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Ist Gott tot?

Hugo Stamm am Sonntag den 15. Oktober 2006

Nachdem wir uns beim Thema Kreationismus versus Evolutionstheorie so richtig warmgelaufen haben und schon fast zur Höchstform aufgelaufen sind, wollen wir nun das Meisterstück schmieden.

Bisher haben wir den monumentalen Diskussionskomplex mehrfach umkreist, ohne ins Zentrum vorzustossen. Doch nun ist die Schonzeit vorbei, weshalb ich die ultimative Frage stelle: Wer oder was ist GOTT? Wie stellen wir uns diesen Gott vor? Oder gibt es ihn überhaupt?

Zuerst ein kurzer Blick in die Entwicklung der Gottesbilder: Heute sind Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften der Feind aller Götter. Früher, als die Menschen noch in Höhlen hausten, beteten sie Mond und Sonne an. Es folgte der Animismus mit Geistern und Göttern, bis dann die Buchreligionen den Monotheismus mit einem personalen Gott schufen.

Über Jahrhunderte war die Vorstellung vom lebendigen, lieben Gott in der jüdischen, arabischen und christlichen Welt der unbestrittene und zentrale Glaubensinhalt. Wer es im Mittelalter in der christlichen Welt wagte, die Existenz Gottes in Zweifel zu ziehen, musste damit rechnen, auf dem Scheiterhaufen zu landen. Und da die „gewöhnlichen“ Gläubigen die Bibel nicht lesen durften und kaum gebildet waren, blieb ihnen keine Wahl, als den Worten des schulisch gebildeten Klerus Glauben zu schenken.

Doch dann kam die Demokratisierung der Bildung und in Ansätzen die politische Emanzipation der Bevölkerung. Die geistige Freiheit des Individuum führte zu ungeahnten Entwicklungen. Gleichzeitig machten uns Philosophen und Naturwissenschafter mit neuen spektakulären Erkenntnissen über den Aufbau der Welt und die Komplexität der Natur vertraut.

Plötzlich erschien der monotheistische Gott in einem neuen Licht. Einerseits war da die komplexe Struktur der Materie mit seinen Atomen und Molekülen und besonders das Wunder unseres Hirns. Auf der anderen Seite der liebe Gott im Himmel, der uns als Vaterfigur präsentiert wird. Und so klaffen die religiöse und die wissenschaftliche Welt weit auseinander.

Da Glaubenskonzepte unverrückbare Heilslehren sind, bleibt Gott trotz aller Erkenntnisse so, wie er uns in der Bibel vermittelt wird. Da können uns die Wissenschaften noch so viele Erkenntnisse servieren, die den christlichen Gott alt aussehen lassen. Unser Bewusstsein von der Welt verändert sich radikal, doch Gott bleibt Gott. Freie Geister sind indes nicht mehr bereit, die Diskrepanz zu akzeptieren. Deshalb sagen sie mit Friedrich Nietzsche: Gott ist tot.

Einfacher haben es die westlichen spirituellen Sucher, die mit fernöstlichen Heilsvorstellungen, vor allem dem Buddhismus, liebäugeln. Für sie, wie auch für die Theosophen und modernen Esoteriker, ist Gott eine Form von Energie. Wie alles im Kosmos. Allerdings eine spezielle Energie, eine universelle, die in einer besonderen Frequenz schwingen soll. Damit ist ihr Gott wandelbar. Er kann sich parallel zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen weiterentwickeln und muss sich auch nicht vor der Quantenphysik fürchten.

Doch: Was taugt ein Gott, der eigentlich keiner ist?

Und: Wie lange hält sich der christliche Gott, der aus wissenschaftlicher Perspektive quer in der Landschaft liegt?

Schöpfung muss kein Widerspruch zu Darwin sein

Hugo Stamm am Donnerstag den 12. Oktober 2006

Ich bin in einer alten SonntgsZeitung (16.4.06) auf interessantes Interview gestossen, das den Streit zwischen Kreationisten und Vertretern der Evolutionstheorie aus einer neuen Perspektive beleuchtet. Der Journalist Max Rauner hat den päpstlichen Astronomen George V. Coyne über Glauben und Wissenschaften befragt. Der Jesuit und Wissenschafter vertritt den Standpunkt, dass Urknall und Schöpfungslehre kein Widerspruch sein müssen.

Coyne kann den Spagat aber nicht ohne Abstriche bei der Genesis machen. Die Schöpfungsgeschichte ist für ihn eine Metapher. Dabei wagt er es, einen offenkundigen Widerspruch mit klaren Worten zu benennen. Die biblische Beschreibung von der Schaffung des Menschen bezeichnet Coyne als eine wunderschöne Geschichte, aber keine Wissenschaft. Die Bibel sei zwischen 2000 v. Chr. und 200 n. Chr. von vielen Autoren aus unterschiedlichen Kulturen geschrieben worden. Coyne wörtlich: “Sie enthält eine Menge Wahrheiten, aber keine wissenschaftliche Wahrheit. Am ersten Tag machte Gott das Licht, und am vierten Tag schuf er die Sonne und die Sterne. Nur, mit Verlaub, wo zum Teufel kam am ersten Tag das Licht her, wissenschaftlich gesprochen?”

