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Maya-Kalender: Die Welt geht nur im Kopf unter

Hugo Stamm am Mittwoch den 30. Mai 2012
Fasziniert die Menschheit seit je: Die Apokalypse. Sie liefert auch einen schier unerschöpflichen Stoff für spektakuläre Filme (im Bild: Ausschnitt aus «2012»). Bild: PD / Sony Pictures

Fasziniert die Menschheit seit je: Die Apokalypse. Sie liefert auch einen schier unerschöpflichen Stoff für spektakuläre Filme (im Bild: Ausschnitt aus «2012»). (Bild: PD / Sony Pictures)

In diesen Tagen erschien mein neues Buch über den Maya-Kalender und andere Endzeitphänomene. Aus diesem Anlass schrieb ich im TA folgenden Artikel:

Am 21. Dezember läuft der Maya-Kalender aus. Apokalyptiker und Esoteriker prophezeien den Weltuntergang. Unser Autor Hugo Stamm – er hat soeben ein Buch zum Thema verfasst – wettet dagegen.

Das Wort Apokalypse hat einen besonderen Klang. Es löst Assoziationen aus, man erinnert sich an schaurige Szenen aus der Bibel, Untergangsbilder und Endzeitfilme. Sie alle haben sich tief in unser Unterbewusstes gebrannt.

Zu diesen Vorstellungen kommen die realen Nachrichten von Naturkatastrophen und Kriegen hinzu. Auch sie sind Sinnbilder für den Weltuntergang, wie er uns in der Johannes-Offenbarung drastisch prophezeit wird.

Dass uns apokalyptische Szenarien gleichzeitig erschaudern und faszinieren, hat aber auch damit zu tun, dass die Endzeit täglich stattfindet – sie ist unser Begleiter. Krankheiten, Unfälle, psychische Einbrüche und der Tod eines nahen Menschen lösen Urängste aus. Der eigene Tod ist die totale Apokalypse.Kein Wunder also wecken Endzeitszenarien breites Interesse. Ihren Propheten ist ein stattliches Publikum gewiss – so auch in diesem Jahr: Nachdem der Welt vor rund 12 Jahren trotz entsprechender Prophezeiungen (Sonnenfinsternis am 11. August 1999, Bedrohung durch die nukleare Saturnsonde Cassini, Jahrtausendwende) die Apokalypse erspart geblieben war, annonciert in diesem Jahr der Maya-Kalender das Ende. Der Kalender läuft am 21. Dezember aus.

«Jedes Leben wird ausgelöscht»

«2012 geht unsere schöne Welt endgültig unter. Jedes Leben wird ausgelöscht.» Mit dramatischer Stimme verkündet der Sprecher im Video «Weltuntergang 21. 12. 2012. Der Maya-Kalender» das Ende der Zeit. Sogar die Nasa erforsche dieses Szenario, verheimliche aber die Ergebnisse, wird behauptet.

Hunderttausende haben sich das Video auf dem Internet angesehen. Auch Hollywood hat die Brisanz des Themas früh erkannt und 2009 einen monumentalen Untergangsfilm mit dem schlichten Titel «2012» in die Kinos gebracht. Mit Erfolg: Der Thriller von Starregisseur Roland Emmerich spielte in wenigen Wochen Hunderte Millionen Dollar ein.

Was aber hat nun der Maya-Kalender mit der drohenden Endzeit zu tun? Das indigene Volk aus Zentralamerika kannte rund 20 verschiedene Kalender. Der für die Zeitmessung wichtigste läuft am 21. Dezember 2012 aus. Das Datum elektrisiert esoterische und apokalyptische Kreise. Sie verehren die Maya-Priester als Seher und spirituelle Meister. Das Maya-Volk lebte von ungefähr 3000 vor bis 900 nach Christus vorwiegend in Guatemala, Mexiko und Belize und war mit mathematischen und astronomischen Phänomenen vertraut.

Bolon Yokte steigt vom Himmel

Um die Maya ranken sich seit je Mythen und Legenden. Als die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert durch die Urwälder der Halbinsel Yucatán streiften, stiessen sie auf mächtige Pyramiden, verfallene Paläste, Tempel und überwucherte Ritualplätze. Dabei entdeckten sie Bücher und auf Steinplatten gravierte Inschriften, deren Bildsprache sie nicht verstanden.

Die Konquistadoren und später die Missionare zerstörten die meisten schriftlichen Zeugnisse der «Heiden». Übrig blieben lediglich vier Bilderhandschriften, sogenannte Codizes, aus Feigenbaumrinde mit nicht einmal 200 Seiten. Die rudimentäre Quellenlage sowie der Status der Maya als sagenhafte und gleichzeitig sehr kundige Kultur lassen erstens viel Raum für Spekulationen – und machen die Maya zweitens zur Projektionsfläche für esoterische Sehnsüchte aller Art.Die Endzeittheoretiker stützen sich neben dem auslaufenden Kalender insbesondere auf eine stark verwitterte Inschrift aus Tortuguero in Mexiko. Diese Inschrift, Monument Six genannt, wurde vor rund 50 Jahren beim Bau einer Autobahn gefunden. Sie erwähnt das Jahr 2012. Und sie enthält den Satz: «Er wird vom Himmel heruntersteigen.» Da die Hieroglypheninschrift an anderer Stelle den Gott Bolon Yokte erwähnt, kombinieren die Apokalyptiker, dass Bolon Yokte am 21. Dezember auf die Erde herabsteigen wird. Gleichzeitig zeigt ein Bild in einem der Maya-Bücher ein Monster, das Wasser auf die Erde speit. Das passt: Ein vom Himmel steigender Gott und eine Sintflut sind die Mutter aller apokalyptischen Metaphern.Obwohl die Daten- und Quellenlage dürftig ist, besteht für die Endzeittheoretiker kein Zweifel, dass die Maya das Ende der Zeit vorausgesagt haben. In Anbetracht ihrer seherischen Gaben hätten die Prophezeiungen der Maya eine andere Qualität als vergangene Weltuntergangszenarien.

Doch deutet der auslaufende Maya-Kalender tatsächlich auf das Weltende hin? Der mexikanische Archäologe Guillermo Bernal erteilt den Apokalyptikern eine Absage: «Die Apokalypse ist ein sehr westliches, christliches Konzept, das auf die Maya projiziert wird.» Auch Maya-Experte David Stuart von der Universität von Texas bestätigt: «Die Maya sprachen nie davon, dass die Welt zu Ende gehen würde, sie sagten nie, dass notwendigerweise irgendetwas Schlimmes geschehen würde. Sie halten auf Monument Six lediglich diesen künftigen Jahrestag fest.» Ethnologen und Archäologen sind einhellig der Meinung, dass die Maya keine Endzeitvorstellungen hatten.

Der Anfang der Zeit

Der 21. Dezember 2012 hatte für die Maya keine besondere spirituelle Bedeutung. Ursprünglich wollten sie den Anfang der Zeit festlegen und rechneten Milliarden von Jahre zurück. Erfolglos mussten sie das Unterfangen aufgeben. Deshalb legten sie den Beginn ihrer Zeitrechnung willkürlich fest und definierten Epochen von rund 400 Jahren. Der jüngste Zyklus läuft am 21. Dezember aus. Danach beginnt eine neue Epoche.

Den Vorgang kennen wir aus unserem eigenen, gregorianischen Kalender: 1999/2000 ging die Welt trotz apokalyptischen Prophezeiungen nicht unter; es begann lediglich ein neues Jahrtausend. Was die Endzeitprognostiker auch übersehen: Der Gott Bolon Yokte, der vom Himmel steigen soll, ist nicht nur der Zerstörer; er ist auch der Gott der Schöpfung.Auffällig ist weiter, dass die Nachfahren der Maya, die heute nach dem gregorianischen Kalender leben, kaum Interesse am ominösen Datum vom 21. Dezember haben. Die meisten leben in ärmlichen Verhältnissen und wissen wenig von ihren Urahnen. José Huchim, Archäologe aus Yucatán, sagt, die Maya-Nachfahren würden den Kopf schütteln, wenn er ihnen von den Endzeit-Spekulationen in der westlichen Welt berichte: «Wir haben derzeit richtige Sorgen, zum Beispiel fehlender Regen.»

Bleibt die Frage, was es mit den kosmischen Endzeitzeichen auf sich hat, die sich im Dezember am Himmel abzeichnen sollen. Das Untergangsszenario der Apokalyptiker besagt, dass Planet Nibiru, auch Planet X genannt, Ende Jahr die Erde tangieren und eine apokalyptische Katastrophe anrichten soll. Nibiru lasse die Erdachse kippen und bewirke einen Polsprung, wird in vielen Büchern und auf Internetplattformen behauptet. Ausserdem würden Flutwellen weite Küstenstriche ausradieren und bis ins Schweizer Mittelland vordringen. Prophezeit werden auch Erdbeben der Stärke 15 auf der Richterskala, die viele Städte dem Erdboden gleichmachten, sowie eine Wolke aus vulkanischem Staub, die den Himmel für Jahrzehnte verdunkle.

