Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Zum Tod einer Kultfigur des Yoga

Hugo Stamm am Samstag den 30. August 2014
Yoga-Guru Iyengar.

Verehrter Yoga-Meister: Der verstorbene Guru B.K.S. Iyengar. (PD)

Yoga eroberte in jüngster Zeit die westliche Welt. Zehntausende von Yogalehrern betreiben Tausende Yoga-Studios und sorgen für Umsätze in Milliardenhöhe. Allein in Europa praktizieren Schätzungen zufolge sieben Millionen Menschen Yoga.

Verantwortlich für den erfolgreichen Import des Yoga bei uns war in erster Linie der indische Yoga-Guru B.K.S. Iyengar, der am 20. August im Alter von 95 Jahren in Poona, Indien, starb. Sein Yoga-Konzept wird dafür sorgen, dass die Kultfigur über seinen Tod hinaus weiterlebt. Das  Iyengar-Yoga-Studio Zürich schrieb denn auch, Guruji Iyengar habe um 3.15 Uhr seinen Körper verlassen. Sein Geist lebt aber in den unzähligen Studios weltweit fort, seine Lehrer tragen das Erbe weiter. Vor allem an Schülerinnen, die, ähnlich der Esoterikszene, rund 80 Prozent der Kunden ausmachen. Allein in Zürich arbeiten 88 zertifizierte Iyengar-Lehrerinnen und Lehrer.

Sein Schüler Ernst Adams schrieb einst: «Es ist geradezu Mr. Iyengars Markenzeichen, streng, kommandierend, manchmal schlagend und auf jeden Fall nicht zufrieden zu sein mit dem, was seine Schüler bieten.» Disziplin war Iyengar wichtig, es durfte auch ein bisschen Askese sein. Lob gehörte nicht zum primären pädagogischen Inventar des verehrten Yoga-Meisters.

Yoga-Übungen fördern Koordination, Beweglichkeit und Geschmeidigkeit. Daran besteht kein Zweifel. Nützlich sollen sie auch bei Bandscheibenvorfällen, Schlafstörungen, depressiven Verstimmungen und anderen Beschwerden sein, wie Erfahrungsberichte zeigen.

Viele selbständige Yogalehrer stilisieren Yoga aber zur Ersatzreligion empor und betten die Körperübungen in einen spirituellen Überbau ein, der sich an esoterischen Heilsvorstellungen anlehnt und sonderbare Weltbilder erschafft. Ausserdem heben manche Yoga zum Universalrezept empor, das auf sanfte Art angeblich alles kuriert, was Menschen belastet, also beinahe sämtliche körperliche und psychische Leiden. Versprochen wird nicht nur die innere Gelassenheit und Glückseligkeit, sondern manchmal auch die Heilung von schweren Krankheiten, Krebs nicht ausgeschlossen. Weiter sollen die statischen Körperübungen als Anti-Aging-Mittel dienen, das das Leben verlängert.

Für diese Auswüchse kann man B.K.S. Iyengar nicht verantwortlich machen. Er hat aber den Yoga-Mythos mitbegründet und es zugelassen, dass er von vielen Yoga-Schülerinnen wie ein Guru verehrt wird.

Botschaften aus dem Jenseits

Hugo Stamm am Samstag den 23. August 2014
Solheim Cup - Preview Day 3

Esoteriker verstehen Gott als höhere Form von Energie. (Foto: Getty Images)

Das Gespräch mit Gott ist ein alter Menschheitstraum und ein zentraler Inhalt vieler Glaubensgemeinschaften. Die Kommunikation mit dem höchsten Wesen vermittelt die Überzeugung, dass es überhaupt einen Schöpfer gibt und wir ihn erfahren. Aus Sehnsucht, mit Gott in einen Dialog zu treten, ist das Gebet entstanden. Es weist autosuggestive Elemente auf und hilft, Glaubenszweifel zu zerstreuen. Der Glaube an Gott als eine Art Übervater vermittelt Geborgenheit.

Esoterikern geht diese spirituelle Heimat vordergründig ab. Sie glauben nicht an einen personalen Gott. Sie verstehen Gott als höhere Form von Energie, eine Art Urkraft, die in einer hohen Frequenz schwingt.

Diese Vorstellung ist nicht sonderlich sinnlich. Wir denken dabei intuitiv an physikalische Attribute. Gott als Energiequelle wirkt auch nicht spirituell. Doch für Esoteriker besteht das ganze Universum ausschliesslich aus Energie, somit auch Gott. Immerhin sind sie damit in gewissem Sinn moderner als monotheistische Religionen. Denn die Physik erklärt die Welt ebenfalls vom Prinzip der Energie her.

