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Angst vor dem Tod

Hugo Stamm am Donnerstag den 14. Juni 2007

These: Wenn das Leben von uns Menschen nicht endlich wäre, gäbe es keine Religionen oder Glaubensgemeinschaften. Oder anders herum: Unser Interesse an metaphysischen Fragen resultiert aus unserem Bewusstsein über den Tod. Dieses Bewusstsein ist der Motor der Glaubensgemeinschaften.

Falls die These zutreffen sollte, könnte man die Prognose wagen: Die Angst vor dem Tod lässt uns Zuflucht nehmen bei der Hoffnung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. (Tatsächlich versprechen die allermeisten Heilslehren eine Zukunft nach dem Ableben.)

Und wie steht es mit Gott? Würden wir an eine höhere Macht glauben, wenn unser Leben unendlich dauern würde?

Was bedeutet es für Glaubensgemeinschaften, dass wir uns vor allem aus Angst in ihren Schoss flüchten? Es wäre also eine negative Kraft, die ihre Existenz sichert. Dabei stellen sie sich ja vorwiegend als aufbauende Institutionen dar.

Weitere Fragen: Hilft der Glaube, sich mit dem Tod leichter zu arrangieren?

Sind ängstliche Leute überdurchschnittlich aktiv in Glaubensgemeinschaft, weil sie Angst vor dem Tod haben?

Sterben Gläubige leichter als Atheisten? Falls ja: Wären damit Sinn oder Legitimation von Glaubensgemeinschaften bereits erbracht?

Lassen sich Skeptiker im hohen Alter und mit dem Tod vor Augen leichter zu einem Glauben bekehren?

Profitieren Sekten von der Angst vieler Leute vor dem Tod?

Sind Gläubige die besseren Menschen?

Hugo Stamm am Donnerstag den 7. Juni 2007

Religionen und Glaubensgemeinschaft nehmen für sich in Anspruch, die moralischen Instanzen schlechthin zu sein. Ihr Kerngeschäft sind Ethik und soziale Gerechtigkeit. Viele verstehen sich denn auch als Sittenwächter, die den Gläubigen den moralisch korrekten Weg aufzeigen und sie anleiten, bessere Menschen zu sein. Dabei werfen sie ihr ganzes metaphysisches Gewicht in die Waagschale, um von den Gläubigen ein sündenfreies Leben abzuverlangen. Als Belohnung versprechen sie ein ewiges Leben im Paradies oder einen Aufstieg im nächsten Leben.

Die Kehrseite der Belohnung ist die Bedrohung. Wer sich nicht an die moralischen Vorgaben der Kirchen und Glaubensgemeinschaften hält, muss mit der Verbannung in die Hölle rechnen. Disziplinierung nach dem Prinzip Belohnung und Bestrafung.

Ist dieser moralisch-religiöse Druck hilfreich? Macht er aus Gläubigen bessere Menschen? Oder anders herum: Sind Ungläugige schlechtere Menschen? Sind Christen moralischer als Hindus?

Widersprechen die Erziehungsmittel Drohung und Strafe nicht den modernen psychologischen und pädagogischen Erkenntnissen, die mehr auf Begleitung, Unterstützung und Motivation setzen? Führt die Vorstellung von Sünde und Busse nicht eher zu Verkrampfung und Zwangsverhalten?

Somit stellt sich die Frage, ob der moralische Imperativ die angestrebten Ziele erreicht hat. Ist die Welt dank den Geboten und Disziplinierungsinstrumenten der Glaubensgemeinschaften besser geworden? Braucht der Mensch die moralischen Normen, um zwischen gut und bös unterscheiden zu können? Würde die Menschheit in der Barbarei versinken, wenn es keine Glaubensgemeinschaften gäbe?

Und wie sieht es bei den Kirchen und Religionen selbst aus? Wie sieht die Bilanz der moralischen Aufrüstung der Glaubensgemeinschaften aus? Haben sie ihre Ziele erreicht? Und: Genügen sie ihren eigenen moralischen Ansprüchen? Sind Geistliche und spirituelle Lehrer Vorbilder, die diesen Namen verdienen?

Welche Sekte darf es sein?

