen. Die subjektive Sichtweise führt denn auch dazu, dass sich Strenggläubige schwer tun, die Religionsfreiheit bedingungslos zu akzeptieren. Ein Beispiel aus Oklahoma City veranschaulicht den Gewissenskonflikt.

Es begann mit einer Statue. Fromme Christen stellten letztes Jahr vor dem Regierungssitz eine Steintafel mit den Zehn Geboten Gottes aus dem Alten Testament auf. Politiker und Öffentlichkeit sollten an die universalen Gesetze Gottes erinnert werden. Ein frommer Wunsch also. Und eine religiöse Demonstration.

Doch nicht alle fanden die Aktion gelungen. Denn auch in den USA, einst das Musterland der frommen Christen, wenden sich immer mehr Gläubige von den Kirchen – vor allem Freikirchen – ab. Keine Freude an der Statue hatten auch die Mitglieder des Satanic Temple. Diese haben es sich zur Aufgabe gemacht, darauf hinzuweisen, dass alle Glaubensgemeinschaften gleich zu behandeln sind. Deshalb verlangten sie, ebenfalls eine Statue aufstellen zu dürfen.

Die frommen Christen waren entsetzt. Diese Provokation wollten sie sich nicht gefallen lassen. Die Satanisten seien keine Glaubensgemeinschaft, monierten sie. Die Teufelsanbeter würden schliesslich nicht an einen Gott glauben. Allerdings handelt es sich beim Satanic Temple primär um eine Gruppe von atheistischen Aktivisten. Sie geben auch zu, nicht zu Satan zu beten, weil sie so wenig an ihn glaubten wie an Gott. Der Teufel ist in ihren Augen nur ein literarisches Konstrukt. Fast so wie Gott. In ihren Augen.

Die frommen Christen waren empört, ihre Seelen kochten. Höhepunkt der verbalen Auseinandersetzungen war die Äusserung eines Fernsehmannes, der sagte, man solle die Leute vom Satanic Temple erschiessen. Das sei eine Morddrohungen aufgrund unserer religiösen Überzeugung, konterte ein Sprecher.

Nun muss ein Gericht entscheiden, ob die Pseudosatanisten ebenfalls eine Statue aufstellen dürfen. Oder ob die steinernen Zehn Gebote geräumt werden müssen. In Alabama mussten Christen, die ebenfalls eine Steintafel errichtet hatten, das Monument entfernen.

In gewisser Weise halten die Atheisten den frommen Christen einen Spiegel vor die Nase.

Warum ist die christliche Ethik nicht erfolgreicher?

Hugo Stamm am Samstag den 22. Februar 2014

Der nachfolgende Impulstext wurde von Ruedi Schmid (Optimus) verfasst:

HEIMERZIEHUNG, WAISENHAUS, WAISE,

Wie sieht es mit der christlichen Nächstenliebe aus? Bild: Kinder in einem christlichen Waisenheim in Haiti. (Keystone/Nalio Chery)

Die christliche Ethik basiert auf dem edlen Grundsatz: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Weiter wird die Feindesliebe so stark forciert – wir sollen schliesslich auch die andere Wange hinhalten –, dass letztlich keine Feinde mehr existieren. Auch stellte Jesus bei den Zehn Geboten gemäss der Thora im ersten Gebot die bedingungslose Liebe zu den Menschen der Gottesliebe. Nächstenliebe hat also höchste Priorität. Vor allem aber war Jesus ein vortreffliches Vorbild, und seine Nächstenliebe versiegte nicht einmal gegenüber seinen Mördern.

Nähmen Christen Jesus als Vorbild, müssten sie ethische Fragen sehr hoch einstufen. Doch davon ist in der Alltagsrealität wenig zu erkennen. Die Wirklichkeit hinkt den Ansprüchen also weit hinterher.

Die goldene Regel «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» wird zwar oft kritisiert, aber wo kein Wille ist, den Sinn zu verstehen, ist auch kein Weg. Diese Regel ist so goldig, weil sie mit Hilfe der Liebe anregt, unsere Mitmenschen zu verstehen und sich in ihre Lage zu versetzen. Dadurch entsteht eine auf das Individuum abgestimmte Ethik. Auch motiviert dieses Gebot zum Handeln. So bringt Nächstenliebe viele Vorteile: Es entstehen Beziehungen und Freundschaften, die beglücken uns und begünstigen das Zusammenleben. Wenn dabei die Nächstenliebe bis zum Feind reicht, führt dies zum friedlichen Zusammenleben und fördert den Frieden. Nächstenliebe wäre der Schlüssel für ein glückliches und erfolgreiches Leben in der Gemeinschaft. Deshalb ist Nächstenliebe ein kluger Egoismus, bei dem es nur Gewinner gibt.

