Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Neues Blog-Regime

Hugo Stamm am Montag den 17. September 2007

Der Blog ist in letzter Zeit völlig aus dem Ruder gelaufen. Mehrere Blogger haben das Forum dazu benutzt, andere zu beschimpfen und mit Ausdrücken einzudecken, die nichts mehr mit einer zivilisierten Diskussion zu tun haben.

Bisher hatte ich mich stark zurück gehalten, weil ich an eine Selbstregulation glaubte. Doch der Ton ist in jüngster Zeit immer rüder geworden. Das führte dazu, dass die seriösen Blogger, die spannende Beiträge geschrieben haben, sich zurückgezogen.

Ich lasse nicht zu, dass eine Handvoll Blogger das Forum zu Grunde richtet. Ich habe deshalb begonnen, konsequent alle Kommentare zu kippen, die nicht in einem anständigen Ton verfasst sind. Wer nur auf andere Kommentatoren zielt und diese herabwürdigt, hat in Zukunft in diesem Blog nichts mehr zu suchen.

Kritik ist erwünscht. Man darf mich und andere Blogger heftig kritisieren. Aber mit Argumenten und nicht mit beleidigenden Worten.

Ich ergreife diese Massnahme nicht gern. Sie hat nichts mit Zensur zu tun, sondern mit Respekt und Anstand andern Personen oder Andersgläubigen gegenüber
(Ich stelle diesen Text als Beitrag in den Blog, damit ihn alle mitbekommen.)

Fast wäre das Christentum eine Sekte geblieben

Hugo Stamm am Dienstag den 28. August 2007

Die Verbreitung des Christentums wird in erster Linie den Aposteln zugeschrieben, die den Leitspruch „Gehet hin in alle Welt …“ in die Tat umzusetzen versuchten. Sie strömten vom Nahen Osten aus in alle Richtungen, um das Christentum zu verbreiten. Der Erfolg war vielerorts bescheiden. Oft stiessen sie auf Widerstand und mussten ihre Missionstätigkeit sehr diskret ausüben, um nicht verfolgt zu werden. Erinnert seien an die Aussetzungen in der Löwengrube und an die Katakomben.

Während den ersten drei Jahrhunderten verbreitete sich das Christentum relativ langsam. Da es noch keine Glaubens- und Kultusfreiheit gab, bestimmten viele Herrscher und Könige über die „Staatsreligion“, welche die Bürger zu befolgen hatten.

Die Wende kam mit Konstantin dem Grossen (ca. 280 bis 337). Ein Erlass von 313 erlaubte es den Religionen, sich im römischen Reich zu etablieren. Seine drei Söhne liess der Kaiser im christlichen Glauben erziehen. Er selbst liess sich aber erst am Ende seines Lebens taufen.

Über die Gründe seiner Bekehrung sind sich die Historiker nicht einig. Klar ist aber, dass er den christlichen Missionaren den Boden ebnete. Und dass sich dank des Dekrets von Konstantin der christliche Glaube ausbreiten konnte. Das führte so weit, dass Theodosius I. 380 den christlichen Glaube im römischen Reich zur Staatsreligion erhob. Damit begann der Siegeszug. Historiker behaupten, ohne Konstantin wäre das Christentum eine Sekte geblieben.

Pikant an der Sache: Das Christentum verdankt seinen Durchbruch in erster Linie einem Mann, der nicht eben ein Ausbund christlicher Moral war. Bei seinen Eroberungen kannte er keine Gnade mit seinen Gegnern. Selbst in seiner eigenen Familie griff er mit grosser Brutalität durch. So liess er 326 seinen ältesten Sohn Crispus und etwas später seine Frau Fausta töten. Über die Gründe streiten sich die Historiker.

Die Geschichte des Christentums ist also gepflastert mit unrühmlichen Ereignissen. Nicht nur im Mittelalter mit den Kreuzzügen, der Inquisition und dem Ablasshandel. Schon bei den Anfängen stellte ein gewalttätiger Herrscher die Weichen, auf den die christliche Kultur nicht stolz sein kann. Ein bisschen mehr Bescheidenheit und Demut täte also auch heute noch vielen Missionaren gut, die oft nicht sehr behutsam vorgehen, wenn sie „Heiden“ in den Entwicklungsländern missionieren. Eine Rückbesinnung auf die „unchristlichen“ Wurzeln wäre sicher sinnvoll.