Die Katastrophen raffen laut Nancy Lieder 95 Prozent der Menschheit dahin. Die amerikanische Esoterikerin ist die Wortführerin beim Thema Maya-Kalender. Die restlichen fünf Prozent würden sich durch kannibalische Attacken das nachapokalyptische Leben noch schwerer machen.

Zentrum der Milchstrasse

Behauptet wird überdies, die Achse Sonne-Erde zeige am 21. Dezember 2012 genau ins Zentrum der Milchstrasse, was sich nur alle 25 800 Jahre ereigne. Astronomen widersprechen dieser Aussage einhellig. Ausserdem stellt sich die Frage: Was soll eine solche Konstellation mit der Endzeit zu tun haben?

Weiter prophezeien Esoteriker zum Ende dieses Jahres Sonnenstürme mit katastrophalen Auswirkungen. Das Phänomen der Sonnenstürme ist zwar bekannt und ereignet sich regelmässig, doch kann es laut Experten das Leben auf der Erde nicht gefährden.

Am 22. Dezember wird sich die Erde mit all ihren Bewohnern so drehen, wie sie sich bereits am 21. und am 20. und am 19. gedreht hat: so wie immer. Zurück bleiben werden viele Medienberichte und ein metaphysisches Gruseln ihrer Konsumenten. Sowie die Aussicht, dass Apokalyptiker und Seher bestimmt bald nach einem neuen Endzeitdatum Ausschau halten werden.

Eines besteht bereits, geschaffen von jenen Archäologen, die behaupten, bei der Abgleichung des Maya-Kalenders mit unserer Zeitrechnung habe sich ein Fehler eingeschlichen. In Wirklichkeit laufe der Maya-Kalender erst in 200 Jahren aus.

Hugo Stamms neues Buch

In diesen Tagen erscheint ein neues Buch von TA-Redaktor Hugo Stamm. Sein Titel: «Im Bann des Maya-Kalenders – Endzeithysterie in Sekten und Esoterik». Der obige Artikel stützt sich auf die Recherchen zu diesem Buch. Letzteres thematisiert aber nicht nur die Endzeitideen rund um den Maya-Kalender und die Spekulationen esoterischer und apokalyptischer Kreise. Überdies werden im Buch Endzeitgruppen porträtiert, die apokalyptische Ereignisse prophezeit oder gar inszeniert hatten. Dazu gehören die Volkstempler-Sekte des amerikanischen Pastors Jim Jones (über 900 Tote), die japanische Aum-Sekte von Shoko Asahara (12 Tote, über 1000 Verletzte) oder die Sonnentempler des Gurus Jo Di Mambro (74 Tote). (TA)

Hugo Stamm: Im Bann des Maya-Kalenders. Güthersloher Verlagshaus. Ca. 29 Fr.

Zorniger Brief an Gott

Hugo Stamm am Montag den 21. Mai 2012
Dicke Post: Paulus schreibt einen seiner Briefe.

Dicke Post: Paulus schreibt einen seiner Briefe.

Olga Ohlsson, Schülerin des Gymnasiums Eppendorf in Hamburg, hat einen Text verfasst, der im «Hamburger Abendblatt» veröffentlicht wurde und im Internet hohe Wellen geschlagen hat.

Ich gebe ihn hier gekürzt und mit Zwischenbemerkungen versehen wider:

Lieber Herr Gott,

immer soll man Toleranz zeigen, als Atheist. Immer soll man sich anpassen, als Atheist. Immer soll man dir zustimmen, als Atheist. Aber nie werden wir gefragt, was wir wollen, wir Atheisten.

Es brauche Mut, den Satz «Ich glaube nicht an Gott» auszusprechen, schreibt die Schülerin weiter, denn nirgendwo stosse man damit auf Verständnis. Sofort bekomme man von allen Seiten Spott und müsse sich anhören, was für eine Sünde es sei, nicht an Sie, Herr Gott, den Erschaffer der Welt, zu glauben. Das sei ähnlich, als würde man sagen, «ich bin schwul». Man oute sich in den meisten Gesellschaften einfach mit so etwas nicht.

Die zweite Frage ist dann sofort: «Warum glaubst du denn nicht an Gott, den Allmächtigen?» Blöde Frage. Einfache Antwort: Ich glaube nicht an Sie, Herr Gott, weil ich mir mein Leben nicht von jemandem vorschreiben lassen möchte, von dem nicht mal bewiesen ist, dass er überhaupt mal gelebt hat. Ich will der Herr über mein eigenes Leben sein.

Ich möchte nicht fünf Kinder oder Aids bekommen, weil ich mein Leben lang strikt nach den zehn Geboten und dem Papst gelebt habe und deswegen kein Kondom benutzt habe. Ich möchte im Leben Spaß haben und auch mal Unüberlegtes tun. Ich will Sex vor der Ehe, und das nicht nur mit einem Mann. Vielleicht auch mal mit einer Frau? Na und?

Was die Toleranz betreffe, habe sie schliesslich auch kein Problem mit Gläubigen, schreibt Olga Ohlsson weiter. Auch nicht damit, dass gläubige Menschen so verbohrt seien und meinten, dass das, was sie sagten, richtig sei und nichts anderes. Dass sie die einzig Richtigen seien und das einzig Richtige tun würden.

Aber Sie tun nicht das Richtige, Herr Gott. Immer sollen wir als Ungläubige, als Atheisten die Gläubigen um uns herum akzeptieren und tolerieren und ja den Mund halten. Wir akzeptieren die Gläubigen ja auch, aber sie akzeptieren uns nicht.

Sie sollen doch mal darüber nachdenken, wie wir sind und wie wir uns bei ihren Angriffen fühlen, aber das ist ihnen egal. Sie sind egoistisch geworden. Durch Sie, Herr Gott! Sie mögen keine Atheisten. Und deswegen mögen uns Ihre Anhänger auch nicht.

Das Wort Gottes stünde schon in der Bibel, schreibt die Schülerin weiter.

Alle, die mir folgen, werden gesegnet und kommen in den Himmel und haben Glück bis an ihr Lebensende und blablabla. Doch wenn wir die Seite umblättern, dann ist all der Zorn zu finden, den Sie uns entgegenbringen. Uns, die Ihnen nicht Folge leisten.

In der Bibel stünden Dinge wie: Wer mir nicht folgt, der kann sich auf etwas gefasst machen, der wird sein Leben lang nicht mehr glücklich und kommt in die Hölle.

Nicht nett, Herr Gott. Wenn Sie uns nicht mögen, ist das nicht so schlimm. Aber ich habe keine Lust mehr, die Gläubigen zu tolerieren und mich vor ihnen zu rechtfertigen, denn eigentlich müssten sich die Gläubigen vor mir rechtfertigen.

Solange sie jemand beschimpfe, weil sie Atheistin sei, werde sie zurückschimpfen.

Viele Grüsse von einer Atheistin, die es leid ist, von allen unverstanden zu sein, und nur akzeptiert und toleriert werden will.

Die Unvernunft des Glaubens

Hugo Stamm am Samstag den 12. Mai 2012

Der folgende Impulstext stammt von Ruedi Schmid (Optimus). Vielen Dank.

Ein Mann lässt sich in den Phillipinen ans Kreuz nageln. (Keystone)

Die individuelle Wahrheitsvorstellung hat nichts mit Vernunft zu tun: Ein Mann lässt sich in den Phillipinen ans Kreuz nageln. (Keystone)

Die Unvernunft des Glaubens wird meist mit Dummheit begründet, aber wenn gebildete und erfolgreiche Menschen durch den Glauben ihre Vernunft verlieren, entsteht Fassungslosigkeit. Warum zum Beispiel Tom Cruise fanatischer Scientology-Anhänger sein kann oder warum Atta, der ins World Trade Center geflogen ist, trotz Uni-Abschluss zum grausamen Selbstmordattentäter werden konnte, bedarf einer Erklärung, sonst geht der Glaube an die Menschheit verloren.

Glauben bedeutet «etwas für wahr halten» und beruht auf einer Wahrscheinlichkeitsvermutung. Wenn man dabei Überirdisches zulässt, sind der Unvernunft keine Grenzen gesetzt, was Sekten und al-Qaida mehr als deutlich bestätigen. Das Unverständliche dabei ist aber, wie daraus eine derart starke Wahrheitsüberzeugung entstehen kann, so dass der vernünftige Menschenverstand versagt. Da das keine Einzelfälle sind und auch Glaubensauseinandersetzungen darauf begründen, scheint die Ursache eine menschliche Veranlagung zu sein. Diesem Problem geht meist eine religiöse Beeinflussung voraus, die sich zu einer Wahrheitsvorstellung radikalisiert, was die Vernunft beeinträchtigt.

Beeinflussung
Diese ist hauptsächlich Charaktersache und beruht vermutlich auf der Erziehung zum Gehorsam, weil dabei Gedankenlosigkeit belohnt und Hinterfragen bestraft wird. Das ist aber ein Thema für sich und wird hier nur vollständigkeitshalber erwähnt.