Nächstenliebe kann man nicht haben, man kann sie nur geben. Wenn man das tut, kommt sie zurück. Doch in einer materialistisch geprägten Welt hat die Nächstenliebe einen schweren Stand. Das Glücklichsein ist ein Gemütszustand, der selten mit materiellen Aspekten zu tun hat. Die Bindung an die Welt der Dinge führt oft zu Abneigung, Hass, Verachtung, Abscheu, Habgier oder Missgunst.

Was Nächstenliebe bewirkt, zeigte Nelson Mandela. Möglicherweise verdankt Jesus seinen Durchbruch zur Weltreligion seinem Gebot der Nächstenliebe. Wie auch immer: Sie ist der Kitt der Menschheit und ein zentraler Glücksfaktor.

Dabei spielt es keine grosse Rolle, ob sie auf die Botschaft Gottes zurück geht oder aus klugem Egoismus gepflegt wird.

Doch was ist aus der wunderbaren Botschaft zur Nächstenliebe von Jesus geworden?

Die Christen sind angehalten, Gott als einzige Wahrheit anzuerkennen, ihn zu lieben und durch Gebete und Rituale zu verehren. Dafür erwarten sie eine Belohnung. Das geht auch aus dem Hauptgebet, dem «Vaterunser», hervor.

Es gibt zwar Freikirchen, bei denen Nächstenliebe zuoberst auf der Wunschliste Gottes steht. Der Bibelgelehrte Marc Arthur sagte aber dazu in einem Vortrag über die wahre Gotteskenntnis: «Ich glaube, dass sie den wahren Gott hassen. Sie verbergen den wahren Gott vor den Augen ihrer Anhänger, und an seiner Stelle machen sie einen Götzen nach ihrem eigenen Gutdünken.»

Aber was hat Gott davon, wenn wir seine Wahrheit kennen? Was nützt es ihm, wenn wir ihn loben, verehren und an ihn glauben? Um solche Schmeicheleinheiten überhaupt zu schätzen, ist ein Geltungsbedürfnis Gottes erforderlich, was nur denkbar ist, wenn Gott an seiner Allmacht zweifeln würde. Aber der Kirche dient dieses Prinzip dazu, Menschen gefügig zu machen, vor allem mit dem Konzept von Himmel und Hölle. Es scheint also, dass Gott die Nächstenliebe mit der Höllendrohung erzwingen will. Da wirkt es widersprüchlich oder täuschend, wenn in der Bibel steht: «Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.»

Es hätte in der Vergangenheit viel Unheil verhindert werden können, wenn es den Christen gelungen wäre, die Nächstenliebe umzusetzen. Die Vorbildwirkung hätte ausgestrahlt auf andere Gesellschaften und Kulturen. Doch dann hätten die Kirchenhierarchien ihre Macht abgeben müssen.

Religiöser Wahn in Jerusalem

Hugo Stamm am Donnerstag den 13. Februar 2014
Ein Gläubiger in Jerusalem. (Keystone/Brennan Linsley)

Ein Gläubiger in Jerusalem. (Keystone/Brennan Linsley)

Religiöse und spirituelle Phänomene gehören zu den stärksten seelischen Kräften, die in uns Menschen schlummern. Werden sie auf unheilvolle Weise geweckt, entfalten sie mitunter destruktive Energien und stürzen Menschen in psychische Grenzzustände. Im Extremfall drohen auch psychische Auffälligkeiten bis hin zu Wahnvorstellungen und Psychosen. Die Psychologie hat denn auch den Begriff ekklesiogene Neurose kreiert.

Doch dies ist in vielen Fällen schon beinahe eine Beschönigung eines verhängnisvollen Syndroms. Es gibt unzählige Beispiele dafür. Da sind die Massensuizide im Sektenmilieu. Zum Beispiel die Volkstempler von Jim Jones, die sich in einem Wahn umbrachten. Welche psychischen Kräfte am Werk waren, zeigte die Tatsache, dass Mütter ihren Babys Gift in den Mund spritzten, bevor sie selbst das tödliche Gebräu tranken. Die religiösen Überzeugungen waren also stärker als die Mutterliebe. Insgesamt kam es zu einem Massensuizid mit über 900 Toten.

