Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Der Zwang zur Anpassung

Hugo Stamm am Freitag den 30. März 2007

Mich beschäftigt in letzter Zeit der wachsende Zwang zur Anpassung. Er ist in allen Lebensbereichen zu beobachten. Und mit der Globalisierung sind die Trends oft auf internationaler Ebene zu verfolgen. Erstaunlich ist, dass Individualisierung und Selbstverwirklichung als die grossen Lebensziele postuliert werden, Denken und Verhalten aber nivelliert werden. Ein Paradox? Eine schizophrene Haltung? Dummheit, die Widersprüche übersehen lässt?

Die Mode diktiert, was wir in diesem Frühling zu tragen haben. Setzt sich der Trend zu Jeans durch, die bis über den Beckenknochen reichen, werden wir bald keine Bauchnabel mehr sehen.

Treten Manager wie graue Mäuse auf, stürzen sich alle Bankangestellte in dunkle Anzüge.

Sind Ferien auf Ibiza en vogue, zieht es die Massen auf die Balearen.

Legt sich die reife Haut in Falten, pilgert frau zum Schönheitschirurgen. Die andern machen es schliesslich auch.

Wir streichen unseren Vorgesetzten den Honig um den Mund und mobben unsere Konkurrenten.

Reitet Christoph Blocher auf einer Erfolgswelle, legt die SVP bei den Wahlen zu.

Kocht die Volksseele wegen der Einwanderer über, sind alle Raser und Verbrecher Ausländer.

Verüben Islamisten einen Terrorakt, sind der Koran, Mohamed und alle Muslime des Teufels.

Es tut dem Selbstwertgefühl offenbar gut, mit den Wölfen zu heulen. Oder den Schafen zu blöken.

Warum ist das so? Was weckt die Sehnsucht, zur Mehrheit zu gehören? Warum haben wir Angst, gegen den Strom zu schwimmen?

Und: Wäre die Welt besser, wenn mehr Menschen aus der Reihe tanzen würden?

Ohne Angst kein Gott

Hugo Stamm am Freitag den 23. März 2007

Das Dilemma von Religionsgemeinschaften besteht darin, dass ihr Fundament die Angst ist. Angst macht den Menschen zum Sucher – seit jeher. Die Suche nach der spirituellen Wahrheit ist zwar eine der spannendsten Tätigkeiten. Störend ist aber, dass eine negative Kraft Ausgangspunkt für eine positive Beschäftigung ist.

Die Existenzangst lässt uns nach Gott rufen, der uns trösten und helfen soll. Die Angst vor Unfall und Krankheit lässt uns an Engel und Geistwesen glauben, die uns beschützen müssen. Die Todesangst nährt die metaphysischen Sehnsüchte, die uns ein Leben nach dem physischen Tod bescheren sollen.

Diese Angst und die Suche nach erlösenden Rezepten ist eine anthropologische Konstante. Wir finden das Phänomen in allen Zeiten und allen Kulturen. In den Naturreligionen, im Pantheismus, in den Buchreligionen. Im Hinduismus verkörpern Dämonen die Angst. Und gegen das unheilvolle Wirken der Dämon finden wir tausend Götter. Das Gegengift zur Existenzangst sind Karmatheorie und Wiedergeburt.

Würden die Religionen und Glaubensgemeinschaften verschwinden, wenn wir die Angst besiegen könnten?

Es gibt Indizien dafür. Wo der Wohlstand wächst, nimmt die Säkularisierung zu. In der westlichen Welt verlieren die christlichen Kirchen an Einfluss und Bedeutung. Die Gottesdienste finden vor halbleeren Rängen statt. In den armen Ländern Südamerikas strömen die gläubigen Christen zu Tausenden in die Fussballstadien, um dem Prediger zu lauschen.

Das gleiche gilt für den Islam. In Asien, im Nahen Osten und in verschiedenen afrikanischen Ländern spielt der Glaube eine zentrale Bedeutung im gesellschaftlichen und teilweise politischen Leben. Angst, Not und Hunger treiben Menschen zu Allah.

In der westlichen Welt haben wir die Angst teilweise gezähmt. Wissen, Technik, Medizin und Wohlstand lassen uns die Angst verdrängen. Wer einigermassen angstfrei lebt, hat auch nicht Angst davor, Gott zu suchen oder ihn nach seinen Vorstellungen zu „erfinden“. Oder ganz auf ihn zu verzichten.

Ist das ein Verlust für die Menschheit oder ein Gewinn für den Einzelnen?

Unsterblich dank Geld

Hugo Stamm am Freitag den 9. März 2007

Geld und Reichtum sind in unserer Zeit nicht nur „sexy“, sondern erreichen zunehmend den Stellenwert einer metaphysischen oder religiösen Kategorie. Bezeichnend für unseren entfremdeten Lebensstil ist, dass das abstrakte Geld zum Religionsersatz geworden ist, zum Himmelsmammon. Scientology und Topmanager sind lebende Beweise für das Phänomen, das zwar nicht ganz so neu ist, aber in seiner heutigen Ausprägung eine neue Dimensionen erreicht hat.

