Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Suizide bei den Zeugen Jehovas

Hugo Stamm am Samstag den 7. Juni 2014
Scheinbar auswegslos: Zeugen Jehovas halten  im Hallenstadion in Zürich den Berzirkskongress 2009 (25. Juli 2009).(Keystone/Alessandro

Ausweglose Isolation: Zeugen Jehovas halten im Hallenstadion in Zürich den Bezirkskongress ab (25. Juli 2009). (Keystone/Alessandro Della Bella)

Die Zeugen Jehovas gelten bei uns als eine etwas sonderbare Freikirche, im Ruch einer Sekte stehen sie aber kaum. Sie werden allenfalls als lästig empfunden, wenn sie von Haustür zu Haustür gehen, um Leute zu bekehren.

Die problematischen Seiten der Zeugen Jehovas sind aber kaum bekannt. Da wäre die soziale Isolation. Mit Ungläubigen wollen sie möglichst nichts zu tun haben. Weltlicher Einfluss gilt als Verführung. Öffentliche Ämter werden meist gemieden, die einzig akzeptierte Autorität ist für sie Gott. Deshalb verweigern viele auch den Militärdienst.

Geburtstage werden nicht gefeiert, alle Ehre gehört Gott. Weihnachten, Ostern sind verpönt, Theaterspiel ebenso. Darunter leiden Schulkinder, die nicht an den Feiern teilnehmen dürfen.

Diese Entfremdung zeigt sich vor allem beim Endzeitglauben. Die Zeugen Jehovas sind überzeugt, wir lebten in den letzten Tagen. Doch das tun sie schon seit 100 Jahren. Bereits 1914 prophezeiten sie das Ende, danach weitere Male. Doch alle Pleiten hindern sie nicht daran, sich weiterhin auf den baldigen Untergang vorzubereiten. Manche überlegen sich deshalb, ob sie noch eine Ausbildung absolvieren oder Kinder auf die Welt stellen sollen.

Lebensgefährlich wird es bei Operationen oder Unfällen, die mit Blutverlust verbunden sind. Aus religiösen Gründen lehnen sie Bluttransfusionen kategorisch ab. Lieber verbluten sie, was immer wieder vorkommt. Manchmal sterben dabei auch Ungeborene.

Die Religionsfreiheit schützt die Zeugen Jehovas, von denen es weltweit rund acht Millionen gibt, in der Schweiz ungefähr 20’000. Doch in Finnland regt sich nun Widerstand. Es geht um mehrere Suizide und den Verdacht auf Menschenrechtsverletzungen, wie die finnische Zeitung SVT berichtet. Eingeschaltet haben sich auch das Innen- und das Justizministerium.

Ein Beispiel: Ein junger Zeuge verliebte sich in eine «ungläubige» Frau – und wurde ausgeschlossen. Die Familie brach den Kontakt zu ihm ab, er wurde beschuldigt und bedroht. In seiner Verzweiflung beging er Suizid. Oder: Ein Homosexueller wurde ausgeschlossen und gemieden. Sein Bruder grüsste ihn nicht mehr auf der Strasse. Heute leidet er unter psychischen Problemen. Ausserdem berichten junge Frauen von Vergewaltigungen durch Führungskräfte der Zeugen Jehovas. Sie seien danach unterdrückt und beschuldigt worden, die Übergriffe provoziert zu haben, berichten die Opfer. Justizministerin Anna-Maja Henriksson möchte nun die Fälle gerichtlich abklären lassen.

Therapie gegen Homosexualität?

Hugo Stamm am Samstag den 31. Mai 2014
Eine Regenbogenflagge weht anlässlich der Schwulenparade in Zagreb. (Reuters/Nikola Solic)

Verfahrene Beziehung: Eine Regenbogenflagge weht anlässlich der Schwulenparade in Zagreb. (Reuters/Nikola Solic)

Freikirchen interpretieren die Bibel als authentisches Wort Gottes. Sie weigern sich, biblische Aussagen gleichnishaft zu interpretieren. Somit geraten sie mit ihrem fundamentalistischen Bibelverständnis immer wieder in Teufels Küche, denn die Widersprüche zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und zur modernen Bibelforschung sind offensichtlich.

Ein Beispiel ist die Homosexualität. Für viele Freikirchen ist sie eine unnatürliche, von Gott nicht akzeptierte Form erotischen Empfindens. Manche sehen darin gar einen Ausdruck sündigen Verhaltens. Sie verlangen von Schwulen und Lesben, sich sexuell zu enthalten oder eine heterosexuelle Ehe einzugehen. Dass dies aus psychologischer Sicht Unsinn ist, zeigen die Erfahrungen. Ein späteres Outing ist für Ehefrau und Kinder meist ein Schock.

Erstaunlicherweise wird die Homosexualität in der Bibel nur an wenigen Stellen erwähnt. Im Alten Testament verbietet Gott dem Volk Israel homosexuelle Handlungen. Legt sich ein Mann zu einem Mann wie zu einer Frau, fordert Gott die Todesstrafe. Im Neuen Testament ist es vor allem der Moralapostel Paulus, der die Homosexualität als widernatürliche Unzucht verurteilt.