Auch die Sonnentempler in der Schweiz demonstrierten, welche Kräfte religiöse Überzeugungen freisetzen können. Der harte Kern der Sekte brachte zuerst 23 Glaubensgeschwister um, um sich einen Tag später auf Anordnung ihres Gurus Jo Di Mambro selbst umzubringen. Dabei glaubten sie, die bevorstehende Endzeit zu überleben.

Was für eine Dynamik ein fundamentalistischer Glaube entwickeln kann, zeigt auch das Jerusalem-Syndrom. So entwickeln Pilger in der «heiligen Stadt» in ihrer religiösen Verzückung oft solche Suggestivkräfte, dass sie restlos von Sinnen sind. Es beginnt meist mit Wahrnehmungsverschiebungen und endet in psychotischen Schüben. Die Überzeugung, das Leiden von Jesus in der Via Dolorosa authentisch nachzuempfinden, führt zu einer unkontrollierbaren emotionalen Überflutung. Besteht eine psychische Latenz, kann es zur Depersonalisierung und zu psychotischen Reaktionen kommen.

Die «Irren», die in ihrer Überidentifikation mit Jesus glauben, der Sohn Gottes zu sein, verhalten sich auffällig und werden meist in eine psychiatrische Klinik geführt. Spezialist für solche Fälle ist der Psychiater Gregory Katz. Er kennt über 1000 Gläubige, die in Jerusalem psychotisch wurden. Viele konnten mit Medikamenten «ausgenüchtert» werden und nach ein paar Tagen heimreisen. Manche wachten aber nicht mehr aus ihrem Religionstrauma auf.

Religiöse und spirituelle Überzeugungen und Rituale können zweifellos beglückende Gefühle auslösen. Man sollte sich aber auch bewusst sein, dass ein radikaler Glaube eine Dynamik entwickeln kann, der Gläubige in psychische Extremsituationen führt und einen rligiösen Wahn bewirkt. Deshalb sollten sich Gläubige immer mal wieder kritisch mit ihrem Glauben auseinandersetzen, Fragen stellen und die Vernunft einbeziehen. Natürlich ist es ein Rausch, sich von den überwältigenden Gefühlen mitreissen zu lassen. Doch es besteht die Gefahr, dass man nicht mehr rechtzeitig aufwacht.

Gläubige interpretieren diesen Religionsrausch oft falsch. Sie glauben, die starken Gefühle seien Ausdruck ihrer starken religiösen Überzeugung und Gottesnähe. Man kann aber auch argumentieren, die Emotionen würden lediglich von Sturzbächen von Glückshormonen ausgelöst und hätten wenig mit Glauben zu tun.

Heuchlerische Abtreibungsinitiative der braven Christen

Hugo Stamm am Sonntag den 2. Februar 2014
ABTREIBUNG, ABTREIBUNGSFINANZIERUNG IST PRIVATSACHE,

Plakat der Initianten: Abtreibungen werden auf ein pekuniäres Problem reduziert. Bild: Keystone

Die Abtreibungsgegner unternehmen wieder einmal den Versuch, vermeintlich leichtfertige Frauen zu stigmatisieren. Wer abtreibt, soll die Kosten selbst übernehmen. Darüber stimmen wir in einer Woche ab. Der Titel der Initiative: «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache.»

Das ist eine billige Mogelpackung. Denn es geht den Initianten aus dem christlich-dogmatischen Lager um viel mehr. Sie möchten eigentlich Abtreibungen ganz verbieten, viele sehen darin einen Mord. Da sie mit einem Verbot der Fristenregelung keine Chancen hätten – die Fristenlösung wurde einst mit über 70 Prozent angenommen -, wollen sie die Stimmbürger über das Portemonnaie ködern. In der Hoffnung, dass Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind, stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Die Superchristen hoffen sogar, dass manche abtreibungswillige Frau ihr Kind dann doch noch austrägt. Also ein «Mord» weniger passiert und sie sich moralisch nicht mitschuldig machen, weil sie diesen nicht über die Krankenkasse mitfinanzieren müssen.