Manche Topmanager sind von Sinnen, wenn es um die eigenen Löhne und Boni geht. Ihren Angestellten predigen sie den Leistungslohn, sich selber stopfen sie mit Millionen voll – selbst bei Pannen und Pleiten. In ihrer grenzenlosen Selbstüberschätzung werden die Götter des Geldes von einer schieren Gier getrieben. Bei der Erklärung des Phänomens hilft nur die Bibel: «Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.» Denn die Manager können das Vermögen weder verschlingen noch ins Jenseits mitnehmen.

Mit der Existenzsicherung kann das sinnlose Geldhorten von Vasella und Co. nicht erklärt werden. Ethische Argumente helfen schon gar nicht weiter, denn die Manager gebärden sich gern als Hüter der Moral, über die sie sich erhaben fühlen. Auch mit dem Überlebenstrieb, der Arterhaltung oder dem Sammeltrieb lässt sich das kleptomanische Gebaren nicht erklären.

Doch auch Manager werden nicht als Abzocker geboren. Die Raffgier ist ein angelerntes Verhalten und ein Milieuschaden. Das Dasein als Topmanager entfremdet vom «normalen» Leben. Deshalb müssen die Ursachen für das eigentümliche Verhalten in den unbewussten Abgründen der Seele gesucht werden.
Angetrieben werden die Erfolgssüchtigen von der Angst und dem Willen zur Macht. Geld wird zum Gradmesser der Macht und zum Suchtmittel. Ihre Lebensstrategie besteht häufig darin, die Angst vor dem Machtverlust und dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit zu betäuben. Die Rangliste der Mächtigen wird anhand des Vermögens und Einkommens erstellt.

Die Teppichetagen vieler Grosskonzerne funktionieren heute nach dem Feudalsystem. In diesem sterilen Klima kann die Selbstüberschätzung zu Allmachtsfantasien führen. Manche CEOs schmücken sich gern mit Attributen von Übermenschen und mutieren gelegentlich zu einer Art Guru. Macht wird für sie zur Glaubensfrage, gar zum religiösen oder metaphysischen Attribut. Sie glauben unbewusst, mit irrationalen Abfindungen und unendlichem Vermögen ein Stück Unsterblichkeit zu kaufen. Superreiche entwickeln manchmal Allmachtsfantasien, die religiösen Charakter annehmen. Die Überbewertung des Reichtums führt in eine Scheinwelt, in der Geld zum Religionsersatz wird und Fantasien von Göttlichkeit weckt.

Die Synthese von Glauben und Reichtum hat Scientology in perfekter Form vollendet. „Mach Geld, mach mehr Geld, mach, dass andere Geld machen“, ist das Glaubenscredo von Scientology-Gründer Hubbard. Und weiter: „Produktion ist die Grundlage der Moral. Leute, die keine Produkte erzielen, haben eine niedrige Moral.“ Und: „Der einzige Grund, aus dem es Organisationen gibt, ist die Aufgabe, Materialien und Dienstleistungen an die Öffentlichkeit zu verkaufen und zu liefern und Leute aus der Öffentlichkeit hereinzuholen, an die man verkaufen und liefern kann. Die Zielsetzung ist total befreite Kunden!“ Das gipfelt in der Aussage: „Wir haben dich lieber tot als unfähig.“

Scientology führt uns vor, wohin die Reise geht, wenn Glauben und Geld eine Symbiose eingehen.

Der Fluch der Autoritätsgläubigkeit

Hugo Stamm am Donnerstag den 1. März 2007

Die Wertvorstellungen der meisten traditionsreichen Glaubenssysteme und Religionsgemeinschaften basieren auf dem Fundament von Angst, Sünde, Busse und Sühne. Diese Säulen des abendländischen Denkens fussen auf einem alten, meines Erachtens überholten Weltbild, das den Menschen nicht als selbstbestimmtes, geistig autonomes Individuum sieht, sondern ihm die Rolle des angepassten oder unterwürfigen Wesens zuweist.

Zur Zeit der Entstehung der Weltreligionen war die Ohnmacht das dominierende Lebensgefühl. Einfache Infektionen konnten den Tod bedeuten, die Kindersterblichkeit war hoch, Dürreperioden oder Überschwemmungen führten zu Hunger und Unterernährung. Kurz: Die Menschen waren vielfältigen Bedrohungen hilflos ausgeliefert, was die Entwicklung zum selbstbewussten, geistig unabhängigen Individuum verunmöglichte. Da ist es verständlich, dass sich ein deterministisches Weltbild entwickelte.