Die moderne Psychologie ist sich heute einig, dass Homosexualität schon früh angelegt und keine selbst gewählte Neigung ist. Es ist für Betroffene mehr als verletzend, sie moralisch für ihre sexuelle Orientierung verantwortlich zu machen und sie religiös zu stigmatisieren. Das ist schon beinahe eine Spielform von Rassismus.

Homosexuelle, die früher in freikirchlichen Familien aufwuchsen, trugen ein schweres Los. Versteckten sie sich, mussten sie ein Doppelleben führen und gingen durch die Hölle. Outeten sie sich, brachten sie Schande über die Familie und mussten sich durch ein «Umpolungsseminar» quälen. Gelang es ihnen nicht, ihre sexuellen Neigungen wegzubeten – was so sicher war wie das Amen in der Kirche –, fühlten sie sich erst recht sündig und von Gott verlassen. Viele begingen in ihrem Dilemma Suizid.

Trotzdem hält die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA), der Dachverband evangelikaler Freikirchen, Gruppen und mehrerer reformierter Kirchgemeinden, in einem Grundsatzpapier fest, dass sexuelle Orientierung formbar sei und ein Drittel der Veränderungswilligen zur Heterosexualität finden würde. Ein weiteres Drittel erlebe eine wesentliche Veränderung der sexuellen Ausrichtung. Das schreibt der Arzt, SEA-Präsident, Sexualtherapeut und Leiter der Berner Freikirche Vineyard, Wilf Gasser.

Das ist religiös motivierter Nonsens und widerspricht allen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sogar die weltweit grösste freikirchliche Organisation Exodus International, die fast 40 Jahre lang Schwule «umtherapierte», musste den fatalen Irrtum zugeben und löste sich im vergangenen Jahr auf, wie Regina Spiess, Projektleiterin der Beratungsstelle Infosekta, im neuen Jahresbericht schreibt. Exodus gab zu, dass Therapien gegen Homosexualität wirkungslos seien.

Meister im Verdrängen

Hugo Stamm am Samstag den 17. Mai 2014
Hugo Stamm

Der Tod ist ihr Kerngeschäft: Bestatterfamilie Fisher aus der Erfolgsserie «Six Feet Under» bei der Beerdigung ihres Vaters. (Foto: HBO)

Der Tod ist vorbestimmt, sagte mir kürzlich ein Esoteriker. Dies habe vermutlich mit der karmischen Belastung zu tun, fügte er an.

Die Idee vom vorbestimmten Tod ist weitverbreitet. Bei vielen hat er nicht primär eine religiöse Seite, sondern ist psychologisch begründet. Der Glaube daran entbindet uns ein Stück weit von der Verantwortung. Ganz nach dem Motto: Es hat keinen Sinn, sich allzu viele Gedanken über das Altern und den allfälligen Todeszeitpunkt zu machen, denn im Buch des Todes ist das Datum seit der Geburt vermerkt. Das hilft über quälende Fragen hinweg.

Diese Idee nimmt auch der Angst vor dem Tod einen Teil des Schreckens. Wenn das Todesdatum feststeht, macht es auch wenig Sinn, seriös zu leben oder Vorsorge zu betreiben. Deshalb flüchten wir uns gern in die Aussage: Es kommt, wie es kommt.

Wirklich? Was ist, wenn ich rauche und an Lungenkrebs sterbe? Ist es vorbestimmt, dass ich Raucher werde? Oder hätte ich, wenn ich nicht rauchen würde, am vermeintlichen Todestag einen tödlichen Autounfall?

Wir Menschen sind Meister im Verdrängen. Denn die Idee vom Todesdatum ist voll von Widersprüchen. Vor rund 200 Jahren wurden die Menschen halb so alt wie wir. Weshalb? Hat Gott in einer lichten Stunde entschieden, das Durchschnittsalter anzuheben? Als Belohnung für kollektives Wohlverhalten?

Wohl kaum. Ursache der grösseren Lebenserwartung ist unser Erfindergeist. Technik und Wissenschaft haben unser Leben erleichtert und sicherer gemacht. Vor allem die medizinischen Fortschritte lassen uns älter werden. Zum Beispiel stieg das Durchschnittsalter schlagartig, als die Impfungen erfunden wurden.

Begründet man den Todeszeitpunkt mit der Karmatheorie, stecken wir noch tiefer im Aberglauben. Die Idee besagt, dass wir im aktuellen Dasein dafür büssen, was wir im vergangenen Leben verbockt haben. Das würde bedeuten, dass die Schönen, Reichen und Intelligenten karmisch rein sind und uralt werden, die Hässlichen, Armen und Dummen jedoch früh abberufen werden.

Die Statistik widerlegt diese Denkweise. Und somit die Karmatheorie, wenn sie in Verbindung mit dem Todesdatum gebracht wird. Denn in reichen Ländern leben Arme oft länger als Reiche, weil sie gezwungenermassen ein gesünderes Leben führen und nicht an Zivilisationskrankheiten leiden. Das Leben ist meist komplizierter, als uns Binsenwahrheiten weismachen wollen.

