Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Kommerzialisierung des religiösen Marktes

Hugo Stamm am Montag den 14. August 2006

In der Wirtschaft, aber auch in der Politik und im säkularen Leben spielen wirtschaftliche Aspekte eine dominante Rolle. Expansion, Existenzsicherung und Vermögensbildung sind zentrale Triebfedern menschlichen Handelns. Unser Denken wird über weite Strecken bestimmt von Geld- und Besitzfragen. Das ist oft notwendig, häufig aber auch anstrengend. Vor allem auch, wenn man bedenkt, dass das Glück eigentlich mehr vom Sein denn vom Haben abhängt.
Das Schaffen von Mehrwert gehört zum Alltag wie das Amen zur Kirche. Und da darf man auch schon mal über die Stränge hauen. Schliesslich haben wir ja noch den Sonntag. Er ist reserviert für die Besinnung, die Pflege des Immateriellen, des Religiösen und Spirituellen. Wirklich?

Seit sich der religiöse Markt diversifiziert, ist auch die spirituelle Welt keine Oase des Geistigen mehr, die uns vor materieller Macht und Gier schützt. Die neureligiösen Bewegungen halten nicht viel von der Trennung von Geld und Geist. Der spirituelle Markt hat sich diesbezüglich tüchtig säkularisiert. Religiöser Service muss heute genau so berappt werden wie ein Wellnessprogramm. Das Heil gibt es nur gegen Cash. Das materielle Denken macht weder vor einem Tempel, Ashram oder einer Kirche halt. (Ausnahmen bestätigen die Regel.)

Das Beispiel von Scientology haben wir in diesem Blog ausführlich beschrieben. Für neue Teilnehmer sei wiederholt, dass es Hunderttausende von Franken kosten kann, wenn man clear werden und die OT-Stufen erklimmen will. Die Sekte kennt auch Spendenstufen bis zu einer Million Dollar. Aber auch esoterische Workshops und Seminare sind in der Regel sehr teuer. Auch das spirituelle Heil – so man es überhaupt findet – kann Zehntausende Franken kosten. Ausserdem ist ein richtiger Markt entstanden, der Heilsteine, Duftwässerchen, Aurosoma-Fläschchen, Pendel und ein grosses Sortiment an Apparaturen und Messgeräte anbietet. Ganz zu schweigen vom Büchermarkt. In den 90-er Jahren betrug der Umsatz an Waren und Serviceleistungen im Esoterikmark über eine Milliarde Franken.

Legendär ist auch Bhagwan (später: Osho). Als er Gicht hatte, zog er aus dem feuchten Poona in die Wüste von Oregon, und seine Anhänger zauberten eine feudale Oase hervor. Und sie schenkten ihm 99 Rolls Royce, mit denen er von seiner Residenz zur Buddhahall fuhr. Täglich 400 Meter hin, 400 Meter zurück. Sein Ziel: Für jeden Tag eine neue Karosse. Der Tod verhinderte den Plan.

Auch die Freikirchen, die sich gern als die wahren Glaubensgemeinschaften und barmherzigen Samariter darstellen, sind bei ihren Geldforderungen nicht eben bescheiden. Sie verlangen – getreu dem Alten Testament und den Worten Jesu im Neuen Testament – den zehnten Teil des Einkommens von ihren Gläubigen. Das ist sehr viel. Dabei übersehen die Freikirchen, dass wir daneben noch Steuern zahlen, mit denen schliesslich auch soziale Werke unterstützt werden.
Dieses sture Festhalten am Zehnten schafft Ungerechtheiten. „Christlich“ wäre ein Sozialtarif. Ein Alleinstehender, der ein Einkommen von 100’000 Franken hat, kann den Zehnten leicht verkraften. Ein Handwerker, der eine siebenköpfige Familie (Freikirchler haben aus religiösen Gründen oft viele Kinder) ernähren muss, kann kaum zehn Prozent des Einkommens erübrigen. Liefert er den Zehnten nicht ab, plagen ihn moralische Ängste, weil er Gottes Willen nicht erfüllt.

Kurz: Der Glaube, die religiöse oder spirituelle Sphäre sei frei vom materiellen Denken, ist eine Illusion. Der religiöse Markt wird zunehmend kommerzialisiert. Die Raffgier vieler spiritueller Lehrer und Gurus zeigt sich an den massiv übersetzten Seminargeldern. Aber auch viele Heiler verlangen exorbitante Honorare. Auch im Spirituellen herrscht zunehmend das Bewusstsein vor: Was nichts kostet, ist nichts wert. Geld und Geist – oft zwei Seiten der gleichen Medaille.

Sehnsucht nach einem Führer

Hugo Stamm am Mittwoch den 9. August 2006

Ich habe mich im letzten Beitrag damit beschäftigt, dass der Wille zur Macht ein Wesensmerkmal vieler Politiker ist. Ähnlich verhält es sich bei den meisten westlichen Gurus, selbst ernannten Propheten und Sektenführern. Diese „mächtigen“ Männer – gelegentlich auch Frauen – verdanken ihren Erfolg und somit ihre Macht den Wählern und Gläubigen. Ohne die Ehrerbietung der Gefolgsleute wären sie wie der König ohne seine Kleider. Oder wie einsame Rufer in der Wüste.

Was mich verblüfft: Selbst Despoten und egozentrische Gurus schaffen es immer wieder, eine Fangemeinde um sich zu scharen. Wie ist das möglich? Realisieren die Anhänger nicht, wem sie huldigen?

Nehmen wir zur Verdeutlichung zwei krasse Beispiele: Shoko Asahara, Guru der japanischen Aum-Sekte, gab sich als spiritueller Führer aus, war aber offensichtlich ein machtbesessener, kaltherziger Mensch. Sein autoritäres, wenn nicht gar autistisches Gebaren war leicht erkennbar. Wer sich nicht vollständig unterordnete und für den Guru schuftete, wurde drangsaliert, bestraft und im Extremfall in ein Säurefass gesteckt, wo er qualvoll starb. Der Mann hatte nicht einmal ein Charisma. Trotzdem hatte er eine weltweite Anhängerschaft, die in die Zehntausende ging. In seiner Paranoia und seinem Endzeitfieber organisierte er die Giftgasanschläge auf die U-Bahn von Tokio, bei denen 11 Menschen starben und 5000 in Spitalpflege gebracht werden mussten.