Das Gefühl der Ohnmacht prägte also das Bewusstsein der Menschen im Altertum. Und dieses Bewusstsein floss in die metaphysischen Vorstellungen ein. Da das Individuum dem „Schicksal“ ausgeliefert war, erhoffte es sich Hilfe von Geistern und Göttern. Die Menschen mussten diese gnädig stimmen. Sie griffen zum Mittel des Opfers. Es wurden Lebensmittel geopfert, Tiere auf dem Altar geschlachtet, und manchmal Menschen dargebracht. Auf dass sich die (angeblich) zürnenden Götter besänftigen liessen. Und davon absahen, Seuchen, Krankheiten und Hungersnöte zu schicken.

Es überrascht deshalb nicht, dass die Idee von Schuld und Sühne auch in die Heilsvorstellung der christlichen Lehre eingeflossen ist. Die Christen tun Busse, leisten Sühne, hoffen auf die Gnade und am jüngsten Tag auf die Erlösung. Die Mitglieder von Opus Dei, also die „Superchristen“ und Lieblingskinder des Vatikans -, kasteien sich auch heute noch körperlich, um zusätzliche Bonuspunkte für das Himmelsticket zu sammeln.

Judentum und Islam kennen ebenfalls das „Opfersystem“ von Schuld und Sühne.

Selbst der Hinduismus, der ein komplett anderes Heilsverständnis mit unzähligen Göttern kennt, ist vom dominierenden Gefühl Existenzangst geprägt. Hindus sind die Meister der Opfer. Und Hindus müssen mit einer Art Busse die karmische Belastung tilgen und das Schicksal ergeben erleiden, um im nächsten Leben aufsteigen zu können.

Dass im Altertum das Angst-Schuld-Sühne-Syndrom das vorherrschende Lebensgefühl war, ist nachvollziehbar. Es ist aber eine Tragödie, dass dieses Prinzip auch heute noch eine grosse Relevanz besitzt.. Wieso konnte es sich bei uns über die Jahrhunderte – trotz Aufklärung, Bildung und Emanzipation – halten?

Einer der Hauptgründe ist das Machtgebaren des Klerus im Mittelalter. Die Gründung einer Kirche mit einer klaren hierarchischen Struktur und die Bildung einer klerikalen Elite begründete ein neues Abhängigkeitsverhältnis. Das Gefühl der Ohnmacht und Abhängigkeit wurde trotz der Heilserwartung nicht abgebaut, sondern von den Göttern auf die Priester verlagert.

Diese nutzten Angst und Autoritätsgläubigkeit der Menschen, um ihre Macht zu missbrauchen. Und sie bestimmten über Sein oder Nichtsein (im Himmel und teilweise auf der Erde). Es gab die Absolution, mit der man (vermeintlich) das Himmelreich erkaufen konnte, Ketzer landeten durch die Inquisition auf dem Scheiterhaufen und viele Geistliche knechteten das Volk, dem es verboten war, die Bibel zu lesen. Dadurch provozierten sie die Reformation.

Das Bewusstsein von Ohnmacht und Angst bestimmt immer noch das Lebensgefühl vieler Menschen. Es hat sich über die Jahrhunderte erhalten, und vergiftet unsere Seele heute noch. Diese Autoritätsgläubigkeit untergräbt den Drang nach Freiheit. Da helfen auch Bildung und Wissen wenig, weil wir uns nicht getrauen, die Erkenntnisse umzusetzen. Wir leben verstandesmässig in der Moderne, unsere Seele hinkt aber hinterher und kann sich vom Relikt „Schuld und Sühne“ nicht befreien. Geistige Emanzipation wäre ein Gegengift. Streuen wir dieses also grosszügig in unserer Umgebung aus.

10’000 Kommentare!

Hugo Stamm am Montag den 26. Februar 2007

Für einmal ein etwas anderer Artikel: Es freut mich ausserordentlich, allen aktiven und passiven Bloggern in diesem Forum zu einem Jubiläum gratulieren zu können. In diesen Tagen wurde der 10’000. Kommentar aufgeschaltet. Eine stolze Zahl, die wir ungefähr nach einem Jahr erreicht haben. Ein herzliches Dankeschön an alle Kommentatoren und Besucher des Blogs.

Hier der Artikel dazu im heutigen „Tages-Anzeiger“:

„Der Blog (Internettagebuch) von Hugo Stamm über Weltanschauungs- und Sektenfragen feiert den zehntausendsten Kommentar. Konkret: In einem Jahr haben die Blogteilnehmer – unter ihnen viele TA-Leser – 10 000 Kommentare zu den 78 Webartikeln des Sektenexperten geschrieben. Jeden Tag klicken bis zu 3000 Blogger die Seite an.