Auf die Frage, ob es sich dabei vielleicht um das Echo des Urknalls (Hintergrundstrahlung) gehandelt haben könnte, reagiert Coyne ähnlich unwirsch: “Das ist absurd. Die Hintergrundstrahlung wurde in den Sechzigerjahren entdeckt, ein Autor der Genesis konnte das nicht voraussehen.”

Trotz dieser wissenschaftlichen Skepsis gegenüber der Genesis, verbannt Coyne die Bibel nicht ins Reich der Märchen und Legenden. Auf die Frage, ob Gott ausserhalb des Universums sei, antwortet Coyne: „Sowohl ausserhalb als auch innerhalb. Er wirkt im Universum durch seinen Geist. Gott ist ewig, was immer das heisst. Wir haben Schwierigkeiten mit dem Begriff der Ewigkeit, weil wir in der Zeit leben. Deshalb können wir uns auch nicht vorstellen, dass Zeit und Raum erst im Urknall ihren Anfang nahmen. Es gibt kein «vor dem Urknall».

Hat Gott den Urknall geschaffen?
Ja. Aber das war kein singulärer Akt, sondern es ist eine kontinuierliche Schöpfung. Aber das ist ein Glaubensbekenntnis, keine Wissenschaft. Der Urknall benötigt nicht unbedingt einen Gott.

Stephen Hawking sagte: Wenn es keinen Anfang gab, gibt es auch keinen Platz für Gott.
Falsch. Gott ist keine Randbedingung des Universums. Man kann die Existenz Gottes nicht mit Hilfe der Quantenphysik widerlegen – noch kann man sie beweisen. Die Wissenschaft ist gegenüber religiösen, philosophischen und theologischen Schlussfolgerungen absolut neutral.

Fühlen Sie sich als katholischer Astronom und forschender Katholik innerlich zerrissen?
Jeden Morgen wache ich auf und zweifle. Eins ist sicher: Wir werden nie die richtige Vorstellung von Gott und seiner Beziehung zum Universum haben, wenn wir nicht das Universum, so gut es geht, wissenschaftlich erforschen.

Ist Darwin ein Feind der Bibel?

Hugo Stamm am Samstag den 7. Oktober 2006

Fromme Christen haben weltweit ein neues Kampffeld entdeckt. Mit allen nur erdenklichen Waffen ziehen sie gegen Charles Darwin, den Erfinder der Evolutionstheorie, in den Krieg. Der begnadete Forscher, der seit über 100 Jahren den wohlverdienten Ruhestand im Himmel genossen hat, bekommt die aktuellen terrestrischen Erschütterungen heftig zu spüren.

Was ist passiert? Die Frommen haben entdeckt, dass Darwin eine Gefahr für die Bibel ist. Denn der Begründer der Evolutionstheorie behauptet keck, der Mensch stamme vom Affen ab. Dabei steht doch in der Bibel unmissverständlich geschrieben, dass Gott Adam und Eva vor 4000 oder 6000 Jahren geschaffen hat. (Wobei Eva aus der Rippe Adams entstanden ist.)

Seit die frommen Christen und Freikirchler in den USA zum Sturm auf den armen Darwin geblasen haben, geraten Universitäten und Schulen unter Druck. Die militanten Verteidiger der Bibel möchten Darwin aus den Schulbüchern verbannen. Es gibt sogar Bestrebungen, auf Gesetzesebene gegen den Erfinder der Evolutionslehre und seine „blinden Gefolgsleute“ wie Wissenschafter, Gelehrte und Lehrer vorzugehen. Die Frommen in den USA sind mit ihrer PR-Kampagne so erfolgreich, dass heute 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung glauben, es gebe die Erde erst seit ein paar tausend Jahren. Schliesslich könne die Bibel nicht lügen.

Da selbst die frommen Christen Skrupel haben, Darwin gegen die Bibel auszuspielen, greifen sie zu einem PR-Trick. Sie lassen bei ihrer „Aufklärungsarbeit“ ihr heiliges Buch anfänglich aus dem Spiel und nennen die biblische Schöpfungslehre oder den Kreationismus Intelligent-Design-Theorie. Was heissen soll: Ein intelligentes Wesen muss das Wunder Erde und das noch grössere Wunder Mensch kreiert haben. So etwas Phantastisches kann nicht durch banale Zufälligkeiten auf der Zellebene entstanden sein, glauben sie. Um den Wissenschaftern nicht Gott als Gegenpol zum Darwinismus entgegenhalten zu müssen, sprechen sie „neutral“ von einem intelligenten Designer.

Wie fast alles, was in den USA Erfolg hat, schwappt auch die Theorie vom intelligenten Design nach Europa und in die Schweiz. Bei uns bemüht sich neben den Freikirchen vor allem der Verein Pro Genesis, Darwin gegen die Wand zu fahren. Pro Genesis will eine Arche Noah bauen und in einer Art biblischem Disneyland zeigen, wie Gott den Menschen und die Tiere erschaffen hat.