Sieg der Magie

Hugo Stamm am Samstag den 10. Mai 2014
Hugo Stamm

Wo nichts drin ist, kann auch nichts wirken: Zum Beispiel in homöopathischen Globuli. (Foto: Keystone)

«Wer heilt, hat recht.» Mit dieser Standardantwort winden sich die Vertreter der Alternativmedizin heraus, wenn ihnen die fachlichen Argumente ausgehen. Sie suggerieren damit, sie seien fähig, Patienten zu heilen. Richtig ist hingegen, dass alle ihre bisherigen Bemühungen fehlschlugen, die Wirkung ihrer Methoden wissenschaftlich zu beweisen.

Nun kommt ihnen der SP-Bundesrat Alain Berset zu Hilfe und befreit sie von der Pflicht, den Wirkungsnachweis zu bringen.

Wie kommt Berset zu diesem Kniefall? Es geht um die Abstimmung über die Komplementärmedizin von 2009. 67 Prozent der Stimmbürger forderten damals, dass die Krankenkassen fünf alternative Methoden vergüten müssen. Doch das Krankenversicherungsgesetz verlangt zwingend, dass Leistungen der Grundversicherung wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein müssen. Ein Dilemma. Denn die alternativen Methoden können den Beweis der Wirksamkeit nicht erbringen. So hat es die Eidgenössische Leistungs- und Grundsatzkommission entschieden.

Zum Beispiel die Homöopathie: Seit 200 Jahren suchen ihre Vertreter nach wissenschaftlichen Beweisen. Vergeblich. Denn wo nichts drin ist, also in den Globuli und Tinkturen, kann nach gängigem Wissenschaftsverständnis auch nichts wirken. Deshalb hätten die Alternativmethoden 2017 – nach einer Versuchsphase – aus dem Katalog der Krankenkassen gestrichen werden sollen.

Nun wagt Berset mit dem Hinweis auf den Volkswillen den Spagat. Husch segnet er die Alternativmethoden ab, Krankenversicherungsgesetz hin oder her. Noch mehr: Er stellt die Komplementärmedizin den anderen vergüteten Fachrichtungen gleich, also der Schulmedizin, und spricht nebulös vom Vertrauensprinzip. Fast scheint es, als habe die Politik manchmal auch mit magischem Denken zu tun.

Menschen heiligen Menschen

Hugo Stamm am Samstag den 3. Mai 2014
Hugo Stamm

Schein und Sein: Heilgsprechung der beiden Päpste Johannes Paul II und Johannes XXIII. Foto: Keystone

Die katholische Kirche hat sich einmal mehr effektvoll in Szene gesetzt. Die Bilder von der Heiligsprechung der beiden Päpste gingen um die Welt. Zwar leeren sich die Kirchen in Mitteleuropa rasant, doch wenn ein Grossereignis ansteht, ist das mediale Echo nach wie vor gross. Von diesem PR-Effekt kann die protestantische Kirche nur träumen. Sie hat zwar das gleiche Fundament, doch was die öffentliche Aufmerksamkeit betrifft, ist sie das Mauerblümchen neben der Diva.

Dies, obwohl die katholische Kirche sonst eher eine schlechte Figur macht und oft für unrühmliche Schlagzeilen sorgt. Prunksucht der Bischöfe, Übergriffe pädophiler Priester und unsensible Statements traditionalistischer Würdenträger besudeln das Image. Tritt aber auf dem Petersplatz auf, scheinen die Kirchenskandale vergessen.

Der Hauptgrund: Die katholische Kirche hat im Gegensatz zur protestantischen ein Oberhaupt, einen religiösen Führer, den Pontifex Maximus – ein Titel, den früher auch römische Kaiser trugen. In der modernen Medienwelt erreicht dieser den Status einer Kultfigur, manchmal eines Popstars. Mag der Inhalt noch so anachronistisch sein, die Auftritte der Päpste verzücken die Massen.

Diesem Syndrom der Personifizierung und Vergötterung entkommt auch Papst Franziskus nicht, der sich den Armen zuwendet und die Kirche vom Pomp befreien möchte. Das Amt des Stellvertreter Gottes, der in zentralen Fragen der Kirchenlehre unfehlbar sein soll, ist derart symbolträchtig, dass es kein Entrinnen gibt. Weite Teile des Kirchenvolkes verlangen nach einem Idol und einem Kirchenführer.

Zur Selbstinszenierung der katholischen Kirche gehören auch die Selig- und Heiligsprechungen. Diesen öffentlich zelebrierten Ritualen haftet aber einen Beigeschmack an, weil der Mensch die Heiligung vornimmt. Der Papst bestätigt damit, dass der Heilige von den Gläubigen verehrt werden und seine Vollendung bei Gott gefunden haben soll. Wie kann ein Mensch diese Entscheidung fällen?

Voraussetzung für die Heiligsprechung ist, dass der Kandidat ein Märtyrer war oder besonders tugendhaft gelebt und ein Wunder vollbracht hat. Wunder lassen sich nur schwer nachprüfen, sonst wären es keine Wunder. Mehr als fraglich ist auch, ob alle Heiligen besonders tugendhaft gelebt haben. Zweifel kommen beispielsweise bei Papst Johannes Paul II. auf, der lange Zeit die sexuellen Übergriffe vieler Geistlicher konsequent vertuscht hat. Ein zweifelhafter Heiliger ist auch Josemaria Escrivá, der Gründer des sektenhaften Laienordens Opus Dei, der mit dem faschistischen Franco-Regime sympathisierte. Vieles mag relativ sein, bei der Heiligsprechung wird die Sache absolut.

