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Wer glaubt, weiss nicht. Er glaubt

Hugo Stamm am Samstag den 6. Januar 2007

Ich reagiere bei dogmatischen Glaubenssystemen oder Heilslehren allergisch. Weshalb? Fehlt mir etwa das Glaubensgen? Bin ich ein „verkopfter“, zu sehr auf die Realität bezogener Mensch? Fehlt mir eine emotionale Ebene? Habe ich Angst, loszulassen und mich in die göttliche Dimension fallen zu lassen?

Solche Fragen stellen mir Vertreter von Glaubensgemeinschaften gern, die von sich behaupten, die „einzig wahre“ Heillehre zu vertreten. Und in ihrem triumphierenden Unterton schwingt unüberhörbar die Überzeugung mit, dass ich ein spiritueller Banause sei, der in seiner geistigen Beschränkung die Gottesdimension nicht erfassen könne. Ihr Mitleid springt mich jeweils förmlich an. Was für meine Kritiker den Vorteil hat, dass sie sich in ihrer engen religiösen Welt behaglich einrichten können. Gleichzeitig polieren manche auf meinem Buckel ihr Selbstwertgefühl auf und lassen mich ihre Überlegenheit deutlich spüren.

Ich glaube nicht, dass mir die seelische Kraft fehlt, religiöse Empfindungen wahrzunehmen. Mich stört vielmehr, dass viele Gläubige Geist und Ratio knebeln. Denn viele philosophische und wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich nicht in Einklang mit engen Glaubenskonzepten bringen. Wer zum Beispiel ohne religiöse Brille und mit einem neugierigen freien Geist die Bibel liest und die Geschichte des Christentums studiert, hat zumindest starke Zweifel, dass das Alte und Neue Testament das authentische Gott Wortes ist. Und wer sich mit der Entstehung der Bibel auseinandersetzt, erfährt rasch, dass da nicht neutrale Geschichtsschreiber am Werk waren, die Gottes Wort originalgetreu wiedergegeben haben, sondern dass gläubige Interessenvertreter ein Pamphlet geschrieben haben, das vor allem der Missionstätigkeit dienen soll. (Diese Aufgabe hat die Bibel denn auch hervorragend erfüllt.)

Mein Unbehagen geht aber tiefer. Strenggläubige – egal aus welcher Glaubensrichtung – beschneiden ihr Bewusstsein. Sie müssen die Neugier zügeln und haben Angst vor gewissen überraschenden Erkenntnissen. Es könnte nämlich sein, dass sie mit Hilfe des Geistes oder der Ratio Erfahrungen machen, die im Widerspruch zu ihrer Heilslehre stehen. Sie könnten Zweifel bekommen und die geistliche Obrigkeit mit kritischen Fragen in die Klemme bringen.

Der deutsche Papst versucht zwar krampfhaft, den christlichen Glauben mit der Vernunft zu ergründen und in Einklang zu bringen. Dass ausgerechnet dieser an den Dogmen klebende Geistliche die Vernunft zu seinem Zeugen machen will, zeigt nur, dass er geistig nicht frei ist und die Widersprüche verdrängt. Wenn er in Glaubensfragen redlich wäre, würde er erkennen, dass sich der Glaube der Vernunft entzieht. Wenn sich Glaube mit Ratio und Vernunft erfassen und analysieren liesse, wäre es kein Glaube mehr, sondern eine auf dem Verstand basierende Erkenntnis.

Ich bin nicht gegen den Glauben. Ich erwarte nur, dass Gläubige sich eingestehen, dass sie eben „nur“ glauben. Dass sie den Glauben als das nehmen, was er ist, nämlich eine gefühlsmässige, nicht zu beweisende Überzeugung. Und dass jeder Glaube auf unsicheren Annahmen beruht. Und dass ihr Glaube ein Irrtum sein kann.

Eine solche Einsicht würde zu Bescheidenheit führen. Die Gläubigen würden ihren eigenen Glauben relativieren. Christen müssten sich vielleicht eingestehen, dass die Juden mit ihrer Interpretation der Heilsgeschichte der Wahrheit vielleicht mindestens so nahe kommen wie sie selbst. Und dass Mohamed vielleicht auch ein tief religiöser Prophet war, der manches mindestens so gut verstanden hat wie Jesus.

Diese Bescheidenheit und Unsicherheit würde zu einer Entkrampfung führen. Mancher Konflikt zwischen Religionsgemeinschaften könnte aus der Welt geschaffen werden, Terrorismus würde einiges an Aktualität verlieren.

Vielleicht wäre es noch wichtiger, dass wir bei einem entkrampften Umgang mit dem Glauben unser Bewusstsein von falschen Vorstellungen und Aberglauben befreien könnten. Nur so wären wir frei, Erkenntnisse ohne Selbstzensur zu machen. Das würde zu mehr Freiheit und weniger Abhängigkeit führen. Was zugegebenermassen ein Gräuel für Machtmenschen aller Couleur wäre, die uns dank unserer Scheuklappen wunderbar beeinflussen und teilweise manipulieren können.