Es gibt auf der Welt kaum einen ernst zu nehmenden Wissenschafter, der an der Evolutionstheorie zweifelt. Man kennt zwar noch nicht alle Tricks und Geheimnisse der Natur und etliche Fragen sind noch offen, doch das Darwinsche Grundprinzip hat sie bewährt. Das kümmert die Frommen nicht, es auf der wissenschaftlichen Ebene mit den Gelehrten aufzunehmen. Sie wollen mit den Waffen der Wissenschafter beweisen, dass die Bibel nicht irrt und der intelligente Designer die Erde vor 6000 Jahren in sechs Tagen geschaffen hat.

Nun ist es durchaus so, dass sich auch Wissenschafter irren können. Es kann mal eine Null auf der Strecke bleiben, oder zuviel angehängt werden. Doch die Kreationisten liegen mit ihrem intelligenten Design Lichtjahre von den Zahlen der Wissenschafter entfernt. Die Geologen, Paläontologen, Biologen usw. sind sich nämlich einig, dass die Erde vor etwa 4,5 Milliarden Jahren entstanden ist. Und dass das Leben auf unserem Planeten seit mindestens 2,5 Milliarden existiert. (Während zwei Milliarden Jahren gab es nur Mikroorganismen.) Fazit: Einer muss sich gründlich irren. Entweder der intelligente Designer oder die Wissenschafter.

Die Frommen und Kreationisten haben natürlich auch Wissenschafter auf ihrer Seite. Diese schreiben fleissig Bücher, in denen sie mit wissenschaftlichen Argumenten belegen wollen, dass die Lehre Darwins nicht stimmen kann. Das Problem ist nur, dass sie vor allem als Gläubige nach wissenschaftlichen Erkenntnissen suchen. Sie spüren im riesigen Patchwork der Evolutionstheorie jene blinden Flecken auf, die noch der Erkenntnis harren. Diese Schwachstellen beschreiben sie akribisch. Dabei lassen sie bei ihrer „Forschung“ die vielen, vielen Puzzleteile aus, welche Darwin bestätigen.

So umschiffen sie die Haupterkenntnis der ernsthaften Wissenschafter. Die erklären, dass alle lebenden Organismen auf unserer Erde Gemeinsamkeiten aufweisen, die ohne den Evolutionsgedanken nur sehr schwer zu erklären wären. Dazu gehören die universelle Verbreitung des genetischen Codes und der identische Energiestoffwechsel. Auch der Energiehaushalt der Zellen bei Tieren und Pflanzen ist aus einer früheren Evolutionsstufe der Bakterien hervorgegangen. Das ist nur möglich, wenn es eine kontinuierliche Entwicklung von den Einzellern bis zu den Primaten gegeben hat.

Und so fragt man sich, ob denn die Frommen nicht besseres zu tun haben, als viel Geld und Geist für den Kampf gegen die Evolutionstheorie zu verwenden. In Wirklichkeit geht es ihnen um alles oder nichts: Würde die Bibel der wissenschaftlichen Überprüfung nicht Stand halten, könnte ihr ganzes Heilskonzept zusammenkrachen. Und der Himmel würde auf die Erde stürzen.

Schattenboxen der Glaubensgemeinschaften

Hugo Stamm am Samstag den 30. September 2006

Der Papst empfängt Vertreter muslimischer Gemeinschaften, 28’000 Christen – vor allem Fromme aus Freikirchen – beten in diesen Tagen schweizweit zum Fastenmonat Ramadan für Muslime. Sind das Zeichen der Hoffnung? Kommt die Verständigung unter den Religionsgemeinschaften voran? Dürfen wir vom Religionsfrieden träumen?

Ich bin sehr skeptisch.

Das Hauptproblem, weshalb ein Dialog unter Gläubigen und Glaubensgemeinschaften so schwierig ist, liegt am Absolutheitsanspruch, den alle Heilslehren beanspruchen. Gläubige sind überzeugt, in ihrer Glaubensgemeinschaft die absolute spirituelle oder religiöse Wahrheit gefunden zu haben. (Das gehört zum Wesen von Heilslehren und Dogmen.) Ihre “Wahrheit” ist nicht teilbar.
Ein echter Dialog oder Diskurs setzt aber voraus, dass man offen ist für die Argumente des Gesprächspartners. Dass man sie möglichst vorurteilslos prüft. Dass man bereit ist, die eigenen Ansichten zu überdenken. Und dass man plausible Aussagen in sein eigenes Weltbild zu integrieren bereit ist. Ohne diese Bereitschaft bleibt jede Diskussion an der Oberfläche stecken.

Doch diese Bereitschaft bringen strenggläubige Personen nicht auf. Sie verschanzen sich hinter ihrer Heilslehre und betrachten fremde Glaubensvorstellungen zum vornherein als Irrlehre. Statt wirklich zuzuhören, suchen sie beim Gesprächspartner intuitiv Widersprüche. Sie beobachten andere Glaubensgemeinschaften ängstlich aus ihrer Froschperspektive. Seit 30 Jahren diskutiere ich mit Vertretern verschiedener Glaubensgemeinschaften. Noch nie hat sich etwas bewegt. Kritische Argumente prallen an einer unsichtbaren Wand ab. Die Angst, verunsichert zu werden und Glaubenszweifel zu bekommen, führt zu einer heftigen Abwehrreaktion.