(Zur Zeit findet in Trier eine Ausstellung zu Konstantin dem Grossen statt. Hier hatte der Kaiser bis 316 residiert.)

Macht der Zweifel Sinn?

Hugo Stamm am Montag den 13. August 2007

Es besteht kein Zweifel: Glaube beruhigt ungemein. Er gibt Rückhalt, Trost in schwierigen Stunden, Sicherheit für die Zukunft, Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Gläubige sind überzeugt, zur auserwählten Gruppe zu gehören, in der Gnade Gottes zu stehen und Anspruch auf das Seelenheil zu haben. Da ist alles, wonach wir uns sehnen. Wieso, um Gottes Willen, gibt es bei dieser tollen Wirkung des Glaubens immer noch Leute, die eine kritische bis skeptische Haltung einnehmen?

In der Grundfrage des Glaubens gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist eine Heilslehre wahr oder sie ist falsch. Teilwahrheiten in religiösen Fragen sind ein Widerspruch in sich.

Wenn eine einzelne Heilslehre wahr ist, dann sind alle Anders- oder Nichtgläubigen Looser und Narren. Sie verpassen die einmalige Chance, das ewige Seelenheil zu erhaschen, obwohl es ihnen auf dem Serviertablett präsentiert wird. Vielleicht schlagen sich die Skeptiker nach ihrem Ableben an die Stirn – wenn sie dazu noch Gelegenheit bekommen – und hadern mit dem Schicksal: Warum nur waren wir so blöd und haben den falschen Glauben gewählt?

Zur Ehrenrettung der Zweifler sei angefügt, dass die Auswahl riesig ist und die Trefferquote wie ein Sechser im Lotto. Wer wagt schon zu bestimmen, welche der Hunderttausenden von Glaubensgemeinschaften die einzig wahre ist?

Bleibt die zweite Möglichkeit: Zu glauben, ohne die Gewissheit zu haben, dass es die unumstösslich richtige Heilslehre ist. Der Profit wäre immer noch sehr gross: Glaube beruhigt ungemein. Er gibt Rückhalt, Trost in schwierigen Stunden, Sicherheit für die Zukunft … siehe oben. Der Gewinn wäre zumindest für das aktuelle Leben im Diesseits enorm. Warum legen Skeptiker ihre kritische Haltung nicht ab und profitieren von der beruhigenden Wirkung des Glaubens?

Vom Glauben zum Wahn

Hugo Stamm am Montag den 6. August 2007

Glaube versetzt Berge. Ein Sprichwort, das jeder kennt. Nur: Ist es erstrebenswert, mit dem Glauben Berge zu versetzen?

Die Scientologen opfern sich jahrein und jahraus für ihren Glauben. Sie missionieren, täuschen die Umworbenen, wenden unschöne Indoktrinationsmethoden an. Das wissen sie. Ihre Begründung: Weil uns die bösen Medien als Sekte stempeln, sind wir gezwungen, uns ein bisschen zu verstellen. Der Zweck heiligt die Mittel, die ja niemandem weh tun. Im Gegenteil: Wer in den Genuss unseres Auditings kommt und so das ewige Leben gewinnt, ist uns hinterher dankbar, dass wir ihm noch nicht gesagt haben, wie teuer die Auditingstunden später einmal werden, glauben die Scientologen.

Auch bei den Zeugen Jehovas heiligt der Zweck die Mittel. Damit verunfallte Zeugen im Spital nicht schwach werden und sich von den Ärzten überreden lassen, eine Infusion zu akzeptieren, tragen sie stets einen Ausweis auf sich. Und die so genannten Krankenhaus-Komitees eilen sofort ins Spital und überwachen den Gläubigen, damit er ja nicht wankelmütig wird. So versetzt der Glaube Berge: Die gebärende Zeugin stirbt lieber bei der Geburt, als sich eine Infusion stecken zu lassen. Auch wenn das Neugeborene ohne Mutter aufwachsen muss. Und der Ehemann seine Frau sinnlos verliert.