Doch das Energiemodell ist der einzige zeitgemässe Aspekt der esoterischen Ideen. Die geistigen Wurzeln der Esoterik reichen bis in frühere Epochen, in denen der Aberglaube das vorherrschende Prinzip war. Ausserdem ist das Energiemodell kein attraktives Marketingkonzept, es fehlen die emotionalen Bezüge. Trotzdem hat die Esoterik einen beispiellosen Siegeszug angetreten und ist zur Ersatzreligion geworden. Der Trick: Die Esoterik hat Ersatzgötter geschaffen, die sogenannten Avatare oder aufgestiegene Meister. Diese stellen die Kommunikation mit den kosmischen göttlichen Instanzen mittels Channeling her und sorgen für ein emotionales Schaumbad.

Konkret: Erleuchtete spirituelle Meister werden nach ihrem Tod Teil der göttlichen Hierarchie und stellen sich als Vermittler in den Dienst der Menschen. So können medial begabte Personen, also Medien, einen geistigen Kanal zu den aufgestiegenen Meistern herstellen und angeblich authentische Botschaften aus dem Jenseits empfangen. Quasi ein aktuelles Evangelium.

Diese Botschaften der verschiedenen esoterischen Medien erinnern oft an eine Märchenstunde von Trudi Gerster. Und sie widersprechen sich nicht selten diametral. Das kümmert Esoteriker aber wenig, denn das kritische Hinterfragen ist nicht erwünscht. Es ist auch kein Zufall, dass das Channeling an Uriella erinnert, die sich ebenfalls als Sprachrohr Gottes versteht und auch Botschaften aus dem Jenseits empfängt. Ihre Trefferquote ist etwa gleich tief wie diejenige der Avatare, die auch gern Zukunftsprognosen machen. Würde das Channeling funktionieren, wäre die Welt schon hundertfach untergegangen.

Sünde – ein antiquierter Begriff

Hugo Stamm am Samstag den 16. August 2014
Hugo Stamm

Nein, lustig ist das nicht: Die Taufe hilft zwar gegen die Erbsünde, doch damit ist der Kampf noch lange nicht vorbei. (Foto: Reuters)

Die Vorstellung von der Sünde ist für viele Menschen eine Moralkeule. Vor allem für Gläubige. Bildlich genommen wirft sie einen grossen Schatten auf die Seele, denn sie hat religiöse Wurzeln. Ursprung ist der Sündenfall in der Genesis. Die Ursünde, die zur Vertreibung aus dem Paradies führte, bezeichnet die Entfremdung oder willkürliche Abkehr von Gott.

Was eine Sünde ist, bestimmt nach christlicher Lehre Gott. Zum Beispiel in den zehn Geboten. Der Prophet Jesaja formulierte es so: «Eure Schuld steht wie eine Mauer zwischen euch und eurem Gott» (Jesaja 59,1-2). Mit der Sünde verraten wir laut christlichem Glauben Gott. Bei Fehlverhalten verletzen wir also nicht nur Menschen, sondern versündigen uns gegen den Allmächtigen.

Christliche Sekten und viele Freikirchen benützen die Sünde als Disziplinierungsinstrument. Ihre Prediger drohen den Gläubigen mit der Versuchung durch den Satan, der uns zur Sünde und zum Abfall von Gott verführt. Dabei benutzen sie gern auch apokalyptische Metaphern. Der Sünder wird in der bevorstehenden Endzeit das Heil nicht erreichen und von Gott verdammt. Auch konservative katholische Geistliche sehen in der Sünde einen zentralen Begriff der christlichen Lehre und verwenden ihn oft in der Seelsorge.

Sünde bedeutet, bewusst und willentlich zu «sündigen», also unethisch und verwerflich zu handeln. Wir schädigen dabei angeblich gezielt Mitmenschen, um aus egoistischen Motiven einen Vorteil zu erlangen.

Problematisch wirkt, dass Sünde eng mit Schuld verzahnt ist. Schuldgefühle führen oft zu Angst und zu einer psychischen Blockade und erschweren es dem «Sünder», sein Verhalten zu korrigieren.