Es ist kaum zu fassen, dass Tausende mehrheitlich gut gebildete Anhänger ihm devot zu Füssen sassen und sich demütigen und bestrafen liessen.

Noch krasser: Adolf Hitler. Wer eine seiner Reden gehört hat, hätte eigentlich in panischer Angst fliehen müssen. Hass und Fanatismus schlugen einem bei Wortwahl, Aussagen, Tonfall und Gesichtsausdruck förmlich entgegen. Allein das verfolgen seiner Reden am Radio hätte allen einfühlsamen Menschen klar machen müssen, dass da kein weiser Staatsmann spricht, sondern ein Irrer.

Weshalb sind viele Leute so unsensibel? Weshalb erkennen sie religiöse oder politische „Falschspieler“ nicht? Wieso lassen sie sich von Machtmenschen blenden? Ist es denn so schwer zu erkennen, wer das Wohl seiner Anhänger im Auge hat und wer vor allem seine persönlichen (Macht-)Interessen verfolgt?

Das Hauptproblem liegt darin, dass viele Menschen sich nicht auf ihr Urteilsvermögen verlassen können, weil sie autoritätsgläubig sind, Existenzängste haben und von Sehnsüchten geleitet werden. Ausserdem fehlt es oft an „praktischer Intelligenz“. Das bedeutet: Unabhängig denken und beobachten können, Vorgänge kritisch hinterfragen, Zusammenhänge herstellen. Dazu gehört halt auch eine gewisse Portion an Informationen, die man nicht nur aus Nachrichten und Tagesschau beziehen kann.

Das entscheidende Manko sehe ich aber in der mangelnden Empathie, dem Einfühlungsvermögen. Man erkennt Gurus und Politiker nicht nur an ihren Worten, man sollte sie auch emotional einschätzen können. Dies wiederum bedingt, dass man seinen eigenen Gefühlen vertrauen kann. Doch hier hapert es bei vielen Menschen. Sie können zwar auf einen Blick erkennen, ob die Krawatte eines Politikers sitzt, ob sie richtig assortiert ist, ob das Jackett zu eng oder zu weit usw. Sie können aber nicht beurteilen, ob die Person und ihre Aussagen glaubwürdig sind.

Deshalb gibt es auch in der Politik ein „Sektenphänomen“: Weil sich viele Bürger nicht auf ihr „Gspüri“ verlassen können, brauchen sie Idole, Ideologien, „Führer“, die ihnen (vermeintliche) Sicherheit geben. Sie müssen sich mit ihrem Lieblingspolitiker identifizieren, ihn verehren und in ihm den „Heilsbringer“ sehen. In dieser Situation haben kritische Gedanken keinen Platz mehr, weil der Glanz des Idols matt werden könnte. Und schon übernimmt der verehrte Politiker die Funktion eines Gurus. Der einzige Unterschied liegt darin, dass er keine Heilslehre verkündet, sondern eine Ideologie. Doch manche Ideologien haben ja auch schon fast Heilscharakter. Man denke nur an das Dritte Reich.

Wenn wir eine „humanere“ Welt schaffen wollen, müssen ihre Bewohner darauf mehr Einfühlungsvermögen entwickeln und mehr Bildung bekommen. Dann steigen Selbstwertgefühl und Bewusstsein. Dann brauchen sie keine „Führer“ mehr. Weder religiöse noch politische.

Machtansprüche verhindern Frieden

Hugo Stamm am Freitag den 4. August 2006

Die Kommentare im letzten Blog-Beitrag haben sich „verselbständigt“ und sind auf die politische Schiene eingeschwenkt. Das Bedürfnis, auf die aktuelle Situation im Nahen Osten zu reagieren, ist – verständlicherweise – gross. Ich möchte deshalb etwas von meinem „Stamm“-Gebiet abschweifen und die Frage aufwerfen, weshalb es so schwierig ist, politische Konflikte zu befrieden und auf der internationalen Bühne tragfähige Lösungen zu finden. Und vor allem: umzusetzen.

Ich will keine strategische Diskussion vom Zaun reissen. Konstruktive Vorschläge, wie man das Pulverfass im Nahen Osten politisch entschärfen könnte, hat es in diesem Forum schon viele und recht gute gegeben. Ich möchte die Fragestellung auf eine elementare Ebene hinunter brechen.

Eigentlich kennen die meisten von uns die einfachste und wirkungsvollste Konfliktstrategie. Alle halbwegs vernünftigen Eltern wenden sie intuitiv an, ohne sich psychologisch intensiv damit auseinandergesetzt zu haben. Es geht um den Abbau des Machtgefälles, den Interessensausgleich und die Gerechtigkeit. Eltern mit mehreren Kindern wenden das Prinzip täglich an, um Streit unter Geschwistern zu schlichten. Dieses einfache Prinzip würde auch bei Konflikten auf „höherer Ebene“ funktionieren. Wenn es denn angewandt würde.

Warum die Strategie praktisch nie zum Tragen kommt, hat mit dem System der Politik zu tun. Politiker, die Frieden stiften wollen, müssten weise Schiedsrichter sein, die nach dem Friedenprinzip agieren. Die Geschichte lehrt uns aber, dass Politiker und Armeen internationale Konflikte und Bürgerkriege nicht lösen können. “Lösungen“ gibt es in der Regel erst, wenn die Streitparteien kampfesmüde und völlig ausgepumpt sind. Stichworte dazu: IRA, ETA, Sri Lanka (wo der Waffenstillstand erneut gebrochen wird), Tschetschenien, Ex-Jugoslawien usw.