Die Anhänger der Kinder Gottes, später „die Familie“ genannt, haben früher Seelen mittels flirty fishing geangelt. Sie missionierten mit den Reizen ihres Körpers, um verirrte Seelen zu Gott zu führen. Kindersex war kein tabu. Gott habe ihnen einen wunderbaren Körper und sexuelle Empfindungen gegeben, argumentieren sie. Der Mensch müsse mit all seinen Gaben Ungläubige zu Gott führen. Der Zweck heiligte die Mittel, bis die ersten Kinder Gottes an Aids starben. Auch eine Gabe Gottes?

Beim Sektendrama der Sonnentempler wurden 23 Anhänger umgebracht. Am Tag darauf begingen 25 weitere Sonnentempler zusammen mit ihrem Guru Jo Di Mambro Suizid. 20 zurück gelassene Anhänger waren bitter enttäuscht, dass der Guru sie nicht mitgenommen hatte auf die Reise zum Planet Sirius. Sie nahmen sich kurzerhand das Leben. Glaube, der Berge versetzt, ist stärker als der Überlebenstrieb. Dann mutiert er wohl zum Wahn.

Mission sät Zwietracht

Hugo Stamm am Montag den 30. Juli 2007

Die Mission gehört zu den Glaubensgemeinschaften wie Götter und Gurus. Die Verbreitung des eigenen Glaubens ist die eigentliche Aufgabe der Religionen, ein „göttlicher Auftrag“. (Eine Ausnahme bildet das Judentum.)

Es liegt in der Natur der Sache, dass Gläubige ihre Wahrheit den Nächsten angedeihen lassen wollen. Alle sollen errettet werden. So verlangen es Bibel und Koran. Aber auch Hindus und Buddhisten haben einen Missionsauftrag. Von kleinen Glaubensgemeinschaften und Sekten gar nicht zu sprechen.

Was drängt Gläubige, andere zu missionieren? Ursache ist die Überzeugung, dass der eigene Glaube der einzig wahre ist.

Würde ein Glaube als subjektiv und relativ empfunden, käme niemand auf die Idee, ihn zu verbreiten, also zu missionieren. Es ist der Absolutheitsanspruch, wie ihn der Papst jüngst wieder betont hat, der zum Problem wird: Er legitimiert die Missionstätigkeit. Der Glaube an den Absolutheitsanspruch gibt den Gläubigen das moralische „Recht“, andere Glaubensgemeinschaften gering zu schätzen, abzuwerten und allenfalls zu attackieren, indem man die Gläubigen der Konkurrenz zum Konvertieren bringt. Im Namen der „Wahrheit“ lässt sich leichter Tricks anwenden, um Andersgläubige rumzukriegen.

Was der Absolutheitsanspruch bewirkt, zeigt die Vergangenheit: Kreuzzüge, Inquisition, Glaubenskriege. Aber auch heute noch kennen wir das Phänomen: Viele Sekten schrecken nicht davor zurück, zu fragwürdigen Tricks und Täuschungen zu greifen, um neue Mitglieder zu ködern. Und die Islamisten rufen auch heute noch den heiligen Krieg aus, um ihre „Wahrheit“ mit Gewalt zu verbreiten.

Warum kann der Glaube nicht als subjektive Wahrheit anerkannt werden? Warum muss es immer ein Generalanspruch sein? Es würde um einiges friedlicher auf der Welt, wenn alle sagen könnten: Mein Glaube ist für mich die Wahrheit, ob er es auch für andere ist, kümmert mich nicht.

Die Religionen haben den Anspruch, Friede in die Welt zu bringen. Mit ihrem Absolutheitsanspruch sähen sie Zwietracht.

Wo war Gott?

