Archiv für die Kategorie ‘Allgemein’

Wenn die Seele aus dem Ganges steigt

Hugo Stamm am Mittwoch den 28. November 2012
Gläubige beten im Ganges. (Keystone)

Es ist schwierig, sich ein Bild davon zu machen, wohin die Seele nach dem Tod hin soll: Gläubige beten im Ganges. (Keystone)

Ankunft in Varanasi um 20 Uhr. Der Rikschafahrer hält an einer Kreuzung und zeigt auf ein enges Gässchen. «Zwei Kilometer», radebricht er auf Englisch. Durch Pilgerströme schlängeln wir uns vorwärts und sind froh, nur vergleichsweise kleine Rucksäcke tragen zu müssen. Es ist dreckig und stinkt, doch uns umfängt pralles Leben auf engstem Raum.

Plötzlich erschallt ein lautes, kurzes Mantra. Ein Vorbeter schreit es in die engen Gässchen, ein Chor von Männern betet es nach. Es hat einen schaurigen Klang und tönt nicht nach einem Gebet. Aus einer Seitengasse tauchen Gestalten auf, die eine Bahre aus Bambusrohren tragen, gefolgt von rund einem Dutzend Männern.

Die Umrisse der Last lassen auf eine menschliche Gestalt schliessen. Eingewickelt ist sie in goldene und rote Folien. Mit einem Schlag wird uns klar: Wir sind auf dem Weg zum Burning-Ghat, jener heiligen Stätte am Ganges, wo die Leichen verbrennt werden.

Der schaurige Singsang verfolgt uns auf dem Weg zu unserem Guesthouse. Plötzlich steigt Rauch in unsere Nase, und um die nächste Ecke fängt uns die gespenstische Szene ein: Mehrere grosse Feuer lodern in den Nachthimmel, auf einzelnen Scheiterhaufen sind verkohlte Leichen zu erkennen.

Der Trauerzug, der uns begleitet hat, trägt seine Last zum Ufer hinunter und taucht sie mit einer Zeremonie in den Ganges. Anschliessend wickeln die Männer die Leiche aus und hüllen sie in ein weisses Tuch, um sie auf einen Scheiterhaufen zu legen. Bei einer männlichen Leiche ist der älteste Sohn der Zeremonienmeister, bei einer weiblichen der jüngste. Er entzündet am heiligen Feuer einen Busch aus langen Gräsern, umrundet damit fünfmal die Feuerstätte und entzündet sie. Unser Hotel befindet sich ein Steinwurf von diesem archaischen Ort entfernt, wo rund um die Uhr Leichen verbrennt werden.

Der Ganges bei Varanasi ist der vielleicht heiligste Ort der Hindus. Wer hier verbrennt wird, soll aus dem Wiedergeburtszyklus ausbrechen und direkt in den Himmel gelangen. Deshalb ziehen todkranke Menschen oft nach Varanasi, um hier zu sterben. Das Feuer soll sie von den Sünden reinigen, der heilige Ort dient als Lift in die erlösenden Sphären.

Am nächsten Tag erfahren wir, dass es für eine Leiche 280 Kilogramm trockenes Holz braucht. Ein korpulenter Körper benötigt drei Stunden, um zu verbrennen, ein leichter 2,5 Stunden. Nicht verbrannt werden Kinder und Sadhus, die heiligen Mönche. Sie sind schon rein und werden mit einem Stein im Ganges versenkt. Schwangere Frauen und Menschen, die von einer Kobra gebissen worden sind, landen ebenfalls auf dem Grund des Flusses. (Kobragift darf nicht verbrannt werden, doch der Ganges ist voller Schwermetall.) In den Fluss geworfen werden auch Teile der männlichen Brust und der weiblichen Hüfte. Diese Körperteile sollen nicht restlos verbrennen. Flussabwärts waschen sich dann Tausende Pilger im dreckigen heiligen Wasser. (Diese Informationen stammen von unserem Hotelmanager.)

Frauen sieht man auf dem Verbrennungsplatz nicht. Die Hindus glauben, die Seele verlasse nach dem Tod den Körper, tue sich aber schwer damit, seinen ehemaligen Träger zurückzulassen. Würden Angehörige weinen, hätte die Seele erst recht Mühe, sich zu lösen. Da angeblich nur die Männer ihre Gefühle beherrschen können, müssen die Frauen zum Wohl der Seele zu Hause bleiben.

Aus aufgeklärter Warte klingt einiges nach Aberglauben. Die Verbrennung der Leichen war zumindest früher auch eine Hygienemassnahme. Interessant ist hingegen, dass auch der Hinduismus eine Seele kennt. Die Buchreligionen haben den Begriff offensichtlich von älteren Heilslehren übernommen. Heute wissen wir, dass die Seele kein anatomisches Organ ist. Sie sich als spirituelles Organ vorzustellen, fällt nicht leicht.

Noch schwieriger ist es, sich ein Bild davon zu machen, wohin die Seele nach dem Tod gehen soll. In den Himmel, wo sie sich wieder mit ihrer Familie vereint? Schliesslich sind Gläubige vor allem vom Wunsch beseelt, die Eltern und die Lebenspartner wiederzutreffen. Und später natürlich auch die Kinder. Doch das sind alles allzu menschliche Bedürfnisse. Und ob der Himmel nach diesen funktioniert, lässt sich zumindest bezweifeln. Wieso soll es sich mit der Seele nicht gleich verhalten wie mit allem Leben: Sie wird – falls es sie tatsächlich gibt – geboren, um zu sterben.

Auf jeden Fall ist der Tod eine bereichernde Erfahrung für die Lebenden: Mit Ritualen wie der Leichenverbrennung am Ganges wird das Bewusstsein für das Leben geschärft.

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Hilft Gott bei Depressionen?