Politik funktioniert durchwegs nach dem Machtprinzip. Einflussreicher Politiker oder General wird nur, wer einen ausgeprägten Machtwillen – noch „besser“: Machtinstinkt – hat. Und wer als gewählter Politiker die Macht behalten will, muss permanent dafür kämpfen, sonst läuft er Gefahr, bei den nächsten Wahlen zu unterliegen. Dieses Prinzip haben auch die Parteien übernommen. Selbst in unserer beschaulichen Demokratie herrscht inzwischen der permanente Wahlkampf (Die SVP hat es vorgemacht, die übrigen bürgerlichen Parteien müssen nachziehen, um nicht noch mehr Terrain zu verlieren.)

In der Politik herrscht also ein Dauerkampf. Dieser Kampf, der von machtbewussten Politikern geführt wird, prägen Mentalität und politisches Klima. Und so wird selbst das Bewusstsein der Bürger von diesem Denken geprägt. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir es uns gar nicht mehr anders vorstellen können. Es scheint ein (verhängnisvolles) systemimmanentes Gesetz zu sein, das nicht mehr hinterfragt wird. Deshalb wehrt sich auch niemand mehr gegen diesen Wahnsinn. Tatsächlich ist der permanente Kampf unter den Politikern und Parteien Gift für die politische Kultur. Deshalb fördern diese oft genau jene Konflikte, die sie zu lösen vorgeben.

Nehmen wir die drei Schlüsselworte Abbau des Machtgefälles, Interessensausgleich und Gerechtigkeit und spiegeln sie an den „Friedensbemühungen“ im Nahen Osten. Der Widerspruch zu einer effektiven Friedensarbeit ist offensichtlich.

Nehmen wir die Frage nach der Gerechtigkeit: Solang es ein Machtgefälle gibt und die Konfliktparteien das Gefühl haben, vom Friedenplan benachteiligt und ungerecht behandelt zu werden, wird es keinen stabilen Frieden geben. Alle Beteiligten und Betroffenen brauchen mindestens teilweise das Gefühl, gerecht behandelt zu werden. Dieses Gefühl kann aber nur entstehen, wenn alle Konfliktparteien kompromissbereit und gewillt sind, gewisse „Privilegien“ ab- und gewisse Ansprüche aufgeben. Sonst wächst der Hass weiter, die Benachteiligten werden sich erst recht radikalisieren, die Seelen weiter vergiftet. Das Produkt ist meist weitere Feindseligkeit und Terror. Und die Politiker, die nur in Machtkategorien denken können, bekämpfen den Terror mit Methoden, die neuen Hass erzeugen… Ein tödliches Perpetuum Mobile.

Konkret auf den Nahen Osten bezogen: Friedensstifter können nur die Weltmächte sein. Doch sie kommen nicht als humanitäre Organisationen, welche die drangsalierte Bevölkerung erlösen wollen, sondern als Interessenvertreter. Sie suchen nicht die beste Lösung, sondern sie wollen ihre politische (Macht)Strategie umsetzen. Die USA beispielsweise trat auf den Plan, um angeblich im Konflikt zu vermitteln und Frieden zu stiften. Gleichzeitig verzögert sie den Waffenstillstand, damit der Verbündete Israel noch rasch die verhassten Hizbollah dezimieren kann. Wobei Bush und seine Entourage weniger an die Freischärler denken, sondern ihr Augenmerk auf den Iran richten.

Solang Politiker selbst bei „Friedensmissionen“ nicht ihre Machtspiele – zu denen oft auch finanzielle Interessen gehören – aufgeben können, werden sie nirgends stabilen Frieden stiften können. Und wenn die Wähler das verlogene (Macht)Spiel nicht durchschauen und die Politiker an den Urnen bestrafen, wird sich nichts ändern. Und die Zivilbevölkerung muss weiter für die egoistische Strategie der als Friedensstifter auftretenden Politiker büssen.

Krieg löst Endzeitfieber aus

Hugo Stamm am Samstag den 29. Juli 2006

Aus aktuellem Anlass und weil sich hier im Blog eine intensive Diskussion über den Krieg im Nahen Osten entwickelt hat, möchte ich einen weiteren Aspekt beleuchten. Einen religiösen. Dabei geht es um einen Aspekt, der gern vergessen geht. Er spielt zwar nicht die zentrale Bedeutung in diesem scheinbar unlösbaren Konflikt, aber durchaus eine Rolle, die man nicht ausser Acht lassen sollte.

In der Bibel wird dem jüdischen Volk eine besondere Bedeutung zugemessen. Aus christlicher Optik ist Israel das gelobte Land, in dem die Heilsgeschichte begann und wo sich die Geschichte der Menschheit vollenden wird. Deshalb suchen Fromme aus Freikirchen und christliche Fundamentalisten das Alte und das Neue Testament nach Zeichen, Gleichnissen und Metaphern ab, die ihnen Hinweise auf die erwartete Vollendung geben. Und was sie zurzeit beobachten, versetzt viele in fiebrige Endzeitstimmung.

Blenden wir zurück.

Der Umstand, dass Jesus ausgerechnet von Juden, die zum auserwählten Volk gehören, getötet wurde, ist für christliche Fundamentalisten eine schwer verdauliche Kost. Das 2000-jährige Schicksal, welches das jüdische Volk im Abendland erdulden musste, hat unter anderem mit dieser unverständlichen „Kollektivschuld“ zu tun. Am schmerzlichsten für die Fundamentalisten ist aber, dass jüdische Gläubige Jesus nicht als Messias anerkennen. Und wenn das auserwählte Volk Gottes Jesus nicht als Sohn Gottes akzeptiert, dann kann sich die Heilsgeschichte nicht vollziehen. Eine Erlösung ohne das auserwählte Volk ist für sie – und laut Bibel – undenkbar.

Das Dilemma der Fundamentalisten und Frommen, welche die Bibel wortgetreu interpretieren, ist angesichts der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten komplett. Sie sehnen sich nach der Endzeit und hoffen, das entscheidende Ereignis in der Geschichte der Menschheit „live“ mitzuerleben, nämlich bei der Wiederkunft Jesu Christi und bei der Erlösung dabei zu sein.