Der Dialog unter Religionen ist eine Interaktion auf einer menschlichen Ebene, beim Inhalt der Diskussion geht es aber um eine göttliche Dimension. Diese beiden Sphären liegen weit auseinander und lassen sich nur schwer verbinden. Das führt zwangsläufig zu einem Schattenboxen. Die Vertreter dogmatischer Religionsgemeinschaften können sich zwar auf der menschlichen Ebene verbrüdern, sich respektieren, sich sogar richtig mögen.

In der Sachdiskussion – und nur hier lassen sich Vorurteile und Ressentiments nachhaltig abbauen – gibt es keine Kompromisse. Jesus bleibt Jesus, Mohammed bleibt Mohammed. Die beiden Religionsstifter sind absolut sakrosankt. Auch wenn sich Christentum und Islam auf Abraham berufen: Eine gegenseitige Akzeptanz der Dogmen ist nicht möglich. Nicht einmal eine sachliche Verständigung. Jesus ist der Sohn Gottes, der die unteilbare göttliche Wahrheit verkündet. Mohammed ist der Prophet Allahs und erhebt den gleichen Anspruch für sich.

Wenn die beiden Weltreligionen auf der religiösen Ebene nicht aufeinander zugehen können, sollten sie sich auf der menschlichen annähern, also respektieren. Doch ein weiteres religiöses Gebot behindert die erforderte Toleranz: Der Auftrag des Missionierens. Der von Gott geforderte Kampf um die Seelen führt zur Vergiftung des Klimas. Die reformierte Kirche hält sich zwar vornehm zurück, die katholische Kirche kommt dem Auftrag aber immer noch nach. Und die Freikirchen missionieren unvermindert aggressiv. (Die charismatischen Glaubensgemeinschaften wachsen weltweit am schnellsten – schneller als der Islam.) Die Frommen aus den Freikirchen geben denn auch offen zu, dass sie mit der aktuellen Gebetsaktion auch Muslime zu Jesus führen wollen.

Unter diesen Vorzeichen kann ein Religionsfriede bestenfalls bei scheinheiligen Treffen der Würdenträger zelebriert werden. Der wahre Geist kommt aber in den Entwicklungsländern in Südamerika, Afrika und Asien zum Vorschein. Und dort herrscht der religiöse Eifer der Fundamentalisten und verblendeten Seelenfänger, die sich im Glauben an ihren göttlichen Auftrag keine Zurückhaltung auferlegen. Das trifft auf die Christen genau so zu wie auf die radikalen Muslime.

Glück und Sinn dank Glaube?

Hugo Stamm am Montag den 25. September 2006

Wo liegt der Sinn des Lebens? Die Frage provoziert unterschiedliche Reaktionen. Wichtige Ingredienzien für den Lebenssinn sind für viele Menschen der persönliche Glaube und das soziale Umfeld. Die Antworten auf die Frage fallen naturgemäss individuell und entsprechend unterschiedlich aus.

Fragt man nach dem Lebensziel, werden sich die Antworten eher gleichen. Viele werden sagen, sie strebten ein glückliches Leben an.

Bei Gläubigen können sich Lebenssinn und Lebensziel decken. Der Glaube kann Sinn stiftend sein und zum Ziel allen Strebens werden. Ist das nicht ein Idealfall?

Anders herum: Sind Agnostiker oder Atheisten dazu verdammt, vergeblich nach Sinn und Glück zu suchen?

Für fromme und strenggläubige Menschen ist ein Dasein ohne tiefen Glauben ein sinnloses Leben. Und ein Leben ohne Sinn kann für sie nie ein glückliches Leben werden.

Ungläubige müssen ihr Glück aus irdischen Sphären tanken. Ist das ein oberflächliches Glück?

Offenkundig ist, dass Glauben allein nicht glücklich macht. Sonst würde wohl niemand Gott oder sonst eine transzendente Macht anzweifeln. Und wenn man die oft griesgrämigen oder verhärmten Zeugen Jehovas sieht, die ihr schweres Los von Haustür zu Haustür schleppen, kommen Zweifel auf, ob der Glaube ein wunderbarer Glückbringer ist. Aber auch in Gottesdiensten der katholischen oder reformierten Kirchen begegnen einem nicht nur zufriedene oder gar glückliche Gesichter.

Fromme aus Freikirchen werden einwenden, es brauche eben den richtigen Glauben, um glücklich zu werden. Dies sei nur mit der Wiedergeburt im Schoss der richtigen Gemeinde möglich.

Glauben ist nicht nur eine Befreiung von Angst und Sünde, sondern auch mit Lasten verbunden. Es ist ein Kampf gegen das angeblich Böse und die Versuchung. Es ist ein Kampf gegen Zweifel und Ängste, die hohen Anforderungen nicht erfüllen zu können und von Gott fallen gelassen zu werden.

Haben Agnostiker und Atheisten doch mehr Chancen, glücklich zu werden, weil sie unbeschwerter durchs Leben wandeln können? Oder hängt das Glück vielleicht nur von der Dosis an Hormonen ab, die der Körper ausschüttet? Das wäre dann „demokratisch“: Gläubige und Ungläubige hätten die gleichen Chancen, glücklich zu werden.