Wahrheitsvorstellung
Leben ist nur unter der Vorstellung einer realen Welt möglich, indem man alles, was man fühlt, erlebt und wahrnimmt, als reale Wahrheit empfindet. Auch unser Selbstbewusstsein setzt eine solche reale Wahrheitsvorstellung voraus. Diese reale Wahrheitsvorstellung ist aber nur eingebildet und selbst konstruiert, denn alle Wahrnehmungen, Gefühle und Erlebnisse sind subjektiv und münden in einer individuellen Wahrheitsvorstellung, die sich nach der Beschaffenheit des Anschauungsvermögens richtet.

Reine Vernunft
Kant bezeichnete die Vernunft, welche rein gedanklich ist und nicht auf praktischer (empirischer) Erfahrung beruht, als «reine Vernunft», und sein berühmtes Werk «Kritik der reinen Vernunft» ist eine ausführliche Analyse davon. Dabei kam er zum Schluss, dass reine Vernunft selbstkonstruiert und eingebildet ist und dass jeder Versuch, Wahrheitserkenntnisse durch reine Vernunft zu gewinnen, wie z. B. über Gott, ewiges Leben oder Freiheit, notwendig im transzendentalen Schein endet. Heute weiss man, dass jede Erkenntnis an die Sinneserfahrung gebunden ist und dass im Gehirn keine genetische Quelle vorhanden ist, die Wahrheitserkenntnisse liefern kann. Dadurch ist jede Wahrheitsvorstellung der reinen Vernunft ein eingebildetes Paradoxon, das durch die Verstrickung von Gedanken in einem selbstbezüglichen System entsteht.

Dank diesem eingebildeten Paradoxon gelingt es uns, unsere Umwelt zur Realität zu machen, aber dadurch wird auch Glauben zur Realität gemacht, und je mehr man sich damit gedanklich beschäftigt, desto mehr verstricken sich die Gedanken im selbstbezüglichen System und desto grösser wird die Wahrheitsüberzeugung. Deshalb ist es aussichtslos, mit Gläubigen über Wahrheit zu diskutieren.

Praktische Vernunft
Praktische Vernunft bezieht sich auf eine Handlung, welche sich auf Grund empirischer Erfahrung als praktisch erweist, wie zum Beispiel: Es ist vernünftig, das Glas nicht fallen zu lassen (weil es sonst zerbricht). Das zeigt deutlich, dass sich Vernunft nicht auf eine Wahrheit, sondern immer auf eine Handlung bezieht, die zu einer Wirkung führt, welche man vorhersagen und dementsprechend nach Vernunftkriterien beurteilen kann. Das Beispiel lässt auch erkennen, dass jeder Mensch im Alltag nach der praktischen Vernunft handeln muss, sonst wird sein Leben zum Scherbenhaufen.

Ausserhalb des Alltagsdenkens gewinnt die reine Vernunft des Glaubens an Bedeutung, und für Atta war es vernünftig, ins WTC zu fliegen, weil er sich von Allah dazu berufen fühlte und überzeugt war, dass er dafür mit dem Himmelsparadies belohnt wird. Dass das völlig unvernünftig ist, steht ausser Zweifel, aber was ist denn vernünftig? Was sind die Kriterien dafür? Zunächst fehlt bei Atta der empirische Erfahrungsnachweis bezüglich Allah und Himmelsparadies, und zudem sind die Auswirkungen unmenschlich. Was konkret vernünftig ist, darüber streiten sich die Gelehrten, aber betrachtet man als Kriterium die Verbesserung der Welt zum Wohle aller Menschen, dann gibt es nur noch egoistische Gegenargumente.

Kant hatte sich mit der praktischen Vernunft eingehend auseinandergesetzt, er betrachtete Ethik und Moral als wichtigste Kriterien, und sein berühmtes Werk «Kritik der praktischen Vernunft» basiert auf seiner «praktischen Philosophie», welche gutes Handeln und nicht Wahrheit zum Gegenstand hat, weil sich die Welt nur mit vernünftigem Handeln und nicht mit Wahrheit verbessern lässt. Wie folgendes Beispiel zeigt, kann Wahrheit sehr unvernünftig sein:

Wenn ein Pilot den Passagieren die Wahrheit sagt und damit eine voraussehbare Panik auslöst, die zum Absturz führt, dann ist das vorsätzliche Tötung. Nur was die Sicherheit erhöht und Menschenleben rettet, ist vernünftig. Darum steht in der Fliegerei Sicherheit über der Wahrheit und dem Recht (safety first). Dank dieser praktischen Vernunft konnte aus dem risikoreichsten Transportmittel das Sicherste gemacht werden, was zum Vorteil aller Menschen und darum vernünftig ist.

Um die Welt zu verbessern müsste man einfach vom Wahrheitsdenken auf praktisches Vernunftdenken umstellen. Das ist aber wegen der Gewohnheit kaum möglich und müsste bei der Erziehung beginnen, indem man den Kindern anstatt Gehorsam und Religionswahrheiten, praktische Vernunft beibringt. Als Erziehungsmethode wäre das auch vorteilhafter, denn praktische Vernunft führt durch Einsicht zum guten Charakter, weil gutes Tun zufriedener macht als schlechtes. Wenn das auch nur ein Hoffnungsschimmer sein mag, so hilft diese Lösungsidee wenigstens, den Glauben an die Menschheit nicht zu verlieren.

Stosstrupp Gottes in den Wandelhallen

Hugo Stamm am Donnerstag den 3. Mai 2012

Die Wandelhallen des Bundeshauses sind ein beliebtes und wichtiges Tummelfeld der Lobbyisten aus Wirtschaft und Verbänden. So auch an der Sondersession, zu der sich der Nationalrat heute und morgen versammelt. Im Kreis der erlauchten PR-Leute ist Beat Christen ein exotischer Interessenvertreter. Der gläubige Christ weibelt seit über 20 Jahren dafür, christliche Ideen in der Bundespolitik zu verankern. Er sieht sich als Lobbyist seines Herrn und wird gern als Bundeshaus-Beter bezeichnet. Erfüllung fände er, wenn sich das Bundeshaus in ein Gotteshaus verwandeln würde. In ein christliches natürlich – nomen est omen.

Christen wandelt unermüdlich in den heiligen Hallen. Der St. Galler CVP-Nationalrat Jakob Büchler hat ihm einen Badge für den Zutritt zur Wandelhalle verschafft. Der Bundeshaus-Beter hatte vor über 20 Jahren eine Eingebung, als er in der Bibel bei Timotheus las, die Gläubigen sollten für die Regierenden beten. Ausserdem segnete ihn ein Gläubiger mit dem Spruch aus Josua 1,3: «Überall, wo du die Fusssohlen hinlegst, wird Gott dir das Land geben.» Was sich bewahrheitet haben soll. Obwohl er missionarisch tätig ist, sagt er: «Ich habe im Bundeshaus noch nie jemanden bekehrt.» Das ist auch nicht nötig, denn er glaubt: «Das macht der himmlische Vater selbst.»

Freikirchliches Muster

Diese wortgläubige Bibelauslegung entspricht exakt freikirchlichem Denk- und Glaubensmuster. Doch der sportliche, fromme Mann, der sorgsam darauf bedacht ist, keine heiklen Aussagen zu machen, wehrt sich gegen diese Etikettierung: «Ich will nicht in die freikirchliche Ecke gedrängt werden», sagt er im Gespräch an seiner Berner Wirkungsstätte. Das überrascht, denn Christen stand von 1979 bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr im Lohn der Vereinigten Bibelgruppe (VBG), die eindeutig freikirchlich ausgerichtet ist.

Christen hängt seine fundamentalistische Ausrichtung aus taktischen Gründen nicht an die grosse Glocke. So hilft ihm denn auch, dass ihm mit Jakob Büchler ein strenggläubiger Katholik die Akkreditierung gegeben hat, und nicht ein freikirchlicher Parlamentarier der Evangelischen Volkspartei.

Christen spricht rund ein Drittel der Parlamentarier per Du an, zu einem weiteren Drittel pflegt er gute Beziehungen. Diese gehören vor allem der EVP, CVP und SVP an. Namen nennt er nicht gern, Diskretion ist ihm heilig. Er will auch nicht verraten, zu welchen Bundesräten er einen direkten Draht hat. Selbstsicher sagt er: «Meinem Vater gehören die UBS und das Bundeshaus.» Mit dieser Botschaft will er die Parlamentarier indoktrinieren, wie er erklärt. Unter Vater versteht Christen den christlichen Gott.

Seelsorger für Parlamentarier

Für manche Parlamentarier übt er seelsorgerische Funktionen aus: «Sie kommen zu mir, wenn sie persönliche oder körperliche Probleme haben.» Dann betet er für sie. Doch wie steht es mit dem politischen Einfluss? Christen weicht aus: «Ich gebe meine Meinung bekannt, wenn sie biblisch eindeutig ist», sagt er. Die Bibel müsse auch in der Politik die zentrale Richtschnur sein.

Christen lädt immer wieder Parlamentarier zu Begegnungen mit Bibelgruppen ein. Nicht ohne Stolz erzählt er, dass schon rund 80 National- und Ständeräte teilgenommen hätten. So vor einiger Zeit auch der Präsident der SP, Christian Levrat, der mit Christen junge Evangelikale in Freiburg besuchte. Er sei aus Neugier gegangen und weil er wenig über Freikirchen wisse, sagte Levrat.