Aus ihrer Sicht ist die Hoffnung nicht unbegründet, denn in der Bibel wird geschildert, wie sich das Grossereignis abspielen wird. Der Antichrist wird verstärkt in der Welt wirken und viele Konflikte provozieren. Konflikte, die sich vor allem im Nahen Osten verdichten werden. Und wenn die Schlacht um Armageddon losbricht, dann kann das Ende der Welt, das für rechtgläubige Christen das Paradies bedeutet, nicht mehr weit sein. Und jeder Krieg im Nahen Osten nährt bei den Fundamentalisten die Hoffnung auf die endgültige Erlösung.

Das wagen sie zwar nicht laut zu sagen, denn wer kann sich schon einen Krieg wünschen. Aber ihre Endzeithoffnung kann sich nur durch einen Krieg im Nahen Osten erfüllen. Und tatsächlich lassen sich die aktuellen Ereignisse rund um Israel biblisch interpretieren: Was im Nahen Osten passiert, entspricht durchaus den Endzeitanzeichen im heiligen Buch. Vorausgesetzt natürlich, man interpretiert die Bilder und Gleichnisse aus der Optik eines streng Gläubigen. In ihren Augen sind also alle biblischen Endzeitzeichen gegeben. Mit einer Einschränkung: das jüdische Volk hat sich noch nicht zum Christentum bekehren lassen.

Früher sahen die Fundamentalisten und viele Freikirchler das Wirken des Antichristen im kommunistischen Osten. Als die Mauer fiel, lösten sich ihre Endzeitsehnsüchte in Luft auf. Aber nur für kurze Zeit. Sie sahen bald die Chance, eine andere biblische Voraussetzung für die bevorstehende Endzeit zu erfüllen: Das über die Welt zerstreute jüdische Volk musste zurück nach Israel. Viele Freikirchen sammelten Geld und bauten Luftbrücken auf. Hunderte von Gläubigen durchkämmten Sibirien, Usbekistan, Kasachstan usw., um Juden aufzuspüren und sie mit dem Versprechen nach Arbeit und Wohlstand nach Israel zu locken. So brachten in den letzten Jahren christliche Fundamentalisten Zehntausende von Juden nach Israel. Gleichzeitig bauten sie versteckte Missionsstationen in Israel auf, um Juden bekehren zu können. Dabei müssen sie allerdings sehr vorsichtig operieren, weil sie nicht wirklich willkommen sind. Sehr erfolgreich sind sie bisher auch nicht gewesen.

Wenn man weiss, wir stark die Lobby der christlichen Fundamentalisten in den USA ist und dass Präsident Bush einer Freikirche angehört, dann wird klar, dass bei der Konfliktbewältigung im Nahen Osten auch religiöse Aspekte eine gewisse Rolle spielen. Und zwar auf beiden Seiten.

Warum ist der Mensch sektenanfällig?

Hugo Stamm am Freitag den 7. Juli 2006

Vereinnahmende Gruppen entsprechen offensichtlich einem Bedürfnis bestimmter Personenkreise. Die am nächsten liegende Erklärung: Weil der Mensch von Ängsten und Sehnsüchten geleitet wird.

Und eine zweite Begründung im Nachsatz: Und weil viele Menschen sehr leicht beeinflussbar sind.

Und weil das Unbewusste eine geheimnisvolle Blackbox ist, die einen viel grösseren Einfluss auf uns ausübt, als wir es wahrhaben wollen. Wir glauben in aller Regel, geistig stark, unabhängig und selbst bestimmt zu sein. Oft eine Selbstüberschätzung, die Sekten geschickt ausnützen.

Kurz, wie Freud schon sinngemäss sagte: Der Mensch ist nicht der Herrscher seiner Seele.

Und noch etwas: Vereinnahmende Bewegungen verdanken ihre Missionserfolge der Tatsache, dass viele Menschen immer noch sehr autoritätsgläubig sind. Sie lassen sich von „charismatischen Persönlichkeiten“, Grossmäulern und deren überzogenen Versprechen blenden. Oft reicht nur schon der Hinweis, ein Guru sei erleuchtet oder ein Prediger von Gott geführt, und schon erstarren die autoritätsgläubigen Zuhörer in Ehrfurcht.

In vereinnahmenden Gruppen kann man die ganze Verantwortung in allen Lebensbereichen abgeben. Alle Entscheide werden einem abgenommen. Und die Entscheide der Gurus, Sektenführer, Meister sind über alle Zweifel erhaben. Und sie dienen angeblich gleich noch dazu, das ewige Leben zu erlangen, unsterblich oder erleuchtet zu werden. Die vermeintlich perfekte Lösung auf immer und ewig. Und manchmal fehlt es auch an der Intelligenz, die offensichtlichen Widersprüche, die sich hinter dem Konstrukt von Sekten verbergen, zu erkennen.

Entscheidend ist aber die Sehnsucht nach der heilen Welt und den paradiesischen Zuständen. Die Unfähigkeit, sich mit der oft schmerzlichen Realität auseinanderzusetzen und sich mit ihr zu arrangieren, treibt viele Menschen in die Arme totalitärer Gruppen, die das absolute Heil versprechen. Dahinter steckt oft die Flucht vor der Wirklichkeit. Es ist denn auch keine Überraschung, dass Freikirchen das Auffangbecken vieler psychisch belasteter Personen sind.

Dabei nutzen Sekten geschickt auch Wunsch und Wille altruistischer und enthusiastischer Personen, sich nützlich machen und sich für höhere Ziele einsetzen zu wollen. Die Verbindung „humanitärer“ mit spirituellen oder religiösen Intensionen ist für sie viel versprechend. Das erste dient dem Diesseits, das zweite der Ewigkeit.

Sekten profitieren auch von der Angst vor der Freiheit. Freiheit ist für viele zwar ein Ideal, doch sie realisieren nicht, dass Freiheit immer wieder Angst macht und neu erkämpft werden muss. Freiheit bedeutet vor allem, Ungewissheit auszuhalten. Weil wir eben nicht wirklich wissen, was der Sinn des Lebens ist und was nach dem Tod sein wird.