Die oft religionskritischen, manchmal provokativen Texte von Hugo Stamm führen häufig zu hitzigen Diskussionen im Web. Der «harte Kern» der Blogfamilie streitet sich mit Scientologen, Esoterikern, Abergläubigen, Muslimen und strenggläubigen Christen. Wenn beispielsweise der «Elefant» (Nickname) seine wortgewaltigen Spuren hinterlässt, erntet er oft harsche Kritik und provoziert eine hitzige Debatte. Theologen und Philosophen im Blog sorgen immer wieder für hoch stehende Diskussionen. Verfolgt werden die Debatten von vielen stummen Mitlesern, welche die Wortgefechte interessiert verfolgen, wie die vielen Hits auf dem Blog beweisen. Übrigens: Mit 484 Kommentaren hat der Beitrag mit dem Titel «Sind Heilige Übermenschen?» am meisten Reaktionen hervorgerufen. Besucht wird der Blog von Lesern aus mehreren Dutzend Ländern. Sie schalten sich aus vielen europäischen Ländern und aus Übersee zu: Mexiko, Brasilien, Australien, Thailand, Russland usw.

Obwohl viele Blogger unter einem Pseudonym schreiben, kennen sich die regelmässigen Kommentatoren recht gut. In die intensiven Diskussionen fliessen immer wieder persönliche Erlebnisse ein. Angaben über Alter, Beruf, Wohnort, geistige oder religiöse Vorlieben, politische Einstellungen, Zivilstand usw. schimmern da und dort durch. Die regelmässigen Besucher des Blogs necken sich, schweifen vom Thema ab und eröffnen manchmal eigene Diskussionsstränge, die mit dem Kommentar nicht mehr viel zu tun haben, aber nicht minder interessant sind.

Überraschenderweise öffnet der Blog im virtuellen Netz ein weites Feld für persönliche Gefühle. Die Blogger bedanken sich bei ihren Diskussionspartnern für geistreiche Kommentare oder drücken ihre menschliche Wertschätzung aus. Etliche kommen sich trotz grosser Instanz sehr nah. Sie wagen auch, persönliche Ansichten und Erlebnisse preiszugeben, ohne sich anzubiedern.„

Das kleine Jubiläum wäre ein willkommener Anlass, den fleissigsten Bloggern speziell zu danken und sie namentlich zu erwähnen. Sie sind das Rückgrat des Diskussionsforums. Doch ich verzichte darauf, weil ich alle Teilnehmer in meinen Dank einschliessen möchte – auch die „stillen Leser“, die vielleicht „nur“ mitlesen oder alle paar Wochen einmal einen Kommentar abgeben. Danken möchte ich aber auch jenen Blog-Lesern und –Kommentatoren, die sich über meine religionskritischen Beiträge ärgern und mit ihren Kommentaren oft das Salz in der Suppe sind. Es geht mir nicht um eine Herabsetzung oder Diffamierung, sondern um eine geistige Auseinandersetzung in einem sensiblen Themenbereich, in dem die Missbrauchsgefahr gross ist.

Ich erwarte keine lobenden Kommentare an meine Adresse. Ich stelle diesen Text nur deshalb als Beitrag (und nicht als Kommentar) in den Blog, damit mein Dank an Euch alle prominent zur Geltung kommt. Freuen würde es mich allerdings, wenn Ihr Eure Erfahrungen mit dem Blog kommentieren würdet. Selbstverständlich sind auch kritische Anmerkungen willkommen. Schliesslich wollen wir uns treu bleiben und kein Blatt vor den Mund nehmen.

Deshalb noch einmal: Ein herzliches Dankeschön an alle. Und auf weitere 10’000 Kommentare.

Hugo Stamm

Tödlicher Wahn

Hugo Stamm am Mittwoch den 21. Februar 2007

Übereifrige und enthusiastische Gläubige sind meist sehr glückliche Personen. Sie sind erfüllt von der Gnade Gottes oder vom Glauben an eine spirituelle Superwelt, die ihnen dereinst – oder vielleicht schon nach dem nächsten Seminar – winkt. Der Blick in den Himmel löst ganze Sturzbäche von Glückshormonen aus. Das Schweben in den höheren Sphären kann süchtig machen.

Deshalb bekommt nicht allen Gläubigen der Ritt auf der rosaroten Glaubenswolke gut. Wer vor lauter Schweben die Füsse nicht mehr auf die Erde kriegt, läuft Gefahr, nur den Geist zu bedienen und sich vom handfesten Menschsein zu entfremden. Oder: Vor lauter Geist verlieren sie Körper und Seele. Im Extremfall kann das zu einer Spaltung des Bewusstseins führen. Und zu psychischen Auffälligkeiten. Die Psychiatrie spricht bei religiös begründeten psychischen Fehlentwicklungen auch von ekklesiogenen Neurosen. Was allerdings noch eine harmlose Form psychischer Auffälligkeit sein kann.

Dramatischer wird es, wenn die überhitzte Gläubigkeit in einen religiösen Wahn ausartet. Beispiele dafür gibt es viele. Die auffälligsten sind die kollektiven Sektendramen. Es gibt aber auch „gewöhnliche“ Katholiken, die Wahnvorstellungen entwickeln und sich als Prophet gebärden. Alle grösseren psychiatrischen Kliniken beherbergen Patienten, die unter „Glaubenskrankheiten“ leiden.