Hugo Stamm am Montag den 23. Juli 2007

27 polnische Pilger sind am Sonntag in den französischen Alpen bei einem Busunglück ums Leben gekommen, 23 weitere Gläubige erlitten schwere Verbrennungen und mehrere schweben in Lebensgefahr. Sie waren auf dem Weg zu einem Wahlfahrtsort.

Wo war Gott, zu dessen Ehren sie die lange Reise von Polen nach Frankreich angetreten haben?

Glaube kontra Freiheit

Hugo Stamm am Sonntag den 15. Juli 2007

Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Die jüngere Geschichte der Menschheit ist von diesen drei Begriffen geprägt. Sie verkörpern die Errungenschaften der Neuzeit. Und zwar in fast allen Lebensbereichen. Auch in der Politik. Auf der individuellen Ebene sind die Emanzipationsbestrebungen Ausdruck davon. Geistige Autonomie und individuelle Freiheiten sind wichtige Pfeiler der Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsbildung. Und es sind kulturelle Fortschritte. Die Menschenrechte sorgen dafür, dass wir die individuellen Freiheiten ohne allzu rigorose Eingriffe des Staates und seinen Institutionen erkämpfen und ausleben können.

Doch ein zentraler geistiger Bereich entzieht sich dieser kulturellen Revolution. Die meisten Glaubensgemeinschaften entziehen sich den Emanzipationsbestrebungen. Die Welt des Glaubens und der Religionsgemeinschaften sperrt sich standhaft gegen den Zeitgeist. Im Namen Gottes klammern sie sich an die Traditionen.

Tatsächlich sind Heilslehren mehrheitlich starre, geistig autoritäre Systeme, die nicht reformierbar sind. Und die Glaubensgemeinschaften weisen streng hierarchische Strukturen auf. Die spirituelle Autorität konzentriert sich meist auf eine Person. In den letzten Tagen hat der Papst erneut bewiesen, dass die katholische Kirche per Dekrete regiert und sich in diesem Punkt autoritär wie viele Sekten gebärdet.

Viele Glaubensgemeinschaften liegen also quer zum Zeitgeist. Manövrieren sie sich damit selbst ins Abseits? Ist der Trend zur geistigen Emanzipation des Einzelnen der Beginn des Endes von autoritären Kirchen und Gruppen? Ist der Prozess eine Chance für die reformierte Kirche, die demokratische Strukturen kennt und dem einzelnen Mitglied einen gewissen Spielraum einräumt?

Oder profitieren Anbieter esoterischer Dienstleistungen mit ihrem riesigen Patchwork-Programm vom Individualisierungsprozess? Schliesslich müssen sich hier die Anhänger nicht auf ein starres Glaubenskonzept verpflichten, sondern können sich aus dem riesigen Angebot die Rosinen herauspicken. Und sie müssen nicht glauben und hoffen wie in christlichen Gemeinschaften, sondern haben die Chance der Erleuchtung und damit die Selbstvergottung in den eigenen Händen.

Der lange Schatten von Bischof Haas

Hugo Stamm am Samstag den 7. Juli 2007

Die katholische Kirche dreht das Rad der Zeit in rasantem Tempo zurück. Nach dem Aufbruch beim Zweiten Vatikanischen Konzil machen die konservativen Kräfte Schritt um Schritt an Terrain gut und führen die Kirche zurück ins vergangene Jahrhundert.

Ermutigt vom Aufbruch hatten Gläubige des Bistums Chur gegen ihren erzkonservativen und ungeliebten Bischof Wolfgang Haas einen mutigen Kampf geführt. Der Druck war so gross, dass der Vatikan Haas nach Liechtenstein abschieben musste. Die Zürcher hatten sich geweigert, die Kirchensteuer nach Chur zu überweisen.

Gleichzeitig drehte der konservative polnische Papst das Rad zurück und legte den Grundstein dafür, dass sein Wachhund Ratzinger auf den Schild gehoben wurde. Und dieser nutzt angesichts seines fortgeschrittenen Alters jede Gelegenheit, die Geisteshaltung des überalterten Herrenkabinetts für verbindlich zu erklären. Neuster Coups: Die lateinische Messe, bei der der Pfarrer dem Kirchenvolk den Rücken zukehrt, ist wieder erlaubt. Ein vorkonziliäres Ritual.