Das ist das engstirnige Denken vieler Strenggläubiger. Es kümmert sie offensichtlich nicht, dass mittellose Frauen bei einer Annahme der Initiative zu sogenannten «Engelmacherinnen» gehen müssten, die mit gefährlichen Instrumenten einen Abort auslösen. Und dass dann Ärzte die Komplikationen eines unsachgemässen Abbruchs behandeln müssten, was über die Krankenkasse abgerechnet würde. Es gibt Schätzungen, wonach diese Kosten gesamthaft höher ausfallen könnten als die «normalen» Schwangerschaftsabbrüche. Apropos Mord: Schon viele Frauen sind in der Vergangenheit an den Folgen eines fahrlässigen Schwangerschaftsabbruchs gestorben.

Es ist auch ein Irrtum zu glauben, die Zahl der ungewollten Schwangerschaften werde rückläufig, wenn die betroffenen Frauen oder Paare die Abtreibung selbst berappen müssten. Mit den modernen Verhütungsmitteln ist zwar die Zahl der Abtreibungen drastisch gesunken, doch es wird auch in Zukunft «Unfälle» geben. Selbst im Lager von Freikirchlern, die mit allen Tricks versuchen, Abtreibungen zu verteufeln – man denke nur an die teilweise erfolgreichen Mordanschläge in den USA auf Gynäkologen, ausgeführt von fanatischen Christen.

Letztlich geht es bei der Initiative um eine Bestrafung der Frauen, die in einer Notlage sind und keinen andern Ausweg wissen. Die Initianten tun so, als sei die Entfernung eines Fötus’ heute ein kurzer Eingriff, den man rasch in einer Arbeitspause vornehmen lasse. Frauenärztinnen bestätigen aber, dass sich die meisten Frauen sehr schwer tun, den Entscheid zu fällen und den Fötus abtreiben zu lassen.

Die gläubigen Initianten hingegen reduzieren die Abtreibung auf ein pekuniäres Problem. Sie werben mit einer strahlenden  jungen Mutter, die ihr Kleinkind auf dem Arm trägt. Dieser Frau legen sie den Satz in den Mund: «Ich will doch keine Abtreibungen mitfinanzieren müssen!» Das ist ein Schlag ins Gesicht der vielen Frauen, die keinen anderen Ausweg finden. Eine wahrlich christliche Haltung, die viel Liebe zu den Mitmenschen verrät.

Viele Gläubige nehmen für sich in Anspruch, besonders verantwortungsbewusst und moralisch zu handeln und zu leben. Wer aber taktische politische Spiele bei einer so existentiellen Frage betreibt, lügt sich selber etwas vor. Dann heiligt der Zweck das Mittel. Es wäre interessant zu erfahren, wie Jesus Christus abstimmen würde, wenn er denn eine Stimme hätte.

Wer Gott spielt, macht sich schuldig

Hugo Stamm am Donnerstag den 16. Januar 2014
ai

Die Schöpfung ist vom Schöpfer abhängig: Roboterkind aus dem Film «Artificial Intelligence» von Steven Spielberg.

Dieser Impulstext wurde von Albert Baer verfasst.

«Nicht Gott spielen», sagen manche von uns, wenn Menschen über Leben und Tod bestimmen, wenn sie mittels Gentechnik Geschöpfe verändern etc. Diese Mahnung, dass wir nicht Gott spielen sollen, weisst schon darauf hin, dass dieses «Gottesspiel» nicht unbedenklich, nicht harmlos ist. Vor einem harmlosen Spiel, bei dem niemand zu Schaden kommen kann, muss man nicht warnen.

Doch was bedeutet dieses Gottes-Spiel, und wo findet die Beschädigung oder Verletzung in diesem Spiel statt?

Stellen wir uns Gott als Wissenschaftler vor, der einen Roboter mit künstlicher Intelligenz gebaut hat. In einer Nacht kommt der Roboter plötzlich zu Bewusstsein. Sein Sein ist ihm aber so unerträglich, dass er sogleich Suizid begeht, indem er sich aus dem Fenster stürzt.

Die Frage ist nun, wer hat sich hier schuldig gemacht, wer hat sich «versündigt»? Hat sich der Roboter gegenüber seinem Schöpfer, dem Wissenschaftler, versündigt oder hat sich der Wissenschaftler gegenüber seinem Geschöpf versündigt?

Ich denke, die Sünde hat der Wissenschaftler, also der Schöpfer – oder eben Gott – begangen. Warum?