Hugo Stamm am Montag den 29. Oktober 2012
Ein Betender faltet die Hände. (Foto: Keystone/Alessandro Della Bella)

Mit Beten alleine ist es bei ernsthaften Erkrankungen nicht getan: Ein Betender faltet die Hände. (Foto: Keystone/Alessandro Della Bella)

Der 64-jährige deutsche Theologieprofessor Rolf Wischnath ist in Glaubensfragen ein konservativer Gelehrter der reformierten Kirche, der seine Nähe zu freikirchlichen Ideen nicht verschweigt. Wenn er über das Welt- und Gottesbild strenggläubiger Christen spricht, muss man ihm eine hohe Glaubwürdigkeit attestieren. Geht es um das Thema Depression, schreibt er aus langjähriger eigener Erfahrung. Verknüpft er die beiden Aspekte, erhalten seine Worte besonderes Gewicht.

Wischnath erwischte es vor 21 Jahren zum ersten Mal. Neun Monate verbrachte er in psychiatrischen Kliniken und war unfähig zu arbeiten. Fast zehn Jahre lang führte er wieder sein normales Leben und war weiterhin erfolgreich bei seiner Tätigkeit als Pfarrer und später als Dozent. 2001 schlug die heimtückische Krankheit erneut zu. Der Schub dauerte zwar «nur» drei Monate, war aber besonders heftig. «Schliesslich holte mich die Depression 2003 so schrecklich ein, dass ich monatelang in der Berliner Charité zubringen musste, um auch vor mir selbst geschützt zu werden», wie er in der freikirchlichen Zeitschrift «Idea/Spektrum» vor einiger Zeit schrieb. Diese Krankheitsphase dauerte drei volle Jahre. Er musste alle kirchlichen Ämter aufgeben und glaubte nicht mehr an eine Genesung.

Dass er wieder gesund wurde und arbeiten konnte, «verdanke ich der Hilfe Gottes», sagt der fromme Mann. «Sie hat sich unter anderem darin konkretisiert, dass ich eine Ärztin an der Universitätsklinik Münster fand, die endlich (aus Kenntnis und Intuition) eine Medikation verordnete – eine Mischung aus drei verschiedenen Medikamenten –, die mich aufleben liess. Die Ärztin heisst übrigens mit Vornamen Fatima. Sie ist Muslima und spricht mit mir darüber, ob nach christlichem und muslimischem Verständnis eine Depression von Gott kommt.»

Dann übt der Theologieprofessor Kritik an der Kirche. In dieser müsse die Krankheit oft noch «peinlicher versteckt» werden als in der Zivilgesellschaft, weil die Depression mit Glaubenslosigkeit verbunden werde und der Kranke oft frömmelnd stigmatisiert und isoliert werde: «Wenn er richtig glauben würde, hätte er’s nicht.» Er habe es selbst erlebt.

Rolf Wischnath schildert eindrücklich, wie Angst, Hilflosigkeit, innere Leere und Verzweiflung sein Bewusstsein prägten. Die Ruhephasen hätten die Kraftlosigkeit und das Elendsgefühl nur noch verschlimmert. Temporäre Erlösung brachte nur der Schlaf – herbeigeführt durch starke Medikamente. Mit der Zeit entwickelte er Wahnvorstellungen: Nichts wert zu sein, sich und seine Familie ruiniert, alle Freunde verloren zu haben, nie mehr gesund zu werden, bald sterben zu müssen und «von Gott verworfen zu werden». Die Folge waren Todeswünsche.

Fazit: Medikamente bezeichnet Rolf Wischnath also als Geschenk des Himmels. Doch welche Rolle spielte Gott während der Krankheit? So ziemlich keine. Denn bei Rolf Wischnath wurde durch die Krankheit alles in die Tiefe gezogen. Sogar die Bibel, Gebete, Gottesdienste und das Abendmahl «versanken in den Abgründen der Depression». Sie kamen erst nach der Genesung allmählich wieder zurück.

Die Erfahrungen von Rolf Wischnath werfen viele Fragen auf. Ganz offensichtlich hat nicht Gott ihn aus seiner Depression geholt, das Werk vollbrachten die Medikamente und eine muslimische Ärztin. Die beiden Elemente nannte Rolf Wischnath als Geschenk des Himmels. Sie sind wohl eher ein Geschenk der Pharmaindustrie und der ärztlichen Ausbildung.

Wenn die Genesung ein Geschenk des Himmels war, warum wurde dann Rolf Wischnath zuerst krank? Logischerweise war die Erkrankung ebenfalls ein Geschenk des Himmels.

Kurz: Der Bezug zu Gott und Glaube waren bei Rolf Wischnath abhängig von seiner eigenen Befindlichkeit. Sie fristeten kein Eigenleben, sondern waren eng verknüpft mit seiner Gemütslage. Deshalb stellt sich die Frage: Ist der Glaube abhängig von der geistigen und psychischen Stimmung der Gläubigen, eine Funktion ihrer neurologischen Prozesse? Das Beispiel von Rolf Wischnath spricht zumindest nicht dagegen.

Ist Glaube nur Placebo?

Hugo Stamm am Sonntag den 7. Oktober 2012
Religion bedient sich sehr oft der Massensuggestion: . (Foto: Reuters)

Religion bedient sich sehr oft der Massensuggestion: Moslems in Kaschmir verfallen bei einem Schrein mit einem Barthaar des Propheten Mohammed in Ekstase. (Foto: Reuters)

Kürzlich rieselte im Post-Verteilzentrum in Schlieren weisses Pulver aus zwei Briefen. Anthrax, befürchteten die Angestellten sofort. Als dann ein Mitarbeiter über Übelkeit klagte, brach eine Hysterie aus. Bald sagten mehrere Dutzend Mitarbeiter, sie litten unter Kopfweh, Juckreiz, Atemproblemen und Husten. Einzelne mussten erbrechen. Ein Grossalarm wurde ausgelöst, das Gebäude evakuiert. Die Opfer der vermuteten Giftattacke wurden ärztlich betreut, 34 hospitalisiert.

Als sich herausstellte, dass es sich beim «Gift» um ein harmloses Stärkepulver handelte, war die Überraschung gross.

Das Beispiel zeigt: Angst ist ansteckend. Allein schon die Befürchtung, kontaminiert worden zu sein, führt zu echten körperlichen Reaktionen. Das ist nicht Placebo, bei der von einem Scheinmedikament eine positive Wirkung erwartet wird, sondern Nocebo: Im Glaube, einer Gefahr ausgesetzt zu sein, treten negative Reaktionen auf.