Für Gott – gegen die Tochter

Hugo Stamm am Samstag den 26. April 2014
Hugo Stamm

Christina Krüsi arbeitet inzwischen als Künstlerin und engagiert sich gegen Kindesmissbrauch. Foto: Sophie Stieger

Die Winterthurer Künstlerin Christina Krüsi ist als kleines Mädchen von freikirchlichen Missionaren im Urwald von Bolivien sexuell missbraucht worden. Ihre Eltern hatten für die Missionswerke Wycliff und SIL im Dschungel die Bibel übersetzt.

Wie reagieren fromme Eltern auf die erschütternden Enthüllungen? Martin und Dorothee Krüsi lebten als freikirchliche Missionare für die Idee, den bolivianischen Indianern das Wort Gottes zu bringen. Es war ihr Lebenswerk. Dann das. Ihre frommen Freunde, mit denen sie gebetet und die Bibel übersetzt hatten, entpuppten sich als pädophile Peiniger, die ihre Tochter jahrelang schändeten.

Die Eltern fragten sich: Wie konnte Gott dies zulassen, wieso hat er unsere Tochter nicht beschützt? Auf der Homepage von Wycliff Schweiz erklären sich Martin und Dorothee Krüsi. Ihre Texte machen sprachlos. Christinas Eltern thematisieren ihre Ängste, Zweifel und moralischen Anfechtungen. Von ihrer Tochter sprechen sie kaum, eine Entschuldigung sucht man vergebens. Ihre hauptsächliche Sorge: Wie können wir wieder zum Glauben an Gott finden? Sie schreiben über ihre seelischen Nöte, als seien sie die Opfer, nicht ihre Tochter.

So schreibt die Mutter: «Weshalb hat Gott unsere Tochter nicht bewahrt? So viele Freunde in der Heimat hatten treu für uns gebetet. (…) Eines Tages wurde mir mit Schrecken bewusst, dass ich, wenn ich weiter an Gott zweifelte, bald mit leeren Händen, ohne Hoffnung und ohne jeden Lebenssinn dastehen würde.» Sie erinnerte sich an einen Psalm, in dem steht, Gott sei «allezeit meines Herzens Trost und mein Teil». Deshalb habe sie sich mit ihrem Mann entschieden, Gott weiterhin zu vertrauen.

Vater Martin schreibt: «Meine grösste Krise war die geistliche.» Durch Gottes Gnade habe er wieder zum Herrn gefunden.

Die zentralen Fragen beantwortet das Ehepaar Krüsi nicht: Wo war Gottes Gnade, als seine Tochter von seinen Freunden geschändet worden war? Wie war es möglich, dass ihre Tochter quasi unter ihren Augen jahrelang missbraucht und gepeinigt werden konnte, ohne dass sie es bemerkten? Die Anzeichen bei Christina waren jedenfalls überdeutlich.

Die blinde Flucht in den Glauben lässt sich bei frommen Gläubigen oft beobachten. In ihrer religiösen Verblendung sehen sie nur das eigene Seelenheil. So entschieden sich die Eltern von Christina Krüsi für Gott – und gegen ihre geschändete Tochter, die sie im Stich liessen.


«Ich bin kein Opfer mehr – missbraucht im Namen Gottes»: Der Dok-Film über Christina Krüsi auf SRF.

Hier noch ein Artikel, der die Geschichte von Christina Krüsi nachzeichnet:

Die Kindheit der Winterthurer Künstlerin Christina Krüsi war ein Albtraum im Paradies. In einem idyllischen Dorf an einem kleinen See im bolivianischen Urwald ging sie durch die Hölle. Sie war sechs Jahre jung, als es begann. Mehrere christliche Missionare missbrauchten sie sexuell, schändeten das Mädchen immer wieder. Auf der öffentlichen Toilette, nach der Schule und dem Klavierunterricht. Fast unter den Augen der Eltern. Sechs Jahre lang litt Christina Qualen.
Den Horror im Paradies hat die inzwischen 46-jährige Christina Krüsi im Buch «Das Paradies war meine Hölle» dokumentiert. Sie hoffte, sich das Trauma von der Seele schreiben zu können. Die Verarbeitung gelang ihr gut, viele Wunden begannen sich zu schliessen. Doch nun holt sie die Vergangenheit wieder ein. Denn die freikirchlichen Missionswerke Wycliff und SIL, für die Christinas Eltern im bolivianischen Indianerdorf Tumi Chucua («Insel der Palmen») die Bibel übersetzten, tun sich schwer mit der Aufarbeitung. Seit Jahren ziehen sich die Untersuchungen hin, die Opfer – neben Christina Krüsi schändeten die pädophilen Missionare 16 weitere Mädchen und Knaben – wurden immer wieder vertröstet.
Unterstützung bekam Christina Krüsi von den Missionswerken kaum, sie musste sich selbst aus dem Sumpf ziehen. Denn sie fühlte sich auch von ihren frommen Eltern im Stich gelassen. Diese tun sich schwer damit, dass ihre Tochter ihr Lebenswerk besudelt und die Missionswerke im Buch anprangert.
Dass Christina Krüsi das Trauma wieder einholt, hat mit einem Kindsmord zu tun. Als sie zehn Jahre alt war, wurden sie und andere Kinder nach dem Eindunkeln von einem Missionar auf den Friedhof gelotst. Dort standen Männer um einen reglosen Kinderkörper. Christina wurde aufgefordert, Blut aus einer Schale zu trinken. Nun gehöre sie zu den Auserwählten, hatten ihr die Männer gesagt. Der Schock sass nach den jahrelangen Missbräuchen durch die gleichen Männer noch tiefer.
Film im Schweizer Fernsehen
Dem Pfad zum Friedhof ist Christina Krüsi kürzlich wieder gefolgt, gefilmt von einem Team des Schweizer Fernsehens. Doch es ist nicht primär die Rückkehr in den Urwald, die Krüsi zusetzt, sondern die Reaktion des Kinderschutzbeauftragten von SIL, Keith Robinson. Im Film sagt dieser aus, praktisch alle Täter würden die Verbrechen abstreiten, «von Anfang bis Ende». Oder sie seien inzwischen verstorben. SIL habe auch nicht die Möglichkeit, ihnen den Prozess zu machen. «Wenn es tatsächlich passiert ist, wäre es total grauenvoll», sagt der Beauftragte weiter. Sie hätten keine übereinstimmenden Aussagen, dass es wirklich geschehen sei.
Missionswerke blocken ab
Diese und weitere Aussagen werfen die Winterthurerin und die andern Opfer bei der Verarbeitung wieder in die Kindheit zurück. Christina Krüsi ist aufgewühlt. «Vier von uns haben klare Erinnerungen an das tote Kind», erklärt sie.
Das Erlebnis beschäftigt sie immer noch intensiv. Sie hatte 20 Jahre gebraucht, bis sie fähig war, über die sexuellen Missbräuche zu sprechen. Aus Angst, man würde ihr nicht glauben. Doch die Veröffentlichung des Buches hat den Damm gebrochen. Nun will Christina Krüsi auch wissen, was damals im Urwald mit dem toten Kind passiert ist. Ihre Anfragen und Vorstösse bei den Missionswerken verhallten aber weitgehend ergebnislos, ihre Mails blieben oft unbeantwortet. SIL und Wycliff haben zwar die systematischen Übergriffe auf die 17 Kinder untersucht und bestätigt, beim Kindsmord blocken sie aber ab, wie die Reaktion des Kinderschutzbeauftragten Keith Robinson im Dokumentarfilm zeigt.
Justiz soll ermitteln
«Er glaubt mir nicht und macht mich ­erneut zum Opfer», erzählt Christina Krüsi. «Das lasse ich mir nicht mehr gefallen.» Sie hatte geglaubt, den Albtraum überwunden zu haben, doch nun reissen ausgerechnet die Missionswerke die Wunden wieder auf, die für ihr jahrelanges Martyrium mitverantwortlich sind.
Krüsi nahm sich einen Anwalt und traf sich kürzlich mit SIL-Verantwortlichen in Amsterdam. Zwar zeige das Missionswerk Bereitschaft, Untersuchungen zum Kindsmord anzustellen, doch das Vorgehen sei ernüchternd. Falls es sich um einen Mord handle, sei es ein Fall für die bolivianische Justiz, sagten ihr die SIL-Vertreter. Sie seien nicht zuständig für den allfälligen Mord, sondern höchstens dafür, dass die Kinder dieses Verbrechen mitansehen mussten.
«Eine sehr christliche Einstellung», sagt Krüsi lakonisch. «Wir wurden nicht wirklich entschädigt, wir mussten sogar unterschreiben, keine Forderungen an SIL und Wycliff zu stellen, und nun sollen wir auch noch dafür sorgen, dass dieser Kindsmord untersucht wird? Die Missionswerke haben doch alle Unterlagen. Sie müssen uns wenigstens Anwälte zur Verfügung stellen, die den Fall vorantreiben und Anzeigen einreichen.»
Wycliff und SIL haben bisher keine Genugtuung oder Entschädigung bezahlt. Es wäre dringend, denn fast alle Opfer leiden heute noch unter den traumatischen Erlebnissen, bringen ihr Leben nicht auf die Reihe oder kämpfen nach wie vor mit psychischen Problemen. Deshalb fühlt sich Krüsi für ihre Leidensgenossen mitverantwortlich und kämpft auch für ihre Interessen. Zu schaffen macht ihr auch, dass ihre Eltern sie in ihrem Kampf nicht unterstützen und nicht hinter ihr stehen. Ihre Tochter gab ihnen das Buchmanuskript vor der Veröffentlichung zu lesen und akzeptierte auch die meisten Änderungsvorschläge. Trotzdem taten sie sich schwer damit, dass ihre Tochter mit der Geschichte an die Öffentlichkeit ging.
Eltern distanzieren sich
Die Eltern weigerten sich, mit Journalisten über die Vorfälle in Bolivien zu sprechen. Ihre Gründe legten sie in einem Brief dar. Aus diesem Schreiben liest Christina Krüsi im Film Passagen vor. Diese lassen den Schluss zu, dass die ­Eltern gewisse Aussagen ihrer Tochter anzweifeln. Im Film gerät Christina Krüsi denn auch darüber in Rage, dass ihre Eltern nicht zu ihr stehen.
Seit dem Besuch im Dschungeldorf vermutet Krüsi, dass die Täter die sexuellen Übergriffe damals nicht restlos geheim halten konnten und etliche Mitwisser hatten, die das Verbrechen totschwiegen. Gespräche mit Einheimischen, die in jener Zeit in Tumi Chucua lebten, machten es ihr deutlich.
Der Film endet mit dem Kommentar: «Dass die Täter nie zur Rechenschaft und Verantwortung gezogen wurden, bleibt ein Skandal und wirft ein schlechtes Licht auf Wycliff und SIL.»