Hugo Stamm am Donnerstag den 31. Mai 2007

An Vorträgen werde ich oft gefragt, ob es gute Sekten gebe. Viele Leute tun sich schwer mit ihrem angestammten Glauben und suchen nach Alternativen. Tatsächlich erlebt die spirituelle Sinnsuche eine neue Blüte. Das heisst aber nicht, dass die verunsicherten oder heimatlosen Sucher sich einer neuen Glaubensgemeinschaft anschliessen. Vielmehr brechen sie auf zu neuen Ufern und stellen eine eigene Heilslehre nach dem momentanen Bedürfnissen zusammen.

Bei der religiösen Neuorientierung wollen sie keinenl Seelenfängern auf den Leim kriechen und erhoffen sich Tipps vom Experten: Können Sie mir eine gute Sekte empfehlen.

Meine Antwort enttäuscht die Suchenden meistens. Erstens sei ihre Frage ein Widerspruch in sich und zweitens würde ich keine Ratschläge in Sachen Glauben erteilen. Ich sei kein Seelsorger, erkläre ich ihnen und wolle auch keine Verantwortung für die religiöse Orientierung übernehmen.

Dabei schlägt mir oft Unverständnis entgegen. Wie können Sie aufklären und vor gefährlichen Sekten warnen, ohne den Suchenden einen sinnvollen Weg aufzuzeigen? Warum ich stur bleibe, habe ich hier schon mehrfach erklärt. Deshalb zurück zur Frage: Gibt es denn keine guten Sekten? Um es neutraler zu formulieren: Gibt es auch keine guten neureligiösen Bewegungen, fernöstliche Heilsgemeinschaften, Psychogruppen, Gurubewegungen?

Gute Sekten gibt es nicht. Alle zeichnen sich durch vereinnahmende Tendenzen aus. Sonst wären es keine Sekten. Alle stellen einen Absolutheitsanspruch an ihre Heilslehre. Alle Anhänger von Sekten verklären ihren geistigen Führer. Wo diese beiden Elemente greifbar sind, besteht die Gefahr der Radikalisierung und Fanatisierung.

Leider kenne ich auch keine „guten“ neureligiösen Bewegungen. Allerdings muss man deutlich sagen, dass nicht alle Gruppen gleich „gefährlich“ sind. Die Unterschiede bei der Bewusstseinskontrolle sind teilweise beträchtlich. Doch auch sanftere Formen der Vereinnahmung können unliebsame Konsequenten für die Betroffenen haben: Entfremdung, Abrutschen in eine Scheinwelt, Wahrnehmungsverschiebungen, realitätsfremde Weltsicht usw.

Alle Glaubensgemeinschaften haben sektenhafte Züge. Es gehört zum Wesen einer religiösen Gemeinschaft, einen Absolutheitsanspruch zu stellen. Wo dieser gepredigt wird, droht die Vereinnahmung. Im Gegensatz zu Sekten oder vereinnahmenden Gruppen erkennen verantwortungsbewusste Meinungsträger der Landeskirchen diese Gefahr und geben Gegensteuer. Ausserdem lassen sie kritische Fragen zu und gestehen den Gläubigen einen recht grossen Interpretationsspielraum zu.

Doch auch die Landeskirchen sind nicht davor gefeit, Gläubige zu vereinnahmen. Evangelikal (freikirchlich) ausgerichtete reformierte Pfarrer trimmen die Gläubigen streng nach ihrer engen religiösen Ausrichtung. Und diese lässt wenig Spielraum für persönliche Freiheiten zu. Diese freikirchlich orientierten Pfarrer werden von den Kirchenräten geduldet. Und somit gestützt.

Noch radikaler sind traditionalistisch oder katechumenal geprägte Geistliche der katholischen Kirche. Sie vertreten moralische Normen, die mich das Fürchten lehren.

Fazit: Ich müsste eindeutig die Landeskirchen propagieren. Aber auch dies nur mit Vorbehalten. Ich komme aber gar nicht in Versuchung, die Ratsuchenden auf eine Landeskirche aufmerksam zu machen. Sie haben sich ja von dieser abgewendet und suchen nach Alternativen. Rat ist in dieser Situation teuer. Oder gibt es Blogger, die bessere Lösungen anzubieten haben?

Verbot von Sekten?

Hugo Stamm am Mittwoch den 23. Mai 2007

Ich möchte meinen heutigen Artikel über Scientology im Tages-Anzeiger (siehe unten) als Impuls nutzen, um ein paar Grundsatzfragen zu vereinnahmenden Gruppen, neureligiösen Bewegungen und Sekten zu stellen.

Sind Minderheitsgruppen eine Bereicherung für die religiöse Landschaft?

Ist eine Globalisierung und Diversifizierung wünschenswert?