Ausserdem geht die christliche Lehre davon aus, dass wir über einen freien Willen verfügen und uns autonom entscheiden können, wie wir uns verhalten wollen. Die Psychologie lehrt uns aber, dass der Glaube an den freien Willen ein Mythos ist. Unser Handeln wird von vielen äusseren Umständen bestimmt: Lebensumstände, soziale Situationen, wirtschaftliche Gegebenheiten, Bildung, Erziehung, Gemütszustände usw. Gläubige, die vom Schicksal – oder von Gott? – begünstigt worden sind, haben es meist leichter, gottgefällig zu leben.

Opfer von struktureller Gewalt hingegen tun sich zwangsläufig schwerer, alle religiösen Gebote und Dogmen wortgetreu umzusetzen. Um es an einem Extrembeispiel zu zeigen: Soldaten im Krieg machen sich unweigerlich schuldig. Denn laut christlicher Lehre begeht ein Mensch nur schon dann eine Todsünde, wenn er in Gedanken tötet.

Da die Welt heute komplexer ist als zu Zeiten von Adam und Eva oder den Evangelisten, sollten wir den Begriff der Sünde in der Mottenkiste versenken.

 

Die eigenartige Metamorphose des Sektenführers

Hugo Stamm am Samstag den 9. August 2014

Ivo Sasek ist der Gründer einer grossen christlichen Sekte mit dem seltsamen Namen Organische Christus-Generation. Seit über 30 Jahren geht der christliche Fundamentalist mit der Bibel in der Hand auf Seelenfang. Diese nimmt er wörtlich. Deshalb schrieb er in einer seiner Broschüren, dass Eltern, die ihre Kinder lieben, sie mit der Rute züchtigen sollen.

Doch nun geht der fromme Christ auf Abwege. Er sieht in den politischen Unruhen Anzeichen der Endzeit und konzentriert sich immer mehr auf seine politische Arbeit. In jüngster Zeit wurde er zum Polit-Missionar. Diese Funktion füllt er so radikal und extrem aus wie ehedem seine religiöse Mission. Doch woher nimmt jemand das politische Wissen und Bewusstsein, der sich Jahrzehntelang von der Welt abgewandt hatte?

Der Führer der Organischen Christus-Generation aus Walzenhausen AR hat vor ein paar Jahren die «Anti-Zensur-Koalition» (AZK) gegründet und veranstaltet jährlich Konferenzen mit bis zu 2500 Besuchern. Als Referenten lädt der 58-Jährige jeweils Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, führende Sektenmitglieder, etwa Jürg Stettler von Scientology, Holocaustleugner und Rechtsradikale ein.

Bei der jüngsten Konferenz am 26. Juli, über die ich im TA berichtete, schlüpfte Sasek selbst ins Gewand des Verschwörungstheoretikers und verkündete Endzeitszenarien. Dabei machte Sasek Andeutungen über den angeblich bevorstehenden 3. Weltkrieg und verbreitete Angst und Schrecken. Obwohl sein Referat den Titel «Wie verhindert man einen Weltkrieg?» trug, rief er ins Publikum: «Hier treiben sie uns in den Krieg.» Dabei meinte er das politische und wirtschaftliche Establishment und die «Kriegstreibermedien», die zum Schweigen gebracht werden müssten.

Die Rede von Sasek ist seit kurzem auf der Website der AZK zu sehen. Im Gegensatz zu früheren Konferenzen wurden diesmal nur kurze Ausschnitte aufgeschaltet. Vermutlich hat er die radikalsten Aussagen herausgeschnitten. Eine ungefilterte Version zu den gleichen Themen verbreitete der christliche Sektenführer schon beim internen «Freundestreffen» vom 24. Mai, von dem ich ein Mitschnitt besitze.

In der Rede zog Sasek gegen alle vom Leder, die nicht an die geheimen verschwörerischen Mächte glauben. Zu ihnen zählt er auch pauschal die Christen, die er als «Hosenscheisser und Nichtsnutze» schalt. Es beginne eine Räumung der Erde und der Menschheit, die von der Lust zu quälen und zu morden lebe. Wegen der Christen lasse der Teufel «die Sau raus» und bringe alle da draussen um. Die Menschen seien «medienverblödet» und würden von den Kriegstreibern wie vernunftlose Tiere zur Schlachtbank geführt, sagte Sasek.

Amerika ist für Sasek des Teufels und richtet ein orchestriertes Chaos an, wie es in den Protokollen der Weisen von Zion beschrieben ist. Das geheime Papier von Anfang des letzten Jahrhunderts enthält angeblich das Konzept, wie jüdische Politiker und Banker heimlich eine Weltregierung anstrebten. Obwohl bereits 1920 nachgewiesen wurde, dass die Protokolle gefälscht worden waren, benutzen sie auch heute noch Esoteriker und Rechtsradikale für ihren Propagandakrieg gegen die Juden.