Wenn Angst ansteckend ist, dann auch der Glaube. Bei massensuggestiven Ritualen und charismatischen Gottesdiensten tritt ein Placebo-Effekt auf. In Erwartung einer Erweckung, Erleuchtung oder eines Heilserlebnisses machen sich entsprechende Glaubenssymptome bemerkbar. Die Gläubigen interpretieren dann ihre starken Gefühle, ihre Visionen oder ihre Euphorie als reale Gotteserfahrung. Dass aber lediglich die suggestive Atmosphäre ihre Hochgefühle hervorgerufen hat, realisieren sie nicht. Vielmehr glauben sie, von Gott berührt worden zu sein. Damit ist seine Existenz für sie eine unumstössliche Realität. Und ihr Glaube zu einem schönen Teil Placebo.

Warum sollte Jesus nicht verheiratet gewesen sein?

Hugo Stamm am Donnerstag den 27. September 2012

Vielleicht war sie seine Angetraute: Maria Magdalena und Jesus (ein Gemälde von Alexander Andreyevich Ivanov, 1835, Tretyakov-Galerie, Moskau).

Wie hielt es Jesus mit den Frauen? Der durchschnittliche Christ, der einzig im Religionsunterricht religiöse sozialisiert worden ist, zuckt wohl mit den Schultern. Einer belesenen Person dürfte allenfalls noch Maria Magdalena in den Sinn kommen, die offenbar eine Vertraute von Jesus war. Dass das Verhältnis ein rein platonisches war, davon geht der Durchschnittsgläubige aus. Sexuelle Bedürfnisse, geschweige denn Begierden, passen nicht zu einem Sohn Gottes.

Doch war Jesus tatsächlich ein asexuelles Wesen? Oder haben die Evangelisten das Thema ausgeklammert, weil es nicht in ihr Bild vom reinen Sohn Gottes passte, der unbefleckt gezeugt worden war? Ist diese Lücke ein politisches Kalkül der urchristlichen Schriftgelehrten, die die kanonischen Schriften selektiv zur Bibel zusammenbauten?

Die Frage beschäftigt Gläubige seit eh. Dan Brown stellt uns in seinem Bestseller «Sakrileg» Jesus als Ehemann von Maria Magdalena und Sarah als seine Tochter vor. Ähnlich wie Martin Scorseses in seinem Film «Die letzte Versuchung Christi».

Für die katholische Kirche wäre die Vorstellung von Jesus als Ehemann und Vater eine Katastrophe. Wieso sollten die Geistlichen zölibatär leben, wenn ihr Sohn Gottes ein Familienleben führte? Und: Wie liessen sich weiterhin Frauen vom Priesteramt ausschliessen, wenn historisch erwiesen wäre, dass Jesus verheiratet war?

Ein neues Dokument nährt nun die Vermutung, dass Jesus tatsächlich verheiratet war. Die Historikerin Karen King von der Harvard-Universität, die auf das frühe Christentum spezialisiert ist, hat einen kleinen verrotteten Papyrus-Fund analysiert. Darauf steht: «Jesus sagte zu ihnen: Meine Frau…» Bei der Frau handelt es sich vermutlich um Maria Magdalena. Damit stützt Karen King die Aussagen im Philippus-Evangelium, in dem berichtet wird, Jesus habe seine Gefährtin Maria geküsst. Nur wird dieses Evangelium von der katholischen Kirche nicht anerkannt.

Es ist tatsächlich auffällig, dass im Neuen Testament die Frage offen bleibt, wie Jesus es mit den Frauen hatte. Ein Hinweis mehr dafür, dass hinter das Neue Testament grosse Fragezeichen gesetzt werden muss: Wurde es aus taktischen Gründen so «frisiert» und zusammengesetzt, dass es den Dogmen der urchristlichen Kirchenväter entsprach? Gilt das auch für die unbefleckte Empfängnis, die Kreuzigung und die Auferstehung? Das alles sind zentrale Ereignisse, die sich historisch nicht nachweisen lassen.

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Religion im Bann von Geld und Macht

Hugo Stamm am Dienstag den 4. September 2012
Massenhochzeit mit 5000 Paaren. (Foto: Keystone)

Der göttliche Führer hat die Ehepartner willkürlich zusammengewürfelt: Massenhochzeit der Moon-Sekte mit 5000 Paaren. (Foto: Reuters)

Die Domäne von Religionsgemeinschaften sind Ethik, Moral und Metaphysik. Kirchen versuchen, das Gute im Menschen zu fördern und ihn auf die übersinnlichen oder spirituellen Werte des Daseins zu fokussieren. Sie wissen, dass der Geist oft willig, das Fleisch aber sündig ist und kennen das weltliche Repertoire der Versuchungen. Die Maxime heisst denn auch häufig: Wer betet, sündigt nicht. Das Säkulare ist oft der Feind des Spirituellen. Deshalb mauern sich Klöster ein und sperren die Versuchung aus.

Doch auch Glaubensgemeinschaften und vor allem ihre Exponenten unterliegen der Versuchung oft. Geld, Macht und sexuelle Eskapaden sind Themen, mit denen die meisten Glaubensgemeinschaften zu kämpfen haben. Ein Blick auf die katholische Kirche und den Vatikan macht es deutlich. Auch Geistliche können Machtdrang und Raffgier oft nicht zügeln. Geschweige denn die Lust an sexuellen Abenteuern. Strenggläubige sind selten die besseren Menschen als der Durchschnittsbürger.

Musterbeispiel eines Religionsführers mit weltlichen Ansprüchen ist der Gründer der Vereinigungskirche Sun Myung-moon. Mit ihm ist einer der letzten grossen Sektenführer gestorben. Er nahm wie David Berg (Kinder Gottes), Ron Hubbard (Scientology), Osho (Bhagwan-Bewegung) und Prabhupada (Hare Krishna) die Illusion mit ins Grab, ein Welterlöser zu sein. Hinzu kam wie bei Hubbard ein ausgeprägtes Machtstreben. Moon bemühte sich gar nicht erst, die religiösen, weltlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereiche zu trennen. Alles, was Ruhm, Geld und Macht versprach, erklärte er zur Religion. Und seine Adepten mussten sich dafür aufopfern.