Der Papst und sein Mohammed

Hugo Stamm am Dienstag den 19. September 2006

Die Diskussion um die Aussagen von Papst Benedikt XVI. zieht immer weitere Kreise. Die Hoffnungen des deutschen Pontifex, der Kelch werde rasch an ihm vorbeiziehen, hat sich nicht erfüllt. Er hat eine Krise zwischen zwei Weltreligionen provoziert, die politische Dimensionen annimmt. Dies ist besonders gravierend, weil sie in eine Zeit politischer Spannungen zwischen islamischer Staaten und dem Westen fällt. (Naher Osten, Irak, Afghanistan, Iran usw.) Und weil der Glaubensstreit Terroristen neue Argumente liefert, Attentate zu verüben.

Wird Benedikt das Wort im Mund verdreht? Wird er falsch interpretiert? Oder war er „nur“ naiv? Nehmen die Islamisten seine Rede als Vorwand, den Keil zwischen der islamischen und der christlich-westlichen Welt tiefer zu treiben?

Entscheidend ist nicht das ominöse Zitat, entscheidend ist der Grundtenor der päpstlichen Vorlesung. Besonders aussagekräftig ist der Titel: „Glaube, Vernunft und Universität“. Der Grundtenor der Rede war eindeutig. Der Papst drückte in seiner gewundenen Akademikersprache aus, dass der christliche Glaube im Generellen und der katholische im Speziellen die einzige Heilslehre (universal) sei, die auf der Vernunft aufbaue oder vernunftbezogen sei. Dabei war er bei seinem Lieblingsthema, das er als früherer Glaubenshüter des Vatikans jahrelang beackert hatte: Die Vorrangstellung der katholischen Kirche zu zementieren. Und den Ausschliesslichkeitsanspruch zu markieren.

Dass Benedikt der XVI. dabei einen byzantinischen Kaiser als „Richter“ anrief, der vor urdenklicher Zeit erklärt hatte, Mohammed, habe «nur Schlechtes und Inhumanes» in die Welt gebracht, macht die Sache nicht besser. Er zitierte den Kaiser, weil er dessen Ansicht und Geisteshaltung teilt. (Der Vortrag handelte ja nicht von der Beziehung des Christentums zum Islam in byzantinischer Zeit.)

Man darf dem Papst sicher nicht unterstellen, er habe bewusst einen Konflikt provoziert. Und man muss den Islamisten entgegenhalten, dass sie völlig unverhältnismässig reagieren. Aber man muss Benedikt XVI. schon fragen, ob er denn nicht geahnt habe, was seine Rede in der islamischen Welt auslösen könnte. Schliesslich hat der Streit um die Karikaturen gezeigt, dass ein kleiner Funke das Pulverfass zum Explodieren bringen kann.

Wie konnte der Papst offenen Auges in diese gut sichtbare Falle tappen? Meines Erachtens wurde er Opfer seiner selbstherrlichen Überzeugung, der christliche Glaube sei allen anderen Heilslehren überlegen. Er hat als Ratzinger gesprochen und nicht als Papst. Als Ratzinger, der im Herzen immer noch der Hardliner und Ideologe ist.

Bei der ganzen Diskussion wurde ein Detail ausser Acht gelassen: Ist der katholische Glaube tatsächlich so vernunftbezogen, wie der Papst behauptet? Manche Dogmen lassen Zweifel aufkommen.

Endzeitfieber

Hugo Stamm am Freitag den 15. September 2006

Die Frage nach der Endzeit treibt alle Religionsgemeinschaften um. Die Terminierung der Apokalypse ist das zweite grosse metaphysische Geheimnis – neben der Frage nach dem Leben nach dem Tod. Beim Sterben geht es um das Schicksal des Einzelnen, bei der Endzeit um die Zukunft der Gattung Mensch. Und seines Planeten Erde.

Auffällig ist, dass die christlichen Glaubensgemeinschaften am stärksten im Endzeitfieber leben. Das Johannes-Evangelium mit seinen Schreckenszenarien kurbelt die Phantasie der Gläubigen an. Und so legitimieren viele Glaubensgemeinschaften ihre Existenz mit der Frage nach der Endzeit.
Die bekannteste Endzeitgruppe sind die Zeugen Jehovas. Der Amerikaner Charles Tazé Russell hat 1881 die Gemeinschaft gegründet, um die angeblich kurz bevorstehende Endzeit zu verkünden und die Leute aufzurütteln. Die Zeugen nannten sich Bibelforscher, weil sie glaubten, aus dem alten Testament den Zeitpunkt der Apokalypse erforschen zu können. (Es gibt zahlreiche unspezifische Hinweise.) Russell sagte den ersten Untergang für 1914 voraus. Trotz Pleite prophezeiten die Zeugen weitere Endzeitdaten. Sie hätten die Bibel falsch interpretiert, erklärten die „Propheten“ nach jeder Panne. Nun lassen sie sich nicht mehr auf die Äste hinaus und behaupten „nur“ noch, wir würden in der Endzeit leben. Das heisst: Die Zeugen Jehovas präparieren sich mental täglich neu für den Ernstfall, der schon morgen eintreffen könnte.

Ähnlich halten es viele Freikirchen. Sie nennen zwar keine konkreten Daten, mahnen die Gläubigen aber auch, permanent bereit für das letzte Gefecht gegen den Satan zu sein. Es gibt ganze Bibliotheken an Endzeitliteratur. Etliche dieser Bücher erreichen in den USA eine Millionenauflage.