Die Machthaber und Kriegstreiber verfolgten laut Sasek das Ziel, «die Welt auf ein Minimum zu reduzieren». Die verschwörerischen Kräfte wollten 6,5 Milliarden eliminieren, behauptete er in seiner Rede. «Glaubt ihr das?», schrie er ins Publikum, das die Frage mit einem lauten «Ja» quittierte. Christen bezeichnete er als «richtige Arschlöcher», Banker, Politiker und Medienleute nannte Sasek Banditen und Verbrecher – sie seien satanisch.

Sasek will mit der AZK Gegeninformationen verbreiten, die die Medien verschweigen würden. Er riet, alle Informationen der Machthaber zu hinterfragen und ihnen zu misstrauen. Als Beispiel nannte er Aids. Diese Krankheit sei «ein einziger verdammter Schwindel». Weiter forderte Sasek seine Zuhörer auf, Hitlers Buch «Mein Kampf» zu lesen.

Sein Ziel formulierte Sasek so: «Ich schicke mich an, das Volk zu verändern, es zu manipulieren, wenn du willst, für meinen Weg.»

Wer ist Ivo Sasek? Der Prediger wuchs in einem atheistischen Elternhaus auf, liess sich aber Ende der 1970er-Jahre zu einem freikirchlich geprägten Christentum bekehren. Mitte der 1980er-Jahre gründete er in Walzenhausen AR eine Drogenrehabilitation unter dem Namen Obadja, den Elaion-Verlag und einen Gemeindelehrdienst, aus dem die Bewegung Organische Christus-Generation (OCG) hervorging. Sasek schrieb viele radikale religiöse Schriften und Traktate. In die Schlagzeilen geriet er immer wieder, weil er in einer Broschüre die Züchtigung der Kinder mit der Rute empfahl, wie es in der Bibel festgehalten sei. Er ist Vater von elf Kindern – die Ausstrahlung seiner OCG reicht bis nach Deutschland und Österreich. Rund 3000 Anhänger verehren Sasek als ihren geistlichen Führer.

Erstaunlich ist, dass Sasek den Satan plötzlich in den USA entdeckt. Da hält er es wie rechtsradikale Kreise und Verschwörungstheoretiker. War für christliche Fundamentalisten bislang Russland der Antichrist, ist es nun der Antipode USA. Dieser Gesinnungswandel war schon bei der Annektierung der Krim durch Putin zu beobachten. Plötzlich war der starke Mann Russlands der Held, der dem verhassten Obama die Stirn bot. Der gleiche Reflex war beim Abschuss der MH17 über der Ukraine zu beobachten. Offenbar lautet die simple Gleichung: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Auch wenn dieser Freund diktatorische Allüren an den Tag legt.

Wunder finden im Kopf statt

Hugo Stamm am Samstag den 2. August 2014
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Sehen und glauben: Cristo Redentor spiegelt sich in der Sonnenbrille eines Besuchers auf dem Corcovado. Foto: Rodrigo Soldon (Flickr)

Der Glaube an Gott ist meist verbunden mit einem Glauben an Wunder. Deshalb werden unerklärliche Phänomene von vielen Gläubigen als gegeben angeschaut und selten hinterfragt.

Wer zweifelt schon daran, dass Maria Jesus «unbefleckt» – was für ein Wort – empfangen hat? Dass Jesus Wasser in Wein verwandelt und Verstorbene zum Leben erweckt hat? Und dass er nach der Kreuzigung auferstanden ist?

Wunder gehören im religiösen Umfeld zur Tradition. Wir kennen sie von der griechischen Mythologie bis zu den hinduistischen Göttern. Guru Sai Baba behauptete, ganze Städte materialisieren zu können, Sri Chinmoy stemmte laut eigenen Angaben 3500 Kilogramm – einhändig, wohlverstanden.

Auch Päpste vollbringen angeblich Wunder. Gläubige, die heiliggesprochen werden wollen, müssen dies – es sei denn, sie seien Märtyrer. Aktuelle Beispiele sind Johannes XXIII. und Johannes Paul II.

In Freikirchen gehören Wunder zum Standard. Jesus leiht den Predigern angeblich göttliche Heilkräfte, glauben die Gläubigen. Ganz zu schweigen von den Tausenden Geistheilern und Handauflegern, die laufend von Wunderheilungen berichten. Doch handelt es sich tatsächlich um Wunder?