Sollte der Aktionsradius von destruktiven Gruppen eingeschränkt werden? Wenn Ja: Mit welchen Mitteln?

Wo endet die Religionsfreiheit? Wann sollte ein Verbot möglich sein?

Scientologen wieder auf Seelenfang

Viele Passanten ärgern sich, dass Scientologen regelmässig an bester Lage in Zürich Informationsstände aufstellen dürfen. Eine Missionstätigkeit mit dem Segen der Behörden.

Von Hugo Stamm

Zürich. – Die Menschenfischer der Scientology-Sekte nähern sich den Passanten auf Samtpfoten. Sie nennen sich ehrenamtliche Geistliche und sprechen die Leute mit einem gewinnenden Lächeln an. Die gewitzten Missionare laden die Leute manchmal zu einer Art Massage ins gelbe Zelt, um sie angeblich von Stress zu befreien. Dass die Passanten auf dem Schragen der Scientologen gelandet sind, erfahren sie frühestens beim Gespräch mit ihrem «Masseur». Den Schriftzug Scientology sucht man vergeblich.

Manche Passanten reagieren verärgert, wie Mails und Anrufe von genervten Zürchern zeigen. «Es ist ein Skandal, dass die Scientologen an bester Lage neue Mitglieder ködern können», sagt ein TA-Leser. Tatsächlich haben es die Standplätze in sich: Paradeplatz, Pestalozziwiese, Bahnhofstrasse, Hirschenplatz, Albisriederplatz.

Das Motto der ehrenamtlichen Geistlichen: «Wenn Sie besorgt, traurig oder verängstigt sind oder Ihre Fassung verloren haben oder wenn Sie ganz einfach mit jemandem sprechen möchten: Wir sind jederzeit da, um Ihnen zuzuhören, Sie zu verstehen und Ihnen praktische, seelsorgerische Hilfe zu geben.» Die ehrenamtlichen Geistlichen sind überzeugt, besondere Heilkräfte zu besitzen. Auf ihrer Homepage preisen sie eine Wunderheilung, die sich in den USA ereignete: Ein 13-jähriger Knabe lag nach einem Unfall im Koma, die Ärzte waren machtlos. Die Mutter alarmierte eine Scientologin, welche die gleiche Massage («Touch Assists») wie ihre Kollegen an der Zürcher Bahnhofstrasse applizierte. Zwei Tage später habe der Knabe die Intensivstation verlassen können, erklären die Scientologen.

Ursprünglich hatte die Stadtzürcher Verwaltungspolizei den Scientologen verboten, auf öffentlichen Plätzen Werbeschriften zu verteilen. Das Verwaltungsgericht hat vor Jahren die Verfügung aufgehoben, das Bundesgericht den Entscheid gestützt. Seither muss die Polizei Standgesuche bewilligen. Die Religionsfreiheit erlaubt auch Sekten, in der Öffentlichkeit für ihre Heilslehre zu werben und neue Mitglieder zu missionieren. Scientology wird lediglich verboten, Kurse, Geräte oder Bücher zu verkaufen. Den Persönlichkeitstests, den Scientologen früher tausendfach in Zürich gestreut hatten, dürfen sie nicht mehr verteilen, weil dieser keinen religiösen Inhalt vermittelt.

Wer allerdings Ideologie und Praxis der Scientologen kennt, empfindet das Urteil des Bundesgerichts als praxisfremde und formaljuristische Wortklauberei. Denn jeder Kontakt mit den Passanten dient den Scientologen letztlich dazu, sie ins Zentrum zu locken und ihnen überteuerte Dienstleistungen zu verkaufen. Eine Kursstunde auf den höchsten Stufen kann 1000 Franken und mehr kosten. Der Zürcher Regierungsrat schreibt, es wäre unzulässig, «ein Einzelfallgesetz gegen Scientologen und deren Anwerbemethoden zu erlassen». Heikel wäre seiner Ansicht nach auch eine Strafnorm, «die alle täuschenden und unlauteren Anwerbemethoden unter Strafe stellt». Die Scientologen freuts, wie ihre häufige Präsenz auf den Zürcher Strassen und Plätzen beweist.

Immerhin bekommen sie jedes Jahr für 48 Tage eine Standbewilligung. 24-mal dürfen sie im Kreis 1 auf Kundenfang gehen, 24-mal in den übrigen Stadtkreisen. Auch in Winterthur und anderen Städten sind sie regelmässig anzutreffen. Manchmal ködern sie Passanten, indem sie ihnen das Hubbard-Elektrometer demonstrieren. Das ist ein elektrisches Messgerät mit zwei Dosen, das angeblich seelische Ladung misst. In Wirklichkeit funktioniert es wie ein Lügendetektor.