Die heil(ig)e Familie

Hugo Stamm am Samstag den 23. Dezember 2006

Weihnachten, Fest der Liebe, Fest der Familie. Wir kennen das Leitmotiv. Wir wissen aber auch, dass diese Tage für sehr viele sehr belastend sind. Denn die schöne heilige Familie ist ein Mythos. Ein Mythos, der nicht aus den Seelen zu verbannen ist. Er belebt die Sehnsucht nach Geborgenheit und der heilen Welt. Auch wenn die ganze Welt weiss, dass die heile Familie ein Ding der Unmöglichkeit ist. Deshalb gibt es selten so viele Familienstreits und leidende Menschen wie an Weihnachten.

Was tun? Weihnachten abschaffen? Unmöglich. Lieber Streit als ein Abschied von diesem archaischen Mythos. Es könnten ja wieder bessere Zeiten anbrechen…

Bei den vielen Scheidungen? Den Patchwork-Familien? Bei den unerfüllbaren Erwartungen?

Ganz zu schweigen vom ökonomischen Druck, macht doch der Detailhandel einen grossen Teil des Jahresumsatzes vor Weihnachten.

An Weihnachten prallen Sehnsucht und Wirklichkeit gnadenlos aufeinander. Und weil die Erwartungen viel zu hoch sind, ist die Gefahr des Streits und des Absturzes besonders gross.

Die Zeit der intakten Familien ist längst vorbei – wenn es sie denn überhaupt je gegeben hat. Nicht viele schaffen es, den Lebenspartner ein Leben lang wirklich zu lieben. An Weihnachten kommen dann oft Erinnerungen an die „schöne alte Zeit“ hoch. Ausgerechnet dann ziehen wir unbewusst und zwangsweise Bilanz, wenn wir doch das harmonische Familienleben zelebrieren sollten oder möchten. Da braucht es nur noch einen Funken, und die seelische Explosion ist kaum mehr zu verhindern. Kein Wunder, bei so viel Feuer am Christbaum.

Sollen wir den guten alten Zeiten nachtrauern? So gut, wie es uns die Grosseltern gern weis machen, waren sie nie. Das zeigt uns schon die Bibel, auf die wir uns an Weihnachten berufen. Da ist zum Beispiel die idyllische Familie im Stall von Bethlehem, die unter keinem kirchlichen Christbaum fehlen darf.

Doch schauen wir näher hin. Auch das war schon eine Patchwork-Familie. Denn Joseph war gar nicht der leibliche Vater des kleinen Jesu, wie uns vermittelt wird.

Auch schon an der Wiege der Menschheit lief in Sachen Familie nicht alles rund, wie uns das Alte Testament beweist. Die Gründung der Familie war die Folge des wohl grössten Sündenfalls. Gott hat im Paradies keine Kinder geschaffen. Dies taten Adam und Eva erst nach dem Biss in den Apfel der Erkenntnis und dem Rauswurf.

Ausserdem ziehen sich Familientragödien durch das ganze Alte Testament. Und von Abraham verlangt Gott sogar, seinen eigenen Sohn zu töten – als Glaubensbeweis. Was auch nicht gerade als fürsorgliche Familienpolitik betrachtet werden kann.

Man darf also auch an Weihnachten Familienstreits austragen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Denn man kann sich entschuldigend auf die Bibel berufen.

Vielleicht gibt es weniger Aggressionen und Konflikte, wenn man sich bewusst ist, dass Familie schön sein kann, aber oft ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ich wünsche allen streitbare Weihnachten.

Shiva, der Zerstörer

Hugo Stamm am Samstag den 16. Dezember 2006

Der Besuch indischer Tempel – als Reminiszenz meiner Indienreise – ist immer wieder eindrucksvoll. Die Tempelfeste sind laut, reich an Rhythmus und wirken archaisch. Das Sakrale kommt sehr weltverbunden daher.

Die vielen Gõtter scheinen für die Gläubigen fassbar zu sein. Quasi der etwas andere Nachbar von nebenan. Das Göttliche wirkt auf menschliche Dimensionen zurecht gestutzt. Den Göttern kommt nicht der absolute Status zu wie ihn die Buchreligionen kennen.

Ein weiteres bemerkenswertes Phänomen ist auch Shiva. Er ist der Gott der Zerstörung und steht auf der gleichen Stufe wie Brahma, der Erschaffer und Erhalter. Ein zerstörender Gott? Bei den monotheistischen Religionen undenkbar. Doch die altindischen Schriften sind diesbezüglich sehr weise. Tatsächlich ist das Vergehen so wichtig wie das Entstehen. Sonst gäbe es weder Wachstum noch Entwicklung.