Die drohende Endzeit wird von radikalen christlichen Fundamentalisten als Disziplinierungsinstrument benutzt. Ein Beispiel: Prediger warnen die Gläubigen im Gottesdienst vor dem Kinobesuch. Erstens diene das nur der Unterhaltung und sei Zeitverschwendung. Zweitens könnte eine erotische Szene gezeigt werden, welche die Phantasie beflügle. Das wäre eine Sünde. Und wenn zu diesem Zeitpunkt Jesus wiederkehren würde, wäre der Erregte verloren und würde nicht gerettet.

Die Mormonen haben ihr Endzeitprogramm gar im Namen verewigt: Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage.

Auch Fiat Lux ist eine klassische Endzeitgruppe. Gründerin Erika Bertschinger, besser bekannt als Uriella, ist fleissige Produzentin von Endzeitszenarien. Vor allem um die Jahrhundertwende hat sie Schreckensvisionen verbreitet, die nicht eingetroffen sind.

Die Endzeitvorstellung löst bei Frommen und Gläubigen oft grosse Ängste aus und beflügelt die Fantasie unheilvoll. Ausdruck davon sind die Massensuizide im Sektenumfeld. Die Sektenführer Jim Jones, David Koresh, Shoko Asahara (Aum), Jo Di Mambro (Sonnentempler), Marshall Applewihte usw. begründeten den Massensuizid ihren Gläubigen gegenüber mit der angeblich bevorstehenden Endzeit. Sie versprachen den Opfern die Erlösung.

Erstaunlich ist, dass all die falschen Propheten auch dann in Amt und „Würde“ bleiben, wenn sich ihre Prognosen als Flop erweisen. Die Erfahrung zeigt, dass selbst ein offensichtlicher Betrug nicht reicht, um den Gläubigen die Augen zu öffnen und sie aus der sektenhaften Verblendung zu befreien.

Nehmen wir Uriella als Beispiel. Sie interpretierte ihre Flops in eine Tugend um. Sie habe so lang und so intensiv zu Jesus gebetet, bis er die Endzeitszenarien verschoben habe. Nun hätten die Gläubigen von Fiat Lux mehr Zeit, weitere Seelen vor dem Untergang zu retten.

Immer sind die Kinder die Opfer

Hugo Stamm am Montag den 4. September 2006

Ferrarivernichter hat in seinem Kommentar einen interessanten Fall aufgegriffen, den ich aufnehmen und zur Diskussion stellen möchte. Es geht um eine christlich-fundamentalistische Hamburger Familie mit sechs Kindern. Die Eltern weigern sich seit Jahren, ihre Kinder in eine staatliche Schule zu schicken. Für radikale Fundamentalisten sind öffentliche Schulen das Aktionsfeld des Satans. Da werden die Schülerinnen und Schüler nicht explizit christlich erzogen, da ist alles viel zu säkular, Mädchen zeigen aufreizend ihre Bauchpartie, da hat es viele Muslime in der Klasse, und es wird Darwin mit seiner Evolutionstheorie gelehrt. Wo doch die Welt vor etwa 6000 Jahren von Gott in sechs Tagen erschaffen worden ist.

Nun sind die Eltern aus Deutschland geflüchtet. Unterschlupf hat die Familie in einem christlichen Freizeitheim am Wolfgangsee (Österreich) gefunden. “Ich habe der Familie ,Asyl’ gewährt, die wird ja durch ganz Europa gejagt”, sagt der 74-jährige Leiter des Heims, ebenfalls ein Frommer.

Die frommen Eltern hatten ihre Kinder bisher zu Hause unterrichtetet. Dagegen liefen die Schulbehörden seit langem Sturm. Nun hatten die Eltern Angst, die Behörden könnten ihnen das Sorgerecht entziehen. Der Vater war bereits eine Woche lang in Erzwingungshaft gesteckt worden.

Die Flucht an den Wolfgangsee verlief nicht problemlos. Der Motor des geborgten Wohnmobils gab den Geist auf. Die Unerstützung aus dem frommen Lager klappte aber problemlos. Die Familie erhielt rasch ein Ersatzauto, um die Reise fortzuführen.

Die Hamburger Eltern sind nicht Einzelkämpfer, sondern können auf die Unterstützung eines frommen Netzwerks zählen. Laut “Welt am Sonntag” ist der Widerstand der Familie gegen die Schulbehörde vielmehr Teil einer groß angelegten Strategie. Die Familie wird von der Anwältin Gabriele Eckermann vertreten. Deren Ehemann Armin sitzt dem Verein “Schulunterricht zu Hause” (schuzh) vor. Einem Verein, der zum “weltweiten Netz einer Glaubensbewegung” gehören soll, die sich “Homeschooling” nennt. Ziel des Vereins sei “offiziell die Förderung der Vermittlung schulischen Wissens in häuslicher privater Unterrichtung unter Zugrundelegung christlicher-biblischer Maßstäbe”.

Unter www.schuzh.de wird im Internet erklärt, wie das gehen soll. So heißt es auf die Frage “Warum Schulunterricht zu Hause?”: “Schulunterricht zu Hause ermöglicht Eltern, ihren Kindern eine ihren körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten entsprechende Bildung zu geben.” Und an anderer Stelle: “. . . die ständige Einbindung der Eltern ermöglicht höchste Lernqualität und -ergebnisse”.