KOMMENTAR

Jagd nach Geld statt Geist

Viele Zürcher fühlen sich von den Scientologen belästigt, die mit dem Segen der Behörden ihre Missionsfeldzüge an bester Lage durchführen dürfen.

Doch den Zürcher Behörden sind die Hände gebunden. Sie müssen sich an den Entscheid des Bundesgerichts halten. Da sich Scientology Kirche nennt, darf sie wie andere Glaubensgemeinschaften den öffentlichen Grund benutzen, um zu missionieren.

Die häufige Präsenz der Scientologen in der Stadt zeigt, dass der Entscheid des Bundesgerichts fatal ist. Die höchsten Richter sind auf den Etikettenschwindel der Scientologen hereingefallen. Die Sekte beschäftigt zwar «ehrenamtliche Geistliche» und führt gelegentlich so etwas wie einen Gottesdienst durch, doch eine Glaubensgemeinschaft ist sie deshalb noch lange nicht. Scientology-Gründer Ron Hubbard sagte denn auch klipp und klar: Scientology befasst sich nicht mit Gott.

In Wirklichkeit ist Scientology ein wirtschaftliches Unternehmen, das mit allen Tricks Kurse verkauft. Das bestätigt Hubbard selbst: «Der einzige Grund» für die Existenz von Scientology-Organisationen bestehe darin, «Materialien und Dienstleistungen an die Öffentlichkeit zu verkaufen (. . .) und Leute aus der Öffentlichkeit hereinzuholen, an die man verkaufen und liefern kann».

Das gilt auch für die Missionare auf den Zürcher Strassen. Sie dürfen zwar an ihren Ständen keine Kurse verkaufen, aber «Leute hereinholen». In ihre Zentren. Und dort können sie ihre Opfer beliebig bearbeiten und ihnen ungehindert Kurse andrehen, die exorbitant teuer sind. Damit machen sich die Zürcher Behörden zu Helfershelfern einer Wirtschaftssekte. Auf Geheiss des Bundesgerichts. Und zum Ärger der Zürcher. Es wäre angezeigt, dass Stadt und Kanton Zürich noch einmal alle politischen und juristischen Möglichkeiten prüfen, um Scientology von den Strassen zu verbannen.

Bin ich sektenanfällig?

Hugo Stamm am Montag den 14. Mai 2007

Der Mensch neigt zur Sektenhaftigkeit. Er sehnt sich nach der absoluten Wahrheit, der universalen Geborgenheit, nach Sicherheit. Er sucht nach Rezepten, die ihm die Existenzangst nehmen und er möchte sich das ewige Seelenheil sichern.

Wir sind eine Gesellschaft der Versicherten und Süchtigen. Wir investieren viel Lebensenergie, um Unsicherheiten und Ängste abzuwehren. Dabei akzeptieren wir Grenzen nur schlecht. Glauben wir, ein heilendes Ritual oder eine erlösende Heilslehre gefunden zu haben, kennen wir oft kein Mass und werden abhängig. Wir stürzen uns gern mit einem Übereifer in unser „neues Glück“ und verlieren den Realitätsbezug. Wir werden masslos wie in der ersten Wallung der Verliebtheit. (Allerdings kennen die beiden Bereiche einen grossen Unterschied: Aus Verliebtheit wird Liebe, die Glaubenseuphorie wird mit allen Tricks am Leben gehalten und kann in der Abhängigkeit enden.)

Wie halte ich es? Neige ich auch dazu, mich Hals über Kopf in ein Abenteuer zu stürzen, ohne einen Boxenstopp einzulegen? Prüfen wir uns anhand eines „Sektenbarometers“.

Neige ich dazu, charismatische Personen zu bewundern? Sonne ich mich gern in der Umgebung von Prominenten, Rollenträgern, Künstlern? Verhalte ich mich in ihrer Gegenwart eher devot? Beschleunigt sich mein Puls in solchen Situationen? Neige ich dazu, bestimmte Philosophen, Autoren, Meister als besondere Autorität zu betrachten? Sauge ich ihre Aussagen auf und rezitiere sie bei jeder Gelegenheit. Habe ich Idole?