Bibelgruppen in Bundesämtern

Neben seiner Lobbyarbeit im Bundeshaus war Christen an der Gründung von über 200 Gebetsgruppen an Mittelschulen und Universitäten, in Betrieben und Verwaltungen beteiligt. Auch wenn er und die VBG es nicht gern zugeben: Ziel ist die Missionierung breiter Bevölkerungskreise im freikirchlichen Sinn. Christen sucht aber nicht nur Einfluss in den Wandelhallen, seine Bibelgruppen sind auch in der Bundesverwaltung präsent: «In jedem Departement und einigen Bundesämtern ist mindestens eine Gebetsgruppe aktiv.» Er hat 1998 zusammen mit Parlamentariern auch die Arbeitsgruppe «Christ und Politik» − vormals «Vision für die Schweiz» − gegründet. Sie verfolgt das Ziel, engagierte Christen aller Parteien zu vernetzen und das christliche Gedankengut in der Politik zu verankern.

Die meisten Parlamentarier finden nette Worte, wenn sie auf den Bundeshaus-Beter angesprochen werden. Es gibt aber auch kritische Stimmen. Ein CVP-Parlamentarier, der nicht genannt sein will, hat Christen anfänglich bei seinem Engagement unterstützt. Mit der Zeit missfiel ihm jedoch sein ausgeprägter Glaubenseifer. «Christen ist eindeutig freikirchlich ausgerichtet», sagt er und fügt an: «Er liegt oft auf der radikalen Linie von EDU und SVP, die nicht mit dem christlichen Gedankengut vereinbar ist.» Christens Präsenz im Bundeshaus findet er inzwischen penetrant: «Man kommt in den Wandelhallen nicht an ihm vorbei. Er will in der Schweiz eine Gebetsarmee aufbauen. Ich habe Angst, dass sich auf solchen Wegen der christliche Fundamentalismus immer mehr ausbreitet.»

Christen weibelt nicht allein

Der Parlamentarier sagt weiter, viele Kollegen stellten sich gut mit Christen und der Gruppe «Christ und Politik», weil dies Wählerstimmen bringe: «Da braut sich eine unheilige Allianz von Freikirchen zusammen, bei der auch viele SVP-Vertreter aktiv sind.»

Christen ist nicht der einzige Gottes-Lobbyist im Bundeshaus. Jean-Claude Chabloz hat ebenfalls einen Passepartout. Bis vor gut einem Jahr gehörte auch noch Maria Wyss zum Team, doch sie erlitt eine tödliche Krankheit, weshalb sich der freikirchliche Stosstrupp Gottes reduziert hat.

Sie lebte von Licht, bis sie verhungerte

Hugo Stamm am Mittwoch den 25. April 2012
Leben nur von Licht: Dreiwöchiges Fasten und Meditieren bewirken im Körper angeblich einen Umwandlungsprozess und befähigen ihn zur Aufnahme von kosmischem Licht.

Leben nur von Licht: Dreiwöchiges Fasten und Meditieren bewirken im Körper angeblich einen Umwandlungsprozess und befähigen ihn zur Aufnahme von kosmischem Licht.

Sie sass gebannt im Kino und liess sich in eine spirituelle Welt entführen. Der Dokumentarfilm «Am Anfang war das Licht» verhiess den Eintritt in eine neue übersinnliche Dimension. Die erleuchteten Meister und ihre Schüler im Film waren der lebende Beweis, dass Eingeweihte allein von Prana, der göttlichen Energie, leben können. Dazu lieferten Quantenphysiker wissenschaftliche Erklärungen für das Phänomen. Anna Gut* wusste sofort, dass sie ihre langjährige spirituelle Suche mit dem Lichtnahrungsprozess krönen wollte.

Im Film, der 2010 in den Schweizer Kinos lief, traten vor allem zwei Protagonisten auf, die Anna Guts Überzeugung stärkten, wonach spirituell begabte Menschen entgegen der wissenschaftlichen Lehrmeinung ohne Nahrung leben können: der 62-jährige Schweizer Michael Werner, Anthroposoph und Doktor der Chemie, sowie der 83-jährige indische Yogi Prahlad Jani. Beide warteten mit wissenschaftlichen Untersuchungen auf, die angeblich beweisen, dass sie ohne feste Nahrung auskommen. Michael Werner verzichtet laut eigenen Angaben seit 2001 auf Lebensmittel, Prahlad Jani seit 70 Jahren. Ausserdem behauptet der Yogi, auch nicht zu trinken.

Sieben Tage kein Wasser trinken

Anna Gut, eine Mittfünfzigerin aus der Ostschweiz, liess sich nach längerer Vorbereitung auf den Lichtnahrungsprozess ein. Dieser geht auf die 54-jährige Australierin Ellen Greve zurück, die sich als Medium Jasmuheen (Duft der Ewigkeit) nennt. Dreiwöchiges Fasten und Meditieren bewirkten im Körper einen Umwandlungsprozess und befähigten ihn zur Aufnahme von Prana, erklärt sie in ihren Büchern. Der Schädel wachse, die Genstruktur verändere sich, Zirbel- und Hirnanhangsdrüse würden stark anwachsen. Jasmuheen behauptet, selbst seit 1993 vom kosmischen Licht zu leben.

Wer Jasmuheens Anweisungen folgt, nimmt in der ersten Woche nichts zu sich, auch kein Wasser. Anna Gut hielt sich strikt daran. Sogar ihren Speichel spuckte sie aus. Auch Lichtesser wissen, dass es ab dem dritten Tag kritisch wird, doch sie sind überzeugt, die Gefahr der Dehydrierung meistern zu können. Auch Anna Gut überlebte die Rosskur. Für sie ein Beweis ihrer spirituellen Entwicklung. Nach der ersten Woche trank sie wieder, fastete aber wie vorgeschrieben in den Wochen zwei und drei.

Im Winter vor einem Jahr beantwortete sie das Telefon eines Tages nicht mehr

Anna Gut wollte weiterhin nur von Prana leben und sich nicht mit verunreinigten Lebensmitteln kontaminieren. Ihre zwei erwachsenen Kinder machten sich Sorgen, denn ihre Mutter wirkte geschwächt und zog sich immer mehr zurück. Sie sei nun hoch sensibel und spüre ihre Bedürfnisse besser denn je, beruhigte sie die Kinder und versprach, den Prozess abzubrechen, sollte es kritisch werden.

Als sie im Winter vor einem Jahr das Telefon eines Tages nicht mehr beantwortete, suchten die Kinder ihr entlegenes Haus auf. Die Tür war verschlossen, ein Lebenszeichen nicht auszumachen. Gewaltsam drangen sie in das Haus ein. Sie fanden die Mutter in der Stube. Tot. Polizei, Notarzt und Staatsanwalt trafen ein und stellten Untersuchungen an. Später wurde Anna Gut obduziert. Tod durch Verhungern, teilte der Staatsanwalt den Kindern schliesslich mit. Allenfalls begünstigt durch die tiefen Temperaturen im Haus. «Die Strafuntersuchung wurde eingestellt, weil keine Hinweise auf Fremdeinwirkung festgestellt wurden», sagt Staatsanwalt Thomas Bürgi.

Mehrere Todesopfer

Anna Gut ist das erste Opfer des Lichtnahrungsprozesses in der Schweiz. Vor ihr bezahlten aber schon andere Lichtesser ihre Überzeugung mit dem Leben. Im März 1997 starb der 31-jährige Münchner Timo Degen. Die radikale Fastenkur hatte zu einem Kreislaufkollaps geführt. Auch die Neuseeländerin Lani Morris überlebte das Experiment im Juni 1998 nicht. Nach einer Woche Fasten erlitt die 53-Jährige einen Schlaganfall, verursacht durch den Flüssigkeitsverlust. Nach wenigen Tagen starb sie im Spital von Melbourne. «Der Tod eines Menschen steht von vornherein fest, es war somit das Karma der Verstorbenen», erklärte Jasmuheen.

Im September 1999 starb die 48-jährige Australiern Verity Linn in Schottland. Wanderer fanden ihren ausgemergelten Körper an einem See. Aus ihrem Tagebuch ging hervor, dass sie den Lichtnahrungsprozess absolviert hatte. Die Verfechter der Lichtnahrung liessen sich davon in ihrem Glauben nicht beirren. Bei jedem Todesfall fanden sie angeblich Ungereimtes. Die Opfer hätten fahrlässig gehandelt, erklärten sie. Oder: Die Todesumstände seien nicht seriös untersucht worden. Bei Anna Gut ist die Todesursache allerdings eindeutig. Die Ostschweizerin ist vielleicht das erste restlos dokumentierte Opfer der Lichtnahrung weltweit.