Der Tod ist folglich bei den Hindus weniger tabuisiert oder verdrängt als bei uns. Er gehört zum Alltag. Die “Trauer”farbe ist denn auch weiss.

Augenfällig ist auch, dass es im Hinduismus keine Strukturen und Hierarchien gibt. Der Glaube ist in der Gesellschaft verankert und braucht keine “Animatoren”.

Die westliche Welt interessiert sich aber weniger für die Götter und gesellschaftliche Verankerung des Hinduismus, sondern für die Wiedergeburt. Doch hier zeigt sich der Widerspruch zur westlichen Denkart und zu unserem individualistischen Bewusstsein auf eklatante Weise. Die Esoterikszene beruft sich gern auf die alten religiösen Traditionen aus dem fernen Osten. Sie interpretiert diese aber freizügig nach unseren westlich-konsumistischen und auf Effizienz getrimmten Bedürfnissen um. Im Hinduismus ist die Wiedergeburt eine Mühsal. Hindus wollen aus dem Zyklus ausbrechen. Auf die Erde zurückzukommen, ist schon fast eine Strafe. Für Esoteriker hingegen ist es ein Rezept gegen die Todesangst. (“Ich komme als karmisch geläutertes Wesen zurück. Der Tod ist nur der Übergang zu einem schönerem Leben in einem höheren Bewusstseinszustand…”)

Die Theorie enthält auch einen Aspekt der Selbstvergottung. Ich muss als spiritueller Sucher nicht wie beim christlichen Glauben auf die Erlösung HOFFEN, ich kann mich durch Meditation und Abbau von Karma selbst befreien. Somit bin ich mein eigener Erlöser. Und ich habe wie bei einer Versicherung die Gewissheit, für alle Eventualitäten abgesichert zu sein. West meets Ost – wie immer mit einem Touch von Ausbeutung.

Ein Vorteil hat die Verklärung der östlichen Mystik aber doch. Zehntausende pilgern nach Indien, um einen Guru zu besuchen oder in einem Ashram zu meditieren. Neben dem Guru profitiert auch die lokale Bevölkerung: Guesthäuser, Taxifahrer, Restaurants. Das ist Entwicklungshilfe auf die grobstoffliche Art. Immerhin.

Religion als Illusion?

Hugo Stamm am Sonntag den 10. Dezember 2006

Die komplexe Realität setzt unserem Geist und unserem Bewusstsein permanent enge Grenzen. Wer selbstkritisch und mit offenen Augen sich und die Welt beobachtet, erlebt auf schmerzliche Weise dauernd Limiten. Allein schon beim Versuch, die Wirklichkeit, das Selbst, das Sein und andere philosophische oder religiöse Phänomene in Worte zu fassen, scheitern wir immer wieder grandios. Unsere Sprache ist zwar ein wunderbares Instrument, doch sie schafft es nur ansatzweise, die Wirklichkeit adäquat abzubilden. Sprache ist abstrakt und eine Reduktion. Man versuche nur einmal, Gefühle zu beschreiben. Es wird immer Stückwerk bleiben.

Philosophen unternehmen seit Jahrhunderten den Versuch, die Wirklichkeit abzubilden und füllen dabei Bibliotheken. Und weil sie der Gefahr der Reduktion entgehen wollen, formulieren sie derart komplizierte Gedanken und Sätze, dass nur “Eingeweihte” von sich behaupten können, beispielsweise einen Hegel wirklich zu verstehen. Trotz der eindrücklichen sprachlichen Durchdringung der philosophischen Phänomene nimmt kein ernst zu nehmender Denker für sich in Anspruch, die Wahrheit formuliert und zwischen Buchdeckel geklemmt zu haben.

Der Kontrast zur primären religiösen oder spirituellen Literatur ist augenfällig. Diese drückt sich meist in einfachen Bildern oder Gleichnissen aus. Und erhebt trotzdem in der Regel den Anspruch, die (religiöse) Wahrheit
schlechthin abzubilden.

Das führt oft zu einer Reduktion der Realität und des Bewusstseins. Und zu einer naiven Form des Glaubens, der eine Synthese zur weltlichen Realität nicht verträgt, weil sonst das religiöse Weltbild in sich zusammenstürzt. Um den Widerspruch scheinbar aufzulösen, wird gern die spirituelle Dimension abgespalten.

Kurz: Religion und Kultur vertragen sich schlecht und sind selten kompatibel. Dabei müssten sie sich eigentlich ergänzen. Deshalb sollten wir einen neuen Glauben erfinden, der geistig auf dem Niveau der Zeit ist oder kulturellen Entwicklung ist…

Müsste man nicht ehrlicherweise den Versuch, Glauben in Worte zu fassen, aufgeben? Sind die Veden, die Bibel, der Koran, die Thora usw. Buecher, welche die Realitaet noch mehr reduzieren als philosophische Werke? Oder verstecken sich hinter ihren Metaphern eine “hoehere” Wahrheit, wie sie philosophische Ansaetze nicht zu fassen vermoegen? Oder muessten wir eigentlich zugeben, von der religioesen Wirklichkeit noch weniger Ahnung zu haben als von der saekularen?