Habe ich Mühe, nein zu sagen und mich abzugrenzen? Passe ich mich an der Arbeit, im Verein, im Freundeskreis oder in der Familie lieber an? Habe ich Angst, zu meinen Bedürfnissen zu stehen? Schweige ich lieber dem Frieden zuliebe? Habe ich Mühe, Hausierer abzuweisen? Lasse ich mich auf der Strasse gern in ein Gespräch verwickeln, wenn mich eine fremde Person anspricht? Bin ich ausgesprochen hilfsbereit? Lasse ich mich oft ausnützen? Unterdrücke ich Zweifel, weil ich glaube, die andern seien intelligenter und würden es besser wissen?

Sehne ich mich nach der absoluten Wahrheit? Glaube ich, dass es eine universelle Gerechtigkeit gibt? Glaube ich an eine höhere, lenkende Macht, die das Prinzip der Gerechtigkeit verkörpert?

Macht mir die Vorstellung Angst, dass nach dem Tod alles vorbei sein könnte? Nimmt mir die Hoffnung, dass es nach dem Tod eine Wiedergeburt oder ein zweites Leben gibt, die Todesangst? Sehne ich mich danach, nach dem Tod wieder meinen verstorbenen Eltern und Grosseltern zu begegnen?

Neige ich zu starken enthusiastischen Gefühlen? Lasse ich mich rasch begeistern? Reagiere ich oft überschwänglich?

Bin ich einsam? Hätte ich gern einen grösseren Freundeskreis?

Fühle ich mich benachteiligt? Ungerecht behandelt?

Hadere ich mit dem Schicksal oder der Gesellschaft?

Fühle ich mich oft schwach oder minderwertig? Bewundere ich Leute, die eine starke Ausstrahlung und ein gut ausgebildetes Selbstwertgefühl zeigen? Beneide ich Menschen, die in irgend einem Lebensbereich sehr erfolgreich sind?

Stelle ich mir Gott und den Himmel so vor, wie ich es im Religionsunterricht gelernt habe?

Ich und mein Glaube

Hugo Stamm am Montag den 7. Mai 2007

Nachdem wir uns in den letzten Wochen vorwiegend mit kritischen Aspekten verschiedener Heilslehren und Glaubensvorstellungen auseinadergesetzt haben, möchte ich dem Wunsch vieler Blogger nachkommen und die Kardinalsfrage stellen: Wie halte ich es mit der Religion und der Spiritualität?

Konkret: Wie erlebe ich den Glauben? Gab es spirituelle Schlüsselerlebnisse? Hat der Glaube mein Leben verändert? Hat er mir geholfen, neue Werte zu finden? Hat er mir die Existenzangst genommen? Fühle ich mich seither freier?

Ein weiterer Fragenkomplex: Sind mein Glaube oder meine spirituellen Erfahrungen frei von Widersprüchen? Verunsichern mich Ungereimtheiten? Stelle ich kritische Fragen? Werden diese von den Ordensträgern oder Geistlichen befriedigend beantwortet?

Es gibt aber auch die Gegenseite: Warum habe ich mich von der Kirche abgewendet? Was löste mein Unbehagen gegenüber dem Glauben oder der Heilslehre aus? Was hat die Loslösung bewirkt? Angst, Befreiung? Bin ich heute ein Agnostiker? Ein Atheist? Schliesse ich es nicht aus, durch weitere Lebenserfahrungen erneut zu einer Glaubensform zu finden? Erachte ich es als wahrscheinlich, dass ich im Alter – im Angesicht des Todes – erneut religiös werde?

Ich habe – wie wir alle – zu diesen Fragen persönliche Antworten. Um die Diskussion nicht zu beeinflussen, werde ich sie nicht anfügen. Ich schliesse aber nicht aus, dass ich im Lauf der Diskussion meine Erfahrungen einbringen werde.

Der böse Mensch

Hugo Stamm am Montag den 30. April 2007

Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Diese christliche Forderung verlangt von den Gläubigen sehr viel. Wer es konsequent schafft, seine Bedürfnisse zu Gunsten seiner Mitmenschen in den Hintergrund zu rücken, ist ein Heiliger oder Übermensch.

Weiter verkündet die Bibel, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Auch hier das Bild des perfekten Menschen. Klopft man aber die Religionen nach dem wirklichen Menschenbild ab, fällt die Bilanz ernüchternd aus. Tatsächlich gehen die meisten Glaubensgemeinschaften nicht von einem friedlichen, gütigen, selbstbewussten, geistig autonomen Wesen aus. Vielmehr zeichnen sie das Bild eines schwachen, sündigen Wesens, das mit allerlei Dogmen und Normen in die Schranken gewiesen und auf den richtigen Weg gedrängt werden muss.