Asketen standen nie unter Dauerbeobachtung

Doch radikale Esoteriker glauben den Lichtnahrungsgurus mehr als den warnenden Stimmen, wonach der Körper ohne Nahrungszufuhr gezwungen wird, den Stoffwechsel umzustellen und die Reserven in den Organen und Muskeln anzuzapfen. Der Flüssigkeitsmangel führe ausserdem zur Ansäuerung und bewirke Leberschäden. Das Immunsystem werde geschwächt, und die Gefahr einer Infektion steige. Bei sinkendem Blutzuckerspiegel drohten Lichtesser ins Koma zu fallen; die Unterversorgung des Hirns könne zu Psychosen führen. Die Lichtesser sind jedoch überzeugt, einen Körper entwickelt zu haben, der nicht mehr nach den üblichen physiologischen Kriterien funktioniert.

Sie berufen sich auf die lange religiöse Tradition der Askese und erwähnen Yogis, die jahrelang auf Bäumen sitzen, ohne zu essen. In unserer christlich-abendländischen Kultur werden vor allem Resl von Konnersreuth (Therese Neumann) und Nikolaus von der Flüe angeführt. Nur: Das sind Einzelbeispiele von Personen, die durchwegs asketisch gelebt haben. Ausserdem standen sie nie unter Dauerbeobachtung. Nikolaus von der Flüe beispielsweise war nachts allein in seiner Höhle.

Lichtnahrungsprozess sei unbedenklich, wenn er aus spiritueller Motivation heraus unternommen werde

Der österreichische Regisseur Peter-Arthur Straubinger wehrt sich gegen den Vorwurf, mit seinem Film die Zuschauer zum Lichtnahrungsprozess zu animieren. Obwohl er zugibt, dass die jahrelangen Recherchen seine Einstellung zur Lichtnahrung verändert haben und er an das Phänomen glaubt, versteht er sein Werk als Dokumentarfilm. Zwar lässt er auch einzelne Skeptiker auftreten, doch ihre allgemeinen Aussagen gehen im vielstimmigen Chor der begeisterten Verfechter der Methode unter und wirken wie ein Feigenblatt.

Straubinger bestreitet auch, mit dem Film Propaganda für die Magersucht zu machen. Schliesslich warne er vor leichtfertigen Selbstversuchen. Sein Film enthält allerdings auch die Botschaft, dass der Lichtnahrungsprozess unbedenklich sei, wenn er aus spiritueller Motivation heraus unternommen werde. Wörtlich schreibt er: «Menschen, deren Weltsicht die mögliche Existenz der physischen Nahrungslosigkeit prinzipiell nicht zulässt, müssen meinen Film zwangsläufig als Betrug oder Manipulation abstempeln – weil nicht sein kann, was nicht sein darf.» Damit outet sich Straubinger indes als «Gläubiger» und verlässt den Boden des neutralen Dokumentarfilmers.

Rezept gegen Welthunger

In ihrem Buch «Lichtnahrung» (1998) preist Ellen Greve alias Jasmuheen das göttliche Licht Prana als «Nahrungsquelle für das kommende Jahrtausend». Die Australierin sieht in ihrem Prozess ein Rezept gegen den Welthunger und behauptet, ihre Genstruktur habe sich aufgrund der Lichtkur verändert. Skeptiker boten ihr 30’000 australische Dollar, wenn sie den Beweis antrete und ihr Erbgut untersuchen lasse. Doch sie weigerte sich. Dafür wollte sie unter ärztlicher Aufsicht nachweisen, dass sie ohne Nahrung auskommt. Die begleitende Ärztin brach den Test aber nach wenigen Tagen ab, weil Jasmuheen gefährlich ausgetrocknet war und rasch an Gewicht verlor. Die attraktive Australierin wurde auf ihren Vortragsreisen, die sie auch in die Schweiz führten, wiederholt beim Essen ertappt. Inzwischen haben weit über 10’000 Personen weltweit den Lichtnahrungsprozess gewagt. Viele brachen ihn aber vorzeitig ab, weil sie unter unerträglichen körperlichen oder psychischen Symptomen litten.

Eine andere Frage ist, ob Michael Werner und Yogi Prahlad Jani tatsächlich beweisen können, dass sie ausschliesslich von Licht leben. Werner absolvierte 2004 mit dem Segen der Berner Ethikkommission in einem Spital einen zehntägigen überwachten Selbstversuch. Seither sei bewiesen, dass der Lichtnahrungsprozess funktioniere, behauptete er. Der spektakuläre Test bescherte ihm ein grosses Medienecho und brachte ihm sogar einen Auftritt in der TV-Talksendung «Aeschbacher» ein.

Den Beweis nicht erbracht

Den medizinischen Bericht seines Selbstversuchs hielt Werner allerdings unter Verschluss. Recherchen des TA haben ergeben, dass dieser für Werner ungünstig ausgefallen ist. Der Lichtesser sei in einen Hungerzustand gefallen, wie die Blutwerte einwandfrei beweisen würden. Von Lichtnahrung könne also keine Rede sein, stellte die Expertengruppe fest. Werner habe vielmehr die eigenen Körperreserven angezapft, um die Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Auffällig war auch, dass der stattliche Werner bei der Premiere des Films in Zürich einen deutlichen Bauchansatz zeigte, der auf der Leinwand noch nicht zu sehen war. Mit andern Worten: Er hat trotz angeblichem Dauerfasten deutlich an Gewicht zugelegt. Wie, bleibt offen. Werner war für den TA nicht erreichbar und beantwortete auch die Mails nicht.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit sind auch bei Prahlad Jani angebracht. Sein Fasten liess er in einem indischen Spital testen, mit dessen Direktor er befreundet ist. Der spektakuläre Fall brachte diesem viel Renommee und Gratiswerbung ein. Die Untersuchung liess aber einige Fragen offen. So ist unklar, weshalb der Urinspiegel abnahm, obwohl Jani angeblich kein Wasser löste. Nicht erklärbar sind auch die Schwankungen der Blutwerte.

Psychiater empfand den Lichtnahrungsprozess als «wohl intensivstes Erlebnis meines Erwachsenendaseins»

Bleibt die Frage, ob es strafrechtlich relevant ist, dass der Film die Zuschauer indirekt animiert, den gefährlichen Lichtnahrungsprozess zu absolvieren. Staatsanwalt Thomas Bürgi erklärt, dass der freie Entscheid bei den Kinobesuchern liege, ob sie den Film anschauen wollten. Es liege danach in ihrer Verantwortung, sich mit dem Inhalt kritisch auseinanderzusetzen.

Der eifrigste Schweizer Lichtnahrungs-Verfechter war lange Zeit der ehemalige Basler Chefarzt Jakob Bösch. Der 69-jährige Psychiater hat den Lichtnahrungsprozess selbst absolviert und beschreibt seine Erfahrungen in einem Buch von Jasmuheen. Aufschlussreich ist der Titel seines Kapitels: «Eine neue Form von Psychotherapie und spirituellem Wachstum.» In einer akademisch geprägten Landschaft wolle er damit ein Signal setzen, «dass das Weltbild der newtonschen Physik nicht genügt», erklärte Bösch. «Der Prozess wurde wohl zum intensivsten Erlebnis meines Erwachsenendaseins.»

Erfinderin distanziert sich inzwischen von radikaler Fastenkur

Und wie kommentiert der Psychiater den Tod von Anna Gut? «Das Ganze liegt nicht mehr in meinem engeren Interessenbereich. Ich befasse mich nicht mehr damit», lautet seine Antwort. Allein, unvorbereitet und heimlich den Lichtnahrungsprozess zu wagen, halte er für ähnlich unverantwortlich wie heimlich und allein in Sommerkleidern und Sandalen einen Viertausender zu besteigen.

Damit liegt er auf der Linie, die neuerdings auch die Erfinderin des Lichtnahrungsprozesses vertritt: Jasmuheen distanziert sich inzwischen von der radikalen Fastenkur. Offenbar ist ihr die Sache selbst unheimlich geworden.

* Name geändert.

Kulturkampf der religiösen Fanatiker

Hugo Stamm am Dienstag den 17. April 2012
Timbuktu, 11. April 2012.

Verblendete Freikirchler riskieren ihr Leben, wo alle anderen flüchten: Familien bereiten sich darauf vor, Timbuktu zu verlassen, 11. April 2012.

Timbuktu ist eine faszinierende Wüstenstadt mit einer langen Geschichte. Nicht nur der Name löst träumerische Fantasien aus, die Lehmstadt am Südrand der malischen Sahara wirkt wie ein verwunschener und geheimnisvoller Ort. So jedenfalls präsentierte sich mir der vom Sand bedrohte Ort vor über 20 Jahren.

Die Zeiten, in denen sich Karawanen in Timbuktu von den Strapazen erholten, sind längst vorbei. Heute ist Timbuktu eine umkämpfte Stadt. Sie ist im Würgegriff der islamistischen Bewegung Ansar Dine. Das Wüstenvolk der Tuareg hat zwar die Unabhängigkeit über den Norden Malis ausgerufen, doch gegen die Islamisten sind sie im Hintertreffen.

Islamisten haben am Sonntag eine 40-jährige Schweizerin gewaltsam entführt. Tuareg haben zuvor alle Europäer in Sicherheit gebracht. Die Schweizerin schloss sich nicht an. Sie wollte ihre Mission zu Ende führen.