Wahr ist, was mir guttut

Hugo Stamm am Samstag den 19. April 2014
Hugo Stamm

Spiritualität wird individueller: Meditierender am Zürichsee. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Die Sektenlandschaft ist im Wandel. Der Zeitgeist geht auch an den radikalen religiösen Gruppen nicht spurlos vorbei. Individualisierungstendenzen und Verweltlichung färben auf das spirituelle und religiöse Milieu ab, die grossen Sekten verlieren an Attraktivität und krebsen.

Zum Beispiel Scientology. Die amerikanische Sekte hämmert ihren Mitgliedern seit Jahren ein, sie sei die am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft. Je öfter sie es wiederholt, umso weiter entfernt sie sich von der Wirklichkeit. Einst verkündete die Sekte, in der Schweiz 10’000 Mitglieder zu haben. Ein Propagandawert. Im Lauf der Jahre schrumpfte die kommunizierte Zahl auf etwa die Hälfte. Heute sind noch lediglich ein paar Hundert Mitglieder aktiv.

Was ist passiert? Die kritischen Medienberichte wirkten abschreckend, die Mission geriet ins Stocken. Was vielleicht noch wichtiger ist und für die meisten grossen Bewegungen gilt: Das religiös oder spirituell interessierte Publikum will sich nicht länger einer autoritären Grossgemeinschaft unterordnen, sondern sich die Seele nach dem Konsumprinzip individuell massieren lassen.

Die Summe der religiösen Bedürfnisse sinkt aber kaum. Leute, die spirituell interessiert sind oder das «Gottesgen» in sich tragen, suchen nach Alternativen. Diese finden sie zunehmend in esoterischen Zirkeln oder in den Kleingruppen vieler Geistheiler und Gurus. Ausserdem brauchen heute viele spirituelle Sucher keine starre Bewegung mehr als religiöse Heimat. Sie bedienen sich vielmehr am breiten esoterischen Angebot und hauchen ihr Om vor ihrem Altar im Schlafzimmer, auf dem Statuen oder Bilder mehrerer Avatare oder Götter stehen. So basteln sie sich ihre Privatreligion, die nach hedonistischer Art auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ganz nach dem verbreiteten Lebensmotto: Wahr ist, was mir guttut.

Hinweis: Im «Club» des Schweizer Fernsehens vom 15. April diskutierten Hugo Stamm und andere Studiogäste zum Thema: Gottlos glücklich – Braucht es Religion?

Gott entsteht im Hirn

Hugo Stamm am Samstag den 12. April 2014
Hugo Stamm

Durch Trance zu Gott: Gläubige in einer evangelikalen Kirche in den USA. Foto: Reuters

Religion und Glauben sind an Rituale gebunden. Der Grund: Die beiden Phänomene appellieren an die rechte Hirnhälfte, also ans emotionale Zentrum, das unser Gefühlsleben steuert. Da Worte eher abstrakt sind, müssen religiöse Botschaften über suggestive Elemente und starke Gefühle transportiert werden. Ein Glaube ohne Rituale wird zur geistigen Schwerarbeit. Es braucht das Gemeinschaftsgefühl als Katalysator, um religiöse Gefühle im Bewusstsein zu verankern und Begeisterung oder gar Ekstase auszulösen.

Zu den wirkungsvollsten Ritualen gehören Meditation und Gebet. Diese kollektiven Formen der spirituellen Versenkung werden seit mehreren Tausend Jahren angewandt. Religionsgründer hatten schon früh erkannt, dass man Gläubige mit emotionalen Elementen nähren muss, um sie emotional zu berühren und an sich zu binden.

Seriöse Geistliche wissen um die Kraft der religiösen Rituale und setzen sie zurückhaltend ein. Denn die freigesetzten Emotionen können auch dazu missbraucht werden, Abhängigkeiten zu schaffen. Sektenführer und manche Prediger von Freikirchen benutzen aber Rituale gezielt, um die Gläubigen an sich oder die Glaubensgemeinschaft zu binden. Der indische Guru Bhagwan, der sich später Osho nannte, erfand mehrere Rituale, die die Anhänger in emotionale Grenzzustände oder gar Ekstase trieben. In der dynamischen Meditation tanzen sich die Anhänger beispielsweise die Seele aus dem Leib, sie schreien, lachen und weinen, um hinterher ganz still und leer zu sein. Oder durch Hyperventilieren wird im Hirn ein Sauerstoffüberschuss produziert, der rauschartige Zustände bewirkt.