Den konservativen Taktstock bekommen nun auch die Gläubigen im Bistum Chur wieder zu spüren. Gestern Freitag hat das Domkapitel den Bündner Generalvikar Vitus Huonder zum neuen Bischof gewählt. Nachdem sein Vorgänger Grab die haasschen Wogen geglättet hatte, wagte das Domkapitel eine neue Provokation. Denn letztlich ist Haas dafür verantwortlich, dass Huonder heute der starke Mann im Bistum ist. Denn es war Haas, der Huonder gefördert und ihn 1990 zum Generalvikar und später zum Domherren ernannt hatte. Haas wusste, was er tat, denn Huonder ist aus dem gleichen knorrigen Holz geschnitzt wie sein Mentor Haas.

Wenn man weiss, dass im Wahlgremium ein Spitzenmann des sektenhaften Opus Dei sitzt, kann einem nichts mehr überraschen. Die katholische Kirche im Bistum Chur ist wieder fest in der Hand der erzkonservativen Gilde. Der Geist und der lange Schatten von Haas und Ratzinger liegen wieder schwer auf dem Bistum. Ob sich die fortschrittlichen Kräfte noch einmal auf einen Machtkampf einlassen, ist sehr fraglich.

Eines ist klar: Heute haben wieder die fundamentalistischen Kräfte das Sagen. Sie wissen, was Gott will und was für die Gläubigen und die Kirche gut und richtig ist. Auch wenn das Kirchenvolk in den entwickelten Ländern ihre Ansichten nicht teilt. Das ist Kirche von oben. Die katholische Kirche hat sich weit davon entfernt, eine Volkskirche zu sein.

Unterdrückung der Libido

Hugo Stamm am Freitag den 29. Juni 2007

Die Buchreligionen tun sich schwer mit der Sexualität. Aber auch viele Strömungen im Hinduismus und Buddhismus haben ihre liebe Mühe mit der Geschlechtlichkeit. Und auch Sekten kommen selten zurecht mit der Libido.

Die Domäne der grossen Religionen ist der Glaube. Der Glaube ist wohl die stärkste geistige Kraft, weil es um Sehnsucht, Angst und Hoffnung geht. Auf der körperlichen Seite sind es die Triebe, allen voran die Sexualität.

Es scheint, dass dogmatische und fundamentalistische Glaubensgemeinschaften schlecht zurecht kommen mit dieser menschlichen Kraft. Der Grund: Die Sexualität scheint oft in Konkurrenz zum Glauben zu stehen. Die Gemeinschaften können die religiöse Energie der Gläubigen wecken und in Bahnen lenken. Sie können das ethisch-moralische Empfinden sensibilisieren. Sie können die Gläubigen in ihren Bann ziehen. Doch bei der stärksten körperlichen Kraft stehen sie weitgehend auf verlorenem Posten. Das scheint ihnen nicht in den Kram zu passen. Und deshalb erklären fundamentalistische Glaubensgemeinschaften die Sexualität als Sünde, wenn sie nicht der Fortpflanzung dient.

Das ist widersprüchlich. Christen glauben, dass Gott uns einen wunderbaren Körper geschenkt hat. Mit allem was dazu gehört. Also auch mit Trieben und Gefühlen, die in doppeltem Sinn dem Überleben dienen. Die dogmatischen Gemeinschaften wollen die Libido domestizieren. Sie erheben sogar unter Androhung von Sanktionen (Sünde!) das Gewaltmonopol.

Damit stürzen sie viele Gläubige in ein Dilemma. Ja, sie verlangen Unmenschliches. Und selbst die Geistlichen, welche die fragwürdigen moralischen Normen fordern, können sie selbst nicht erfüllen. Viele katholische Geistliche suchen die Dienste von Prostituierten, pflegen heimliche Beziehungen und haben uneheliche Kinder. Auch bei den Freikirchen tun sich viele Geistliche und Gläubige schwer mit der Sexualität.