Preis der Freiheit

Hugo Stamm am Sonntag den 3. Dezember 2006

In vielen Beiträgen haben wir mehr oder weniger direkt über Fragen der Freiheit diskutiert. Dabei zeigte sich immer wieder, dass der Kampf um die Freiheit oft der Knackpunkt des Lebens oder des Seins schlechthin ist. Ich versuche deshalb für einmal, das Thema nicht zu umkreisen, sondern ins Zentrum zu stossen, indem ich verschiedene Facetten des schwierigen Begriffs antippe.

Freiheit ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Den einen macht Freiheit Angst, andere können nicht genug davon bekommen. Vor allem aber: Jeder und jede versteht unter der Freiheit etwas anderes.

Wie goss ist eigentlich der Freiraum des Einzelnen? Freiheit setzt die Möglichkeit voraus, auswählen zu können. In vielen Lebensbereichen erleben wir aber vor allem Zwang. Der Körper setzt uns enge Grenzen. Er lässt uns zwar oft eine Wahlfreiheit, doch meistens gibt es nur einen “sinnvollen” oder “vernünftigen” Weg, wenn uns körperliche Autonomie und Gesundheit als Lebensprinzip wertvoll sind. Völlerei empfinden viele als Lustgewinn. Auch das Rauchen und der Konsum von Drogen – von Alkohol bis Kokain – ist für manche mit einer Steigerung der Lebensqualität verbunden.

Dabei wissen wir alle, dass Triebverzicht in vielen Lebenssituationen die bessere oder zumindest nachhaltigere Lösung ist. Die Vernunft verlangt nur allzu oft die Einschränkung der Sinnes- und Lebensfreuden. Das Gute oder Begehrte ist meist ungesund – zumindest im Übermass.

Das mussten schon Adam und Eva erfahren. Der Apfel der Erkenntnis führte dazu, dass sie aus dem Paradies gewiesen worden sind. (Damals galt schon die Erkenntnis als lustvolles Laster… Diese Zeiten sind zum Glück vorbei.)

Auch in der Arbeitswelt sind die Wahlmöglichkeiten heute meist beschränkt. Und im sozialen Umfeld endet meine Freiheit meist dort, wo ich die Freiheiten meiner Mitmenschen tangiere. Das trifft selbst auf die Beziehung zu, die ohne Rücksicht und Kompromiss zum Autoritätssystem verkommt. Oder im Desaster endet.

Bleibt der Kampf um die geistige Freiheit. Dieser ist immer mit Anstrengung und Selbstverantwortung verbunden. Deshalb wählen viele den einfachen Weg und ordnen sich einer Autorität unter, welche einem viele Entscheidungen abnimmt. Davon profitieren vor allem sektenhafte Gemeinschaften.

Um einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, schlägt der Buddhismus die Loslösung von allem vor, was bindet. Das Anhängen am Materiellen verhindert danach die geistige Freiheit. Frei von Zwängen ist nur, wer sich frei macht von Bindungen, sagt auch der Dalai Lama.

Die buddhistische Lösung ist radikal und funktioniert nur bedingt. (Was beweist, wie komplex und widersprüchlich unsere Realität oder das Leben schlechthin sind.) Mönche beispielsweise lösen sich so weit vom Materiellen, dass sie auch nicht für den Lebensunterhalt sorgen dürfen. Deshalb ziehen sie jeden Morgen von Tür zu Tür und erbetteln sich ihre Tagesration Reis und Gemüse. (Der Dalai Lama isst angeblich aber auch Würste und Schokolade, weil er Gemüse nicht verträgt.)

Der Körper setzt also auch dem grossen spirituellen Meister Grenzen.) Und auch die Mönche wären verloren, gäbe es nicht Leute, die ihr “Anhangen an der Materie” zelebrieren und Reis anbauen würden.

Ist der radikale Weg der buddhistischen Mönche der richtige? Kann die einseitige Fixierung auf das Spirituelle zur Freiheit führen? Gehört nicht auch der Körper zum „Freiheitssystem“? Ist Freiheit nicht vor allem eine Frage der Balance, weil radikale Lösungen der menschlichen Seele selten gut bekommen? Oder sind das faule Kompromisse übersättigter Wohlstandsmenschen?

Geld als Religionsersatz

Hugo Stamm am Dienstag den 21. November 2006

Das Fieber um die Euro Millionen und den Lotto-Jackpot von 288 Millionen Franken hat eine tiefe Sehnsucht der Massen nach einem materiellen Wunder an den Tag gelegt. Deutschschweizer zahlten letzte Woche die Rekordsumme von 21,5 Millionen Franken ein. Ein Phänomen.