Ähnliche Effekte erzeugen viele charismatische Freikirchen. Mit lauter Musik und eindringlichen Predigten, bei denen die Pastoren ihre biblischen Botschaften stakkatomässig einpeitschen, werden die Gläubigen «aufgeladen». Sie schliessen die Augen, reden tranceähnlich in anderen Zungen, heben die Arme und wiegen glückselig den Kopf. Dieses Schaumbad der Emotionen interpretieren die Gläubigen gern religiös: Sie glauben, Gott habe sie soeben berührt. Dass die starken Gefühle primär durch äussere und autosuggestive Einflüsse entstanden sind, erkennen sie nicht. Gott entsteht dann im Hirn, das Adrenalin bringt uns ihm näher.

Sicher ist aber, dass bei solchen Ritualen, ja sogar bei stillen Gebeten, die Hirnfunktionen heruntergefahren werden, wie mehrere Untersuchungen zeigen. Denn die Ratio ist der Feind des Glaubens. Radikale Glaubensgemeinschaften fürchten deshalb Zweifel und Kritik der Gläubigen. Denn keine Glaubensgemeinschaft ist frei von Widersprüchen. Es ist auch kein Zufall, dass schon in der Bergpredigt steht: Selig sind die Armen im Geiste, denn ihnen ist das Himmelreich.

Erst kürzlich hat der dänische Religionswissenschaftler Uffe Schjodt nachgewiesen, dass sogar gebetsartige Fürbitten von Predigern die Hirnfunktion der Gläubigen vermindern. Durch bildgebende Untersuchungen (MRI) zeigte er auf, dass Hirnregionen, die für die selektive Aufmerksamkeit, das kritische Denken, die Planung und die Willensbildung zuständig sind, deutlich weniger aktiv waren als bei weltlich orientierten Personen.

Der Philosoph Ludwig Feuerbach nahm die Erkenntnis schon vor weit über 100 Jahren vorweg, als er sagte: «Das Dogma ist nichts anderes, als ein ausdrückliches Verbot zu denken.»

Heiler spielen mit dem Leben ihrer Patienten

Hugo Stamm am Samstag den 5. April 2014
Unrealistische Versprechen: Eine Heilerin behandelt eine Patientin. (AFP/Boris Heger)

Unrealistische Versprechen: Eine Heilerin behandelt eine Patientin. (AFP/Boris Heger)

Die Diagnose Krebs löst bei Patienten einen Schock aus. Mit einem Schlag ist nichts mehr wie es war. Die Existenz ist bedroht, die Zukunft ungewiss. Pläne, Projekte, Wünsche, Träume werden unwichtig. Das Bewusstsein wird überflutet von der Angst: Was ist morgen, in den nächsten Wochen und Monaten? Und dann die Bilder im Kopf: Operation, Bestrahlung, Chemo. Ein Leben auf Sparflamme, entkräftet, ohne Haare. Ein Alptraum, der beim Aufstehen einsetzt und einen ins Bett begleitet.

In solchen Grenzsituationen sucht der menschliche Geist zwangsläufig nach Alternativen und Auswegen. Von hier ist der Weg zum Heiler nicht mehr weit.

Es gibt fast 500 Alternativmethoden zur Schulmedizin und allein in der Schweiz mehrere Zehntausend Geistheiler und alternative Therapeuten. Das Problem: Ein Konsumentenschutz fehlt. Jeder kann sich Heiler nennen und Patienten empfangen. Er darf aber keine Heilung versprechen. So will es das Gesetz. Doch viele Heiler greifen gern in die Trickkiste, wie Berichte von Betroffenen oder ihren Angehörigen zeigen. Sie sprechen dann nicht von Therapie, sondern von Übertragung der Heilenergie. Und sie erzählen von andern Klienten, die nach der Behandlung gesund geworden seien. Die Botschaft ist klar: Heilung ist möglich, Alternativmethoden können Wunder bewirken.

Doch wer signalisiert, er könne mit Handauflegen oder Energieübertragung Krebs heilen, ist ein Scharlatan. Wer ein Minimum an Empathie und Redlichkeit mitbringt, macht keine unrealistischen Versprechen. Denn falsche Hoffnungen können tödlich sein: Manche Krebspatienten verzichten auf schulmedizinische Therapien, weil sie hoffen, durch den Heiler geheilt zu werden.

Es braucht keine Voraussetzungen, um eine Praxis als Geistheiler zu eröffnen. Viele Heiler haben keine Ahnung von Anatomie und Pathologie. Niemand prüft, ob sie das Einfühlungsvermögen besitzen, um verantwortungsbewusst mit Patienten arbeiten zu können.

Ein Beispiel: Ein 50-jähriger Mann litt an Krebs. Er war in ärztlicher Behandlung, suchte aber auch Hilfe bei einem Heiler. Seine Frau begleitete ihn jeweils. Nachdem er gestorben war, schickte der Heiler die Rechnung. Er heftete einen Post-it-Zettel drauf und schrieb: «Freundliche Grüsse.» Ein Wort des Trostes suchte die Witwe vergeblich.