Warum ist das so? Warum dominieren Gebote, Verbote, Disziplinierungsmassnahmen, Strafen und Angst? Müssten Religionen nicht vom reinen Wesen ausgehen, dem seelische Nahrung in Form von Ermunterung, Motivation und Unterstützung zuführt werden muss?

Im Christentum drohen dem sündigen Gläubigen Strafen, im schlimmsten Fall Höllenqualen. Bezeichnend ist, dass es die Todsünde gibt. Wer schwer sündigt, wird mit dem Tod bestraft. Warum wird dem Gläubigen nicht mehr zugetraut? Warum wird er nicht so geliebt, wie er ist? Warum lieben Glaubensgemeinschaften ihre Gläubigen nicht bedingungslos und unterstützen ihn vor allem darin, ein guter Mensch zu sein?

Selbst der Menschenfreund Jesus droht uns mit kräftigen Worten. So sagt er: „Ihr Schlangen und Natterngezücht! Wie werdet ihr der Hölle entrinnen?“ (Mt 23,33). Weiter: „Der Menschensohn wird seine Engel aussenden. Diese werden aus seinem Reich alle Verführer und Übeltäter sammeln und werden sie in den Feuerofen werfen. Da wird Heulen und Zähneknirschen sein“ (Mt 23,13-33).

In Wirklichkeit müssen Gläubige Busse und Sühne leisten. Sie müssen sich kasteien, auf den Knien vor Gott kriechen. Die Mitglieder des Opus Die legen noch den Bussgürtel um und fügen sich Schmerzen zu, um wieder in die Gnade Gottes zu gelangen.

Wer immer zuerst die Gefahr des Absturzes und der Sünde vor Augen hat, liebt den Menschen nicht wirklich. Wer immer zuerst vor den Gefahren warnt und grosse Zäune aus Geboten und Verboten errichtet, bricht das Selbstwertgefühl der Gläubigen. Und ohne ein gesundes Selbstwertgefühl ist es enorm schwer, ein „guter Mensch“ zu werden.

Es ist nicht nur im Christentum so. Der Islam zeichnet auch ein trauriges Menschenbild. Auch das Judentum ist nicht frei von solchen Geboten und Verboten, schliesslich ist das Christentum aus dem Judentum erwachsen.

Auch im Fernen Osten sieht es nicht besser aus. Wer sündigt, belastet sein Karma und wird alsbald bestraft. Er wird krank, unglücklich, erleidet einen Unfall und kommt im nächsten Leben als eine niedrige Kreatur auf die Welt.

Heilslehren und Glaubensgemeinschaften wollen dem Menschen helfen. Wer uns aber stets vor Augen führt, wie schwach und sündig wird sind, stösst uns nur noch tiefer in den Sumpf. Da wirkt es wie ein Hohn, wenn uns gelehrt wird, dass Gott uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Entweder ist Gott so „schwach“ wie wir Menschen oder der Satz ist ein zynisches Paradoxon.

Papst rettet Kinderseelen

Hugo Stamm am Dienstag den 24. April 2007

Papst Benedikt hat ein Herz für abgetriebene und kurz nach der Geburt gestorbene Kinder entdeckt und will sie nun erlösen. Denn bisher schmorten ihre Seelen in der Vorhölle. So wollte es die jahrhundertealte katholische Lehre – begründet vom heiligen Augustinus. Der Grund der höllischen Verbannung: Die Kinder waren nicht getauft. Dafür hatten sie zu leiden.

Die wachsende Zahl der Abtreibungen hat den Vatikan nun bewogen, die Kinderseelen zu befreien. Es gebe erhebliche theologische Gründe für die Hoffnung, dass auch ungetaufte Babys nach einem frühen Tod errettet würden, schreibt Papst Benedikt.

Ein mutiger Schritt.

Er provoziert aber auch Fragen nach dem Gerechtigkeitssinn der katholischen Kirche in den vergangenen Jahrhunderten. Mit dem Dogma wurden abgetriebene Kinder bestraft, die nun wirklich nichts dafür konnten, dass ihre Mütter sie nicht austragen hatten.