Eine religiöse Entartung ereignete sich kürzlich in Rumänien. Ein Gericht in Vaslui hat diese Woche einen Pfarrer, eine Äbtissin und drei Nonnen mit Gefängnisstrafen belegt. Die fünf orthodoxen Geistlichen hatten einer Nonne den Teufel ausgetrieben.

Konkret: Pfarrer Petru Corogeanu, die Äbtissin und die drei Schwestern hatten im Sommer 2005 im ostrumänischen Kloster Tanacu eine 23 Jahre alte Nonne an ein Kreuz gefesselt und ihr drei Tage lang keine Nahrung gegeben. Die junge Frau starb an den Folgen der Misshandlung. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass das Opfer psychisch krank war und sich deswegen auffällig verhalten hatte. Der Pfarrer und die Nonnen waren überzeugt, dass die Frau vom Teufel besessen sei.

Der Pfarrer erhielt wegen Freiheitsberaubung mit Todesfolge eine Gefängnisstrafe von 14 Jahren. Die drei Nonnen wurden als Komplizinnen zu fünf Jahren und die Äbtissin des Klosters zu acht Jahren Haft verurteilt. Bei der Verkündung des Urteils in der ostrumänischen Stadt Vaslui demonstrierten 50 Sympathisanten des Pfarrers lautstark für dessen Freispruch.

Der Herr Pfarrer ist schliesslich mit Gott im Bund und wird schon gewusst haben, weshalb er die Nonne ans Kreuz gefesselt hat…

Tödliche Folter

Hugo Stamm am Mittwoch den 7. Februar 2007

Das Böse ist ein unheimliches Mysterium. In kaum einem andern menschlichen Bereich klaffen Anspruch und Realität so weit auseinander. Wir alle möchten „gute Menschen“ sein, und die meisten geben sich redlich Mühe, den eigenen ethischen Ansprüchen oder religiösen Normen gerecht zu werden. Doch die Realität demonstriert uns Tag für Tag, dass die „Welt“ abgrundtief böse ist. Die Nachrichten führen es uns stündlich vor Augen.

Offenbar fruchten alle Anstrengungen wenig, der Realität ein menschliches Antlitz zu verleihen. Es gibt Hunderttausende von Glaubensgemeinschaften, sozialen Werken, politischen Gremien, Regelwerken, Uno-Chartas, Menschenrechte usw., die sich das friedliche Zusammenleben der Menschen zum Ziel gesetzt haben, und trotzdem nimmt die Summe der internationalen Konflikte zu. Und die Zahl der Gewaltverbrechen steigt ebenfalls. Auch politologische, psychologische oder soziologische Erkenntnisse vermögen die Gewaltspirale nicht zu bremsen. Das Böse ist „therapieresistent“. Das ist möglicherweise die einzige unbeeinflussbare Konstante in der Geschichte der Menschheit.

Alle Massnahmen zur Eindämmung von Aggression und Gewalt sind Symptombekämpfung und haben kaum je eine nachhaltige Wirkung. Da kann die ganze Welt beteuern, dass der Friede das höchste Gut sei. In der Psychologie wurde der schreckliche, wahrscheinlich aber berechtigte Begriff der „Banalität des Bösen“ geprägt.

Das Geheimnis des nicht zu bändigenden Bösen liegt vermutlich im Machtdrang und der Autoritätsgläubigkeit. Also in der strukturellen Gewalt, die uns überall begegnet. Ein aussagekräftiges Experiment hat der amerikanische Psychologe Stanley Milgram entwickelt, das er erstmals 1962 angewandt hatte.

Den Probanden wurde erklärt, es handle sich um ein wissenschaftliches Experiment, das wichtige Erkenntnisse über Lernerfolg und Bestrafung zulasse. Der „Schüler“ sass auf einem „elektrischen Stuhl“, der „Lehrer“ am Schalthebel, mit dem er dem Schüler bei Misserfolgen Stromstösse verabreichen konnte. Das Experiment wurde vom Professor überwacht.

Der „Lehrer“ stellte dem „Schüler“ mündliche Aufgaben. Kannte der Schüler die Antwort nicht, erhielt er einen schwachen Stromstoss. Bei weiteren Fehlern wurde die Dosis auf Geheiss des Professors erhöht.

Der Trick: Der Schüler war ein Schauspieler, der je nach Stromstärke schrie und sich vor Schmerzen krümmte. Wollte der „Lehrer“ die Folter beenden, schaltete sich der Professor ein und sagte, er gefährde das wichtige Experiment, wenn er sich weigere, die Voltstärke zu erhöhen.

Milgram war geschockt, als er das Experiment auswertete. Alle Lehrer hatten ihre Schüler mit Stromschlägen von 300 Volt bestraft – also gefoltert. Rund 60 Prozent liessen sich motivieren, den „Schülern“ tödliche Stromschläge von 450 Volt zu verabreichen.