Laut “Welt am Sonntag” wird die “Homeschooling-Bewegung” inzwischen auch von Sektenbeauftragten kritisch beobachtet. Zwar gebe es bislang nur rund 500 Familien bundesweit, die den Kampf gegen das staatliche Schulsystem aufgenommen hätten, doch der Zulauf, den obskure Sekten, Wunderheiler und Glaubensableger derzeit erführen, ließe die Experten aufhorchen.

Der Fall zeigt, wie machtlos Behörden gegen religiös verblendete Leute sind. Der Glaube ist für die Eltern wichtiger als das Wohl der Kinder. Sie lassen ihre Zöglinge weitgehend in der Isolation aufwachsen. Ausserdem zeigen die Vorfälle, dass es bei Sektenphänomenen fast immer unschuldige Opfer gibt.

Ich werde bei meiner Aufklärungsarbeit immer wieder gefragt, weshalb ich den Willen von Sektenanhängern nicht respektieren würde. Das tu ich sehr wohl. Doch ich weiss aus Erfahrung, dass immer auch Unbeteiligte betroffen sind. Driftet beispielsweise ein Elternteil in eine vereinnahmende Bewegung ab, kommt es fast immer zur Scheidung. Auch wenn die Beziehung der Partner gut war. Auch dann sind die Kinder die Hauptbetroffenen. Ausserdem leidet die ganze Familie (Grosseltern, Geschwister) mit, weil eben der Kontakt erschwert wird oder abbricht. Ganz abgesehen davon kann es einer Gesellschaft nicht egal sein, wenn sich Leute radikalisieren, fanatisieren, entfremden und versuchen, Unbeteiligte in solche zu locken oder ziehen.

Gott verehren und leiden

Hugo Stamm am Freitag den 25. August 2006

Ich habe meine bisherigen Beiträge thematisch einigermassen abgerundet und jeweils mehr oder weniger deutlich Stellung bezogen. Das führte dazu, dass ich damit vor allem zustimmende oder ablehnende Kommentare provozierte. Der Raum für eigene Betrachtungen und differenzierte Stellungnahmen wurde eingeschränkt. Deshalb möchte ich eine neue Form versuchen.

Konkret: Ich enthalte mich beim neuen Beitrag der Meinung. Ich beschreibe möglichst wertfrei ein paar Situationen und stelle Fragen. Vielleicht wird die Diskussion dadurch noch lebendiger und vielfältiger.

Das Thema: Anbetung, Leiden und Busse tun.

In den meisten Glaubensgemeinschaft ist die Verehrung Gottes, eines Propheten, Heilsverkünders oder Gurus ein zentraler Bestandteil des Glaubens. So werfen sich beispielsweise Gläubige vor ihrem fernöstlichen Meister nieder. Oder katholische Bischöfe legen sich vor dem Papst auf den Boden. Weiter: Zehntausende Devotees legen die Hände unter dem Kinn zusammen und verneigen sich vor dem indischen Guru Sai Baba, der sich als göttlich bezeichnet. Schon der Begriff Devotee enthält das Element der Verehrung. Diese ist die Vorstufe der Anbetung. Die Scientologen verehren ihren Gründer Hubbard, in dem sie – obwohl er vor über 20 Jahren verstorben ist – permanent in der Gegenwartsform von ihm sprechen und in jedem Zentrum ein Büro eingerichtet haben, das für ihn reserviert ist.

Eng damit verbunden ist das religiöse Ritual des Leistens von Busse und das Leiden. Pilger in Jerusalem geisseln sich am Karfreitag in Jerusalem und tragen ein Kreuz durch die Via Dolorosa. Katholiken kriechen auf den Knien über den grossen Platz von Lourdes. Eine Art von Busse ist auch der Abbau von karmischer Belastung im Hinduismus. Es ist verboten, den Aufstieg in eine höhere Kaste im aktuellen Leben zu vollziehen. Das Leiden muss auf sich genommen werden. Viele Religionsgemeinschaften kennen die Enthaltsamkeit in zahlreichen Formen: Von der Keuschheit über die Ehelosigkeit bis zu Askese.

Dient die Verehrung der Persönlichkeitsbildung? Fördert sie den Glauben? Macht sie die eigene Beschränkung und Begrenztheit bewusst? Bricht sie falschen Stolz? Hilft sie, über den spirituellen Führer Gott besser erfahren zu können? Bereitet sie die Erleuchtung oder Erlösung vor?

Helfen das Busse tun und das Leiden die Entlastung des Gewissens? Wirken Busse und Leiden befreiend? Fördern sie die Glaubenskraft? Oder festigen sie die Bindung zu Gott, dem Guru oder Propheten? Fördern sie neue Einsichten und religiöse Erfahrungen? Werden die Gläubigen geläutert?

Sexualität und Glauben

Hugo Stamm am Sonntag den 20. August 2006

Sexualität ist bei den meisten Glaubensgemeinschaften ein zentrales Thema. Das ist erstaunlich. Denn die Sexualität ist eigentlich etwas sehr Intimes und Individuelles. Und hat mit Glauben nicht allzu viel zu tun, müsste man meinen.