Wenden wir uns zuerst der irrationalen Seite der Massenhysterie zu. Alle Spieler klammern sich an die Hoffnung, die sich statistisch gesehen nie erfüllen kann. Und somit sinn-los ist. Würden sich die Spieler mit einem plastischen Beispiel ausmalen, wie gering die Gewinnchance ist, würden sie wohl keinen müden Franken mehr investieren. Ein Beispiel: Sie gehen in New York in ein Restaurant und hängen ihre schöne Lederjacke an die Garderobe. Beim Verlassen des Lokals realisieren Sie, dass ein anderer Gast irrtümlicherweise mit Ihrem guten Stück heimgegangen ist. Sie möchten dieses aber zurück und suchen den Mann, der die Jacken verwechselt hat. Sie nehmen die Telefonbücher von New York zur Hand und suchen nach dem Zufallsprinzip aus den Millionen von Anschlüssen eine Nummer heraus und wählen sie. Die Wahrscheinlichkeit, den „neuen Besitzer“ Ihrer Jacke am Apparat zu haben, ist etwa gleich gross wie die Chance, den Jackpot zu knacken. Kurz: Kein Mensch käme auf die Idee, den Versuch mit dem Telefonbuch zu starten, um seine Jacke wieder zu finden. Aber Millionen spielen Lotto im Glauben, irgend einmal den Jackpot zu knacken. Eine klassische Form von Aberglauben. Oder Verblendung. Kurz: Die Sehnsucht nach dem grossen Reichtum schaltet das rationale Denken aus. Ähnlich verhält es sich bei der religiösen Verblendung bei Sekten.

Ein weiterer Grund, weshalb das Lottospiel sinn-los ist: Wir alle kennen die Geschichten der Gewinner von Lotto-Millionen: Die meisten verarmen, weil sie mit dem Geld nicht umgehen können oder über den Tisch gezogen werden. Das Hauptproblem: Sie vollziehen einen Identitäts- und Rollenwechsel von einem Moment auf den andern, ohne in die neue Rolle als reiche Person hineingewachsen zu sein. Diese Leute sind ein Beweis dafür, dass plötzlicher Reichtum häufiger ein Problem als ein Segen ist.

Das Lotto-Fieber ist aber vor allem ein Indiz dafür, dass Reichtum heute eine religiöse Dimension angenommen hat und ein Religionsersatz geworden ist. Wir wissen zwar, dass Geld nicht glücklich macht, doch alle haben Gewinn und Reichtum als die grosse Sehnsucht verinnerlicht. Geld wird zunehmend als spirituelle Grösse wahrgenommen. Die Sinnsuche verlagert sich ommer mehr vom Ideellen zum Materiellen. Erstaunlich dabei ist, dass der Realitätsbezug dadurch nicht grösser wird. Das Irrationale zeigt sich auch in der Sehnsucht nach dem materiellen Heil. Topmanager und Superreiche scheffeln in der Regel weiterhin mit aller Kraft Millionen, auch wenn sie wissen, dass sie ihr Vermögen in diesem Leben nicht veprassen können.

Der irrationale Herdentrieb der Lottospieler überdeckt eine durchaus diskutierenswürdige Frage: Gäbe es auch eine Möglichkeit, mit 288 gewonnen Millionen glücklich zu werden?

Mit Ironie halten wir uns Gott vom Leib

Hugo Stamm am Freitag den 10. November 2006

Wir Menschen sind permanent auf der Suche nach der „Wahrheit“. Ganz besonders am Herzen liegt uns dabei die religiöse Erfüllung, schliesslich geht es bei Glaubensfragen um die höhere Bestimmung oder das Sein schlechthin. Wir brauchen „Wahrheiten“, um nicht schutzlos der komplexen Realität ausgeliefert zu sein und uns eine Identität zimmern zu können. Erkenntnisse geben uns eine geistige Heimat. Deshalb verteidigen wir unsere Sicht der Dinge, oder eben unsere zu „Wahrheiten“ erstarrten Erkenntnisse vehement gegen alle „Gegenwahrheiten“. Unsere „Wahrheiten“ sind der Kompass im undurchsichtigen Dschungel. Wir folgen diesem, auch wenn die Nadel nach Süden zeigt und uns in die Irre führt.

Kritische – vor allem: selbstkritische – Geister wissen, dass Wahrheit subjektiv und somit relativ ist. „Wahrheit“ ist für sie „nur“ Wahrnehmung. Wir können die „Wahrheit“ lediglich aus unserer geistigen und wissenschaftlichen Begrenztheit heraus erkennen und definieren. Somit verändert sich die „Wahrheit“ mit unserem Bewusstsein. Bei Beispiel: Für ein Kleinkind sind Erwachsene unfehlbare und allmächtige Wesen. Und nach wenigen Jahren erkennt es, dass diese Erkenntnis ein fataler Irrtum war.