„Sichere“ Antworten auf solche Fragen kennen nur Glaubensgemeinschaften. Und je „sicherer“ die Antwort ist, desto grösser ist die Gefahr, dass es sich um eine vereinnahmende Bewegung handelt.

Die Thesen werden durch die Erfahrungen gestützt. Die meisten Anhänger vereinnahmender Gruppen sind in einer Situation der Unsicherheit in die Fänge von Sekten geraten. In einer Lebenskrise, nach dem Scheitern einer Beziehung, bei einer schweren Krankheit, nach dem Tod eines geliebten Menschen usw. Als sie sich schwach fühlten, brauchten sie Halt. Und glaubten den Heilsverkündern, diese könnten für alle diesseitigen und jenseitigen Probleme perfekte Lösungen anbieten.

Ausnahmezustand bei Glaubensfragen

Hugo Stamm am Montag den 3. Juli 2006

Viele Tagi-Leser und Besucher dieses Blogs haben Mühe mit meinen Artikeln. Sie glauben, ich würde die Glaubensfreiheit nicht respektieren und viele Glaubensgemeinschaften einseitig kritisieren. Manche Kommentatoren in diesem Forum argumentieren ähnlich. Deshalb erlaube ich mir eine Stellungnahme dazu.

Ich möchte meine Aufklärungsarbeit einmal aus einer anderen Perspektive beleuchten: Es gibt ein ganzes Heer von Journalisten, welche Politiker, Parteien und Firmen unter die Lupe nehmen und teilweise hart kritisieren. Und alle demokratisch gesinnten Bürger finden dies richtig. Und für eine pluralistische und freiheitliche Gesellschaft wichtig. Ohne die Berichterstattung durch Medien und die entsprechenden Reaktionen in der Bevölkerung gäbe es wohl noch mehr Fehlentwicklungen, Missbräuche und Skandale in politischen Gremien oder Unternehmen. (Wobei ich weit davon entfernt bin zu behaupten, dass die Medien immer die richtige Gewichtung vornehmen.) Aber ohne die Berichterstattung in den Medien wäre beispielsweise Dorothée Fierz wohl heute noch im Amt. Und alle Bürger würden glauben, ihr Chefbeamter habe die Amtsgeheimnisverletzung allein begangen.

Bei Glaubensgemeinschaften soll das Prinzip der Auseinandersetzung und Aufklärung aber nicht gelten? Warum eigentlich? Geniessen Glaubensgemeinschaften besondere Privilegien? Kommt hinzu, dass ich weit und breit der einzige Journalist bin, der sich intensiv mit vereinnahmenden Gruppen auseinandersetzt. Doch gerade bei Glaubensgemeinschaften wäre eine unabhängige Berichterstattung besonders wichtig. Denn viele von ihnen schleichen auf Samtpfoten daher, wenn sie neue Mitglieder missionieren. Und sie erlauben Aussenstehenden selten einen freien Einblick in ihre Gemeinschaft. Der „Konsument“ weiss in der Regel nicht, was er “kauft”, weil alle Glaubensgemeinschaften nur die schöne Fassade präsentieren. Und Konsumentenschutz gibt es in diesem Bereich schon gar nicht
.
Und: Warum reagieren viele vereinnahmende Glaubensgemeinschaften so heftig, wenn ich einmal einen etwas kritischen Artikel über sie schreibe? Die Reaktionen sind auf jeden Fall viel ausgeprägter, als wenn wir im Tages-Anzeiger die katholische Kirche kritisieren. Das Bewusstsein für weltliche Rechte wie Presse- und Meinungsfreiheit scheint bei vielen Glaubensgemeinschaften nicht sehr ausgeprägt zu sein.

Noch ein Gedanke: Es gibt rund 1000 vereinnahmende Bewegungen in der Schweiz, die auf vielen Kanälen Werbung für sich betreiben. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, auch wenn ich mir manchmal wünsche, die Selbstdarstellungen würden etwas realitätsnaher ausfallen. Gegen diese Flut von missionarisch genutzter Propaganda sind meine gelegentlichen Artikel ein leiser Ton, der meist von einem riesigen Orchester übertönt wird. Deshalb frage ich: Verträgt es da nicht eine warnende Stimme? Ich verlange von niemandem, dass er meine Einschätzungen teilt. Aber ich finde es in einer Demokratie wichtig, dass man auch hinter die Fassade von Glaubensgemeinschaften guckt. Und das Kind auch beim Namen nennt.

Ich und meine Identität

Hugo Stamm am Donnerstag den 29. Juni 2006

Den nachfolgenden Text hat Logos als Kommentar auf den Beitrag “Warum gibt es Sekten?” geschrieben. Damit eröffnet Logos eine neue wichtige Diskussionsebene. Deshalb benutze ich seinen Text als neuen Beitrag. Und bedanke mich bei Logos.

Hugo Stamm

Logos: Für alle die glauben, dass das Selbst, die Seele, unser Bewusstsein vom Gehirn unabhängig existieren, oder dass wir doch wenigstens ein zu lokalisierendes „Ich“ , mit all den persönlichen Charaktereigenschaften, Neigungen und Begabungen besitzen, führe ich untenstehend ein paar Beispiele aus der neurologischen Fachliteratur auf, die zum Nachdenken animieren sollen.

Der 51 Jährige britische Bauarbeiter T.M., Ex-Sträfling wegen Gewaltdelikten, erlitt eine kleine Hirnblutung. 2 Wochen nach der Notoperation begann der einst jähzornige, aggressive Schläger plötzlich seine Notizbücher mit Gedichten und Versen zu füllen, wenig später begann er zu zeichnen. Früher waren Tattoos auf den Oberarmen sein einziger Zugang zur bildenden Kunst gewesen. Aus ihm wurde ein erfolgreicher, feinfühlender Künstler, der 10 Stunden am Tag malt, knetet und schreibt.