Das Experiment ist umstritten. Milgram musste viel Kritik einstecken. Das auffällige Gehorsamkeits- und Autoritätsverhalten wurden vielfältig interpretiert. (Autorität des Professors, Wissenschaftsgläubigkeit usw.) Tatsache bleibt aber, dass eine Mehrheit der Probanden den Tod des Schülers in Kauf genommen hat. Und sich von den Qualen und dem Leiden des „Schülers“ nicht hat erweichen lassen.

So werden friedliebende und ahnungslose Personen durch besondere Umstände zu herzlosen Wesen, die andere grundlos foltern. Fazit: Schaffen wir Lebensumstände, bei denen Machtgefälle und Abhängigkeiten klein sind. Dann entziehen wir dem Bösen das Biotop, in dem es unkontrolliert wuchern kann.

Wenn das Schicksal zuschlägt

Hugo Stamm am Donnerstag den 25. Januar 2007

Sag mir, wie Du es mit dem Schicksal hältst, und ich sage Dir, woran Du glaubst.

In Abänderung eines Bonmots möchte ich die Diskussion über den Glauben ausweiten und die Frage nach dem Schicksal stellen. Die Idee kam mir nach einem Kinobesuch. In „Babel“ erzählt Regisseur Alejandro González Iñárritu folgende ergreifende Geschichte:

Ein reicher Manager aus Tokio verbringt in Marokko Jagdferien. Vor der Heimreise schenkt er seinem lokalen Führer die Flinte. Dieser verkauft sie einem Bauern, der abgelegen in der der Bergwüste lebt. Der Bauer gibt das Gewehr seinen beiden Söhnen im Alter von ca. 12 und 14 Jahren mit, wenn sie mit der Ziegenherde umherziehen. Bei Schiessübungen auf längere Distanzen verfehlen sie konstant das Ziel. Sie glauben, das Gewehr tauge nichts. Als sie eines Tages in der Ferne einen Touristenbus entdecken, macht der Jüngere eine Zielübung und drückt ab. Plötzlich stoppt der Bus.

Eine amerikanische Touristin, die nach einem Streit mit ihrem Mann gelangweilt in die öde Landschaft schaut, bricht plötzlich zusammen. Die Kugel hat ihre Schulter durchschlagen, sie blutet stark. Das nächste Spital ist vier Stunden entfernt. Der Chauffeur fährt zum nächsten Dorf, der Ehemann alarmiert die Botschaft und fordert einen Krankenwagen an. Der Tierarzt näht die Wunde zu, um die Blutung zu stillen. Ohne Lokalanästhesie.

Der Ehemann telefoniert der Haushälterin – eine illegal eingereiste Mexikanerin – und teilt ihr mit, dass er und seine Frau später heimkehren würden – falls überhaupt. Denn seine Frau schwebe in Lebensgefahr. Die Mexikanerin ist dadurch gezwungen, die beiden kleinen Kinder des Ehepaares mit zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko zu nehmen. Auf der Heimfahrt mit dem Auto machen die Zöllner Probleme. Der Neffe der Haushälterin verliert die Nerven, gibt Vollgas und durchbricht die Schranken. Auf Wüstenpisten hängt er die Verfolger ab. Um die Haushälterin und die Kinder nicht zu gefährden, setzt der Neffe sie in der Dunkelheit ab. Am andern Morgen entdecken die drei, dass sie im Niemandsland in der Wüste zurückgelassen worden sind. Ohne Wasser. Auf ihren eleganten Festschuhen stolpert die Haushälterin durch den Sand, um Hilfe zu holen. In letzter Minute entdecken patrouillierende Polizisten die Mexikanerin und verhaften sie – weil sie keine Papiere hat.

Die Eltern der beiden ebenfalls geretteten Kinder warten in Marokkos Wüste vergeblich auf das Krankenauto. Die amerikanischen Behörden gehen von einem Terroranschlag aus. Es kommt zu politischen Spannungen mit Marokko, weshalb sich die Rettung um Tage verzögert.

Das Drama setzt sich auch bei der marokkanischen Bauernfamilie fort. Der Vater will mit seinen beiden Söhnen flüchten. Es kommt zur Schiesserei mit der Polizei. Beide Söhne werden von Kugeln getroffen, der ältere wird schwer verletzt.

Kurz: Ein Geschenk (Gewehr) löst eine Kette von Schicksalsschlägen aus. Ein Schicksal, bei dem es um Schuld und Sühne geht.

Was bedeutet Schicksal? Es gibt unzählige Auslegungen und Definitionen, die wohl alle subjektiv gefärbt sind. Ansichten über das Schicksal sagen viel über Glauben und Weltbild der definierenden Personen aus.

Ausserdem ist das Schicksal eng mit dem Glauben verknüpft. Alle Heilslehren befassen sich mehr oder weniger direkt mit der Frage nach dem Schicksal – auch wenn viele den Begriff konsequent ausklammern.

Schicksal bedeutet Vorsehung, Geschick, Los. Schon diese drei Begriffe machen deutlich, dass es verschiedene Sichtweisen gibt.