Eine Mission, von der sie glaubt, sie von Gott erhalten zu haben. Diese Mission heisst Mission. Ihr Auftrag: Moslems missionieren. Denn die Endzeit kann erst anbrechen, wenn alle Menschen vom Evangelium gehört haben und die Wahl hatten, sich für oder gegen Gott zu entscheiden.

Katholiken und Protestanten missionieren nicht in gefährlichen Gebieten. Freikirchler hingegen glauben, einen besonderen Applaus des Himmels zu erhalten, wenn sie ihr Leben für Gott oder seinen Auftrag riskieren. Deshalb besteht auch kein Zweifel, dass die gekidnappte Schweizerin eine freikirchliche Missionarin ist.

Die Mission in Gebieten, die von Islamisten kontrolliert werden, ist brandgefährlich. Die Fanatiker dulden keine Christen. Jährlich werden mehrere hundert freikirchliche Missionare aus aller Welt von islamischen Extremisten angegriffen, in ihre Gewalt genommen oder ermordet. Das hält die Missionare aber nicht ab, weiterhin ihr Leben zu riskieren. Viele wiegen sich im falschen Glauben, von Gott beschützt zu werden.

Tuareg-Soldaten in Mali.

Die Missionarin verweigerte die Evakuierung: Tuareg-Kämpfer in Mali. (Keystone)

So kommt es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen. Mitschuldig machen sich auch Missionswerke wie «Jugend für eine Mission» und «Operation Mobilisation», die Gläubige zu Missionstätigkeiten in islamischen Gegenden motivieren. Wenn freikirchliche Missionare glauben, in Gebieten, die von Islamisten kontrolliert werden, auch nur eine islamische Seele zu retten, sind sie hoffnungslos verblendet. Dann zeigen sie eine ähnlich extreme religiöse Haltung wie Islamisten.


Gläubige haben es in der Ehe nicht besser

Hugo Stamm am Samstag den 7. April 2012

Die Postmoderne meint es schlecht mit Strenggläubigen aller Buchreligionen. Die Säkularisierung in vielen Lebensbereichen arbeitet ihren Dogmen entgegen. Während sie laufend Mauern bauen, um den Einbruch ihrer moralischen, ethischen und religiösen Grundsätzen zu verhindern, bröckelt das Fundament bedrohlich ab. 

Eine zentrale Bruchstelle ist auch die Ehe. Diese Institution ist Strenggläubigen heilig. Familien sind die Zellen der Glaubensgemeinschaften und der Hort, der den Nachwuchs zu sichern hat. Was Gott zusammengefügt hat, darf der Mensch nicht trennen, lesen wir folgerichtig in der Bibel. Ein Grundsatz, dem Gläubige nachzuleben versuchen. 

Nun lässt sich streiten, ob Gott bei der Partnersuche tatsächlich Regie spielt. Biologen führen eher evolutionäre Argumente an. Frauen achten stark darauf, die besten Gene für die Aufzucht zu selektionieren. Auch Soziologen halten sich lieber an wissenschaftliche Erkenntnisse denn religiöse. Sozialer Status und wirtschaftliche Potenz spielen bei der Partnersuche eine wichtige Rolle, denn die Existenzsicherung ist ein wichtiges Kriterium bei der Partnerwahl. 

Da sich Strenggläubige mit wissenschatlichen Erkenntnissen oft schwer tun, weil sie im Widerspruch zu biblischen Aussagen stehen, klammern sie sich lieber ans Bild der heiligen Ehe. So heilig scheint diese Institution aber nicht (mehr) zu sein. Hansjörg Forster, der den Arbeitszweig FamilyLife der freikirchlichen Bewegung Campus für Christus leitet, macht düstere Prognosen. Er muss es wissen. FamilyLife betreibt quasi christliche Familienpolitik und führt unter anderem Eheseminare durch. Der christliche Spezialist für Ehe- und Familienfragen hat festgestellt, dass Scheidungen bei Gläubigen ähnlich häufig vorkommen wie bei säkular orientierten Paaren, wie er dem freikirchlich ausgerichteten Magazin Idea/Spektrum erklärte. 

Irgend etwas läuft da offensichtlich schief. Entweder sind Strenggläubige nicht die besseren Eheleute, obwohl sie von sich glauben, von Gott geführt oder begleitet zu werden. Oder ihr Glaube, Gott habe ihrer Ehe den Segen gegeben, auf dass der Mensch sie nicht mehr trenne, ist ein Mythos.   

Noch schwerer wiegt für Strenggläubige der Umstand, dass sich selbst freikirchliche Leitungspersonen, die glauben, in besonderer Gnade von Gott zu stehen, immer öfter scheiden, wie Forster bestätigt. Er macht überhöhte Ideale dafür verantwortlich. “Vielfach sind die Gründe aber auch vergleichbar mit nichtchristlichen Paaren: Druck und Stress im Leben, mangelnde Kommunikation”, sagt der Ehespezialist.  

Kurz: Gläubigen hilft der Glaube wenig, wenn es darum geht, die Tücken des Lebens zu meistern. 

Ich wünsche allen frohe Ostern – und inspirierende stabile Beziehungen. Mit Gott oder ohne. 

Ein Gott der Gottlosen

Hugo Stamm am Mittwoch den 28. März 2012

Der folgende Text stammt von meinem Redaktionskollegen von Michael Meier.

«Jesus wurde als politischer Revolutionär verurteilt, obwohl er es nicht war!»: Der Theologe Hans Küng hat ein Buch über Jesus geschrieben. Bild: Keystone

«Jesus wurde als politischer Revolutionär verurteilt, obwohl er es nicht war!»: Der Theologe Hans Küng hat ein Buch über Jesus geschrieben. Bild: Keystone

Der Jesus der Evangelien war anstössiger, als Kirche und Dogma es wollen: Zu diesem Schluss kommt der Theologe Hans Küng.

Die Spitzenaussage in Hans Küngs Buch lautet: Jesus verkündete «den Gott nicht der Gottesfürchtigen, sondern den Gott der Gottlosen». Ein Gott nicht der Gesetzesfrommen, sondern der Gesetzesbrecher, und das bedeutet eine «ungeheure Revolution im Gottesverständnis». Jesus erregte Anstoss, weil er sich mit den Randexistenzen der Gesellschaft, mit den Verfemten, Diskriminierten und Deklassierten eingelassen und sich in «schlechte Gesellschaft» (Adolf Holl) begeben hat. Ganz und gar parteiisch stellte er sich auf die Seite der Armen und Zukurzgekommenen.

Umgekehrt sind Jesus die Frommen, die erbarmungslos gegen die versagenden Brüder vorgehen, die ärgsten Feinde geworden. «Ihnen, nicht den grossen Sündern, gelten die meisten Gerichtsworte der Evangelien.» Die Gesetzesfrömmigkeit der Pharisäer, so schreibt Küng, sei gerade nicht massgeblich für das Heil. Jesus war auch kein Gesetzgeber, der allgemeine moralische Prinzipien proklamierte. Indem er Gnade vor Recht stellte, stellte er das religiöse Establishment, Tempelliturgie und Gesetzesfrömmigkeit, radikal infrage. Insofern war «Jesu Botschaft zweifellos revolutionär». Ein Sozialrevolutionär oder politischer Agitator aber war er nicht.

Abgrenzung von Benedikt XVI.

Küng führt dem Leser einen unbequemen, unangepassten, aber auch kaum einzuordnenden Jesus vor Augen. Er bringt den konkreten Jesus von Nazareth und seine ursprüngliche Botschaft zum Vorschein. Und macht damit die Diskrepanz zu dem offensichtlich, was das Dogma aus ihm gemacht hat – und auch dazu, wie ihn die hierarchische Kirche repräsentiert. Damit wählt der Theologe einen diametral anderen Zugang zu Jesus als Benedikt XVI. in seinen beiden Jesus-Büchern von 2007 und 2011. Der Papst präsentiert einen verkirchlichten und vergöttlichten, also gewissermassen einen domestizierten Christus. In Ratzingers Zugang von oben erscheint Jesu Sein stets im Lichte Gottes.

Küng weiss, dass man sein Buch mit den Jesus-Büchern von Papst Benedikt vergleichen wird. Und er zieht im Vorwort ein selbstbewusstes Fazit: «Wer im Neuen Testament den dogmatisierten Christus sucht, lese Ratzinger, wer den Jesus der Geschichte und der urchristlichen Verkündigung, lese Küng.» Die beiden ehemaligen Tübinger Dogmatik-Professoren bedienen sich auch ganz verschiedener Methoden. Ratzingers Jesus-Bild von oben ist vom Dogma der hellenistischen Konzilien des 4. und 5. Jahrhunderts inspiriert. Er nimmt die Evangelien wörtlich und verdinglicht innere Heilswahrheiten zu objektiven Glaubensgegenständen.