Nach weltlichem Recht und humanen Vorstellungen könnten die irrtümlicherweise in die Vorhölle verbannten Seelen klagen und hätten Anrecht auf Schadenersatz. Die jahrzehntelang erduldeten Höllenqualen würden wohl die meisten Richter dazu bewegen, hohe Strafen auszusprechen.

Trotz Unfehlbarkeitsdogma in zentralen Glaubenfragen haben sich die früheren Päpste offenbar gründlich geirrt. Bitter für sie dürfte sein, dass sie ausgerechnet vom Hardliner Benedikt zurückgepfiffen werden.

Das Thema ist kein Ruhmesblatt für die katholische Kirche. Wenn Männer über die Seelen anderer bestimmen, massen sie sich viel an. Auch wenn sie die Stellvertreter Gottes sind.

Und: Es gäbe wohl noch viele alte Zöpfe abzuschneiden.

Gesegnete Waffen

Hugo Stamm am Freitag den 20. April 2007

George W. Bush hat für die Opfer und die Angehörigen des Massakers von Virginia gebetet, also mit Gott gesprochen. So jedenfalls verkündete er es der ganzen Welt. Findet der mächtigste Mann der Welt bei Gott ein offenes Ohr? Oder mindestens bei den Engeln?

Mehr ist dem Politiker Bush nicht eingefallen, um die regelmässigen Gewaltorgien in den USA einzudämmen. Seine Strategie: Mit Glauben gegen Gewehre. Doch Bush vergisst, dass katholische Geistliche immer wieder Waffen segnen.

In den USA gibt es mehr Schusswaffen als Menschen. Waffen sind der Inbegriff der individuellen Freiheit. Eine tödliche Freiheit. Die Gefahr, von einem Mörder erschossen zu werden, ist wesentlich grösser als die Wahrscheinlichkeit, sich mit der Waffe gegen einen Mordanschlag zu wehren. Vernünftig denkende Menschen nennen dies ein klassisches Paradox, das verdächtig nach Perversion richt.

Warum ergreift Bush keine politischen Massnahmen? Weil er in seiner Mentalität ein Cowboy geblieben ist. Ein Mann ist ohne Knarre nur ein halber Mann. Das Rohr als symbolträchtiges Instrument. Ausserdem würden die Republikaner die nächsten Präsidentschaftswahlen verlieren, würde Bush die Schusswaffen einsammeln lassen.

Ich warte darauf, dass ein mutiger Bürger seinen Präsidenten und dessen Administration wegen Mitverantwortung an den Massenmorden einklagt. Wegen Unterlassung schützender Massnahmen, zum Beispiel mit einem restriktiven Waffengesetz. Damit könnten viele der jährlich 30’000 Schusswaffen-Opfer gerettet werden. Aber eben: Der superfromme Christ Bush wettert lieber gegen Abtreibungsgegner denn gegen Waffennarren.

Doch haben wir das Recht, mit dem Finger über den grossen Teich nach Westen zu zeigen? Gerade die Schweiz starrt vor Waffen wie kaum ein anderes Land. Armeewaffen. Und wir liefern gleich noch die Munition frei Haus. Vor wenigen Tagen starben wieder drei Menschen durch Armeekugeln. Die Antwort der Militärs: Nicht Waffen töten, sondern Menschen. Grossartige Argumentation. Oder hat schon jemand einen Mörder gesehen, der ohne Waffe gemordet hat? (Abgesehen von den wenigen Fällen, bei denen jemand mit den Händen erwürgt worden ist.)

Blocher, Maurer, Mörgeli, Schlüer, Fehr und Co. kämpfen wie die Löwen für die Dienstpistole unter dem Kopfkissen und das Sturmgewehr im Schrank. Ihr Argument: Patriotismus und Tradition. Nun wissen auch sie, dass es heute keinen kriegsstrategischen Grund mehr gibt, den Soldaten die Waffe mit nach Hause zu geben. Es sei ein Vertrauensbeweis des Staates an seine Soldaten, sagen die SVP-Exponenten. Als seien Soldaten per se gewaltfreie, vernünftige Menschen. Als hätten Soldaten bei einem heftigen Ehestreit ihre Emotionen stets unter Kontrolle. Als seien Soldaten frei von Depressionen oder psychotischen Entwicklungen. Als hätten sie ihre Gefühle stets im Griff. Auch unter Alkoholeinfluss.

Das Klammern an den Mythos des wehrhaften Soldaten mit dem allzeit verfügbaren Sturmgewehr zeigt beinahe religiösen Charakter.