Zuerst müsste nachgewiesen werden, dass es Wunder gibt. Wunder sind Phänomene, die nicht nach gesetzmässigen Prozessen ablaufen und nicht nach dem Zufallsprinzip funktionieren. Wunder haben meist mit einer höheren Macht zu tun. Das würde bedeuten, dass diese höhere Macht tatsächlich existiert. Da wir sie nicht beweisen können, müssen wir an sie glauben. Diese übernatürliche Instanz ist also eine Hypothese, Wunder sind folglich eine Annahme.

Bei vielen vermeintlichen Wundern dürfte es sich um Projektionen, Suggestionen, Sinnestäuschungen oder Wahrnehmungsverschiebungen handeln. Wir vergessen gern, dass unser Hirn und unser Bewusstsein keine perfekten Instrumente sind, sondern laufend falsche Schlüsse ziehen und uns täuschen.

Oft werden wir von Sehnsüchten geleitet, vor allem wenn es sich um religiöse oder spirituelle Themen handelt. Sind starke Emotionen im Spiel, ist es sowieso vorbei mit der nüchternen Betrachtung. Ein ekstatisches Erlebnis, ausgelöst von einem spirituellen Ritual, wird dann gern zum Erweckungs- oder Erleuchtungsprozess.

Es mag Wunder geben, wer weiss das schon. Sicher ist aber, dass die allermeisten Phänomene, die als Wunder bezeichnet werden, erklärbar sind. Mit den Unzulänglichkeiten menschlicher Wahrnehmung und den emotionalen oder kognitiven Defiziten. Deshalb finden Wunder vorwiegend in unseren Köpfen statt.

Nährboden für Verschwörungstheorien

Hugo Stamm am Samstag den 26. Juli 2014
Hugo Stamm

Verschwörungstheorien als politisches Instrument: Trümmerteil der abgeschossenen Boeing 777. Foto: Evgeniy Maloletka (AP)

Der Abschuss des Linienflugzeugs MH 17 über der Ostukraine ist ein Ereignis von historischer Tragweite. Die Umstände sind unklar, die Folgen nicht absehbar. Das ist genau der Boden, auf dem Verschwörungstheorien gedeihen. Verschwörungen dienen dazu, Desinformation zu betreiben und Verwirrung zu stiften. Es sind keine harmlosen Spielchen von Phantasten oder Spinnern, sondern potente politische oder ideologische Instrumente.

Nach dem Absturz starteten die russischen Medien einen Propagandakrieg mit solchen Theorien. Sie meldeten, ukrainische Einheiten hätten eigentlich Putin vom Himmel holen wollen und dabei die Boeing 777 mit dem Flugzeug des Präsidenten verwechselt. Das russische Staatsfernsehen verkündete gar, die Insassen seien schon vor dem Absturz tot gewesen. Und flugs legten Verschwörungstheoretiker im Internet nach: Bei den Toten handle es sich um die Passagiere der im März in den Indischen Ozean abgestürzten Maschine MH 370.

Viele Verschwörungstheorien sind vergleichsweise harmlos. Zum Beispiel die Behauptung, die erste Mondlandung der Amerikaner sei in einem Studio inszeniert worden. Und doch: Es würde bedeuten, dass die USA die Weltöffentlichkeit schamlos hinters Licht geführt hätten. Gefährliche Desinformation betrieben die Verschwörungstheoretiker weltweit beim Attentat vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York. Nur zwei von vielen Theorien: Die USA hätten die Anschläge inszeniert, um einen Vorwand zu bekommen, gegen die islamische Welt vorzugehen. Antisemitische Züge nahm die Behauptung an, jüdische Kreise hätten den Terrorakt initiiert, um Ressentiments gegen die arabischen Mächte zu schüren und politische Sanktionen auszulösen.

Die Mutter aller Verschwörungstheorien sind die Protokolle der Weisen von Zion vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Das geheime Papier enthalte das Konzept, wie jüdische Politiker und Banker klammheimlich eine Weltregierung anstrebten, um die Menschheit zu unterjochen. Obwohl bereits 1920 nachgewiesen wurde, dass die Protokolle gefälscht worden waren, benutzten sie die Nazis für ihren Propagandakrieg gegen die Juden. Die Verschwörungstheorie diente dazu, den Holocaust zu legitimieren. Die Idee von diesen Protokollen kursiert auch heute noch in rechtsradikalen und esoterischen Kreisen.