Zu realisieren, dass es „die Wahrheit“ nicht gibt, ist zweifelsfrei eine schmerzliche Erfahrung. Streng Gläubige und Fundamentalisten wehren sich mit Händen und Füssen gegen jede Form der Relativierung von Glaubensfragen. Sie klammern sich an das Absolute, an das Fundament, zum Beispiel an die Bibel.

Wie reagieren aber kritische Geister auf die schwierige Erkenntnis, dass es in der geistigen Welt nur relative „Wahrheiten“ gibt? Sie konzentrieren sich auf den Willen zur Wahrheit. Im Wissen, dass wir lediglich im Nebel der geistigen Erkenntnisse stochern, bescheiden sie sich mit der Annäherung an die Mysterien. Und sie wissen, dass selbst Gott eine „relative Wahrheit“ verkörpert. Denn Gott entsteht für uns dadurch, dass wir ihn denken. Und da unser Denken zwangsläufig subjektiv ist, bleibt unser Gottesbild unscharf.

Wie reagieren kritischen Geister auf die Erkenntnis der begrenzten Wahrnehmung und Wahrheit? Mit Ironie. Und Selbstironie. Mit Ironie verschaffen wir Distanz zum Absoluten.
Durch scheinbare Zustimmung decken wir etwas Negatives auf: dass es nämlich nichts Absolutes gibt. Wir erlauben uns den Luxus, Gott nicht mehr ganz so ernst zu nehmen. Wir machen Witze über ihn, und halten ihn uns ein Stück weit vom Leib. Denn wenn er uns zu nah kommt mit seinem unerfüllbaren göttlichen Ansprüchen, erdrückt er uns. Mit der Ironie halten wir ihn so weit auf Distanz, dass unser Seelenleben einigermassen im Gleichgewicht bleibt. Ironie ist eine Form der Relativierung und Ausdruck von Weisheit.

Somit haben wir auch ein Instrument, die religiösen Eiferer zu erkennen. Ihnen fehlt in Glaubensfragen die Ironie, die sie als Blasphemie interpretieren. Von der Selbstironie ganz zu schweigen. Man beobachte nur mal die Gesichtszüge von George W. Bush.

Tötet Geld den Geist?

Hugo Stamm am Freitag den 3. November 2006

Geld kann Geist korrumpieren. Es gibt wohl kaum jemand, der diese Aussage nicht unterschreiben würde. Manche werden gar mit gutem Gewissen behaupten: Die Erfahrung lehrt uns, dass Geld den Geist recht häufig korrumpiert. Puritaner würden ergänzen: „Immer!“

Besitz – im Sinn eines Vermögens – bindet in aller Regel. Christliche Nonnen und Mönche kennen deshalb keinen Privatbesitz. Sie wollen nicht an irdische Dinge gebunden sein, um ganz frei zu sein in ihrer Konzentration auf das Göttliche oder Spirituelle. Sie wohnen in einfachen Klausen, entsagen weltlichen Lebensweisen und sind ganz auf sich zurück geworfen, um ihr Bewusstsein ungehindert auf Gott ausrichten zu können.

Der Dalai Lama spricht vom Anhaften an säkularen Werten und Vorstellungen. Die Askese ist ein Ritual, um sich von menschlichen Begierden zu lösen. Die moderne Esoterik spricht vom Loslassen.

Die Vertreter der grossen Glaubensgemeinschaften sind sich einig: Wer den Geist rein halten will, muss sich dem Weltlichen bis zu einem gewissen Grad entsagen. Der Spruch „Der Geist ist willig, doch das Fleisch sündig“, kommt nicht von ungefähr.

Nun wissen wir aber auch, dass der Klerus oft nicht den schönen Dingen und Sinnesfreuden abgeneigt ist. Und dass es vielen Geistlichen nicht an weltlichem Reichtum mangelt. Der Vatikan ist kein armer Staat, der Papst und seine Crew nicht ganz frei von Prunk. Auch den Fernsehpredigern in den USA geht es blendend, ihr Vermögen geht in die Hunderte von Millionen. Fromme Christen liefern zehn Prozent ihres Einkommens ab, was den Freikirchen ordentliche Vermögen einbringt. Osho hatte 99 Rolls Royce, Scientology knüpft seinen Mitgliedern bis zu 1000 Franken für eine einzige Kursstunde ab. Und sogar der Dalai Lama lässt sich gern mit dem Helikopter in seine Residenz in Daramsala fliegen. (Korrekterweise sei angefügt, dass er sonst recht bescheiden lebt.)

Ich kann also ganz nüchtern feststellen: Irgend etwas läuft da schief. Theorie und Praxis klaffen weit auseinander. Oder gilt das Gebot von Armut, Demut und Bescheidenheit nur für die subalternen Geistlichen?