Was bedeutet das eigentlich für unser Selbstverständnis als Menschen, wenn eine minimale Verletzung im Gehirn eine Persönlichkeit komplett umzustülpen vermag?

Ein Fall von der Uni Zürich: Ein gut erzogener Junge wurde nach einer Hirntumoroperation zum zwanghaften Ladendieb.

Oder das Gourmand-Syndrom: Patienten, mit einem Hirntumor, einem epileptischen Anfall, oder sonstigen hirnorganischen Schäden in der rechten vorderen Gehirnhälfte, entwickelten unmittelbar eine lodernde und andauernde Leidenschaft für Feinschmeckeressen, auch wenn sie bis anhin der Pizza- und Burger-Fraktion angehörten. Aus einem Journalisten, dem dies passierte, wurde ein berühmter Restaurantkritiker,

Welches ist das wahre Ich? Wo ist unser harter Kern, der die Persönlichkeit beherbergt?

Typisch und relativ häufig ist bei Rechtshändern die Verleugnung der linken Körperhälfte nach einem Schlaganfall. Danach ist die linke Körperhälfte vollständig gelähmt. Das interessante dabei ist, dass Patienten ihre Behinderung häufig bestreiten. Die sogenannten Neglect-Patienten ignorieren schlicht eine Hälfte der Welt! Sollen sie zB. Das Ziffernblatt einer Uhr zeichnen, endet der Tag um 6 Uhr abends. Wenn sie essen, verspeisen sie nur die rechte Hälfte des Tellers und Menschen, die an der linken Seite ihres Krankenbetts sitzen, nehmen sie nicht wahr.

Entfremdete Körperteile. Nach einem Schlaganfall werden Körperteile als Fremdkörper angesehen. Diese führen dann ein Eigenleben. Da will eine Patientin mit ihrer rechten Hand die Türe öffnen. Die Linke stösst diese dann unmittelbar danach wieder zu. Bei einem anderen Patienten griff die linke Hand bei jeder Gelegenheit nach seinem Genick und wollte ihn erwürgen. Ein anderer Patient schoss sich in das linke Bein, dass es amputiert werden musste. Nach der Amputation äusserte er sich sehr zufrieden, da ihm dieser Fremdkörper schon lange ein Dorn im Auge war.

Oder da sind die Cotard-Patienten: Einer behauptet, ein Leichnam zu sein, der bereits stinkt und verrottet. Er bittet, endlich begraben zu werden. Andere behaupten sogar, gar nicht zu existieren.

Da wären noch die Fälle der multiplen Persönlichkeitsstörung: Diese entwickelt sich meistens aus traumatischen Erfahrungen in der Kindheit, wie sexueller Missbrauch oder häusliche Gewalt. Die Patienten haben zwei (oder mehrere) voneinander unabhängige Persönlichkeiten entwickelt, von denen, je nach Bedarf, die Eine oder Andere zum Vorschein kommt.
Das Leben in der dritten Person: Diesen Patienten werden zunehmend schmerzhaft von der Welt abgeschnitten. Sie haben den Eindruck, ihr Innenleben von aussen zu beobachten und sich zunehmend vom Körperbewusstsein zu entfernen. Ein junger Patient rätselt über die körperlichen Grenzen des „Ich“ . Er grübele „über diesen flüssigen Übergang zwischen mir und der Welt: Er muss aus einer Mischung von Luftmolekülen, Schweisstropfen und winzigen Hautfetzchen bestehen.

Diese neurologischen „Schauergeschichten“ zeigen auf, dass unseren grössten Gewissheiten nicht zu trauen ist. Wir können uns selbst unserer eigenen Identität nicht sicher sein. Und wenn man Pech hat, hält man sich gleich für jemand ganz anderes, wie Patienten mit Intermetamorphose.

Der Mainzer Bewusstseinsphilosoph Thomas Metzinger stellt nüchtern fest: „Unsere Verletzlichkeit auf der Ebene des Geistes ist mir sehr deutlich geworden. Nur ein kleiner Hirnschlag und alles kann sich in vollkommene Verwirrung oder eine einzige Agonie verwandeln. Ohne eigene Schuld kann jedem von uns, auch jungen Menschen, jederzeit so etwas passieren, da kann man Verwandte nicht mehr als Verwandte erkennen, kriegt plötzlich Hassattacken oder Zwangsgedanken. Wir entdecken Tatsachen über uns selbst, die viele vielleicht gar nicht wahrhaben möchten.“

Wo ist hier unser harter Kern? Wo ist unsere Seele? Woraus besteht meine Persönlichkeit? Beschränkt sich das Ganze etwa nur auf Hirnfunktionen?

Gruss: Logos

Warum gibt es Sekten?

Hugo Stamm am Dienstag den 27. Juni 2006

Warum gibt es Sekten und vereinnahmende Gruppen?

Man könnte die Frage mit einer kurzen Antwort erledigen: Ohne Gurus gäbe es keine Sekten!

Das Phänomen ist natürlich komplexer. Es ist auf dem Religionsmarkt wie in der Wirtschaft: Angebot und Nachfrage bestimmen Kurs. Die Gurus, Religionsstifter, Visionäre, Heilsbringer, Propheten, Seher, Scharlatane, Sektengründer und Grübler wären einsame Verkünder, wenn es nicht ein Bedürfnis für ihre Botschaften gäbe. Also ein interessiertes Publikum.

Bleibt die Frage: Warum gibt es Gurus und Heilsverkünder?

Man dürfte erwarten, dass Heilsverkünder von Gott beseelt oder erleuchtet sind. Moralisch integere, selbstkritische Vorbilder, welche die Liebe leben, die sie predigen. Die sich einsetzen für Suchende, Schwache, religiös Interessierte.

Die Psychogramme der allermeisten Religionsstifter zeigen aber, dass diese Ideale Wunschtraum vieler Gläubigen sind und bleiben. Die Galerie der Gurus und Heilsbringer der letzten 100 Jahre gleicht eher einem Gruselkabinett als einer Parade vertrauenswürdiger Persönlichkeiten.