Schöpfung ist eine eigenmächtige Handlung. Das Geschöpf wird nicht gefragt und kann auch nicht gefragt werden, ob es geschaffen oder eben «geschöpft» werden will, da es ja noch nicht existierte und sich folglich nicht äussern konnte. Schöpfung ist nach menschlichen Massstäben also immer eine gewalttätige Handlung. Jeder Schöpfer lädt sich also Schuld gegenüber seinem Geschöpf auf. Das ändert sich auch nicht, wenn man dem Schöpfer die edelsten Motive unterstellt.

Was immer auch die Gründe sein mögen, wieso ein Schöpfer etwas erschaffen hat, es bleibt eine Verletzung der Souveränität des Geschöpfs und somit eine Vergewaltigung. Aus dieser Vergewaltigung muss nicht zwingend ein Leiden resultieren: Manche Geschöpfe mögen sich über ihre «Schöpfung» freuen, andere nicht. Aber ganz unabhängig davon, wie das Geschöpf reagiert, der Schöpfer steht immer in der Schuld seiner Schöpfung. Da der Schöpfer sein Geschöpf ins Sein gezwungen hat, steht er in der Verantwortung gegenüber diesem.

Die Erbsünde hat also nicht der Mensch gegenüber Gott begangen. Sie erste Sünde hat Gott gegenüber seinen Geschöpfen begangen, und deshalb ist er ihnen etwas schuldig.

Reiche brauchen auch in Indien keine Götter

Hugo Stamm am Montag den 30. Dezember 2013
Wirklich fromm sind in Indien vor allem die armen Leute: Der Elefantengott Ganesh. (Reuters/ Vivek Prakash)

Wirklich fromm sind in Indien vor allem die armen Leute: Der Elefantengott Ganesh. (Reuters/ Vivek Prakash)

Ich bin zurzeit in Indien unterwegs und beobachte das religiöse Leben der Bevölkerung. Auffällig und gewöhnungsbedürftig sind die vielen «Tiergötter». Der Affengott Hanuman, der Stier Nandi Bull und der Elefantengott Ganesh begegnen uns fast auf Schritt und Tritt, in den Tempeln und auf den heiligen Plätzen. Die hinduistische Idee, dass Götter sich in Tieren inkarniert haben, mutet eigenartig an. Es handelt sich um eine Frühform religiöser Konzepte, die bis in die heutige Zeit überlebt hat. Dies scheint nur deshalb möglich zu sein, weil wir fähig sind, religiöse Vorstellungen von unserem kritischen Bewusstsein abzuspalten. Denn es mutet eigenartig an, wenn in der Zeit des Internets gläubige Hindus vor einer Affenstatue niederknien und hingebungsvoll beten.

Speziell ist auch die Verehrung von Lingams, den phallischen Symbolen aus Stein. Sie sind Ausdruck der Fruchtbarkeit und Lebenskraft. Es ist kein Zufall, dass das männliche Geschlechtsorgan als religiöses Symbol verwendet wird. Der Mann war früher schon das Zentrum des religiösen Kosmos – und ist es in der indischen Macho-Gesellschaft immer noch. Zwar ist eine sanfte Aufweichung der Normen spürbar, aber die Vorherrschaft des Männlichen verläuft immer noch quer durch die Gesellschaft. Deshalb verstehen viele Inder immer noch nicht, weshalb die Vergewaltigung von Frauen ein schweres Verbrechen sein soll.

In Indien ist auch deutlich sichtbar, dass der Glaube von ökonomischen Faktoren abhängig ist. Wirklich fromm sind vor allem die armen Leute. An den heiligen Flüssen nehmen vorwiegend wenig begüterte Gläubige die rituelle Waschung vor.

Übergewicht als Ausdruck des Wohlstandes

Während den Weihnachtsferien fielen beispielsweise in Hampi, einer Kulturstätte in einer phantastischen Umgebung, die reichen Inder mit ihren Geländefahrzeugen ein. An den Pilgerplätzen sah man sie nie, dafür umso häufiger im Restaurant Mango Tree, dem besten Lokal des Ortes. Das Festmahl schien ihr religiöses Ritual zu sein. Wie häufig sie sich diesem hingeben, zeigte sich an ihrem Übergewicht. Ihre körperlichen Rundungen werten sie als Ausdruck des Wohlstandes, den man gern zur Show stellt. Viele wären nicht einmal mehr fähig, die Stufen der Ghats hinunter zum Fluss zu nehmen.

Atheisten sind sie aber nicht, dazu fehlt es am kritischen Bewusstsein. Ausserdem ist die Völksfrömmigkeit zu tief in der indischen Seele verwurzelt. Auch die meisten Reichen glauben an Hanuman und Ganesh, doch der Glaube prägt ihren Alltag weit weniger.

Der Wohlstand setzt den Religionen also auch in Asien zu. Wer mit dem Geld die Welt dirigieren kann, braucht keine Götter, die einem beschützen und Wohlstand versprechen. Wer im Diesseits viel besitzt und viel zu verlieren hat, verliert auch in Asien das Interesse an metaphysischen und transzendentalen Ideen. Man darf also die Prognose wagen, dass die Blütezeit von Hanuman und Ganesh überschritten ist.

Allerdings sind mir hier in Indien die Gläubigen sympathischer als die diejenigen Leute, die im Ritual des Essens einen Religionsersatz sehen.

Sind Religionen zu schonen?

Hugo Stamm am Samstag den 7. Dezember 2013
Morgan Freeman als Gott im Film «Bruce Almighty». Foto: Universal.

Wer darf im Namen Gottes sprechen? Bild oben: Morgan Freeman als Gott im Film «Bruce Almighty». Foto: Universal.

Dieser Impulstext stammt von Blogger Albert Baer.

«Religionen sind zu schonen

Sie sind für Moral gemacht

Da ist nicht eine hehre Lehre

Kein Gott hat klüger gedacht

Ist im Vorteil, im Vorteil.»

So «besingt» Herbert Grönemeyer die Religionen in seinem Lied «Ein Stück vom Himmel».

Dass man die Religionen bzw. die Religiösen beziehungsweise deren religiöse Gefühle schonen muss, ist schon fast zum Reflex geworden. Ich denke, man muss das Umgekehrte tun: Man muss sie scharf kritisieren und
zurechtweisen. Wieso?

Zuerst möchte ich klarstellen, dass meine Kritik und Zurechtweisung nur jene Religionen betreffen, die einen «totalen» Gott haben, also einen Gott von allem. Christentum und Islam sind für mich solche «totalen» Religionen.

Kritik:

Christentum und Islam nehmen sich das Recht heraus zu bestimmen, wer/was der Gott von allem ist – also auch von allen Menschen.

Sie «beglücken» also alle Menschen mit «ihrem» Gott: Schwule,
Lesben, Atheisten, Agnostiker… alle kommen in den Zwangsgenuss ihres totalen Gottes.

Das ist eine inakzeptable Vereinnahmung und Anmassung! Ich will euren Gott nicht, also lasst mich gefälligst mit eurem Gott in Ruhe.

Forderung:

Es muss diesen Religionen verboten werden, im Namen Gottes zu sprechen. Das Christentum darf nur vom «christlichen Gott» oder dem «Gott der Christen» sprechen und der Islam darf nur vom «muslimischen Gott» oder «Gott der Muslime» sprechen.

Der wahre Gott gehört niemandem und keiner ist das Sprachrohr des wahren Gottes.

Im Netz von Psychopathen

Hugo Stamm am Donnerstag den 28. November 2013
Ein Londoner Polizist vor dem Eingang der Wohnung, in der die drei Frauen gefangengehalten wurden. (Bild: Keystone)

Ein Londoner Polizist vor dem Eingang der Wohnung, in der die drei Frauen gefangengehalten wurden. (Bild: Keystone)

Der Londoner Sklavenfall macht ratlos, man sucht vergeblich nach stimmigen Antworten. Zu monströs sind die Umstände. Irgend etwas in uns sträubt sich instinktiv, nach rationalen Argumenten zu suchen, um das Unvorstellbare zu erklären. Aus Selbstschutz wollen wir nicht wahrhaben, zu was Menschen fähig sind. Noch weniger wollen wir akzeptieren, was Menschen mit sich machen lassen. Doch was in London passiert ist, gehört zum täglichen Wahnsinn der Normalität.

Dieser Wahnsinn besteht in der Besonderheit, dass ein älteres Maoisten-Paar drei Frauen drei Jahrzehnte lang versklaven konnte. Ein 30-jähriges Opfer beschrieb es treffend. Sie habe sich gefangen gefühlt «wie eine Fliege im Spinnennetz». Einem mentalen Netz, müsste man ergänzen. Denn sie schaffte es immerhin, einem Nachbarn, den sie offenbar durch das Fenster beobachten konnte, 200 Liebesbriefe zu schreiben.