Ein paar wenige Beispiele sollen die Verstrickung von Glauben und Sexualität zeigen: Nonnen und Mönche der indischen Gurugemeinschaft Hare Krishna werden am Ende des Lebens nicht erlöst, wenn sie sich nicht enthaltsam leben. So jedenfalls hielt es der Gründer Swami Prabhupada fest. (Heute ist das Dogma etwas gelockert, weil die Bewegung wegen des Zölibats einen Anhängerschwund erlebte.)

Doch wir müssen nicht so weit gehen: In den katholischen Klöstern ist Enthaltsamkeit ein Gebot. (Auch wenn wohl die wenigsten dieses einhalten können.) Und der Zölibat der katholischen Pfarrer ist sprichwörtlich. Dass er eher ein Fluch als ein Segen ist, beweisen die Skandale. Und die vielen unehelichen Kinder.

Auch viele Freikirchen disziplinieren ihre Gläubigen über Verhaltensregeln. Sexualität vor der Ehe gilt als Sünde, Homosexualität ohnehin. Verschiedene charismatische Freikirchen bieten Seminare für Homosexuelle an, in denen sie „geheilt“ werden sollen. Diese erinnern fast schon an Umerziehungsprogramme. Der Grundtenor: Sexualität dient der Fortpflanzung und nicht der Lust. Doch damit wird sie zur Disziplinierung der Gläubigen missbraucht.

Selbst zahlreiche buddhistische Heilslehren und Klöster tun sich schwer mit der Sexualität. Viele Mönche und Nonnen sollten ebenfalls enthaltsam leben. Sie versuchen, die körperliche Sexualität spirituell zu kompensieren. Mit Hilfe der Meditation und geistigen Konzentration vollziehen sie einen geistigen Orgasmus, der ein Feuerwerk im Hirn auslösen und viel, viel länger anhalten soll als der sexuelle.

Viele esoterische und theosophische Gemeinschaften interpretieren die (körperliche) Sexualität als spirituelle Disziplin. Für sie ist die Sexualität eine übersinnliche Energie, die den geistigen Aufstieg fördern und die Erleuchtung begünstigen soll. Das führt oft zur Promiskuität und zur Unterdrückung der Frauen, die sich den Männern zur Verfügung halten müssen. Wer sich verweigert, gefährdet angeblich das Gruppenwohl und seine eigene spirituelle Entwicklung. Dass die „freie Liebe“ mehr mit Triebbefriedigung denn spiritueller Entwicklung zu tun hat, müsste eigentlich auf der Hand liegen. (Und mit Freiheit hat der Zwang zum Beischlaf ohnehin nichts zu tun.)

Ein eindrückliches Beispiel für spirituell verklärte Sexualität ist auch der schwere Missbrauch, den Lea Saskia Laasner hat über sich ergehen lassen müssen. Mit übersinnlichen Argumenten wurde sie von einem perversen Guru schon mit 13 Jahren geschändet. (Die Erfahrungen hat sie im Buch „Allein gegen die Seelenfänger“ festgehalten.)

Womit wir beim indischen Guru Bhagwan (später nannte er sich Osho) wären. Leas Guru und sein Medium waren ursprünglich Osho-Anhänger und haben sich später selbständig gemacht. Was sich früher in den Bhagwan-Kommunen abgespielt hat, ist menschenverachtend. Da wurden auch Kinder missbraucht. Die Bhagwan-Gruppen sind quasi die Brutstätten der spirituell verbrämten Sexualität. Über die vielen Bhagwan-Therapeuten, die sich später selbständig machten, griff die Unsitte auf andere Gruppen der Esoterik-Szene über. Ein endloses Tummelfeld für Männer, die auf der „freien Wildbahn“ vermeintlich zu kurz kamen.

Wer seine sexuellen Bedürfnisse verantwortungsvoll auslebt und respektvoll mit seinem Partner verkehrt, ist in der Regel eine ausgeglichene Persönlichkeit. Dazu braucht es einen hohen Grad an Emanzipation und Bewusstsein. Wer danach strebt, hat meist auch in andern Lebensbereichen klare Ansichten und versucht, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Kurz: Er verfügt über einen ausgesprochenen Freiheitsdrang. Dogmen und von aussen aufgedrängte Verhaltensregeln schränken seinen freien Geist ein, weshalb er kritisch auf Normen reagiert, die Glaubensgemeinschaften aufstellen.

Oder anders herum: Viele Glaubensgemeinschaften verfechten klare Wertvorstellungen bezüglich Sexualität, um die Gläubigen mental zu kontrollieren. Die selbst ernannten Propheten und Gurus wissen, dass Gläubige, die einen befreiten (und verantwortungsvollen) Umgang mit der eigenen Sexualität pflegen, an der geistigen Freiheit schnuppern. Und wer auf den Geschmack gekommen ist, will den Freiheitsgedanken auch auf andere Lebensbereiche ausweiten. Das heisst nicht, dass er deshalb nichts mit Glauben oder Spiritualität zu tun haben will. Aber er wird Glaubensgemeinschaften meiden, die ihm zu viele Regeln und Normen aufdrängen. Und die ihm dreinreden bis hin ins Bett.