Es braucht keine Qualifikation, um Guru zu werden. Keine Ausbildung, kein Attest, kein psychiatrisches Gutachten. Jede und jeder kann es versuchen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Viel interessanter ist aber das Phänomen, dass noch so schräge Heilsverkünder mit unendlich einfältigen Heilsvorstellungen ein Publikum finden. Meine Erfahrung: Die Beeinflussbarkeit vieler Menschen scheint grenzenlos zu sein. Womit wir bei der Frage wären: Warum faszinieren Sekten? Dieses Phänomen möchte ich im nächsten Beitrag zur Diskussion stellen.

Zurück zu den Gurus.

Was motiviert sie, als Verkünder aufzutreten und Gläubige in ihren Bann zu ziehen?

Es gibt verschiedene Motivationen und Persönlichkeitsstrukturen.

Da sind einmal die Überzeugungstäter. Sie hatten eine Vision, eine Eingebung. Oder Gott gab ihnen angeblich im Schlaf den Auftrag, eine Glaubensgemeinschaft zu gründen. Sie dürfen – zumindest am Anfang – zu den Seriösen gezählt werden. Sie glauben an ihre Botschaften und gehen liebevoll mit ihren Gläubigen um. Die Erfahrung zeigt aber, dass viele von ihnen im Lauf der Jahre eine unvorteilhafte Entwicklung vollziehen. Sie haben beispielsweise nicht den Erfolg, den es braucht, um eine Wirkung zu erzielen und Anerkennung zu gewinnen. Oft helfen sie dem Schicksal nach und wollen die von Gott versprochene Breitenwirkung erzwingen. Oft werden sie autoritär und verkünden immer spektakulärere Botschaften, um Aufmerksamkeit zu erregen und Gläubige anzuziehen.

Ein klassisches Beispiel ist Jim Jones. Er war ein christlicher Pastor, der sich in den 1960er-Jahren in den USA vorbildlich den Schwarzen und Randständigen angenommen hat. Er hat aber seine Rolle als neuer Heilsverkünder schlecht verkraftet und sah sich bald als Nachfolger von Jesus. Kritik von aussen erschütterte sein Selbstvertrauen. Er verkraftete es nicht, dass er nicht von weiten Teilen der Gesellschaft als der neue Messias akzeptiert wurde. Er wurde vom Altruist zum Sadist und quälte seine Gläubigen. Mit rund 1000 Anhängern flüchtete er vor der angeblich von Gott abgefallenen Welt in den Urwald von Guyana. Als die Behörden Fragen stellten, erklärte er sich zum Märtyrer, verkündete die Endzeit und animierte seine Jünger zum Suizid. 1978 brachten sich über 900 um oder wurden umgebracht – vor allem die vielen Kinder. Die Erfahrungen zeigen, dass nur wenige Heilsverkünder ihre Rolle als Guru, Heilsbringer oder Gottes Stellvertreter psychisch verkraften.

Viele Gurus starten mit der Zeit durch, weil die permanente Verehrung und Verherrlichung durch die Anhänger auf ihr Bewusstsein und ihr Verhalten abfärben. Die Demut schlägt in Überheblichkeit um. Solche Gurus werden mit der Zeit Zyniker, oft Despoten, manchmal Sadisten.

Viele Heilsverkünder leiden unter einem schwach ausgebildeten Selbstwertgefühl oder unter psychischen Problemen. In der Rolle der Heilsverkünder richten sie sich in ihrer Scheinwelt ein und sublimieren ihre psychischen Auffälligkeiten auf dem Buckel der Anhänger. Es ist eine Tatsache, dass psychisch ausgeglichene Personen ganz selten auf die Idee kommen, eine Glaubensgemeinschaft zu gründen. In Wirklichkeit gründen viele Gurus aus einer psychischen Not heraus eine Gruppe. Sie sind gespalten und leiden unter Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen.

Bei vielen Gurus spielt die Lust an der Macht eine zentrale Rolle. Nichts kann das Machtbedürfnis besser befriedigen als der Griff nach der Seele der Gläubigen. Es gibt zum Beispiel rhetorisch geschickte Automechaniker, die vom Heiler zum Guru aufsteigen und die Werkstatt mit dem Ashram vertauschen. Statt vom Chef herumkommandiert zu werden, sitzen ihnen plötzlich junge, hübsche Anhängerinnen zu Füssen. Ein kometenhafter Aufstieg, zumal sich das Einkommen oft vervielfacht.

Sehr weltlich reagieren auch viele indische Gurus, die eine grosse Anhängerschaft von westlichen Devotees um sich scharen. Ich kenne viele Beispiele von sexuellen Übergriffen auf junge Frauen. Selbst 80-jährige Greise sind nicht davor gefeit.

Stellt sich die Frage: Gibt es auch seriöse Gurus? Durchaus, aber sie sind leider sehr, sehr selten. Oder sie wandeln sich mit der Zeit vom Seriösen zum Besessenen. Sicher ist nur: Es ist psychisch sehr schwer zu verkraften, Verkünder der allein selig machenden Heilslehre zu sein. Man überwindet dabei meist die menschlichen Grenzen und steigt in eine höhere Sphäre auf. So werden aus Gurus nur allzu oft Übermenschen.

Ich glaube, also weiss ich

Hugo Stamm am Freitag den 23. Juni 2006

Theoretisch sind wir uns alle einig: Bei metaphysischen Fragen geht es um den Glauben. Die Domäne der Religionsgemeinschaften ist ebenfalls der Glaube. Und wir alle wissen: Glauben ist nicht Wissen.

In der Praxis sieht es aber ganz anders aus: Die allermeisten Glaubensgemeinschaften erheben den Anspruch, die allein selig machende Wahrheit gefunden zu haben.

Wenn alle Glaubensgemeinschaften sich bewusst wären, dass ihre Heilslehre auf dem Glauben beruht, wären sie wohl ein bisschen zurückhaltender, bescheidener und toleranter.