Der stramme Antikommunist strebte letztlich die Weltherrschaft an. Bis zu seinem Tod arbeitete er am eigenen Mythos: Weil Jesus versagt habe, müsse er das göttliche Werk vollenden, sagte er seinen rund drei Millionen Anhängern, die in gegen 200 Ländern wirken. Ihnen präsentierte er sich als der «wahre Vater». Nun müssen die Moon-Gläubigen verkraften, dass ihr «Gott» an menschlichem Organversagen (Nieren und Leber) gestorben ist, ohne seine Mission zu vollenden. Der 1920 in Korea geborene Moon legitimierte sein messianisches Wirken mit einer göttlichen Erscheinung und entsprechendem Auftrag. Zitat: «Gott lebt in mir, ich bin seine Inkarnation.» 1954 gründete er die Unification Church, die Vereinigungskirche. Der Name war Programm: Der Koreaner glaubte, alle Religionen unter einem Dach – und vor allem unter seiner Führung – vereinen zu können. Zu diesem Zweck gründete er den «Rat für die Religionen der Welt». Die Allmachtsfantasien prägten sein Bewusstsein – eine Eigenschaft, die er mit vielen Sektenführern teilte.

Aussergewöhnlich war, wie konsequent Moon sein religiöses und wirtschaftliches Imperium aufbaute. Seine Anhänger, Munis genannt, missionierten und bettelten bis zum Umfallen. So kam ein Vermögen zusammen, das es dem Sektenführer erlaubte, einen globalen Konzern aufzubauen, das die Zeitung «Washington Times», das Hotel New Yorker in Manhattan, eine Autofirma, mehrere Finanzinstitute und vieles mehr umfasst. Dank des politischen Arms der Sekte gelang es ihm immer wieder, Audienz bei Spitzenpolitikern zu erhalten und Weltfriedenskonferenzen mit politischen Schwergewichten zu organisieren. Seine Ideologie nannte er «Gott-ismus».

Berühmt waren auch die Massenhochzeiten. Moon traute Zehntausende von Anhängern gleichzeitig, die er mit göttlicher Eingebung wild zusammenwürfelte. Zum Wohl der Menschheit mussten sie «reine Kinder» zeugen, die angeblich frei vom Fluch der Erbsünde waren. In den 80er-Jahren war die Schweiz ein europäischer Stützpunkt der Munis. An getarnten Politseminaren nahmen auch Politiker aus dem rechten Lager teil. Doch in den 90er- Jahren verlor die Sekte hier Einfluss und Mitglieder, heute gibt es bei uns nur noch kleine Splittergruppen.

Die Vereinigungskirche wird den Tod des religiösen Autokraten überleben. Hunderttausende sind gefangen in seinem geschlossenen religiösen und sozialen System. Zudem hinterlässt Moon – im Gegensatz zu Osho, Hubbard und Berg – eine funktionierende Machtstruktur. Mit seiner letzten Frau gründete Moon die «heilige Familie» und zeugte 14 Kinder. Der jüngste Sohn, Hyung Jin-moon, wurde vor vier Jahren als sein Nachfolger bestimmt. Der 32-Jährige dürfte rasch vom «reinen Kind» zum «wahren Vater» aufsteigen und seinen leiblichen Vater kopieren.

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Religiöser Machtmissbrauch

Hugo Stamm am Montag den 27. August 2012
Kritische Fragen sind nicht erwünscht: Kruzifix in einem Klassenzimmer. (Bild: Keystone)

Kritische Fragen sind nicht erwünscht: Kruzifix in einem Klassenzimmer. (Bild: Keystone)

Wenn ich grundsätzliche Kritik an Glaubensgemeinschaften übe, treffen mich oft ungläubige Blicke. Manchmal kommt es mir vor, als zweifelten meine Gesprächspartner grundsätzlich an meinem intellektuellen Vermögen. Der Gedanke, religiöse Betätigung könnte allenfalls auch für sie negative Auswirkungen haben, übersteigt ihr Vorstellungsvermögen. Da für sie der Glaube das Heilsprinzip per se ist und sie überzeugt sind, im Glauben oder in Gott aufgehoben zu sein, passen kritische Einwände nicht in ihr Denkschema. Offenbar löst allein schon die Idee, Kritik an Heilsvorstellungen zu üben, Angst aus, sündig zu werden. Womit wir ja schon mal ein Beispiel dafür haben, dass Glaubensfragen Ängste auslösen und negative Wirkungen erzeugen können.

Ich möchte das unheilvolle Syndrom an einem Beispiel aufzeigen. Einen religiösen Missbrauch erlitt ein heute 21-jähriger Argentinier, der seit drei Jahren in der Schweiz lebt. Er wuchs in einem kleinen argentinischen Dorf auf und war 14, als die Lehrerin im Biologie-Unterricht den Darwinismus behandelte und auf die Entstehung der Erde zu sprechen kam. Sie handelte verschiedene Theorien ab, wie es der Lehrplan verlangte, sagte aber zum Schluss, dass es nur eine wahre Lehre gebe, nämlich die Schöpfungslehre, wie sie in der Bibel dargestellt sei.

Der besagte Schüler streckte auf und fragte die Lehrerin ohne Hintergedanken, weshalb sie mehrere Theorien darlege, wenn es doch eine einzige gesicherte Erkenntnis gebe.

Die Lehrerin fühlte sich angegriffen, wurde zornig und gab ihm eine Ohrfeige. Der Schüler war sprachlos. Er verstand damals nicht, weshalb ihn die Lehrerin wegen einer einfachen Frage bestrafte. Sonst lobte sie doch Schüler, die Fragen stellte.

Was dann geschah, tat dem Schüler viel mehr weh, als die Ohrfeige. Die Lehrerin tratschte im Dorf herum, der Schüler sei besessen, denn nur der Satan habe ihm eine solche gotteslästerliche Frage einflüstern können.