Verschwörungstheorien dienen wie Heilslehren von Sekten dazu, komplexe Phänomene auf einfache Erklärungsmuster zu reduzieren. Die Idee von geheimen Mächten wird als Ursache für das Elend auf der Welt herangezogen. Verschwörungstheorien drücken eine kindlich-naive Sehnsucht nach der heilen Welt aus und haben gleichzeitig eine gefährliche politische Wirkung. Sie werden auch von der Angst genährt, geheime Mächte unterdrückten die Menschen. Chaos und Konflikte auf dieser Welt bekommen plötzlich ein Gesicht, das sich aber als Fratze herausstellt.

Der Mythos von der Wiederkehr des Religiösen

Hugo Stamm am Samstag den 5. Juli 2014
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War der Abstimmungskampf um das Minarettverbot wirklich ein Beweis für die Rückkehr des Religiösen, wie manche behaupten? Foto: Urs Flüeler/Keystone

Manche Religionswissenschaftler werden nicht müde, die Wiederkehr des Religiösen zu propagieren. Die amerikanische Expertin Monica Toft gab ihrem neuen Buch sogar den Titel «Gottes Jahrhundert». Wunschtraum einer Gläubigen oder Realität? Die Autorin verweist auf die öffentliche Diskussion über religiöse Themen in den Medien. Dabei erwähnt sie das Burkaverbot in Frankreich. Auch der Schweiz gibt sie die Ehre und zieht das Minarettverbot als Beweis heran.

Tatsächlich tauchen religiöse Themen täglich in den Schlagzeilen auf. Doch Wiederkehr des Religiösen? Man reibt sich verwundert die Augen. Denn die Schlagzeilen demonstrieren uns vor allem die hässliche Seite der Religiosität: Intoleranz, Verfolgung, Hass, Gewalt.

Zuständig für die öffentliche Aufmerksamkeit sind in erster Linie der Islam und die Islamisten. Al-Quaida, Isis, Boko Haram zetteln Bürgerkriege an und sorgen auch im Westen für Angst und Schrecken. Sie kämpfen gegen Aufklärung und Demokratie – und für den Gottesstaat. Wenn die Religionswissenschaftler diese Form der Wiederkunft des Religiösen meinen, dann Gnade Gott.

Das tun die meisten vermutlich nicht. Sie sehnen sich nach einer konstruktiven Religiosität. Doch kehrt diese bei uns zurück? Die Schlagzeilen sind zumindest bei der katholischen Kirche selten schmeichelhaft: sexuelle Übergriffe katholischer Geistlicher, Vatileak, die Verschwendungssucht, Bankskandale im Vatikan usw. Einen Propagandaeffekt erzielt die Kirche nur, wenn ein Papst stirbt oder sich der Pontifex auf einer Weltreise effektvoll in Szene setzt.

Eine klare Antwort auf die angebliche Wiederkehr des Religiösen geben die Zahlen. Zwar gehören immer noch 39 Prozent der Schweizer Bevölkerung der katholischen und 20 Prozent der reformierten Kirche an, doch die meisten sind Karteileichen. Eine Untersuchung des schweizerischen Nationalfonds ergab, dass sich nur noch 23 Prozent der Katholiken und 15 Prozent der Protestanten als echte Anhänger ihres Glaubens bezeichnen. Vor vierzig Jahren besuchte noch rund ein Drittel der Schweizer regelmässig einen Gottesdienst, heute sind es keine 10 Prozent mehr. Ein konkretes Beispiel: In Basel sank die Zahl der Protestanten in den letzten 30 Jahren von 130’000 auf 30’000. Die Folge: Kirchen müssen verkauft oder kommerziell genutzt werden.

Sieht so die Wiederkehr des Religiösen aus? Betrachtet man den Aufschwung der Esoterik als Ersatzreligion, muss eher von einer Wiederkehr des magischen Denkens und des Aberglaubens gesprochen werden.

Sekten als Schmarotzer

Hugo Stamm am Samstag den 28. Juni 2014
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Angebote von Scientology sind so teuer, dass sie die Anhänger wirtschaftlich schwer belasten können. Foto: Lukas Lehmann/Keystone

Die meisten Gurus und viele sektenhafte Gemeinschaften zeichnen sich durch Egoismus und Rücksichtslosigkeit aus. Gleichzeitig gebärden sie sich als Hüter der letzten spirituellen Wahrheiten. Spiritualität trifft auf Egozentrik. Deshalb stört es sie auch nicht, wenn sie immense Kollateralschäden verursachen und sich als Sozialschmarotzer gebärden.