1. Die Vorsehung deutet auf eine religiöse oder spirituelle Definition hin: Eine höhere Macht hat die Finger im Spiel, sie bestimmt mein „Schicksal“.

2. Das Geschick weist auf den Handelnden hin: Ich bin für mein Schicksal selbst verantwortlich. Getreu dem Glauben von Ursache und Wirkung.

3. Das Los deutet auf eine fatalistische Interpretation hin: Das Schicksal ist das Resultat mehr oder weniger (un)glücklicher Umstände oder Zufälle. In einem gewissen Mass kann ich das Schicksal beeinflussen, bei einem wuchtigen Schicksalsschlag bin ich machtlos. Es gibt keine Schuldigen oder höheren Mächte, die in mein Leben eingreifen.

Lassen sich diese kurzen Definitionen bestimmten Religionen oder Heilslehren zuordnen?

Im Bann des Glaubens

Hugo Stamm am Samstag den 20. Januar 2007

Die intensive Diskussion über die schwer verständlichen Widersprüche in verschiedenen Glaubensgemeinschaften im letzten Beitrag provoziert geradezu die Frage: Weshalb glauben wir Menschen überhaupt? Woher stammt das Bedürfnis, an höhere Mächte und ein Leben nach dem Tod zu glauben? Woher stammt die Energie dazu?

Tatsache ist, dass Glauben und Hoffnung an metaphysische Phänomene den Menschen umtreiben, seit er ein Bewusstsein von der Zeit hat. Tatsache ist auch, dass der Glaube eine der stärksten menschlichen Energien ist – vor allem, wenn er wahnhafte Züge annimmt. Erinnert seien nur an die religiösen Monumente, die zu den grössten der Welt gehören und in allen Kulturen zu finden sind. (Pyramiden, Tempelstädte, Kultstätten usw.) Hunderttausende von Menschen mussten beim Bau der Sakralbauten ihr Leben lassen.

Auch die Aufklärung hat es nicht geschafft, die Macht des Glaubens zu brechen. Die Religion der Vernunft steht auf verlorenem Posten. Die grösste Gefahr für den Glauben ist vermutlich die wirtschaftliche Prosperität. Wohlstand macht den Menschen zu Gott. Das gesättigte Individuum konzentriert sich auf sich selbst – und erst dann auf Gott. Doch glaubt man den Medien, ist momentan eine Renaissance des Glaubens zu beobachten. (Ich vermute allerdings, dass dies subjektive Empfindungen sind und sich durch Umfragen nicht erhärten liessen.)

Jungianer würden sagen, der Glaube sei ein Archetyp, der sich tief in die Seele oder Gene eingegraben habe. Ich orte die Kraft des Glaubens eher auf der negativen Seite: Triebfeder ist in erster Linie die Angst. Die Angst vor Schicksalsschlägen, die Angst vor dem Tod. Und diese Angst provoziert eine zweite Kraft, die ich ebenfalls kritisch beurteile: Die Sehnsucht. Mit der Sehnsucht nach Erlösung und ein Leben nach dem Tod betäuben wir die Todesängste. Das Leiden im Jammertal soll mit einer Belohnung im Paradies oder im nächsten Leben (Abbau der karmischen Belastung) kompensiert werden. Und wir wissen aus Erfahrung: Gegen die Angst ist die Vernunft auf verlorenem Posten.

Die Sehnsucht nach dem Paradies wird möglicherweise von pränatalen Erfahrungen geprägt. Nach der perfekten Geborgenheit im Mutterleib kommt der Geburtsschock, der mit existenziellen Ängsten verbunden ist. Und die Erfahrungen im Lauf des Lebens sind in der Regel auch nicht dazu angetan, Vertrauen in sich und die Welt zu gewinnen. Das nährt die Sehnsicht nach Geborgenheit und Erlösung. Und nach Wundern.

Was soll denn am Glauben falsch sein? Es besteht die Gefahr, dass Gläubige die Selbstverantwortung abgeben. Dass sie ein realitätsfremdes Weltbild entwickeln. Dass sie den Willen nach geistiger Freiheit verlieren. Um das Chaos auf dieser Welt ein bisschen ordnen zu können, bräuchten wir aber selbstbewusste und vernunftbestimmte Menschen. Ich sehe leider nicht, dass Glaubensgemeinschaften viel dazu beigetragen haben, die Welt menschlicher zu machen. Und der aktuelle „Krieg der Kulturen“ wird ja von radikalen religiösen Kräften mitgeprägt. Besserung ist also nicht in Sicht.

Hallo Himmel

Hugo Stamm am Samstag den 13. Januar 2007

Lieber Gott, lieber Jahwe, lieber Allah,

heute ist die Zeit der Danksagung. Ich möchte Euch, den Schöpfern des unendlichen Universums, danken. Danken dafür, dass Ihr mich geschaffen und auf die Erde gestellt habt. Damit habt Ihr mir ein grosses Geschenk gemacht.