Die Konsequenzen waren fatal. Die Nachbarn mieden den Knaben, die Freunde liessen ihn fallen. Am meisten schmerzte ihn, dass sich auch die Mädchen, bei denen er stets gut angekommen war, nicht mehr getrauten, in der Öffentlichkeit mit ihm zu sprechen.

Eine intelligente Frage hatte den 14-Jährigen zum Aussenseiter gemacht. Der Glaube – oder eher: der Aberglaube – brachte das Dorf gegen ihn auf. Er wurde ausgegrenzt und wusste nicht einmal, warum. Er galt als störrisch und besessen. Als er von der Möglichkeit des Schüleraustausches hörte, sah er endlich eine Möglichkeit, aus dem Dorf zu flüchten. So kam er in die Schweiz.

Man kann einwenden, dass ein solch krasser Fall bei uns nicht passieren könne. Das trifft sicher zu. Doch in harmloseren Varianten gibt es auch bei uns – vor allem in ländlichen Gegenden – ebenfalls religiöse Stigmatisierungen. Und es ist noch nicht allzu lang her, dass auch bei uns Menschen ausgegrenzt wurden, die sich religionskritisch gaben oder als Ungläubige galten. Ich bin zum Beispiel als Katholik im protestantischen Schaffhausen aufgewachsen. Wenn wir am Sonntagmorgen jeweils in den Gottesdienst gingen, wurden wir manchmal von Gleichaltrigen auf dem Weg zur Kirche verprügelt.

Dass bei uns die Toleranz gewachsen ist und die Religionsfreiheit besser greift, haben wir nur bedingt den Religionsgemeinschaften zu verdanken, denn diese gaben ihre Vormachtstellung und Privilegien nicht freiwillig ab. Es ist vielmehr das Verdienst der kritischen Geister im Land, die mit Aufklärungsarbeit auf die Missstände aufmerksam gemacht und das Denken breiter Kreise beeinflusst haben. Durch diese Sensibilisierung wuchs der Druck auf die Glaubensgemeinschaften, ihre Machtpositionen zu überdenken und die verfassungsmässig verankerte Religionsfreiheit ernst zu nehmen.

Deshalb ist Aufklärungsarbeit wichtig, auch heute noch. Denn wir sehen zum Beispiel bei der katholischen Kirche, dass sie das Rad der Zeit zurückdrehen möchte, was dem Vatikan schon zu einem guten Stück geglückt ist. Der konservative Klerus hat es bereits geschafft, verschiedene Errungenschaften des 2. Vatikanischen Konzils rückgängig zu machen. Gegen den Willen vieler Gläubigen.

Gott, der Liebling der Athleten

Hugo Stamm am Donnerstag den 9. August 2012

Mit gefalteten Händen: Usain Bolt nach seinem Olympiasieg über 200 m in London.

Usain Bolt, der schnellste Mann der Welt und aktueller Olympiasieger über 100 und 200 Meter, pflegt sich vor dem Start zu bekreuzigen, seinen Zeigefinger zu küssen und ihn zum Himmel zu strecken. Mit Gottes Hilfe will er es richten.

Sanya Richards ist eine weitere Spitzenathletin, die ihren Glauben in der Arena zelebriert. Die amerikanische Olympiasiegerin über 400 Meter erklärt, sie sei die Beste, weil Gott sie auserwählt habe.

Allyson Felix, Olympiasiegerin über 200 Meter, sagt sogar, sie laufe wegen des Glaubens, es sei ein Geschenk Gottes. Damit lobpreise sie ihren Herrn. Immerhin drücken die beiden Sprinterinnen ihren christlichen oder freikirchlichen Glauben nicht durch Gesten aus, sprechen aber an Pressekonferenzen gern darüber.

Die Männer sind da offensichtlich offensiver. Will Claye, Broncegewinner im Weitsprung, nahm auf seiner Ehrenrunde nicht nur eine Landesflagge mit, sondern streckte auch eine Bibel in den Himmel.

Noch einen Schritt weiter geht manchmal Ryan Hall. Der schnellste weisse Marathonläufer gab einst auf einem Meldeblatt Gott als seinen Coach an. Als der Funktionär dies nicht akzeptierte, sagte Hall, Gott mache seine Trainingspläne und habe ihm die Taktik für den bevorstehenden olympischen Marathon eingeflüstert.

Gott prophezeite Hall eine Weltrekordzeit für London. Also trainierte er noch härter. Doch sein Körper rebellierte. Er habe den von Gott offenbarten Trainingsplan falsch interpretiert, sagte er danach.

Diese Glaubensbezeugnisse haben mit Sport nichts zu tun und sind für alle ein Ärgernis, die einen andern oder keinen Glauben haben. Die strenggläubigen Christen in den olympischen Sportarenen nutzen das weltweite Publikum, um für ihren Glauben zu missionieren. Dass sie dabei den kindlichen Glauben demonstrieren, Gott begleite und beschütze sie während des Trainings und bei den Wettkämpfen – ja, er trage sie ins Ziel und zum Sieg – entlarvt ihr beschränktes Bewusstsein. Als hätte Gott nichts Besseres zu tun, als Olympiasieger zu küren. Die gläubigen Sportler würden ihren Gott besser bitten, seine Kraft darauf zu verwenden, hungernde Kinder zu ernähren. Die Spitzenathleten zeigen damit, dass strenggläubige Menschen oft sehr egozentrisch sind und den Anspruch haben, Gott müsse ihnen für noch so nichtige Dinge zur Verfügung stehen.

Noch etwas: Würden strenggläubige Moslems, die wir dann Islamisten nennen würden, religiöse Botschaften in die Arenen tragen, ginge ein Aufschrei durch die westliche Welt. Wahrscheinlich würden dann Stimmen laut, die verlangten, religiöse Bekenntnisse müssten aus den Stadien verbannt werden.

Religiöse Empfindungen stammen vom Hirn

Hugo Stamm am Montag den 30. Juli 2012

Der folgende Text ist ein Auszug aus einer Buchbesprechung meines Redaktionskollegen Jean-Martin Büttner.

Wenn das Gehirn ein Flugsimulator wäre, wäre der Pilot gleich mitkonstruiert: Skulptur von Jan Fabre. (Keystone)

Wenn das Gehirn ein Flugsimulator wäre, wäre der Pilot gleich mitkonstruiert: Skulptur von Jan Fabre. (Keystone)

Was macht das Bewusstsein aus? Die Erkenntnisse der Hirnforschung legen eine neue, radikale Antwort nahe. Der deutsche Philosoph Thomas Metzinger hat in seinem Buch «Der Ego-Tunnel» (Berlin-Verlag) ein neues Modell des Bewusstseins formuliert. Es kommt ohne Seele und ohne Selbst aus – aber nicht ohne Ethik. Mit seiner Hilfe lässt sich immer genauer messen, welche Hirnregionen für welche Regungen, Gefühle, Reaktionen und Wahrnehmungen zuständig sind. Und wie das Gehirn diese einprasselnden Reize der Innen- und Aussenwelt aufnimmt, filtert und zu Reaktionen bündelt. Wie kommt es, dass wir uns als jemand fühlen, eine Identität von uns selbst haben? Wie entsteht der «unhintergehbare Eindruck hinter den Augen», wie er es einmal nannte?

Wir sind eine Rechenleistung

Die abendländische Philosophie verstand das Selbst oft als Substanz, von den Religionen als Seele beschrieben, die über den Tod des Menschen weiter besteht. Die neuen Bewusstseinsforscher glauben das nicht mehr. Das Bewusstsein, sagt Metzinger, sei ein Prozess, ein Konstrukt, man könnte in Anlehnung an die Computertechnik auch sagen: eine Rechenleistung, eine Art virtuelle Realität. Oder darwinistisch formuliert: Das Selbstbewusstsein entstand als Teil der Benutzeroberfläche eines Gehirns, das sich im Laufe der Evolution dermassen komplex entwickelte, dass es ein virtuelles Zentrum brauchte. Nur auf diese Weise liess sich diese Komplexität so weit vereinfachen, dass der Mensch sich als jemanden wahrnehmen kann: als Selbst.

Nur existiert dieses Selbst nicht, sagt Metzinger, es ist eine subjektive Erscheinung, die der Mensch von sich hat, in seinen Worten: ein «phänomenales Selbstmodell». Diese innere Wirklichkeit kann der Mensch nicht als Modell erleben. Das erst macht es für ihn möglich, als Individuum zu funktionieren. Metzinger nennt diese subjektive Innenwelt den «Ego-Tunnel».

Zur Illusion eines Selbst gehört nicht nur die Wahrnehmung des eigenen Körpers, sondern auch der Aussenwelt. Diese Wahrnehmung wird von den Sinnesorganen als Gesamtbild vermittelt. Doch sind auch diese Bilder nicht real, sondern eine Simulation unseres Gehirns. Was wir zum Beispiel als Farbe erkennen, sind in Wirklichkeit elektromagnetische Wellen. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, entsteht erst in uns selbst. Unser bewusstes Modell der Wirklichkeit, schreibt Metzinger, sei eine Projektion «der unvorstellbar reicheren physikalischen Wirklichkeit, die uns umgibt und uns trägt». Deshalb sei das bewusste Erleben «weniger ein Abbild der Wirklichkeit als vielmehr ein Tunnel durch die Wirklichkeit. Wir leben unser bewusstes Leben im Ego-Tunnel.»

Der virtuelle Pilot im Hirn

Diese Erkenntnis formulierte der Buddhismus schon vor 2500 Jahren. Metzinger fasst sie in die Metapher des Flugsimulators, in dem ein Pilot sitzt, der die Flugbahn und das Rütteln der Flugmaschine für echt hält – und sich für den Piloten. Im Gehirn aber wird der Pilot sozusagen gleich mitkonstruiert, er ist das Bild, das das Flugzeug von seinen eigenen Kontrollvorgängen besitzt, aber nicht als solches erkennt. Nur deshalb kann das Flugzeug gesteuert werden, auch wenn sowohl der Pilot wie der Himmel vor ihm virtuell konstruiert sind.

Metaphern erklären zwar, aber sie belegen nicht. Belege liefern kann nur die Hirnforschung. Um aber wirklich zu verstehen, wie die Virtualität des Bewusstseins funktioniert, müsste sie direkt erfahrbar werden. Dabei helfen psychologische Experimente, die erst heute, dank den neusten Erkenntnissen der Neurowissenschaften, richtig eingeordnet werden können. Berühmt geworden ist das Experiment mit der Gummihand, die vor der Versuchsperson auf dem Tisch liegt, während sie ihren Arm unter dem Tisch hält. Werden sowohl die Hand wie auch die Gummihand im gleichen Rhythmus gestreichelt, nimmt die Versuchsperson nach kurzer Zeit Letztere als Teil ihres Körpers wahr und spürt sogar die Berührung in der Gummihand. Anders gesagt: Das virtuelle Körperbild bestimmt, was als Körper wahrgenommen wird.

Wie ist der Philosoph überhaupt auf den Verdacht gekommen, das Selbst sei ein Konstrukt? Metzinger berichtet von ausserkörperlichen Erfahrungen, die er schon mit jungen Jahren hatte und die von vielen Menschen erfahren werden, etwa bei Nahtod-Erlebnissen, heftigen Stress-Situationen oder beim Aufwachen aus der Narkose. Dabei kommt es zur Erfahrung, dass man seinen eigenen Körper verlässt und ihn von aussen betrachtet. Solche ausserkörperlichen Erfahrungen hätten wohl nichts mit einer Seele zu tun, die den Körper verlässt, schreibt der Philosoph. Sondern der schwebende Körper über dem daliegenden, realen Körper errechne sich «aus reiner Information, die im Gehirn fliesst», sie sei der Stoff, aus dem das Selbstmodell gemacht ist.