Wir sind uns vermutlich auch einig, dass Spiritualität und Glauben für viele Menschen eine wichtige Stütze sind und Sinn stiften. Sie sind ein Gegengewicht zum Alltag, der vom rationalen Denken bestimmt ist – oder sein sollte. Deshalb sind Fragen nach dem Glauben durchaus wichtig und sinnvoll.

Eklatant ist aber die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei Glaubensgemeinschaften. Alle verkünden Frieden und Nächstenliebe. Sie schwingen sich zur moralischen Instanz auf. Trotzdem sorgen Glaubensgemeinschaften und Gläubige weltweit für Konflikte, die oft in Kriege ausarten.

Die Ursache liegt zu einem grossen Teil eben darin, dass Glaubensgemeinschaften glauben, die metaphysische Wahrheit zu besitzen. Der Absolutheitsanspruch wird zur Falle. Er kann zu radikalem Denken und letztlich zu kollektivem Fanatismus führen. Und dem einzelnen Gläubigen drohen Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen. Diese können eine Spaltung des Bewusstseins und Wahnvorstellungen bewirken.

Wenn also – wie auch in diesem Blog mehrfach geäussert worden ist – viele sagen, mir ist egal, was jemand glaubt, Hauptsache er lässt mich in Ruhe -, dann ist das kurzsichtig. Es könnte nämlich sein, dass jemand in seinem religiösen Wahn mit einem Messer wahllos auf Passanten einsticht. Oder eine Bombe zündet. Was alles schon passiert ist. Und es sollte uns auch nicht gleichgültig sein, wenn fanatische Glaubensgemeinschaften versuchen, labile Menschen zu beeinflussen.

Auch das Schicksal von irre geleiteten Gläubigen sollte uns nicht gleichgültig sein. Erstens hat niemand die Qual einer Neurose oder Psychose verdient, und zweitens werden solche Opfer von fundamentalistischen Religionsgemeinschaften für die Allgemeinheit teuer. Sie fallen aus dem Arbeitsprozess, müssen in psychiatrischen Kliniken behandelt und am Schluss von der IV oder der Fürsorge unterstützt werden.

All dies liesse sich verhindern, wenn sich die Glaubensgemeinschaften bewusst wären, dass sie alle nur daran glauben können, was sie verkünden. Und wenn sie sich eingestehen würden, dass die metaphysische Realität vielleicht ganz anders aussieht, als sie glauben. Dann würden sie eben bescheidener auftreten und vorsichtiger missionieren.

Aber es ist eben eine Krux mit dem Glauben: Viele Gläubige verleugnen seinen eigentlichen Kern und interpretieren ihn zur Wahrheit um. Damit sie endlich auf sicher haben, was sie „nur“ glauben sollten. Bei ihnen hat der Glaube vor allem mit dem Diesseits zu tun: er soll die Existenzängste nehmen. Doch damit biegt man den Glauben für persönliche Bedürfnisse zurecht.

Kampf dem Fanatismus

Hugo Stamm am Sonntag den 4. Juni 2006

Religion, Spiritualität und Glauben sind seit Jahrhunderten brisante Konfliktfelder. Es gibt wohl keinen anderen Lebensbereich, der so viele Emotionen zu wecken vermag. Und es gibt keine stärkere menschliche Energie als den religiösen Wahn. Und leider ist die Grenze zwischen gesunder Spiritualität und wahnhafter Besessenheit fliessend, der Grat oft schmal.

In keinem andern Lebensbereich sind wir anfälliger, gerät das seelische Gleichgewicht so schnell ins Wanken. Immerhin geht es um die Frage nach dem Sein, dem Lebensinhalt, der Transzendenz, der Metaphysik, also der Zukunft schlechthin.

Zu allem Elend kommt hinzu, dass es in Glaubensfragen keine Kompromisse gibt. Entweder ist eine Heilskonzept wahr – oder kreuzfalsch. Entweder ist ein Prophet der Gesandte Gottes – oder ein Scharlatan. Entweder beten wir den richtigen Gott an – oder eben ein Phantom.

Ausserdem enthält der Absolutheitsanspruch weiteres Konfliktpotenzial. In allen anderen Lebensbereichen sind wir auf Kompromisse, Verhandlungen, Diskurse angewiesen. Seelisches Wohl gibt es sonst nur bei Ausgleich, Toleranz, Verständnis, Kompromissbereitschaft.

Als weitere Krux kommt der Missionsdrang hinzu. Es liegt im Wesen von Religionsgemeinschaften, ihre religiöse „Wahrheit“ – über eine Million Glaubensgemeinschaften erheben den Anspruch darauf – der ganzen Menschheit angedeihen zu lassen. Der angebliche Missionsauftrag führte schon zu unzähligen Kriegen und internationalen Konflikten. Hunderttausende mussten deswegen ihr Leben lassen. Der aktuelle Fundamentalismus – von den Islamisten bis zu den christlichen Fundis – ist Ausdruck davon. Führte im letzten Jahrhundert der ideologische Streit zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu den grössten internationalen Spannungen, birgt heute der Konflikt zwischen der westlichen und der arabisch-islamischen Welt das grösste Gefahrenpotenzial. Die internationalen Spannungen enthalten heute also ein starkes religiöses Moment. Und wenn religiöse Aspekte in der Politik eine wichtige Rolle spielen, wird es noch ungemütlicher.

Der Absolutheitsanspruch in Glaubensfragen belastet das menschliche Bewusstsein stark. Deshalb ist die Gefahr der Manipulation, Radikalisierung und Fanatisierung sehr gross. Und deshalb sind Diskussionen, wie sie in diesem Blog geführt werden, sehr wichtig. Nur durch Diskurse und Erkenntnisse werden die Gefahren der religiösen Verblendung bewusst. Nur so wird den religiösen Eiferern vielleicht klar, dass es besonders in religiösen Fragen Toleranz braucht, um ein Zusammenleben menschlich gestalten zu können. Wenn ich beispielsweise an die islamistischen Hassprediger denke, wünschte ich mir manchmal, man könnte das Missionieren grundsätzlich verbieten. Obwohl ich eigentlich Verbote gar nicht schätze…