Vielleicht erlagen die Propheten, Religionsstifter und Gurus lediglich einem strategischen Denkfehler, als sie die Abkehr von der Welt forderten. Sinnesfreuden sind möglicherweise gar kein Widerspruch zu den religiösen oder spirituellen Erfordernissen. Vielleicht stehen Geld und Geist gar nicht in einem fundamentalen Widerspruch. Vielleicht kann Genuss auch eine Form von Spiritualität sein. Dann wäre der opulente Bischof Wolfgang Haas heiliger als ein sich kasteiender Mönch in seiner kargen Zelle.

Vielleicht sind aber Reichtum und weltlicher Einfluss nur ein Machtinstrument. Vielleicht haben Würdenträger auf der Teppichetage gar nicht die Aufgabe, heilig zu werden, sondern müssen das Territorium verteidigen. Vielleicht leben sie bewusst in weltlichen Sphären, um mit den gleichen Taktiken operieren zu können wie die Politiker. Vielleicht sind die Geistlichen in den obersten Hierarchiestufen schon so heilig, dass sie sich nicht von ihren spirituellen Zielen abbringen lassen, auch wenn ihr Amt viel weltliches Engagement erfordert. Und sie vom Bankett, zur Oper und zum Businesslunch mit Politikern hetzen müssen.

Sind Heilige Übermenschen?

Hugo Stamm am Samstag den 28. Oktober 2006

Das Ziel religiösen Strebens ist es, in irgend einer Form heilig zu werden. Oder zumindest heil, also ganz, natürlich im spirituellen Sinn. Von dieser Sehnsucht nach übersinnlicher Ganzheitlichkeit sind Hindus genau so beseelt wie Muslime, Juden, Christen oder Buddhisten.

Obwohl dieser Begriff eine zentrale Bedeutung im Leben vieler Menschen spielt, lässt er sich nur schwer fassen. Klare Definitionen gibt es nicht. Heilig zu sein bedeutet, dem Göttlichen zuzugehören, selbst göttlich oder gottähnlich zu sein. Der indische Guru Sri Chinmoy sieht sich auf einer Ebene mit Buddha, Krishna oder Christus. Er nimmt für sich Gottesstatus in Anspruch. Das hindert ihn aber nicht daran, seine göttliche Kraft weltlich unter Beweis zu stellen. Er behauptet, mit geistiger Energie die Materie beherrschen und 3500 Kilogramm mit einem Arm hochstemmen zu können.

Es gibt aber auch sehr angesehene Geistliche, die quasi einen Heiligenstatus beanspruchen. Der Dalai Lama lässt sich als Seine Heiligkeit ansprechen. Der Papst ist der Heilige Vater.

Heilige sind also vollkommene Wesen im religiösen Sinn. Sie bilden für uns Suchende das Scharnier im Grenzbereich zwischen Himmel und Erde. Ihr Bewusstsein ist angeblich in idealer Weise auf die transzendente Sphäre ausgerichtet. Sie sind von dieser Welt, leben aber nur bedingt in ihr, weil sie ihr Leben auf die religiösen Erfordernisse ausrichten.

In der katholischen Kirche ist der Papst jeweils der aktuelle „Guru“. Er thront auf dem Heiligen Stuhl. Bei Matthäus lesen wir über Petrus, den „ersten Papst“: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ Der Papst ist der Nachfolger von Petrus und wird als Stellvertreter Christi auf Erden verehrt. Er ist – zumindest in Glaubensfragen – unfehlbar.

In fernöstlichen Heilssystemen, in denen es keinen personalen Gott gibt, ist der Heilige ein Erleuchteter, der angeblich das universale oder göttliche Bewusstsein erlangt hat. Und die Gläubigen unterwerfen sich dem Meister oder Guru, der sie zur Erleuchtung führen soll. Nur durch die geistige Führung ist die Erleuchtung angeblich erreichbar.

Ich frage mich oft, was von den hohen geistlichen Würdenträgern und Gurus übrig bleiben würde, wenn sie aus ihrem „heiligen Umfeld“ gerissen und ihrer spirituellen Autorität beraubt würden. Würde man ihre Erleuchtung trotzdem wahrnehmen? Wären sie auch ohne die Verehrung durch ihre Anhänger die grossen Weisen, als die sie dargestellt werden?

Oder noch deutlicher: Sind Heilige und Erleuchtete auch in weltlichen Belangen „göttliche Wesen“? Die Erfahrungen zeigen uns, dass dem nicht so ist. Bischöfe missbrauchen gelegentlich Kinder sexuell, Gurus halten sich ein Harem, um sich weltlich zu vergnügen, „unweise“ Päpste schüren mit ungeschickten Formulierungen ungewollt Religionskonflikte. Spirituelle Meister indoktrinieren und entwürdigen Anhänger usw.