Ein paar Beispiele: Scientologykurse für Fortgeschrittene sind derart teuer, dass sie für viele Anhänger unerschwinglich sind. Die Sekte ködert sie mit dem Angebot, Mitarbeiter zu werden und kostenlos «studieren» zu können. Der Haken: Lohn gibts keinen, die Sozialleistungen sind minimal. Manche verschulden sich und werden im Alter Sozialfälle. Ausserdem isolieren sie sich und brechen oft den Kontakt zu Freunden und Familie ab, wenn diese kritische Fragen zu Scientology stellen. Opfer von Scientology sind deshalb oft nicht nur die Anhänger, sondern auch die Familien. Eltern leiden oft viele Jahre unter der Entfremdung ihrer Kinder.

Viel Leid erzeugen auch radikale Freikirchen. Rutscht ein Ehepartner in eine solche christliche Gemeinschaft ab, bricht die Beziehung meist auseinander. Eine Ehe mit einem «Ungläubigen» – dazu gehören auch Protestanten und Katholiken – geht gar nicht. Dramatisch wird es auch für Kinder, die gegen den radikalen Glauben der Eltern rebellieren. Manche werden mit Liebesentzug bestraft, der Kontakt wird auf Eis gelegt. Selbst die Eltern leiden, weil sie glauben, versagt zu haben und von Gott dafür bestraft zu werden. Ausserdem befürchten sie, ihre Tochter oder ihr Sohn sei dem Teufel anheimgefallen. Suizide sind nicht selten. Besonders hart trifft es Homosexuelle, die stigmatisiert werden.

Schwer geprüft werden auch Eltern, deren Kinder bei den Kindern Gottes (Schicksal der Ironie: auch «Die Familie» genannt) gelandet sind. Sie betteln sich durch das Leben und haben oft viele Kinder. Der Kontakt zu den Eltern wird auf ein Minimum beschränkt. Steigen die Mitglieder der «Familie» aus, stehen sie vor dem Nichts: keine Ausbildung, kein Job, keine Verbindung zur Aussenwelt. Oft springen dann die leiblichen Eltern ein, die jahrelang verteufelt worden waren. Oder eben der Staat.

Die meisten Sekten sind Sozialschmarotzer, hinterlassen Opfer und bringen viel Leid in Familien und Freundeskreis. In ihrem Egoismus fühlen sie sich von Gott oder einer kosmischen Instanz geleitet, in Wahrheit leben sie in einer absurden Parallelwelt.

Wenn der Glaube zum Krieg führt

Hugo Stamm am Samstag den 21. Juni 2014
In Gottes Namen: Die islamistische Sekte Boko Haram hat in Nigeria 200 Mädchen entführt. Foto: Keystone

In Gottes Namen: Die islamistische Sekte Boko Haram hat in Nigeria 200 Mädchen entführt. Foto: Keystone

Religion und Glaube sind feste Bestandteile menschlicher Kultur und Tradition. Die Hoffnung auf spirituelle Erweckung und metaphysische Erlösung lässt das «Jammertal» besser ertragen.

Doch der Preis ist hoch, den wir für unsere religiösen Sehnsüchte bezahlen. Denn der Grat zwischen aufbauender Spiritualität und religiöser Verblendung, die oft in die radikale Frömmigkeit führt, ist schmal. Denn es geht um das Höchste und das Letzte: die Bestimmung des Menschen auf alle Zeiten. Um die Ewigkeit.

Deshalb sind Glaube und Religion konfliktträchtig. Sie enthalten das emotionale Potenzial, Gläubige zu fanatisieren. Die Geschichte der Menschheit ist geprägt von Religionskriegen. Menschen haben sich im Namen Gottes unendlich viel Leid zugefügt. Sekten haben Massensuizide und Massenmorde begangen. Trotz Erziehung, Bildung und Aufklärung zieht sich die Blutspur bis in unsere Tage. Viele Krisenherde haben eine religiöse Komponente.

In zahlreichen christlichen Ländern haben Religionsfreiheit und Individualisierung eine rasante Säkularisierung bewirkt. Ein Religionskrieg ist in Mitteleuropa nicht mehr denkbar. Wirtschaftlicher Aufschwung und Wohlstand haben die religiösen Gefühle abgekühlt. Die christlichen Kirchen entleeren sich und verlieren an Bedeutung. Es gibt keinen Grund mehr, sich für Gott die Köpfe einzuschlagen. Die Säkularisierung hat die Welt sicherer gemacht.