Küng wirft Ratzinger vor, bei allem Lippenbekenntnis zur historisch-kritischen Methode deren für die Dogmatik unbequeme Ergebnisse zu ignorieren. Für ihn sind diese indessen bei der Lektüre des Neuen Testaments von unten unabdingbar. Küng unterscheidet stets zwischen dem historisch Gegebenen und der gläubigen Interpretation durch die biblischen Autoren. Die Evangelien sind keine Biografie Jesu, sie beschreiben keine Entwicklung und kein Charakterbild. Sie sind keine Dokumentarberichte, sondern engagierte Glaubenszeugnisse. So ist für Küng etwa die physische Gottessohnschaft eine nachösterliche Interpretation. Im Unterschied zu Ratzinger ist er der Meinung, dass sich Jesus selber keinen einzigen Hoheitstitel – wie Sohn Gottes, Christus, Messias – zugelegt hat. Auch wenn sein ganzes Tun und Lassen einen messianischen Anspruch erhoben habe. Für Küng ist klar: Jesus verkündete nicht sich selber, sondern das nahende Reich Gottes.

Metaphorische Auferweckung

Freilich sind dies nicht Küngs alleinige Erkenntnisse, sondern Ergebnisse der 300-jährigen Jesus-Forschung. «Das Neue Testament ist das bestuntersuchte Buch der Weltliteratur», das weiss auch Küng. So trägt er zu einem stimmigen Jesus-Bild zusammen, was allgemein an den theologischen Fakultäten gelehrt wird. Darüber hinaus ist sein Jesus-Buch eine aktualisierte Version des 1974 veröffentlichten Werkes «Christ sein», das er selber als Zentrum seiner Theologie bezeichnet. Indem er diesmal auf Anmerkungen, exegetische und theologische Erklärungen verzichtet, präsentiert er ein gut lesbares Jesus-Buch.

Eindrücklich arbeitet Küng Jesu dramatischen Grundkonflikt mit der religiösen Hierarchie und der pharisäischen Frömmigkeit heraus. Jesus hat in dieser Sicht seinen Tod provoziert: «Seine Passion war Reaktion der Hüter von Gesetz, Recht und Moral auf seine Aktion.» Er wurde wegen messianischer Anmassung angeklagt und als Irrlehrer verurteilt, «der das Gesetz und die gesamte religiös-gesellschaftliche Ordnung vergleichgültigte». Auch als Gotteslästerer, der «den hohen und gerechten Tora- und Tempelgott zu einem Gott der Gottlosen und Hoffnungslosen erniedrigte». Küng zeigt, wie dann die römische Besatzungsmacht Jesu messianischen Anspruch in einen politischen Herrschaftsanspruch verdrehte. Der politische Konflikt mit der römischen Autorität ist nur eine Konsequenz des religiösen Konflikts mit der jüdischen Hierarchie: «Jesus wurde als politischer Revolutionär verurteilt, obwohl er es nicht war!»Behutsam nähert sich der Theologe dem, was die Evangelien als Auferweckung voraussetzen, aber nicht beschreiben. Der Osterglaube, dass der Gekreuzigte «als Verpflichtung und Hoffnung für uns» für immer bei Gott lebt, sprengt den Welt- und Denkhorizont. Die Auferweckung ist ein metaphorischer Terminus. Küng zufolge meint Auferstehung gerade «kein Weiterleben» und «keine Fortsetzung des raumzeitlichen Lebens», sondern neues Leben und Neuschöpfung, Aufnahme in die letzte Wirklichkeit, in Gottes Herrlichkeit. An diese Wirklichkeit des Auferweckten aber vermag allein der Glaube heranzukommen.

Hans Küng: Jesus. Piper-Verlag. München 2012. 304 S. 28.90 Fr.

Es war einmal eine Apokalypse

Hugo Stamm am Montag den 19. März 2012

Diesen Impuls-Artikel hat unser Blogger Felix Brunschwiler (Hypatia) verfasst. Vielen Dank.

Filmplakat des Endzeitfilms «2012».

Die 2012-Prophetie hat wohl viel mehr Verrückte in den Bann gezogen, als wir uns vorstellen können: Filmplakat des Endzeitfilms «2012» (Roland Emmerich).

Geniesse das Leben noch, solange du kannst, denn am Ende dieses Jahres werden wir alle tot sein!
Frag das nur mal Patrick Geryl*, den Untergangsdenker und Oberphantasten aus Antwerpen, einer der führenden Köpfe der europäischen 2012-Bewegung. Auf seiner website ** wird dir schlagartig klar, worum es geht. Das Ende naht!

Es beginnt mit einem gigantischen koronalen Massenauswurf auf der Sonne am 19. oder 20. Dezember 2012. Er wird das magnetische Feld der Erde derart schwer stören, dass sich unser Planet urplötzlich in entgegengesetzter Richtung durch den Raum drehen und die Sonne am 21. Dezember statt im Osten im Westen aufgehen wird. Das brüske Manöver werden wir nicht überleben, es sei denn, wir gehörten zu den 5000 Auserwählten, die sich früh genug auf der afrikanischen Hochebene versteckt halten. Bei uns in Europa und allen anderen Orten auf dieser Erde werden ausser Naturkatastrophen auch sämtliche Kernreaktoren durch Kernschmelze zerstört und 99 Prozent des bewohnbaren Landes verstrahlen. Wir müssten also weit genug fliehen können, wenn wir denn noch Zeit dazu hätten. Für Patrick Geryl ist klar: Als Fluchtpunkt für das Überleben kommt nur die afrikanische Hochebene in Frage.

Glaubt er das wirklich? – Er glaubt das wirklich, und er ist nicht der einzige. Die 2012-Prophetie hat wohl viel mehr Verrückte und solche, die sich dafür halten, in den Bann gezogen, als wir uns vorstellen können. Hollywoodregisseur Roland Emmerich machte selbst einen Film darüber, nicht über den Wahnsinn, nein, aber über die Katastrophe.

Die Vorhersage der Mayas wird selbstverständlich nicht stattfinden, aber mit der Klimaerwärmung scheint uns doch eine reale Katastrophe apokalyptischen Ausmasses zu erwarten…

Sind wir emotional abhängig vom Untergang? Gibt es nicht zu denken, dass wir es uns angewöhnt haben, Katastrophenphantasien zu konsumieren, ja, konsumieren zu wollen? Wir geniessen sie, wir verlangen danach und wehe, wenn jemand den Ernst der Sache zu relativieren beginnt! Das wollen wir nicht. Wie wenn wir kleine Kinder wären, die immer und immer wieder dasselbe Märchen von der bösen Hexe hören wollen…

Aber auch die Medien, die Politik und die Wissenschaften sorgen dafür, dass der Strom an Unheilsnachrichten nicht versiegt. Zusammen schreiben sie am Mythos vom Weltenende, dem grössten anzunehmenden Crash. Die Geschichten, die uns das Fürchten lehren, wir lesen sie allmorgentlich in der Zeitung und sehen sie in der Tagesschau.

Schau dich doch nur mal um! Das Klima, die Umwelt, die Weltbevölkerung, die Demokratie, die Ökonomie, Europa, die Vergreisung oder die Biodiversität, was auch immer, wähl Dir eins aus und stelle Dir die Frage: Gibt es da etwas, wovon wir glauben, dass es sich innerhalb absehbarer Zeit noch zum Guten entwickeln wird? – Eben.

Das Klima ist am Arsch, die Umwelt verwüstet, die Weltbevölkerung explodiert, und die Demokratie ist in Gefahr, unser ökonomisches System steht vor dem Absturz, Europa droht auseinanderzufallen, die Menschen hier werden älter und älter und mit der Artenvielfalt ist es sowieso aus und vorbei. Oh! Vergessen wir das Ärgste nicht! Bald, wenn die Muslime uns alle unterworfen haben werden, gilt auch in unserem Land die Scharia!

Einverstanden, ich übertreibe, aber achte mal darauf, wie oft der eine oder andere Experte meint, es sei nicht «fünf vor zwölf», sondern schon «fünf nach zwölf»!

Mit Angst gewinnst du Wähler für Politiker, Leser für Zeitungen, Stiftungen für Wissenschaftler. Ja, auch das gibt es, wie der Britische Philosoph Simon Blackburn einmal meinte: «Früher durften die Klimatologen froh sein mit einem Stuhl im Besenkasten der naturwissenschaftlichen Fakultät, heutzutage fliegen sie jedes Jahr mindestens zehn Mal Erste Klasse rund um die Welt.»

Niemand Vernünftiger wird heute leugnen wollen, dass unsere Welt zahlreiche ernste Probleme aufweist. Aber auch Fachleute sind da nicht immer vor der Gefahr geschützt, gewaltig zu übertreiben. – Es scheint jedenfalls nicht falsch zu sein, ein gewisses Misstrauen zu bewahren. Aber tun wir das auch? – Es wird schon nicht so schlimm kommen, nein, es wird noch viel schlimmer!

Der Weltuntergang war noch nie so nah wie heute. Andererseits ging es uns noch nie so gut. Es ist unser Wohlstand, der wenigstens teilweise die Situation zu erklären vermag: Wir haben Zeit und Möglichkeiten, unsere Gesellschaft hyperkritisch gegen das Licht zu halten. Wir starren auf die Gefahren und vergessen dabei die Sicherheit, die sie uns bietet. Ein Psychotherapeut würde uns anraten: Erinnere dich doch ab und zu der Segnungen unserer Zivilisation!