Ich werde immer wieder mit Fällen konfrontiert, bei denen strenggläubige Christen Kinder – teilweise ihre eigenen – missbrauchen. Unterdrückte Sexualität kann zu einer unheimlichen und kaum mehr kontrollierbaren Kraft werden. Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen können die Folge sein.

Die Unterdrückung der Libido ist ein Akt gegen die Natur. Wenn moralische Normen ins Spiel kommen, wird es explosiv. Das wissen die Geistlichen aus eigener Erfahrung. Trotzdem kämpfen sie weiterhin gegen diese „Kraft Gottes“.

Es wäre viel sinnvoller, zu lernen, eine verantwortungsvolle Sexualität zu leben. Dadurch kann viel Leid verhindert werden.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass es bei der Forderung nach der Unterdrückung der Libido um ein Herrschaftsinstrument geht. Menschen, die eine erfüllte Sexualität kennen, erleben ein Gefühl der Selbstbestimmung und Freiheit. Sie lassen sich schlecht in strenge Glaubensgemeinschaften einbinden.

Wem gehört mein Leben?

Hugo Stamm am Freitag den 22. Juni 2007

Natürlich mir, dürften die meisten im Brustton der Überzeugung antworten. Doch so einfach ist das nicht: Wenn wir das Leben nicht nur auf die ontologische Frage des Seins reduzieren, hat unser Leben nämlich eine metaphysische, eine religiöse, eine staatliche, eine soziale und eine juristische Komponente. Wir gehören je nach den Umständen Gott, ein bisschen der Kirche und dem Staat. Ausserdem sind wir eingebunden in einen sozialen Rahmen und meist auch in eine Familie, was die Freiheit einschränken kann, radikal über unser Leben zu bestimmen.

Wenn ich zum Beispiel überzeugtes Mitglied der katholischen Kirche bin, ist die Freiheit, unabhängig über mein Leben zu entscheiden, begrenzt. Suizid wird heftig sanktioniert. Ich begehe eine schwere Sünde, verliere die Aussicht auf das Seelenheil und muss mit der ewigen Verdammnis rechnen. Früher wurden Gläubige, die sich das Leben genommen haben, auch nach dem Tod noch ausgegrenzt und geächtet. Viele Pfarrer weigerten sich, die Gläubigen auf dem Friedhof zu beerdigen. Der Preis der Freiheit ist also für Katholiken hoch.

Indirekt nimmt die katholische Kirche auch Einfluss auf das Leben an sich. Durch das Verbot der Abtreibung entscheidet sie in manchen Situationen über Leben und Tod. Auch das Verbot, Kondome zu benutzen, ist ein Leben bestimmendes Dogma.

Im Extremfall verfügt auch der Staat über das Leben seiner Bürger. Im Krieg müssen Soldaten sich radikal unterwerfen. Sie müssen Befehle ausführen, die direkt in den Tod führen können. Und Deserteure werden standrechtlich exekutiert.

Auch in Ländern, welche die Todesstrafe kennen, kann der Staat über das Leben der Bürger bestimmen. Gewaltverbrechern wird das Leben gegen ihren Willen genommen.

Schwierig wird die Frage, wenn wir Gott ins Spiel bringen. Wenn wir davon ausgehen, dass Gott uns geschaffen hat, kann er über unser Leben verfügen. Ist man aber überzeugt, dass er es uns geschenkt hat, darf er sich bei der Frage nach Leben und Tod nicht mehr einmischen. Und da er uns einen freien Willen gegeben hat, muss er auch akzeptieren, dass wir über unser Leben bestimmen, ohne ihn zu konsultieren oder auf ihn Rücksicht zu nehmen. Müssten dann nicht auch die christlichen Religionen dies annehmen und unseren freien Willen respektieren, selbst über unser Leben zu bestimmen?

Tröstlich, dass wir im Extremfall alle, die Anspruch auf unser Leben haben, austricksen können: Mit einem Suizid. Das Wissen um diese letzte Freiheit gibt uns eine gewisse geistige Autonomie.