Das führt zwangsläufig zur Frage: Sind Heilige und Erleuchtete nur in religiösen und spirituellen Belangen erhaben und weise? Warum können sie ihre Göttlichkeit nicht auch auf der menschlichen Ebene umsetzen? Oder: Kann jemand im religiösen Sinn heilig sein und gleichzeitig an sozialer Inkompetenz leiden? Kann ein Guru erleuchtet sein und göttliche Attribute für sich in Anspruch nehmen, als Mensch aber mehr als allzu menschlich reagieren? Müssten nicht gerade die „Heiligen“ auch menschlich vorbildlich sein, immerhin ist für sie die Ganzheitlichkeit ein wichtiges Gebot ihres Erleuchtungsanspruches. Oder sind Heilige nur Kraft ihrer Funktion und Erleuchtete dank ihrer Verehrung durch die Anhänger „göttliche Wesen“? Ich vermute, dass es sich bei vielen „Heiligen“ und „Erleuchteten“ so verhält. Bei zu vielen.

Alles Sekte – oder was?

Hugo Stamm am Samstag den 21. Oktober 2006

Das Wort Sekte stammt von secta – abspalten. Tatsächlich gab es früher neben den Weltreligionen praktisch nur Splittergruppen, die auf Konfrontation mit der Mutterkirche gegangen waren und sich „reformiert“ hatten. Paradebeispiel ist Luther. Der Reformator ist allerdings eine Ausnahme: Er ergriff die Flucht nach vorn und sprengte die Dogmen und Herrschaftssysteme der Mutterkirche. Die meisten Abspaltungen passierten indes aus einer fundamentalistischen Mentalität heraus. Die konservativen Gläubigen wollten die Zuwendung zur Welt verhindern und die Gebote Gottes nach dem ursprünglichen Wort leben. Beispiele dafür sind die Wiedertäufer. Und aus heutiger Sicht die Freikirchen.

In den letzten Jahren hat sich die Situation radikal verändert. In den 70er-Jahren hatte ich um die 60 Gemeinschaften im Archiv, die sich ausserhalb der Landeskirchen bewegten, heute gegen 1000. Das religiöse Feld hat sich in den letzten 30 Jahren förmlich atomisiert. Und nur die wenigsten sind Sekten im ursprünglichen Sinn, also abgetrennte Gruppen. Die allermeisten sind Neugründungen, also keine Satelliten eines Muttergestirns.

Diese Gruppen und Zirkel wedeln heftig mit dem Duden, wenn es jemand wagt, sie als Sekte zu bezeichnen. „Wir haben uns nicht abgespalten, also sind wir keine Sekte“, wehren sie sich.

Mit diesem sprachlichen Trick können sie ihren Kopf aber nicht aus der Schlinge ziehen. Es gibt zwei Hauptgründe:

1. Das Wort leitet sich nicht nur von secta ab, sondern auch von sequi, also Folge, Nachfolge. Eine Gruppe kann also auch eine Sekte sein, wenn sie einer Idee oder Person folgt. Und da praktisch alle neu gegründeten Gruppen einer Führungsgestalt oder Guru folgen, der den Zirkel gegründet hat, trifft die Definition von Sekte auch auf sie zu.

2. Viel wichtiger ist aber die sozialpolitische Entwicklung. Die Entfremdung von den Grosskirchen ist im breiten Rahmen erst durch die Individualisierung der Gesellschaft und Emanzipation des Individuums möglich geworden. Dadurch wurde die Sehnsucht, auch in metaphysischen Fragen die Selbstverantwortung zu übernehmen, entfacht. Somit war das Biotop geschaffen, in dem Gurus und selbst ernannte Propheten ihre Sektenpflänzchen setzen konnten.

Mein Archiv ist beredtes Zeugnis dieser Entwicklung. Darin finden sich esoterische Zirkel, neureligiöse Bewegungen, christlich fundamentalistische Gemeinschaften, Guru-Gruppen, fernöstliche Heilsgemeinschaften, Ufo-Gruppen usw., die klar vereinnahmenden Charakter zeigen, also Indoktrination und Bewusstseinskontrolle anwenden. Und: Es gibt selbst Psychogruppen mit Sektentendenz, die das Heil versprechen, ihre Klienten und Therapeuten aber in eine Abhängigkeit ziehen.

Sektenhafte Tendenzen machen sich zunehmend in Lebensbereichen bemerkbar, die mit Religion nichts am Hut haben. Bei Psychogruppen beispielsweise nimmt die Überzeugung, mit der richtigen psychologischen Lehre und den eigenen Therapieformen den Menschen aus seiner Dumpfheit befreien zu können, Glaubenscharakter an. Er wird zum Religionsersatz und zur Heilslehre.

Ich will die zunehmende Sektenmentalität in vielen Lebensbereichen – beispielsweise auch in der Wirtschaft – nicht weiter ausführen, sondern Euch den Ball zuspielen:

Wieso neigen wir zur sektenhaften Lebensweise?

Wo lässt sich diese beobachten?

Wie könnte man Gegensteuer geben – falls dies erwünscht ist?

Woher stammt die Sehnsucht nach dem absoluten Heil?

Wieso sehnen sich so viele Zeitgenossen danach, sich als Guru aufzuspielen?