Manche islamische Länder sind noch weit davon entfernt, Religion und Politik zu entflechten. Fundamentalisten streben den Gottesstaat an. Oft ist ihnen dabei kein Mittel zu grausam, um politische Macht zu erlangen. In Ägypten zum Beispiel führte der Kampf für die Freiheit in den religiösen Würgegriff. In Algerien fackeln Islamisten christliche Kirchen ab und bringen Gläubige um. Der Gipfel religiöser Perversität ist die Entführung von 200 Mädchen und jungen Frauen. Manchmal erhält man den Eindruck, dass radikaler Glaube nicht nur fanatisch macht, sondern zu einer emotionalen Regression führt, die den Verstand blockiert.

Eine besonders absurde Spielart religiöser Verblendung und Aggression zeigt sich im Irak. Seit dem Abzug der US-Armee schlagen sich Sunniten und Schiiten die Köpfe ein, Glaubensbrüder kämpfen um die politische Macht.

Machtpolitik und religiöser Fanatismus tragen ein grosses Aggressionspotenzial in sich. Die Entflechtung der beiden Disziplinen ist notwendig, um die Welt ein wenig sicherer zu machen.

Bewirkt Gott Gebetswunder?

Hugo Stamm am Samstag den 14. Juni 2014
Kann man mit Gebeten über Nacht seinen Öltank füllen lassen? Foto: Reuters

Kann man mit Gebeten über Nacht seinen Öltank füllen lassen? Foto: Reuters

Beten kann Trost spenden. Wenn wir Angst haben oder einen Schicksalsschlag erleiden, schicken wir oft ein Stossgebet nach oben. Auf dass Gott das Schicksal von uns abwenden möge. Doch die Erfahrung zeigt, dass er beispielsweise einen Unfall nicht ungeschehen oder rückgängig macht.

Mitglieder von Freikirchen sehen das anders. Sie sind überzeugt, dass Gott auf ihre Gebete reagiert und ihnen in schwierigen Situationen beisteht. Und zwar sehr konkret und spürbar.

Ein Beispiel sind die «Moms in Prayer Schweiz», also die betenden Mamis, eine international tätige Gebetsbewegung von Müttern. Wöchentlich beten sie für ihre Kinder und deren Schulen. In diesen Tagen schmeichelten sie sich bei den Lehrern einer Zürcher Unterländer Schule ein und brachten ihnen einen Znüni. «Es ist ein Vorrecht, dass wir unsere Mutterherzen vor Gott ausschütten und die Anliegen unserer Kinder vor IHM ausbreiten dürfen», schreiben die betenden Mütter auf ihrer Homepage. Sie freuen sich auch «gemeinsam über Gebetserhörungen». Sie sind also überzeugt, von Gott gehört und berücksichtigt zu werden. Ausserdem beten sie dafür, «dass unsere Schulen nach biblischen Massstäben geführt werden». Das Gebet dient also auch als Missionsinstrument.

Die betenden Mütter glauben weiter, dass Gott «alle, die durch Jesus Christus zu Ihm kommen, von Sünde und Tod errettet». Schliesslich zeigen die betenden Mamis ihr hartes, religiöses Herz, das von der Verblendung versteinert ist: «Wir glauben sowohl an die Auferstehung der Geretteten, als auch der Verlorenen; der Geretteten zum ewigen Leben, der Verlorenen zum ewigen Verderben.» Das zweite Beispiel liefert der Architekt Toni Cherti in der freikirchlichen Zeitschrift «ideaSpektrum». Als er in finanziellen Nöten war, ging ihm in einem kalten Winter das Heizöl aus. Er fror. Und betete, Gott möge ihm den Tank mit Öl füllen. Eines nachts erwachte er am Geräusch seiner Heizung. Sie lief, der Tank war voll. Gefüllt von seinem Herrn. Gottes wundersames Wirken sprenge die Vorstellung eines rational denkenden Menschen, sagte Cherti.

Da stellen sich Fragen: Berücksichtigt Gott nur betende Christen? Füllt er einen Öltank und lässt gleichzeitig Kinder in Afrika verhungern? Lässt er sich durch Gebete bestechen? Sieht er als allmächtiges Wesen nicht selbständig, wo Menschen in wirklicher Not sind? Oder sind Gläubige vielleicht egozentrisch, nehmen sie Gott exklusiv für sich in Anspruch und erwarten von ihm die Erfüllung von alltäglichen Wünschen?