Wie die neuere Hirnforschung zeigt, lassen sich sehr ähnliche Erlebnisse auch durch gezielte Aktivierung im Gehirn provozieren. Das Gefühl, jemand zu sein, einen Körper zu haben und sich mit ihm zu identifizieren, lässt sich sogar auf einen virtuellen Körper übertragen, der im Computer erzeugt wird. Selbst quasi-religiöse Gefühle können bereits durch elektrische Stimulationen erzeugt werden. «Gott ist eine Substanz», notierte Gottfried Benn. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften lassen vermuten: Das religiöse Erleben ist auch ein Zustand im Gehirn.

Aufklärung 2.0

Daraus ergeben sich weitreichende Implikationen, die Metzinger als Gefahr und Chance analysiert. Die Gefahr besteht für ihn darin, dass die Religiosität von einem materialistischen Denken abgelöst werden könnte, das alleine von den Naturwissenschaften bestimmt wird. Die Entzauberung des Selbst könnte die gesellschaftliche Entsolidarisierung oder den religiösen Fundamentalismus verstärken. Viele Menschen klammerten sich an ihre Glaubenssysteme und hätten Angst, «ihre innere Lebenswelt könnte durch die neuen Naturwissenschaften vom menschlichen Geist kolonisiert werden.»

Dennoch plädiert der Philosoph dafür, die neuen Erkenntnisse über das Bewusstsein auszuhalten und einen offenen und kreativen Umgang damit zu suchen. Die Bewusstseinsrevolution, die Metzinger auch als «Aufklärung 2.0» beschreibt, verlange nach einer neuen moralischen Verantwortung. Die Forscher müssten sich mit der Leere auseinandersetzen, die durch ihre Resultate unweigerlich entstehe. Für den Philosophen drängt sich deshalb eine neue Ethik des Bewusstseins auf. Diese hält er schon deshalb für nötig, weil die Forschung es künftig leichter machen wird, unser Bewusstsein anders einzustellen und zu manipulieren.

Braucht die Schöpfung einen Schöpfer?

Hugo Stamm am Dienstag den 10. Juli 2012

Diesen Impulstext hat Ruedi Schmid (Optimus) verfasst.

Religion oder Wissenschaft: Wer hat die besseren Argumente in der Hand?

Religion oder Wissenschaft: Wer hat die besseren Argumente in der Hand?

«Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde», so beginnt die Genesis. Am Anfang musste aber zuerst Gott erschaffen werden. Dadurch wird ein viel grösseres Schöpfungsphänomen herangezogen als es zu erklären vermag. Auch das Argument, es müsse Gott als erste Ursache geben, übergeht die erste Ursache, wie Gott entstanden ist. Dass sich das menschliche Verständnisvermögen mit solchen Scheinerklärungen zufrieden gibt, zeigt, wie leichtgläubig der Mensch ist und durch Gehorsam ohne nachzudenken den Autoritäten Glauben schenkt. Die Glaubwürdigkeit wird auch durch den Kinderwunsch nach einem (göttlichen) Vater, der alles kann, begünstigt.

Grundsätzlich ist jede Erklärung mit Hilfe von Wundern absurd, denn Wunder ermöglichen alles und erklären nichts. Wir wissen aus Erfahrung, dass zum Beispiel Kinder zuerst gezeugt und dann im Mutterleib langsam heranwachsen müssen und nicht einfach durch ein Wunder auf die Welt kommen. Auch wenn wir noch nicht alles bis ins letzte Detail erklären können, bedeutet dies nicht, dass ein Wunder Gottes dahinter steckt. Alles entsteht und funktioniert auf der Basis von Gesetzen. Leben auf der Basis von Wundern ist nicht möglich, weil man dann das Leben nicht beeinflussen und Handlungen nicht vorausahnen könnte. Schon aus diesen Grundüberlegungen heraus muss sich alles auf Gesetzmässigkeiten zurückführen lassen.

Entsprechend lässt sich auch die Entstehung des Homo sapiens über die Gesetzmässigkeiten der Evolution erklären. Mit der Zellbiologie lässt sich nachvollziehen, wie sich aus der Atomvielfalt durch die biochemischen Gesetze Leben bildet. Die Sterne zeigen uns, wie durch die Kernverschmelzungsgesetze diese Atomvielfalt entstanden ist, und auch für die Entstehung von Materie und des Universums aus dem Nichts hat man Gesetzmässigkeiten gefunden. Ein Beispiel:

Wenn man mit einem Teleskop ins Universum blickt, dann zeigt uns die nächste Galaxie Andromeda ihre Vergangenheit vor 2,5 Millionen Jahren und das Älteste, was man sehen kann, ist eine 13,75 Milliarden Jahre alte Hintergrundstrahlung als direkter Bote der Universumsentstehung. Die Auswertung von Teleskopbeobachtungen zeigt uns direkt die Entstehungsgeschichte des Universums bis fast zum Urknall, dem Ursprung der Materieentstehung, und die Untersuchung der Materie im CERN verrät uns, wie Materie aus dem Nichts entstehen konnte.

Dabei zeigt sich, dass Materie nicht so ist, wie wir sie wahrnehmen. Sie kann sich in Energie umwandeln, wechselseitig mit Antiteilchen auflösen und wieder entstehen. Oder je nach Beobachtung als Teilchen oder Welle in Erscheinung treten. Mit der Modellvorstellung, dass Materie aus Kräften zwischen dimensionslosen Elementarteilchen besteht, lassen sich diese Eigenschaften noch am besten vorstellbar machen, aber es ist aussichtslos, Materie zu verstehen.

Ein direkter Hinweis auf die Entstehung von Materie aus dem Nichts zeigen folgende Beobachtungen: Im Vakuum entstehen und zerfallen ohne jeglichen Einfluss Teilchen-Antiteilchen-Paare (Vakuumfluktuation). Sterne ab einer bestimmten Grösse kollabieren durch die eigene Gravitation zu schwarzen Löchern, wo sich dann ihre Materie durch die hohe Gravitationsdichte in Nichts (Singularität) auflöst. Wenn durch Materie und Gravitation nichts entsteht, ist auch das umgekehrte vorstellbar, dass aus Nichts Materie und Gravitation entstehen kann, was zu Hawkings Folgerung führte: «Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen. […] Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es statt dem Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren.»

Die Materie des Universums hat sich aber nicht mit einem Knall gebildet, wie das Wort Urknall irreführend ausdrückt. Zweifel bestehen, weil die Frage der erforderlichen Energie offen bleibt. Ganz am Anfang war Nichts, was physikalisch die Abwesenheit von Raum und Zeit bedeutet und als Singularität bezeichnet wird. Dann entstand mit der Materie auch die Zeit, zuerst ohne Kontinuum (Plank-Zeit), also nicht plötzlich. Nach der Plank-Zeit wird auch wegen der hohen Raumzeitkrümmung (Zeitdilatation) der Urknall für den entfernten Beobachter zu einem langsamen Prozess. Die Bezeichnung Knall ist daher irreführend.

Die Schöpfung aus dem Nichts lässt sich somit in den Grundzügen auf die Naturgesetze zurückführen. Das kürzlich entdeckte Higgs-Boson-Teilchen ist eine weitere Bestätigung, dass diese Hypothese richtig ist. Aber alle Details zu klären und theoretisch zu erfassen, ist ein endloser Weg, weil immer Neues hinzukommt. Die Forschungserkenntnisse nehmen dabei bereits einen Umfang an, der nur noch in internationalen Teams unter Spezialisten bewältigt werden kann, so dass selbst der einzelne Forscher den Überblick verliert und auch der menschliche Verstand nicht mehr mitmacht, wodurch auch die Ergebnisse der Allgemeinheit nicht mehr kommuniziert werden können.

Abgesehen vom technischen Nutzen stellt die Zunahme dieses Verständnisproblems den Erkenntnisnutzen in Frage. Das begünstigt den Glauben in Form einer Ideologie. Den Glauben an etwas Einfacheres, das man noch verstehen und sich vorstellen kann; ein Glauben der Vernunft, der dem Leben zugutekommt und nicht der Wahrheit. Kant befürwortete dabei Gott als regulatives Prinzip der Vernunft. Dadurch liesse sich der Glaube an Gottes Schöpfung als Vernunft rechtfertigen. Aber solange die Religionen mit der Wahrheit argumentieren, bleib der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft bestehen.

Von der Unsitte, Knaben aus religiösen Gründen zu beschneiden

Hugo Stamm am Donnerstag den 28. Juni 2012
Ein Knabe wird nach seiner Beschneidung behandelt. (Keystone)

Ein Knabe wird in Istanbul nach seiner Beschneidung behandelt. (Keystone)

Die Buchreligionen haben mehr gemeinsam, als nach aussen oft erkennbar ist. Abraham als religiöser Urvater bildet das Fundament. Und mit ihm das Alte Testament. Nimmt man aber die politische Grundhaltung vieler Vertreter der drei Religionen, driften Christentum, Judentum und Islam immer weiter auseinander.
Zum Beispiel: Israelische Juden wollen Araber aus Teilen Israels vertreiben, erobern mit ihrer Siedlungspolitik palästinensische Territorien, und die Regierung baut riesige Mauern, um die Palästinenser fernzuhalten und zu schikanieren.

Muslime ihrerseits verfolgen in manchen arabischen oder islamischen Ländern Christen, bringen manche um und zerstören Kirchen. Islamisten verüben ausserdem Terrorakte in der westlichen Welt und wollen die Scharia als rechtliche Instanz in ihren Ländern einführen. Dies auch in Ägypten, wenn auch in gemässigter Form. Daran haben die jungen Revolutionäre wohl nicht gedacht, als sie das Mubarak-Regime zum Teufel jagten.

Und wir Christen sind auch nicht verlegen, unsere Ressentiments gegenüber Muslimen kundzutun. Viele Islam-Gläubige unterliegen einem Generalverdacht, der im Minarett-Verbot eine politische Note bekam. Die Säkularisierung findet also nur in Teilen des Westens statt. Was noch schlimmer ist: Religiöse Interessengruppen nehmen in vielen Ländern immer mehr Einfluss auf die Politik.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele – zum Glück. So hat das Landgericht Köln rechtskräftig die Beschneidung von Knaben als Straftat bewertet. Eine Unsitte, die in jüdischen und islamischen Gemeinschaften zum Standard-Ritual gehört. Viele Gläubige berufen sich auf die Religionsfreiheit. Nur: Was zum Teufel hat die Beschneidung mit Religion zu tun? Nur weil es in alten Büchern so gehandhabt wird, bedeutet dies noch lang nicht, dass das Wegschneiden der Vorhaut sinnvoll ist. Gerade Gläubige müssten doch einsehen, dass Gott die Knaben mitsamt diesem Körperteil nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Wieso soll dann diese Haut plötzlich überflüssig oder gar «böse» sein?

Auch hygienische Gründe für den Einsatz des Skalpells sind nicht hilfreich. Viele Ärzte führen auch negative Folgen der Beschneidung an.

Vielmehr ist die Beschneidung ein äusserst fragwürdiges Initiationsritual und markiert die Religionszugehörigkeit. Ironie des Schicksals: Die beiden Erzfeinde – Juden und Moslems – markieren ihr Knaben auf exakt die gleiche Weise.

Der Aufschrei der Juden und Muslime nach der Verkündung des Urteils in Deutschland liess nicht lang auf sich warten. Der Zentralrat der Juden sprach von einem «unerhörten und unsensiblen Akt» und von «einem beispiellosen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften». Ah ja? Und was ist mit dem Selbstbestimmungsrecht der Knaben, die ungefragt beschnitten werden? Ähnliche Töne gab der Zentralrat der Muslime von sich. Auch ihn würde ich gern fragen, was die Beschneidung mit dem Glauben zu tun hat. Schon fast niedlich ist die Reaktion der katholischen Bischofskonferenz, der im Urteil auch eine Beschränkung der Religionsfreiheit sieht.

Neben den jüdischen und islamischen Knaben profitieren auch die deutschen Ärzte vom Urteil. Sie müssen den Unsinn nicht länger ausführen.