Obwohl sie in den Briefen ihr Martyrium beschrieb, reagierte der Empfänger nicht und liefert damit ein weiteres Beispiel für den Wahnsinn der Normalität. Denn der Fall zeichnet ein Sittenbild, mit dem wir am liebsten nichts zu tun hätten. Doch Wegschauen geht nicht, London ist überall.

Wie sind solche Syndrome erklärbar? Es braucht nicht viel dazu, nur Opfer und Täter.
Die Opfer sind meist Menschen, an denen das Leben vorbeigezogen ist: Labil, unsicher, ängstlich, ohne Selbstwertgefühl, autoritätsgläubig.

Komplexer ist das Charakterbild der Täter. Es sind oft Psychopathen mit erheblichen Persönlichkeitsstörungen und emotionalen Defiziten. Sie brauchen das Machtkonstrukt, um sich psychisch zu stabilisieren. Ihr Sadismus resultiert aus einer Art Überlebensstrategie. Deshalb sind sie auch fähig, ihre ganze Lebensenergie in die Verwirklichung ihrer wahnhaften Ideen zu investieren. Es geht ihnen in ihrer narzisstischen Verblendung nie um die Anhänger, sondern nur um ihre eigenen krankhaften Bedürfnisse. Ihnen ist nur mit strafrechtlichen Mitteln beizukommen, weil sie in ihrer Besessenheit nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheiden können.

Doch wie schaffen es Sadisten, Menschen in die totale Abhängigkeit zu ziehen und sie hörig zu machen? Das wichtigste Instrument ist ihr Instinkt. Sie riechen die Ängste und Defizite ihrer potentiellen Opfer förmlich. Dann locken sie diese mit Heilsversprechen aller Art – politische, weltanschauliche, spirituelle, religiöse – an und zeigen ihnen einen neuen Lebenssinn auf. Anfänglich geben sie den lieben Onkel, sie bieten Halt und Geborgenheit. Die politische Ideologie diente den Tätern in London als Einstiegsdroge.

Haben die Umgarnten angebissen, sind sie bereits verloren. Nun webt der Täter sorgfältig Faden um Faden seines Spinnennetzes. Er erhöht langsam die Anforderungen, reagiert bei Widerstand mit Liebesentzug, bei Anpassung belohnt er seine Opfer mit Zuwendung. Ausserdem baut er eine Gruppendynamik auf, die zu einer Konkurrenzsituation unter den Anhängern führt.

Nun operieren die Täter geschickt mit den suggestiven Mitteln Sehnsucht und Hoffnung, speziell aber mit der Angst. Die Opfer verlieren die Orientierung und misstrauen ihren eigenen Gefühlen. Schliesslich mündet die Indoktrination in einen Einbruch des Selbstwertgefühls und einer emotionalen Regression: Sie werden gemütsmässig wieder ein Kind, das nur überleben kann, wenn es beim Täter Halt findet. Dazu muss es sich ihm unterwerfen.

Mit diesem System pflanzen die Täter den Opfern das Gefängnis ins Hirn ein. Besser: Ins Bewusstsein oder in unbewusste Sphären.
Solche Minisekten gibt es überall, weil überall Täter mit dem erwähnten Profil leben. Diese sind im christlichen Umfeld zu finden, wie das Beispiel des «Hasch-Jesus» von Wila zeigt. Er erzog seine Tochter mit alttestamentarischen Methoden und quälte sie zu Tode. Solche Täter tummeln sich aber auch im esoterischen Milieu: Als Wahrsager, Handaufleger, Geistheiler und Medium haben sie die perfekten Voraussetzungen, um ihr Netz zu spinnen und die Anhänger darin zu verstricken. Erwähnt sei der italienische Heiler Ernano Barretta.

Sein Schweizer Sektenmitglied Held Sgarbi war so hörig und verblendet, dass er es schaffte, reiche Frauen abzuzocken. Susanne Klatten, Deutschlands reichste Frau, erleichterte er um sieben Millionen Euro. Die Auswirkungen sektenhafter Verblendung sind zwar nicht immer so verheerend wie im Sklavenfall von London, sie können aber auch noch dramatischer sein, wie der Massenmord und -suizid der Sonnentempler zeigte.

Möglich sind solche Phänomene in freien Gesellschaften nur, weil man Menschen mit psychologischen Methoden abrichten kann.