Ein weiteres Beispiel: Ein Arzt diagnostiziert bei einer 32-jährigen Frau Brustkrebs. In ihrer Panik wendet sie sich an einen Heiler. Das kriegen wir hin, sagt dieser. Bedingung: Keine harten Therapien wie Operation, Chemo, Bestrahlung. Sie müsse nur ihre spirituelle Blockade lösen und werde gesund. Die Patientin vertraut ihm blind. Alle warnenden Stimmen schlägt sie in den Wind. Als sie nach einiger Zeit über Schmerzen klagt, sagt der Heiler, diese seien Ausdruck des Heilungsprozesses. Auf keinen Fall dürfe sie Schmerzmittel schlucken, weil diese die Selbstheilungskräfte blockierten. Bald leidet die junge Frau Qualen und schreit vor Schmerzen.

Kurz vor dem Tod lässt sie sich doch noch untersuchen. Der Krebs hatte bereits das Schulterblatt durchlöchert. Ihre Überlebenschancen hätten bei schulmedizinischer Betreuung rund 90 Prozent betragen. Der Heiler konnte nicht belangt werden, weil die Patientin eigenverantwortlich gehandelt hatte.

Die Gier regiert den Geist

Hugo Stamm am Samstag den 29. März 2014
Sinnbild der Prunksucht: Ex-Bischof Tebartz-van-Elst. Foto: Keystone

Sinnbild der Prunksucht: Ex-Bischof Tebartz-van Elst. (Foto: Keystone)

Religionsgemeinschaften verstehen sich als Hüter von Moral und Ethik. Dank göttlicher Inspiration glauben sie zu wissen, welche geistigen und religiösen Ideen die Menschen zu besseren Wesen machen. Ein Hindernis war das «Fleisch». Die Urchristen hatten schon in grauer Vorzeit erkannt, dass der Geist willig ist, das Fleisch aber schwach, wie Matthäus (26,41) schrieb.

Die frühen Christen beanspruchten das geistige und geistliche Monopol und bauten ihre Macht über die Jahrhunderte kontinuierlich aus. Auch sozialpolitisch. Über den Beichtstuhl reichte ihre Kontrolle bis unter die Bettdecke. Mit ihren moralisch rigiden Geboten bestimmten die Geistlichen, was für die seelische Entwicklung gut sei. Reichtum gehörte definitiv nicht dazu.

Deshalb versuchten die Kirchen, ihre Schäfchen darauf zu trimmen, Mass zu halten. Die Gier wurde zur Sünde erklärt – das vermutlich stärkste Mittel zur Disziplinierung. Als Zeuge zogen sie Jesus heran. Der bescheidene Wanderprediger und barmherzige Samariter schien ein glaubwürdiger Botschafter zu sein.

Weniger bescheiden war Jesus, wenn er seine Dogmen und Vorsätze zur Norm erhob. Schliesslich wusste auch er, wie schwach das Fleisch sein kann. So ersann er das Gleichnis vom Nadelöhr. Laut den Evangelien predigte Jesus, dass ein Kamel eher durch ein Nadelöhr gehe als ein Reicher durch die Himmelspforte. Die klare Ansage eines radikalen Moralisten.

Die Geschichte mit dem Kamel ist bildlich zu verstehen, also eine Metapher. Doch wie soll man das Bild vom Reichen interpretieren, der nicht ins Reich Gottes gelangen soll? Ist das auch nur ein Gleichnis? Gibt es eine Alternative zum Reich Gottes?

Für die katholische Kirche, die das Erbe des Wanderpredigers verwaltet, scheint das Gebot der Bescheidenheit nicht zu gelten. Sie legte sich schon früh ins Lotterbett der Könige und Kaiser und wurde für ihre Vasallentreue reich beschenkt. Ein Blick auf den Pomp im Vatikan und seine Bank macht klar, dass die katholische Kirche bös abspecken müsste, um durchs Nadelöhr zu passen.

Auch viele Würdenträger würden kaum schlank durch den engen Spalt rutschen. Der Skandal um den Limburger Bischof Tebartz-van Elst, der seine Residenz feudal renovierte, ist zum Sinnbild der Prunksucht geworden.

Jesus scheint etwas falsch gemacht oder eingeschätzt zu haben, wenn es nicht einmal seinen Stellvertretern gelingt, das Gebot der Bescheidenheit zu leben. Als Verfechter der Schöpfungslehre hat er vermutlich die evolutionäre Seite der menschlichen Raffgier ausser Acht gelassen. Als die Menschen noch Sammler und Jäger waren, gehörte die Gier zum Überlebenstrieb. Diese genetische Prägung scheint unser Verhalten immer noch zu bestimmen. Wie irrational unser Gebaren ist, zeigen uns die Banker mit ihren exorbitanten Löhnen und Boni. Es scheint, dass mit wachsendem Reichtum die Raffgier weiter zunimmt, wie es Vasella, Hoeness und Co. demonstrieren.

So sind die Gene, oder eben das Fleisch, auch heute noch meist stärker als der Geist. Daran konnte auch Jesus nichts ändern. Seine frommen Nachfolger schon gar nicht.