Das Recht der Täter auf eine Waffe ist wichtiger als das Recht der Opfer auf das Leben. Schönes freies Leben.

Wer war Jesus?

Hugo Stamm am Freitag den 6. April 2007

Ostern. Was liegt da näher, als sich mit Jesus Christus zu beschäftigen. Dem Heilsbringer, der heute Karfreitag gekreuzigt worden ist.

Jesus ist wohl die bekannteste Figur in der Geschichte der Menschheit. Ein umstrittene, polarisierende und charismatische Persönlichkeit. Ein Rebell, ein unkonventioneller Denker, ein Mann mit viel Gerechtigkeitssinn. Mit ihm können sich die meisten identifizieren. Eine ideale Figur, die sich bestens zur Mythenbildung eignet.

Jesus wird uns in der Bibel als Übermensch präsentiert. Sie nennen ihn denn auch den Sohn Gottes. Ohne dieses Attribut würden ihn wohl nur noch Altertumsforscher kennen. Darin versteckt sich das Drama des Christentums, der grössten Religion auf der Erde: Wer war Jesus wirklich? War er der, den uns das Neue Testament präsentiert? Falls nicht – und einiges spricht dafür – würde die Geistesgeschichte des Abendlandes auf einem fatalen Irrtum beruhen. Und Tausende Geistliche hätten Milliarden von Gläubigen in die Irre geführt. Es wäre wohl der grösste Betrug aller Zeiten.

Es ist keine Frage, dass Jesus Christus eine faszinierende Persönlichkeit war. Mit seinen ethischen und sozialen Normen hat er Massstäbe gesetzt, welche die Jahrhunderte überdauert haben und heute noch Standards setzen. Die Wirkung, die er erzeugte, ist gut. (Ob alles gut war, was die christlichen Kirchen mit ihm gemacht haben, ist eine andere Frage.) Spielt es da noch eine Rolle, ob es ihn tatsächlich so gegeben hat, wie ihn uns die christlichen Kirchen präsentieren?

Wer den Drang nach Wahrheitsfindung verspürt, muss auch kritische Fragen zur Figur von Jesus stellen. Und nach Antworten suchen. Gerade an Ostern. Es gibt eigentlich nur zwei Interpretationen: Entweder ist er der Sohn Gottes, der keine Grenzen kennt, oder er ist eine mythische Kunstfigur.

Aus christlicher Sicht ist Jesus eine perfekte Propagandafigur. Mit ihm lassen sich Gläubige in den Bann ziehen. Er hat alles, was uns fasziniert.

Wenn er tatsächlich der Sohn Gottes ist, stellt sich die Frage, weshalb er die Nachwelt im Ungewissen über seinen Status gelassen hat. Denn Tatsache ist, dass es keine gesicherten und unabhängigen historischen Zeugnisse über Jesus Christus gibt.

Die Chronisten der Bibel fallen als unbestechliche Zeugen weg. Sie waren Gläubige, verehrten Jesus als Messias und Sohn Gottes. Man kann wohl davon ausgehen, dass sie ihn verklärten und ihre Sehnsüchte in ihn hinein projizierten. So entstand ein Idealbild, das nur zutreffen kann, falls Jesus tatsächlich der Sohn Gottes ist. Und: Die Chronisten, vor allem die Evangelisten, die das Leben von Jesus aufgezeichnet haben, kannten ihn nicht persönlich. Das Johannes-Evangelium wurde beispielweise rund 40 Jahre nach dem Tod von Jesus verfasst. So überrascht es auch nicht, dass die biographischen Angaben Lücken aufweisen.

Unabhängige und zuverlässige Quellen wären jüdische, römische oder griechische Geschichtsschreiber. Doch diese fanden es nicht für nötig, das Wirken von Jesus zu dokumentieren. Es finden sich zwar ein paar unbedeutende Hinweise, die sich vor allem auf die Kreuzigung beziehen, doch die Angaben sind zu wenig klar oder präzis, als dass man ihnen den Status von historischen Fakten zuweisen könnte.

Ohne die „Auferstehung von den Toten“ wäre Jesus in der Versenkung gelandet. Es brauchte diesen übernatürlichen Akt, um ihn als Sohn Gottes glaubwürdig zu machen. Skeptiker wenden ein, dass jeder erfahrene Schriftsteller ein Drama über einen Messias mit einem solchen „Wunder“ garniert hätte, um zum dramaturgischen Höhepunkt zu kommen. Frohe Ostern.