Der Körper, den ich erhalten habe, ist ein Wunder. Die Krönung ist allerdings der Kopf, den Ihr mir auf den Hals gesetzt habt. Er beherbergt ein phänomenales Organ, das mich staunen lässt. Das Superhirn, das mein privates Universum steuert, ist wohl das komplexeste Gebilde, das wir finden können.

Wenn ich mich in der Welt umschaue und auf mein Leben zurück blicke, dann wird mir klar, dass Ihr gut daran getan habt, mich mit einem solchen Superorgan auszustatten. Denn das Umfeld, das Ihr mir als Spielplatz zur Verfügung gestellt habt, hat es in sich. Manchmal kommt es mir vor, als sei unser Planet eher ein Kampfplatz. Ohne den Supercomputer in meinem Schädel wäre ich heillos überfordert, wenn nicht verloren. Deshalb noch einmal: Danke, liebe Götter.

Bei Eurer weiser Voraussicht, mich gut auszurüsten, erstaunt mich dann doch, wie Ihr Euch präsentiert. Aus Platzgründen konzentriere ich mich auf Dich, Du Gott der Christen. Da bleibe ich oft rastlos zurück. Und ich frage mich, weshalb Du mir ein so komplexes Erkenntnisorgan geschenkt hast, mir aber so viele Rätsel aufgibst, wenn es darum geht, Dich zu erkennen und zu verstehen.

Denn dabei hilft mir mein Grosscomputer nicht weiter. Und wenn ich Deine Eigenpräsentation in der Bibel studiere, machst Du mich vollends ratlos. Warum nur, lieber allwissender Gott, zeigst Du Dich nicht so, dass ich Dich mit meinem Verstand erkennen oder erfassen kann?

Ich gebe Dir ein paar Beispiele. Die Trinität macht mein Hirn oder meinen Verstand ratlos. Was haben der heilige Geist und Jesus in Dir oder in Deiner Identität zu suchen? Lass den heiligen Geist doch einfach neben Dir der heilige Geist sein. Wobei ich, ehrlich gesagt, seit jeher Mühe mit ihm habe. Mir ist nie recht klar geworden, warum es ihn braucht.

Du verlangst von uns Menschen, dass wir auch die andere Wange hinhalten sollen und den Nächsten lieben wie uns selbst. Und sogar unsere Feinde. Und töten dürfen wir schon gar nicht. Trotzdem zieht sich durch das Alte Testament eine Blutspur, die unter anderem von „Deinen Leuten“ gezogen worden ist. Ausserdem waren manche von Deinen Stellvertretern hier auf Erden auch ziemlich blutrünstig. Warum hast Du ihnen nicht das Schwert aus der Hand genommen? Und ausgerechnet Du hast von Abraham verlangt, er solle seinen Sohn töten. Nur um zu erfahren, ob er Dir treu ist. (Warum hast Du nicht in sein Herz geschaut und die Antwort ohne Mordauftrag geholt?)

Warum, lieber Gott, soll Maria Jesus unbefleckt empfangen haben? Hast Du ihr die Freude nicht gegönnt?

Warum ist Jesus von den Toten auferstanden? Wenn Du ihn nicht hättest sterben lassen, wäre das schwer verständliche Ritual überflüssig gewesen.

Und erst die Johannes-Offenbarung. Was Du da den Menschen am Ende der Zeit androhst, die nicht ganz auf Deiner Seite stehen, ist schrecklich. Die Qualen der Ungläubigen sind höllisch. (Es gibt Leute, die haben noch nie von Dir gehört – weshalb sollen sie denn auch Qualen erleiden?) Schmerzt es Dich nicht, wenn Du die Menschen so leiden siehst? Du hast sie doch nach Deinem Ebenbild geschaffen. Und Du bist doch der liebende Vater. Warum kannst Du denn so grausam sein mit Deinen Kindern, die sich vielleicht ein wenig verirrt haben?

Mit diesen Fragen gehöre ich vermutlich auch zu den Abgefallenen. Doch wenn Du mich wegen meines kritischen Verstandes in die Hölle verbannst, dann schickst Du einen Teil von Dir zum Teufel. Weil Du mir mit Deinem eigentümlichen Verhalten nicht die Möglichkeit gegeben hast, Dich zu erkennen.

Ich höre die Gläubigen bereits, die sagen, Gott erfahre man nicht mit dem Hirn, sondern mit den Gefühlen. Sie haben recht. Doch ich weiss auch aus Erfahrung, dass Intuition und Gefühle nicht unfehlbar sind. Besonders in schwierigen Situationen sind sie kein verlässlicher Kompass. Dann können mich nur der kritische Verstand und die Lebenserfahrungen vor Fehlentscheiden oder falschen Erkenntnissen schützen. Deshalb prüfe ich spirituelle Gefühle früher oder später auch mit dem Verstand. Und dann, lieber Gott, rückst Du leider ziemlich weit weg.