Es ist die Evolution, die uns mit «bad news bias»*** belastet. Unsere Sicht auf die Welt ist von Natur aus negativ überzeichnet. Evolutionär gesehen ist das die erfolgreichere Strategie. Wer auf die möglichen Gefahren achtet, hat die grösseren Chancen zu überleben als derjenige, der sich sorglos in Sicherheit wähnt. Es ist diese instinktive Bevorzugung des Übleren, die uns an das Märchen vom Weltenende glauben lässt.

1999 erschien das äusserst interessante Buch Apocalypses, worin deutlich wird, welche Vorteile das apokalyptische Denken in sich birgt. Der amerikanische Geschichtswissenschaftler Eugen Weber legt darin aus, wie der Glaube an die biblische Endzeit oft der Motor für den Fortschritt war. Zahlreiche Entdeckungsreisende und Wissenschaftler, darunter Christoph Columbus und Isaac Newton, waren Anhänger des Millenarismus und fanden darin ihre Motivation für ihr Tun. Was die Apokalypse für unsere Vorfahren war, ist der Kulturpessimismus für uns Heutige: Jedes Untergangsszenario ist eine säkulare Improvisation des stets wiederkehrenden Themas. Und auch wir gewinnen daraus einen Vorteil: Wegen des Klimaalarms werden wir endlich erlöst werden von unserer Abhängigkeit vom Erdöl. Weil wir zeitig genug Vorsorge gegen Vogelgrippe und Schweinepest getroffen haben, wird eine Grippepandemie vermieden werden können. Weil wir panische Angst haben vor einer ökonomischen Implosion haben, wird der Euro gerettet und Europa weiter zusammenwachsen.

Apropos Apokalypse. Weist nicht gerade die Ökologie religiöse Züge auf? Entdecken wir in der Klimageschichte nicht eine biblische Struktur? Am Anfang lebten wir im Garten Eden, eins mit der Natur, doch dann, vermutlich so etwa vor 6000 Jahren bissen wir in den Apfel des Baumes der Erkenntnis, wir entdeckten Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie, und da verfielen wir der Sünde und fingen an, die Erde auszubeuten und zu verschmutzen. Nun tun wir eiligst Busse – mit dem Kauf von Sparlampen! Welches wird der nächste evolutionäre Schritt sein, den die Menschheit tut? Wird das Jüngste Gericht erscheinen, wenn wir die Erde endgültig zerstört haben werden, wie die Bibel verheisst, oder wird uns ein neues Denken vor dem Untergang bewahren? Wo ist das Heilsversprechen eines evolutionären Humanismus‘, der sich der Erde verdankt?

Gott ist tot. Es ist der Mensch, der sich das alles antut. Es ist auch sein Hochmut, der vermeint, er sei der Verursacher des Untergangs. Als ob der Mensch tatsächlich imstande wäre, den Planeten zu verwüsten! Der Planet hat schon viel Schlimmeres erduldet.

Das Schwarzsehen scheint zur Condition humaine zu gehören. Doch gemach! Ist es denn wirklich so, dass alles schlechter wird? Ist die Welt nicht doch besser geworden? Warum will niemand die gute Botschaft und alle nur die schlechten Nachrichten hören?

Sogar Afrika, dieser riesige Kontinent, an den wir nur mit Sorge denken, macht Fortschritte. Die Revolutionen in Libyen und Ägypten versprechen Demokratie. Die Geburtenziffer senkt sich und das ökonomische Wachstum zieht an. – Was das betrifft, hat unser Untergangsdenker aus Antwerpen, Patrick Geryl, mit seiner Flucht auf’s Afrikanische Hochland doch die richtige Wahl getroffen: Wenn wir in einem Jahr tot und verschwunden sind, befindet er sich auf dem Kontinent der Zukunft.
* Patrick Geryl (1955) ist ein Autor aus Antwerpen. Geryl publizierte verschiedene Bücher mit eigensinnigen Theorien und Voraussagen. So etwa zeigte er sich in seinem Buch «A new Space-Time Dimension» aus dem Jahr 1979 als Gegner der Relativitätstheorie.
**http://www.howtosurvive2012.com/htm_night/home.htm
*** bad news bias: http://rhetorica.net/bias.htm

Bischof Huonder betreibt Apartheid mit Geschiedenen

Hugo Stamm am Mittwoch den 7. März 2012
Was Gott gebunden hat, darf der Mensch nicht trennen: Bischof Vitus Huonder.

«Was Gott gebunden hat, darf der Mensch nicht trennen»: Bischof Vitus Huonder. (Bild Keystone)

Am kommenden Sonntag wird der Churer Bischof Vitus Huonder während den Gottesdiensten einen Hirtenbrief verlesen lassen, der manche Atheisten mehr freuen dürfte als viele Katholiken. In einem Schreiben an seine Gläubigen macht der Vorsteher der Diözese klar, dass geschiedene Gläubige Menschen zweiter Klasse sind. Zumindest was ihre Stellung und Wertschätzung innerhalb der katholischen Kirche betrifft. Denn die Vikare und Pfarrer werden von der Kanzel verkündigen, dass Geschiedene, die wieder geheiratet haben, den Sakramenten, vor allem der Eucharistie, fernbleiben müssen. Mit ihrer zweiten Heirat haben sie quasi die Gnade des heiligen Sakraments verwirkt.

Huonder weiss zwar: «Jede Ehescheidung ist ein menschliches Drama.» Trotzdem bestraft er Betroffene, die für den Rest des Lebens nicht Single bleiben wollen. Dies, obwohl ihm klar ist, dass knapp die Hälfte der Ehen geschieden wird. Er brandmarkt also jeden zweiten Gläubigen und stösst ihn aus der Gemeinschaft.

Warum tut Bischof Huonder das? Für ihn ist die Ehe unauflöslich. Deshalb gäben nur Getrennte und Geschiedene, «welche allein bleiben, ein kostbares Zeugnis für die Unauflöslichkeit der Ehe ab». Huonder beruft sich auf Markus 10, 9-12: «Was Gott gebunden hat, darf der Mensch nicht trennen.» Nur: Es ist eine ziemliche Anmassung zu behaupten, Gott habe Ehepaare gebunden. Wenn er es denn täte, würde er einen ziemlich schlechten Job machen, zerbrechen doch die Hälfte seiner Bindungen. Laut Huonder leben wiederverheirateten Geschiedenen in schwerer Sünde.

Doch was ist mit den vielen katholischen Geistlichen, die Kinder missbrauchen, heimlich eine Geliebte haben, mit ihnen Kinder zeugen, Herr Huonder? Leben diese nicht in viel schwererer Sünde? Wie halten Sie diese von den Sakramenten fern? Gar nicht, denn diese dürfen die Wandlung sogar vollziehen und die Kommunion austeilen. Wie wollen sie den Geschiedenen diese Bigotterie erklären?

Sie hätten sich auch auf eine andere Bibelstelle abstützen können, um den Geschiedenen Trost zu spenden und sie aufzumuntern, die Sakramente zu empfangen, Herr Huonder. So sagte Jesus zu einer Ehebrecherin: «Hat dich keiner verurteilt … Auch ich verurteile dich nicht.» (Johannes 8, 10-11) Womit klar ist, dass jeder das aus der Bibel herauspicken kann, was seinem Weltbild, seiner religiösen Ausrichtung und seiner politischen Färbung entspricht. Somit geben Sie einmal mehr ein Müsterchen ihrer reaktionären Haltung ab. Wo bleibt Ihre Menschlichkeit, wo die Barmherzigkeit, wo die christliche Nächstenliebe?

Die reine Lehre ist Ihnen und vielen alten Herren in hohen Kirchenämtern wichtiger als Seelsorge. Der Widerspruch zur Haltung von Jesus, wie sie im Neuen Testament zum Ausdruck kommt, könnte grösser nicht sein. Somit entfernen Sie und ihre Gesinnungsgenossen vom rechten Kirchenrand sich meilenweit vom Geist ihres Religionsgründers.

Doch nicht genug: Ist ein Katholik, der seine Frau prügelt und fremdgeht, ein würdigerer Katholik als ein Geschiedener, der von seinem Partner verlassen worden ist? Wie, Herr Huonder, wollen Sie sicherstellen, dass die sündigen Gläubigen nicht trotz des Verbots zur Kommunion gehen? Wollen Sie ihnen ein Kirchenverbot auferlegen? Oder ihnen gar ein Kreuz – natürlich kein christliches – auf die Stirn tätowieren? Und was passiert mit wiederverheirateten Geschiedenen, die trotz des Verbots das Sakrament empfangen? Entheiligen diese die Kommunion? Begehen sie eine Todsünde?

Zum Schluss: Weshalb soll dieser Hirtenbrief manche Atheisten freuen, wie eingangs erwähnt? Mit diesem Schreiben an die Gläubigen verstossen Sie viele Gläubige und fördern die Säkularisierung der Gesellschaft ganz im Sinn der Religionsskeptiker. Man könnte es auch so formulieren: Sie arbeiten tüchtig an der Auflösung der katholischen Kirche als Volkskirche mit. Wetten, dass sich Jesus auf die Seite der Gläubigen schlagen und ob der vatikanischen Kirchenpolitik die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde.