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Der gefährliche Zwang des positiven Denkens

Hugo Stamm am Sonntag den 14. Juli 2013
Foto: Flickr/mardy78

Auch Unglücklichsein ist eine wichtige Emotion: Eine Frau mit einem «falschen» Lächeln. (Foto: Flickr/mardy78)

Die Welt denkt positiv. Wer positiv denkt, erlebt rund um die Uhr Friede, Freude Eierkuchen. So wird es uns flächendeckend eingebläut. Es gerät schon fast zu einem Mantra: Wer miesepetrig ist, bringt sich um sein Glück. Wir müssen uns nur positiv einstimmen und an unser Wohlbefinden glauben, und die Welt erscheint vom Sonnenaufgang bis zum -niedergang in rosarotem Licht.

Die einflussreichsten Propagandisten des positiven Denkens sind die Esoteriker. Für sie ist alles nur Energie und Frequenz. Wenn wir die Gedanken in die richtigen – positiven – Schwingungen bringen, überflutet das Glück angeblich das ganze Bewusstsein. Kurz: Ich kann Freude, Erfolg und Hochgefühle mental erzwingen. Es ist in den Augen der Esoteriker alles nur eine Frage der Einstellung.

Auf den ersten Blick klingt dies verlockend, vielleicht sogar überzeugend. Wer aber nicht nur schaut, sondern auch noch ein bisschen denkt, durchschaut den Mythos als Zwang. Positivdenker müssen sich permanent eintrichtern, es gehe ihnen gut, ja sehr gut, nein, geradezu hervorragend. Vor allem aber müssen sie alles ausblenden, was ihre positive Weltsicht trüben könnte. Sie dürfen nicht an die Depression ihrer Tochter oder die Krebskrankheit ihrer Nachbarin denken, nicht an den Bürgerkrieg in Syrien, nicht an die Dürrekatastrophe in der Sahel-Zone. Sie müssen auch ausblenden, dass sie von ihrem Chef gemobbt werden oder eine schlecht Qualifikation erhalten haben. Sie dürfen sich auch keine Sorgen darüber machen, ob der Lohn bis Ende Monat reicht oder wie sie die Steuerrechnung bezahlen sollen. Solche Gedanken blockieren das positive Denken und verstellen den Blick auf das vermeintlich allgegenwärtige, riesengrosse Glück.

Das positive Denken ist in Wirklichkeit ein Zwang, der das Glück vertreibt. Es ist eine permanente Selbstkonditionierung. Man zwingt die Gedanken in ein Korsett und unterdrückt wichtige Impulse aus dem Unterbewussten. Impulse, die nötig sind zur Verarbeitung schmerzhafter Erlebnisse. Der natürliche Gedankenfluss wird durch Autosuggestion unterbunden, die Fantasie in Ketten gelegt. Die positiven Denker berauben sich wichtiger menschlicher Erfahrungen und verhindern eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Das positive Denken führt zu einer eigentlichen emotionalen Regression. Es ist eine kindlich-naive Weltsicht, wenn man glaubt, das Glück durch mentale Konditionierung herbeizwingen zu können.

Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid spricht sogar von einer drohenden Diktatur des Glücks in westlichen Gesellschaften. Und der australische Psychologe Joseph Forgas bringt es auf den Punkt: «Emotionale Schwankungen gehören nun mal zum dem Affen, der wir sind.»

Studien zeigen sogar, dass zu hohe Glückserwartungen das Glücksgefühl reduzieren können. Wenn die Erwartungen nicht eintreffen, fühlt man sich schlecht, zweifelt an sich und übersieht die kleinen Glücksmomente. Wer kleinere Erwartungen hat, erfreut sich auch des kleinen Glücks. Wer grosse Erwartungen hat, konzentriert sich vor allem auf die grossen Gefühle. Er postuliert für sich das Recht auf das grosse Glück. Er läuft Gefahr, im Kampf um die grossen Gefühle egoistisch zu werden und somit ein asozialer, unangenehmer Zeitgenosse. Dadurch nimmt er sich aus dem sozialen Spiel heraus, wird einsam und verbaut sich die Quelle des grössten Glücks: das einfühlsame Zusammenleben mit seiner Umgebung. Weiter haben Studien gezeigt, dass Menschen, die auch negative Gefühle zulassen, genauer denken und achtsamer sind.

Deshalb sollte die Zwangsideologie des positiven Denkens den Esoterikern um die Ohren geschlagen werden. Das macht zwar nicht glücklich, verhindert aber eine gesellschaftliche Entwicklung, die kollektives Unglück verbreitet.


Sind nur Katholiken wahre Christen?

Hugo Stamm am Mittwoch den 3. Juli 2013
Bischof Huonder an der Veranstaltung «Miteinander Kirchen bauen», 2. Juni 2013. Keystone/Steffen Schmidt)

Bischof Vitus Huonder an der Veranstaltung «Miteinander Kirchen bauen», 2. Juni 2013. Keystone/Steffen Schmidt)

Was unterscheidet einen Christen von einem anderen Christen? Nichts, sollte man meinen. Ein Christ ist ein Christ. Er glaubt an Gott, an Jesus, seinen Sohn und an die Bibel, die den Rahmen des Glaubens absteckt und die Dogmen vorgibt.

Wenn man aber das Trauerspiel und das ökumenische Abendmahl in der Kirche von Gfenn bei Dübendorf vom vergangenen Wochenende betrachtet, wird klar: Ein Christ ist eben nicht ein Christ. Er ist ein Orthodoxer, ein Katholik, ein Protestant. Dazwischen klaffen Welten.

Konkret: Der erzkonservative Churer Bischof Vitus Huonder verbot zwei katholischen Geistlichen durch die Blume, an der Versöhnung der Christen beim ökumenischen Abendmahl teilzunehmen. Denn für die konservativen Kirchenoberen in Chur und im Vatikan sind nur die Katholiken wahre Christen. Die beiden Katholiken wussten zwar, dass für Huonder ein ökumenisches Abendmahl des Teufels ist, sie wollten aber ein Zeichen zur Versöhnung der christlichen Kirchen setzen. Doch sie knickten schliesslich unter dem Druck von Chur ein und nahmen nicht am gemeinsamen Abendmahl ein.

Die Ökumene ist das wichtigste Instrument zur Verständigung zwischen den christlichen Gemeinschaften. Seit Joseph Ratzinger die Kirchenpolitik prägte, harzt es erst recht bei den ökumenischen Bemühungen. Der deutsche Papst anerkannte die andern Gemeinschaften schlicht nicht als Kirchen an. Damit sät die katholische Kirche Zwietracht und signalisiert, dass sie sich als die einzig legitime oder wahre christliche Kirche versteht.

Wie soll auf der Welt religiöser Friede entstehen, wenn es nicht einmal die zivilisierten Christen in der Schweiz schaffen, gemeinsam das Abendmahl zu feiern? Hier zeigt der Glaube seine hässliche Seite: Es geht um Alleinanspruch auf den vermeintlichen richtigen christlichen Glauben, Macht von oben, egozentrische Ansprüche und Selbstherrlichkeit.

Wenn die katholische Kirche weiterhin einen solchen Absolutheitsanspruch stellt, ein derartiges Machtgebaren an den Tag legt und die Einheit der Christen untergräbt, manövriert sie sich weiter ins Abseits und verliert zusätzlich an Einfluss und Glaubwürdigkeit. Die Freikirchen wird’s freuen. Wenn sich die grossen christlichen Kirchen nicht zu einer gemeinsamen Kultur finden, werden diese auch bei uns ihr Territorium ausweiten. Wie in Afrika und Südamerika.


Was hat Jesus in der Hölle zu suchen?

Hugo Stamm am Freitag den 21. Juni 2013
hs andrea da firenze 1365

Hat Jesus in der Hölle gepredigt? Oben: Fresco von Andrea Da Firenze (1365).

Eine der zentralen Botschaften der Bibel an die Gläubigen lautet: «Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.» (Matthäus 28:19) Bei diesem Missionsauftrag geht es darum, die Bedingungen für die Wiederkunft von Jesus zu erfüllen. Konkret: Der Jüngste Tag kann erst anbrechen, wenn der ganzen Menschheit das Evangelium verkündet worden ist. Das biblische Gebot führte denn auch zur flächendeckenden Missionierung bis in die letzten Winkel dieser Erde. Die Ethnologen und Missionare von Wycliff übersetzen deshalb die Bibel in viele Minderheitssprachen von Papua-Neuguinea bis ins Amazonas-Gebiet.

Laut Bibel muss also eine Person das Evangelium kennen, um am Jüngsten Tag erlöst zu werden. Doch was passiert mit den Buddhisten, Hindus, Moslems, den Vertretern von Minderheits- und Naturreligionen? Und was mit dem auserwählten Volk der Juden, die bekanntlich Jesus nicht als Heiland anerkennen? Darüber streiten Theologen und Geistliche seit langem. Sie klopfen die Bibel nach entsprechenden Botschaften ab oder suchen bei Luther nach Erklärungen. Befriedigende Antworten haben sie bisher nicht gefunden.

Noch schwieriger wird es bei der Frage, was am Jüngsten Tag mit den Menschen passiert, die in vorchristlicher gelebt haben. Sie hatten gar nie die Chance, das Evangelium zu vernehmen. Werden sie in die Hölle verbannt? Hatten sie einfach Pech, zur falschen Zeit geboren worden zu sein? Werden sie dafür bestraft?

Weil die Bibel keine eindeutige Antwort gibt, ist der Spielraum für Interpretationen gross.

Die Frage wird auch beim Glaubensbekenntnis aufgenommen. So beten an Gottesdiensten viele Gläubige Sonntag für Sonntag, Christus sei hinabgestiegen in das Reich des Todes. In einer früheren Version hiess es sogar, er sei niedergefahren zur Hölle. Der Grund ist klar: Er verkündete dort den Toten das Evangelium.

Das wirft aber Fragen auf. Verbrachten und verbringen Ungläubige also Jahrzehnte oder Jahrhunderte «unschuldig» in der Hölle und litten unnötig Qualen? Was ist mit ihnen passiert, nachdem ihnen Christus das Evangelium verkündet hatte? Sind sie ins Fegefeuer oder eine Sphäre der Reinigung aufgestiegen? Das ist aber immer noch nicht der Ort, in dem man ausharren möchte, bis der Jüngste Tag anbricht. Schliesslich klingt Fegefeuer auch nicht nach einem Ort, wo Milch und Honig fliessen.

Für viele Bibelkenner überwiegt im Glaubensbekenntnis die frohe Botschaft: Rettung gibt es auch für die Insassen der Hölle, denn Gottes Arm reicht bis ins Totenreich. Es besteht also auch für jene Hoffnung auf Erlösung, die vor unserer Zeitrechnung lebten oder nie von Christus oder Gott gehört haben.

Trotzdem bleibt ein grundsätzliches Unbehagen. Menschen, die in vorbiblischer Zeit gelebt haben, müssen sich ungerecht behandelt fühlen. Gott schuf eine Zweiklassengesellschaft: Die ahnungslosen und mit der Hölle bestraften Urahnen und die privilegierten Zeitgenossen. Als Unterprivilegierter würde ich mich fragen, ob Gott nicht ein System hätte finden können, bei dem die Menschen aller Zeiten die gleichen Chance gehabt hätten.

Reformator Martin Luther hat die Krux ebenfalls erkannt und in einer Predigt vor Spitzfindigkeiten gewarnt. Sinngemäss sagte er, man soll nicht zu stark darüber grübeln und sich an die Botschaft halten, dass Jesus dem Satan die Macht genommen habe. Dies täuscht aber nicht darüber hinweg, dass wir in einer zentralen Frage der christlichen Heilslehre keine befriedigenden Antworten erhalten.

Sind Wissenschaften die Totengräber der Religionen?

Hugo Stamm am Montag den 10. Juni 2013
Ein Wissenschaftler arbeitet an der ETH Lausanne am «Human Brain Project», das versucht ein komplexes Modell des menschlichen Gehirns zu kreieren.

Ein Wissenschaftler arbeitet an der ETH Lausanne am «Human Brain Project», 29. Januar 2013. (Keystone/Jean-Christophe Bott)

In der Diskussion um religiöse Fragen tauchte in diesem Forum immer wieder der Vorwurf an die Naturwissenschaften auf, sie konkurrenzierten die transzendentalen Vorstellungen von Glaubensgemeinschaften. Ausserdem würden viele Atheisten oder Skeptiker ihre «Gott ist tot»-Ideologie mit den modernen Erkenntnissen der Neurologie, Astronomie, Physik usw. begründen. Zwischen den Zeilen schimmert immer mal wieder der Verdacht durch, die Wissenschaften hätten einen Anspruch, der schon fast religiöse Züge trage. Deshalb drängt sich die Frage auf: Erheben die Wissenschaften einen religiösen Anspruch? Oder sind sie gar die Totengräber der Religionen?

Es besteht kein Zweifel, dass die traditionellen Religionen ein antiquiertes Weltbild zeichnen. Die Verfasser von Bibel, Thora, Koran, Bhagavat Gita usw. konnten gar nicht anders, als die Welt so darzustellen, wie sie sich nach ihrem Wissensstand präsentierte. Wir wissen heute, dass vieles nachweislich falsch ist, was in diesen Schriften steht. Zum Beispiel, dass die Erde eine Scheibe ist und das Zentrum des Universums. Ausdruck davon ist auch der Streit um die Frage, ob Gott die Welt erschaffen hat und die Evolutionstheorie von Darwin ein Irrtum sei.

Der Vorwurf an die Wissenschaften, sie gebärdeten sich mit einem religiösen Impetus oder verstünden sich gar als Ersatz-Religion, ist an den Haaren herbeigezogen. Sie stammen vor allem von fundamentalistischen oder dogmatischen Gläubigen, die nicht wahrhaben wollen, dass mit Hilfe von wissenschaftlichen Erkenntnissen religiöse Widersprüche aufgedeckt werden können. Sie klammern sich an die Bilder ihrer Heilstheorie, weil sie fürchten, ihr Glaube könne an Glaubwürdigkeit verlieren.

Ihre Verblendung ist oft so gross, dass sie nicht erkennen, dass Wissenschaften dynamische und relative Lehren sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht in Stein gemeisselt. Neue Erkenntnisse lösen die alten ab oder ergänzen sie. Im Gegensatz zu den Religionen findet ein Wettbewerb um die besten Erkenntnisse statt. Alles ist im Fluss. Selbst bei den Geisteswissenschaften wird um die besten Ideen gekämpft. Deshalb gibt es verschiedene Strömungen und Richtungen in Philosophie, Psychologie und Soziologie. Wobei hier anzumerken ist, dass manche Denkrichtungen dogmatisch erstarren, weil sie auf eine zentrale Figur ausgerichtet sind. Man denke zum Beispiel an C. G. Jung.

Wenn also Glaubensgemeinschaften die Wissenschaften pauschal angreifen, steht als Motiv immer eine eigene Schwäche dahinter. Es ist die Angst, die eigene Heilslehre, die angeblich von Gott inspiriert ist, könnte ins Wanken geraten.

Ich will aber die Natur- und Geisteswissenschaften nicht idealisieren. Wir haben zu viele Missbräuche erlebt. Es gibt auch genügend arrivierte Wissenschaftler, die mit aller Macht versuchen, neue Erkenntnisse zu unterdrücken, weil sie Angst haben, ihre Leaderposition zu verlieren. Doch das hat nichts mit pseudoreligiösem Gebaren zu tun, sondern mit allzu menschlichen Schwächen: Die Stars wollen Einfluss und Macht nicht verlieren. Doch auf die Dauer setzen sich neue Erkenntnisse immer durch.

Das wiederum heisst nicht, dass alle neuen Erkenntnisse richtig sind. Es heisst schon gar nicht, dass die Anwendung der neuen geistigen Errungenschaften nützlich oder sinnvoll sind. Es zeigt nur, dass alles relativ ist, nicht wie bei den Religionen. Wenn aber Vertreter von Glaubensgemeinschaften die Wissenschaften als Feind des Religiösen betrachten oder ihnen gar pseudoreligiöse Absichten unterstellen, haben sie nicht nur einen Splitter im Auge, sondern einen ganzen Balken. Richtig ist aber, dass die Wissenschaften viel dazu beitragen, dass traditionelle Glaubensgemeinschaften an Glaubwürdigkeit und Einfluss eingebüsst haben.

Gott – der liebende Vater als Rächer

Hugo Stamm am Freitag den 31. Mai 2013
Ausschnitt des Deckenfreskos in der Sixtinischen Kapelle. (Foto: Wikipedia)

Ist Gott gütig oder strafend? Im Bild: Ausschnitt des Deckenfreskos in der Sixtinischen Kapelle. (Foto: Wikipedia)

Das Gottesbild hat sich im Lauf der Zeit stark gewandelt. In vorchristlicher Zeit war Gott eine zornige Figur, die von der Idee der Rache beseelt war. Wer nicht seinen harten Anforderungen und Geboten folgte, bekam seine strafende Hand zu spüren. Besonders gnadenlos ging er mit Ketzern um. Diese sollten verfolgt und ohne Rücksicht umgebracht werden. In den Sprüchen des Alten Testaments (AT) werden seine Getreuen sogar aufgefordert, Babys der Ketzer gegen eine Felswand zu schmettern.

Nichts zu lachen hatten aber auch Diebe oder Ehebrecherinnen, die ebenfalls den Tod zu fürchten hatten, oft durch Steinigung.

Den Urchristen lagen das Alte Testament oder die alten religiösen Schriften deswegen auch auf dem Magen. Sie wollten von Gott geliebt werden, sie wollten in ihm den liebenden Vater sehen. Deshalb erachteten viele das Alte Testament als nicht von Gott inspiriert. Ausserdem war es für sie jüdischen Ursprungs. Ressentiments gegenüber Juden gab es schon in den ersten Jahrhunderten n. Chr. Denn sie glaubten, die Juden würden den Tod von Jesus mitverantworten.

Die Urchristen taten sich also schwer damit, dass die heiligen Schriften zwei verschiedene «Götter» zeichneten. Den zornigen, teilweise bösen Gott im Alten, den menschenfreundlicheren im Neuen Testament (NT).

Allerdings muss gesagt werden, dass es neben den mehreren hundert Passagen mit Gewalt im AT auch Stellen gibt, die Gott als friedlichen Schöpfer darstellen. Andererseits gibt es auch im NT Passagen, in denen Gott wieder der zornige Vater ist. Man denke nur an die Johannes-Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel. Da kündet Gott den Jüngsten Tag mit beispiellosen Qualen an.

Wie ist es zu erklären, dass Gott so viele Gesichter hat? Ganz einfach: Die beiden Testamente sind von Menschen geschrieben worden. Hätte Gott bei der Abfassung Regie geführt, wie dies Freikirchen und teilweise die katholische Kirche verkünden, hätte er wohl ein stringenteres Bild von sich gezeichnet.

Die Widersprüche werden noch eklatanter, wenn man das Bild von Gott Vater mit dem Bild seines Sohnes vergleicht. Die beiden göttlichen Figuren liegen teilweise in ihrer Haltung und in ihren Dogmen meilenweit auseinander. Man denke nur daran, dass Gott die Ehebrecherinnen verdammt hat, Jesus sich aber den Prostituierten erbarmt.

Das Konzil von Nicäa hätte gut daran getan, das AT nicht als heilige Schrift zu akzeptieren, sondern als interessantes religionshistorisches Werk. Es hätte dem Christentum viel Ärger ersparen können, denn das AT ist mit all seinen Widersprüchen eine Hypothek und schadet der Glaubwürdigkeit der christlichen Heilslehre.

Fazit: Gott ist mit der geistigen Entwicklung humaner geworden. Ein Indiz mehr, das die Beobachtung stärkt, dass die Menschen Gott erschaffen haben. Und nicht Gott die Menschen, wie es im Buch Genesis heisst.

Die Liebe ist die Zwillingsschwester des Leidens

Hugo Stamm am Dienstag den 21. Mai 2013
Syrische Flüchtlinge in einem Lager im Libanon, 14. März 2013. (AP/Hussein Malla)

Ein Mangel an Empathie ist oft die Ursache von psychischen Krankheiten und Gewaltphantasien: Syrische Flüchtlinge in einem Lager im Libanon, 14. März 2013. (AP/Hussein Malla)

Ich kann im Leiden für einen Gott, der als allmächtig und gütig beschrieben wird, keinen Sinn erkennen, wie ich im letzten Impulstext aufgezeigt habe. Leiden auf Vorrat – also für eine ungewisse Zukunft im Jenseits – ist eine zu abstrakte Formel, um plausibel zu sein. Allerdings – deshalb komme ich nochmals auf das Thema zurück – hat das Leiden eine wichtige Funktion bei der Persönlichkeitsentwicklung, also im psychologischen Sinn.

Das Leiden ist eine emotionale Grundkonstante des Menschseins und fördert tiefes emotionales Empfinden. Nur über die Liebe und das Leiden findet der Mensch einen Zugang zu seinem Selbst und seinen echten Gefühlen, die frei von Sentimentalitäten und Sublimierungen sind.

Das Leiden verbindet uns also mit unseren Gefühlen, unserem Selbst. Wer in der Kindheit ein gesundes emotionales Fundament durch eine liebevolle Familie und viel Zuwendung entwickelt hat, erlernt beim Leiden das Mitgefühl für andere. Ohne diese Empathie ist das Erlernen einer sozialen Verantwortung kaum möglich.

Noch wichtiger: Nur wer sich in andere einfühlen kann, ist fähig, wirklich zu lieben. Er muss die Liebe nicht an einen Zweck binden. So nach dem Motto vieler Eltern: Wenn Du schön artig bist, dann liebe ich Dich. Wir sprechen dann gern von Affenliebe, was allerdings eine Beleidigung der Primaten ist, denn diese geben ihrem Nachwuchs viel Zuwendung.

Leiden assoziieren wir in unserer Kultur hingegen meist mit Schwäche. Oder wir entwickeln Mitleid. Beides ist fatal und verhindert die Entwicklung von Empathie. Wer die echten Gefühle verdrängt, weil er in der Kindheit Verletztheit und Kränkungen erlebte, kann kein gesundes Selbstwertgefühl aufbauen. Er sucht Halt in äusseren Dingen und kultiviert eine Ideologie der Stärke und der Macht. Es entwickelt sich ein krankhaftes Streben nach «mehr»: mehr Reichtum, mehr Besitz, mehr Einfluss, mehr Ansehen. Doch das Leben fragt nicht nach Status, sondern nach Inhalten, nach Mitgefühl und Liebe.

Ein Blick auf die politische und wirtschaftliche Landschaft zeigt das Resultat der Sublimierungen, Abstraktionen und der mangelnden Empathie: Globalisierung wider jede Vernunft, Gigantismus, Fusionen, Abzockerei, Gewaltexzesse im religiösen und politischen Umfeld. Wem es an Empathie fehlt, bleibt ichbezogen und wird autoritätsgläubig. Er hat auch keine Skrupel, den Profit auf dem Buckel der Kunden, Mitarbeiter und der Umwelt zu maximieren.

Das Verhängnis beginnt damit, dass Machtmenschen nie erfahren haben, was echte Liebe ist. Deshalb haben sie ein reduziertes Bewusstsein entwickelt, wie Arno Grün in seinen Büchern schreibt. Sie kompensieren ihre eigene Verletzlichkeit mit Machtgehabe. Sie haben keine Verbindung zu ihrem Selbst, zu ihren echten Gefühlen, die sie verdrängen. Dies lässt sie in -ismen oder Ideologien flüchten. Oder in fundamentalistische Glaubensgemeinschaften.

Weil sie sich und ihren Gefühlen nicht trauen können, bauen sie autoritäre Strukturen auf, die ihnen (vermeintlich) Halt geben. Weil sie nicht wissen, was echte Liebe ist, können sie Krieg gegen das eigene Volk führen (Assad in Syrien) oder die eigenen Glaubensbrüder terrorisieren (Sunniten gegen Schiiten und umgekehrt).

Der Mangel an Empathie und die Unfähigkeit zu leiden sind oft die Ursache von psychischen Krankheiten und Gewaltphantasien.

Deshalb erachte ich das Leiden im religiösen Sinn – das Leiden für Gott oder für ein Leben nach dem Tod – für fatal. Es lenkt vom «irdischen Leiden» ab und kann im Extremfall die Entwicklung von Empathie behindern.

Da bin ich mit dem Dalai Lama, den ich wiederholt wegen des Personenkults kritisiert habe, einig. Er sagte: «Paradoxerweise können wir uns selbst nur helfen, wenn wir andern helfen. … Die Voraussetzung für das Überleben unserer Spezies sind Liebe und Mitgefühl, unsere Fähigkeit, andern beizustehen und ihren Schmerz zu teilen.»

Vom Sinn und Unsinn des Leidens

Hugo Stamm am Montag den 13. Mai 2013
Abbildung des leidenden Jesus am Kreuz. (Flickr/Waiting for the World)

Abbildung des leidenden Jesus am Kreuz. (Flickr/Waiting for the World)

Leid und Leiden sind unsere ständigen Begleiter durchs Leben. Wir leiden permanent, wenn auch je nach Lebenssituation mehr oder weniger ausgeprägt. Das Leid hat unzählige Gesichter. Seelische Not, psychische Probleme, Verlustängste, Existenzprobleme und vor allem körperliche Schwierigkeiten bedrängen uns.

Die Frage, weshalb wir leiden müssen und welchen Sinn das Leiden hat, gehört zu den Kernthemen der geistigen Auseinandersetzung mit der Welt. Die Kunst befasst sich damit, aber auch die Philosophie. In erster Linie ist das Leiden aber das Hoheitsgebiet der Religionen und Glaubensgemeinschaften. Sie geben ihm eine höhere Bedeutung und messen ihm einen spirituellen Sinn bei. Sie versuchen, das Leiden nicht als Konstante des unvollkommenen Lebens und der chaotischen Wirklichkeit zu begreifen, sondern als sinnstiftendes Phänomen.

Der Hintergrund: Heilslehren betrachten die Welt und den Kosmos als von Gott erschaffen. Da dieser Gott das Absolute und das absolut Gute verkörpert, ist es nicht denkbar, dass er eine unvollkommene Welt geschaffen hat, an der wir ein Leben lang zu leiden haben. Sonst würde das Gottesbild in sich zusammenbrechen und Gott als Autorität mit beschränkter Kompetenz erscheinen. Und alle relevanten Religionen müssten ihre Heilslehren radikal revidieren. Da dies nicht sein darf, weil es in den Augen der Gläubigen nicht sein kann, geben sie dem Leiden einen höheren, einen religiösen Sinn. Doch hat das Leiden tatsächlich eine spirituelle Bedeutung?

Alle grossen Religionen deuten das Leiden als zentrale transzendentale Funktion. Wir leiden nicht für das Leben im Diesseits, sondern für das Leben nach dem Tod oder für das nächste Leben. Leiden als Prüfung für eine spätere Existenz. Im Christentum ist die Ursünde von Adam und Eva der Grund für das Leiden. Im Paradies gab es das Leiden nicht. Und im Himmel wird es auch keine Schmerzen und Depressionen mehr geben. Wir Leiden im Diesseits, um den schmalen Spalt ins Jenseits zu finden.

Im Buddhismus ist das Leiden ebenfalls das zentrale Phänomen. Man entsagt sich der Welt, um das Leiden zu überwinden. Im Hinduismus darf man nicht einmal Strategien entwickeln, um das individuelle Leiden zu überwinden. Denn Leiden stammt in erster Linie von der karmischen Belastung; man muss es erdulden, um es abzubauen und im nächsten Leben belohnt zu werden. Auch Allah prüft die Moslem durch Leid.

Diese Erklärungsversuche des schwer zu begreifenden Phänomens des Leidens mögen bei der Gründung der Weltreligionen vor 1500, 2000 und 2500 Jahren plausibel gewesen sein, beim heutigen Stand der naturwissenschaftlichen und geistigen Erkenntnisse sind sie aber anachronistisch.

Denkt man die religiösen Begründungen nämlich konsequent zu Ende, müssten wir das Leiden mit all seinen Schattierungen stoisch erdulden. Wir dürften keine säkularen Massnahmen treffen, um das Leid zu verhindern oder zu lindern. Konkret: Medizinische Therapien greifen in die religiöse Dimension des Leidens ein. Sie mildern das Leiden und schwächen die Prüfung ab. Dasselbe gilt bei verkehrstechnischen Sicherheitsmassnahmen. Religiös verstanden sind Unfälle Prüfungen. Auch müssten alle Formen der Prävention eingestellt werden. Impfen? Wozu? Kinderlähmung und Cholera dienen dem spirituellen Wachstum durch Leiden. Doch: Ein Virus greift uns nicht an, weil es uns umbringen will, sondern weil es überleben will.

Religionen versuchen also, dem Leiden einen Sinn zu geben. Das mag löblich sein, ist aber ziemlich unbeholfen und philosophisch einfältig. Heilslehren gehen davon aus, dass Gott bewusst eine unvollkommene Welt geschaffen hat, um den Menschen leiden zu lassen und ihn zu prüfen. Dabei leiden wir, weil die «Schöpfung» chaotisch ist und nach Naturgesetzen und nicht nach religiösen Kriterien funktioniert. Und weil das Leben ein Überlebenskampf ist, dem die ganze Kreatur unterliegt. Wir Menschen fressen Tiere, die Tiere bringen sich gegenseitig um, die Bäume nehmen den Sträuchern das Licht weg, das Unkraut verdrängt die «Kulturpflanze». Einen religiösen Sinn des Leidens ist da nur schwer auszumachen.

Wie viel Sinn stiftet der Glaube?

Hugo Stamm am Freitag den 3. Mai 2013
Sinnsuche und das Wissen vom eigenen Tod sind die Domänen der Religionen. (Flickr/Danny Montemayor)

Sinnsuche und das Wissen vom eigenen Tod sind die Domänen der Religionen. (Flickr/Danny Montemayor)

Wir Menschen suchen permanent und hinter allem einen Sinn. Unser Bewusstsein ist so konzipiert. Wir haben den Drang, jedes Phänomen, jede Gefühlsregung zu ergründen und einen Sinn zu erkennen, sonst erscheinen sie uns nutzlos. Das Nutzlose, das Unsinnige, das Überflüssige betrachten wir oft als verschenkte Lebenszeit.

Wir essen, um körperlich zu überleben und einen Genuss zu gewinnen. Wir arbeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen und die Zeit in irgendeiner Form sinnvoll zu gestalten. Auch scheinbar nutzlose Tätigkeiten machen Sinn: Wir wandern in der Natur, um uns zu erholen, zu entspannen, den Gedanken nachzuhängen, die innere Balance zu finden, die Sinne zu erfreuen. Selbst die Freizeit hat also einen Nutzen: Sie macht uns stark für die wichtigen und besonders sinnvollen Aspekte des Lebens.

Oder: Wir diskutieren hier im Blog, um unsere Ansichten weiterzugeben, unseren Intellekt zu schärfen, einen tieferen Einblick ins Leben zu bekommen. Somit erhalten wir einen besseren Durchblick und ein differenzierteres Gefühl für die Welt, für das Leben an sich. Dieses vertiefte Bewusstsein gibt uns mehr Sicherheit, uns in dieser komplexen Wirklichkeit zurechtzufinden. Unser Denken, Handeln und Fühlen ist also permanent darauf ausgerichtet, einen Sinn zu erkennen. Wir sind förmlich darauf konditioniert. Die Suche nach Sinn ist ein zentraler Lebensmotor.

Die Sinnsuche im Hier und Jetzt ist also relativ leicht zu erklären. Schwieriger wird es bei der Frage nach dem Sinn des Lebens an sich. Warum lebe ich? Was ist Leben überhaupt? Wo liegt der Ursprung des Lebens? Macht das Leben an sich Sinn?

Auf diese Fragen gibt es keine klaren Antworten. Das verunsichert den notorischen Sinnsucher Mensch erheblich. Unbeantwortete Fragen treiben uns um und lassen uns nicht zur Ruhe kommen. Da sich diese Fragen nicht mit letzter Sicherheit beantworten lassen, wir offene Fragen aber nur schwer akzeptieren können, geben wir uns gern mit dürftigen Antworten zufrieden, auch wenn sie wenig plausibel sind. Hauptsache, wir finden die innere Ruhe wieder. Dieser Drang, Antworten finden zu müssen, ist der beste Nährboden für Irrglauben oder Aberglauben.

Noch schwieriger sind Antworten auf die Frage, ob das Leben endlich ist. Hier kommen wir in den metaphysischen Bereich. Weil das Leben voller Unwägsamkeiten ist und uns manchmal mit Angst schreckt und Schicksalsschlägen beutelt, sehnen wir uns nach Erlösung. Dass diese nicht im Diesseits zu finden ist, wissen wir aus Erfahrung: Das Leben steuert erfahrungsgemäss und ausnahmslos auf den Tod hin. Deshalb suchen wir gern den Sinn des Lebens im Jenseits: die Erlösung nach dem Tod. Das gibt Zuversicht und Trost. Sinnsuche und das Wissen vom eigenen Tod sind die Domänen der Religionen. Ohne diese beiden Phänomene gäbe es keine Glaubensgemeinschaften.

Doch alle metaphysischen Theorien und Erklärungsversuche stehen auf wackeligen Beinen. Es sind und bleiben Hypothesen und Spekulationen, genährt von Sehnsüchten und Ängsten.

Es gibt allerdings einen Lebenssinn, den man als weitgehend gesichert betrachten kann: die evolutionäre Entwicklung. Die Arterhaltung macht Sinn. Das Leben strebt permanent nach fortführenden Prozessen. Diese sind nur möglich, wenn wir das Leben weitergeben. So entstehen kognitive, geistige, soziale und genetische Fortschritte. Wir alle sind Teil dieser Evolution. Zum Grundkonzept gehört das Wachsen, aber auch das Sterben. Nur so findet Erneuerung statt. Im Wald müssen die alten Bäume sterben, damit es Licht für junge gibt.

Mit dem Tod haben wir Menschen aber so unsere Mühe. Wir suchen nach Auswegen – und haben sie in der Metaphysik gefunden. Für die meisten Glaubensgemeinschaften ist das Leben eine Prüfung und Vorbereitung für das Leben nach dem Tod. Doch damit bewegt sich der Mensch sehr weit vom evolutionären Konzept weg und gibt sich mit Antworten zufrieden, die nicht beweisbar, oft widersprüchlich oder schwer nachvollziehbar sind.

Für religiöse Menschen ist die Arterhaltung nicht sinnstiftend genug. Sie brauchen die spirituelle und transzendentale Dimension, um das Leben zu krönen. Dabei vergessen sie gern, dass die Arterhaltung nicht so eindimensional-biologisch ist, wie der technische Begriff vermuten lässt. Zur Arterhaltung gehört zwingend die Liebe. Ohne Empathie, soziale Verantwortung, geistige Entwicklung, kulturelle Prozesse sind emotionales Wachstum eine Illusion. Kleinkinder ohne Zuwendung gehen ein oder verkümmern geistig. Ohne Aufmerksamkeit und körperliche Nähe würden sich Menschen kaum über das Bewusstseinslevel von Tieren erheben.

Der Sinn des Lebens ist es, Liebe in die Welt zu bringen. Vielleicht ist es sinnvoll, sich mehr darauf zu konzentrieren, statt auf ein Leben nach dem Tod.

Macht und Ohnmacht in der religiösen Diskussion

Hugo Stamm am Freitag den 26. April 2013

Marcel Mertz hat verdankenswerter Weise einen interessanten Impulstext geschrieben, der sich mit einer Kernfrage des Blogs beschäftigt: Wie können wir trotz unterschiedlicher Standpunkte auf einer moralisch sinnvollen Ebene miteinander diskutieren? Der Text von Marcel Mertz ist sehr anspruchsvoll, aber das Experiment lohnt sich sicher, seinen Gedanken zu folgen und seine Diskursideen zu diskutieren.

Von Marcel Mertz

Können moralische Differenzen durch ein vernünftiges Diskursverfahren in einem Konsens aufgelöst werden, sodass am Ende alle Beteiligten sowie alle möglicherweise Betroffenen einer moralischen Norm zustimmen können? Der folgende Impulstext möchte die sog. «Diskursethik» als eine Ethik des «postmetaphysischen Zeitalters» – ein Zeitalter, in welchem eine Berufung auf metaphysische Instanzen (z.B. Gott) gesamtgesellschaftlich nicht mehr möglich ist – ohne Anspruch auf Vollständigkeit hinsichtlich dieser Frage untersuchen.

Diskursethik als Verfahrensethik im postmetaphysischen Zeitalter
Die zentralen Anliegen und Grundannahmen der Diskursethik

Die Diskursethik wurde ursprünglich von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas formuliert [Apel 1976, 1988; Habermas 1983, 1991]. (Auf die Unterschiede zwischen Apel und Habermas wird im Folgenden nicht eingegangen). Dabei ist die Bezeichnung «Diskursethik» so zu verstehen, dass diese Ethik einerseits ihr Moralprinzip (siehe unten) auf der «immer schon» vorhandenen Diskurspraxis gründet, andererseits eine diskursive Praxis für die Rechtfertigung konkret-inhaltlicher, sog. «materialer» moralischer Normen für notwendig erachtet wird. Mit «Diskurs» ist dabei eine zwanglose, unbegrenzte (offene) rationale Argumentation zwischen mehreren Personen gemeint. Diese setzt eine sog. «kommunikative Vernunft» voraus, durch die in kooperativer Weise über Zwecke und Ziele reflektiert wird (z.B. im Sinne einer «gemeinsamen Wahrheitssuche»); Vernunft darf sich nicht auf sog. «strategische Vernunft» beschränken, die der Maximierung und Durchsetzung der eigenen Interessen oder der Beurteilung von Mittel-Zweck-Beziehungen dient.

Die Diskursethik kann als Antwort auf das Problem der Formulierung einer Ethik in modernen «postmetaphysischen», pluralistischen Gesellschaften verstanden werden, in denen keine Berufung auf metaphysische Instanzen mehr gesamtgesellschaftlich möglich ist [Apel 1976] – also bspw. keine religiös fundierte Ethik mehr als verbindlich für alle Mitglieder der Gesellschaft betrachtet werden kann. Anstatt angesichts des «postmodernistischen Pluralismus» die Möglichkeit einer rational begründeten Ethik aufzugeben und relativistische Konsequenzen zu ziehen («Es gibt nicht wirklich ein moralisch Richtig und Falsch»), beansprucht die Diskursethik, eine Ethik wie z.B. die Kantianische Ethik oder der Utilitarismus zu sein. Entsprechend geht sie davon aus, dass moralische Richtigkeit und Falschheit rational bestimmt werden kann.

Ein Unterschied zu den genannten anderen Ethiken ist jedoch, dass die Diskursethik keine «materiale Ethik» darstellt, d.h. keine Ethik, die selber materiale moralische Normen formuliert. Sie verwirft die Auffassung, dass materiale Normen philosophisch oder theologisch begründet werden können. Doch wie werden dann das Moralprinzip und etwaige materiale Normen begründet?

Das diskursethische Moralprinzip

Das diskursethische Moralprinzip lässt sich z.B. wie folgt formulieren: Handle nur nach derjenigen Norm, der alle Vernunftwesen und alle von der Norm möglicherweise Betroffenen in einem unbegrenzten (offenen), zwanglosen argumentativen Diskurs zustimmen könnten.
Von der Diskursethik wird zur Begründung dieses Moralprinzips nur das vorausgesetzt, was in der Praxis von moralischen Diskursen «immer schon» vorhanden sein muss, wie bspw. die Existenz rationaler Akteure, die sich Ziele und Zwecke setzen, die Existenz einer Sprache u.Ä. Sie muss daher weder übernatürliche noch allzu weitgehende natürliche (z.B. evolutionstheoretische) Annahmen treffen, die über die Phänomene und die Praxis unserer Lebenswelt hinausreichen. Die Diskursethik versucht dabei nachzuweisen, dass jeder, der in einen moralischen Diskurs eintritt, «immer schon» bestimmte Voraussetzungen implizit akzeptiert hat bzw. akzeptieren muss, um überhaupt am Diskurs teilnehmen zu können. Dabei handelt es sich um Regeln wie «Kein Sprecher darf sich widersprechen bzw. anerkennt, dass bewusste Selbstwidersprüchlichkeit zu vermeiden ist», «Jede sprach- und handlungsfähige Person darf am Diskurs teilnehmen» oder «Kein Sprecher darf durch innerhalb oder ausserhalb des Diskurses herrschenden Zwang daran gehindert werden, am Diskurs teilzunehmen» [nach Habermas 1983, S. 97ff]. (Deshalb erfolgt die Begründung des Moralprinzips transzendental, was bei Habermas und Apel bedeutet, dass eine Voraussetzung nachgewiesen wird, deren Bestreitung in einen Widerspruch zwischen dem führt, was explizit behauptet wird und dem, was getan werden muss, um diese Behauptung überhaupt äussern zu können; ein sog. «performativer Selbstwiderspruch» [u.a. Apel 1988, S. 354f; Habermas 1983, S. 90f]).

Der praktische Diskurs

Aus dem diskursethischen Moralprinzip können aber keine konkreten Normen abgeleitet werden. Das diskursethische Moralprinzip gibt nur an, wie Normen geprüft werden müssen, d.h. wann sie als gültig anerkannt werden können: dann, wenn sie diesem Moralprinzip entsprechen. Nach Habermas können moralische Verpflichtungen nicht direkt durch das diskursethische Begründungsprogramm begründet werden, sondern nur durch den praktischen Diskurs, d.h. den tatsächlich durchgeführten Diskurs über eine materiale Norm.

Damit bietet die Diskursethik ein Verfahren an, Normen zu prüfen. Wird die Norm – oder eine durch den Verlauf des Diskurses modifizierte Norm – von allen Beteiligten und (potentiell) Betroffenen innerhalb des Diskurses als gültig beurteilt, hat die Norm der Prüfung widerstanden und ist ethisch gerechtfertigt. Da die Diskursethik selber keine materialen Normen liefert, müssen die materialen Normen «von aussen» in den Diskurs eingebracht werden, d.h. aus der Lebenswelt der Diskursteilnehmenden, aus anderen ethischen Theorien, aus politischen Ideologien, oder aber auch aus Religionen.

Jedoch schränkt die Diskursethik ein, welche Normen Gegenstand des Diskurses werden können – nämlich nur jene, die verallgemeinerbar sind. Generell sind Normen, die (nur) partikuläre Bedürfnisse und Interessen befriedigen sollen, von Vorneherein nicht konsensfähig und daher auch nicht möglicher Gegenstand eines Diskurses. (Solche Normen sind allenfalls kompromissfähig; jedoch sind nicht Kompromisse das Ziel von Diskursen, sondern Konsense).
(Für ausführlichere Informationen zur Diskursethik, insbesondere zur Begründungsthematik, siehe bspw. http://micha-h-werner.de/diskursethik.htm).

Möglichkeiten des Diskurses
Eine Akzeptanz des Pluralismus

Oben wurde bereits angedeutet, wie moralische Differenzen durch einen Diskurs (idealerweise) beigelegt werden könnten: Man argumentiert so lange mit allen Beteiligten und (potentiell) Betroffenen über eine eingebrachte Norm, bis diese entweder verworfen wird, oder aber alle dieser oder einer veränderten Norm zustimmen können. Da sowohl die Beteiligten wie auch die Betroffenen völlig unterschiedliche weltanschauliche Hintergründe aufweisen, und auch die zu prüfenden Normen aus unterschiedlichen Weltanschauungen stammen, kann die Diskursethik den gesellschaftlichen Pluralismus nicht nur akzeptieren, sondern produktiv mit ihm umgehen: Der Diskurs kann sicherstellen, dass Interessen von Beteiligten und Betroffenen nicht übersehen werden (wie es geschehen könnte, wenn eine gesellschaftliche Elite o.Ä. Normen bestimmen würde), und er verhindert eine zu enge Auswahl an Normen. Denn jede Norm, sei sie noch so fremd oder noch so vertraut, ist für die Prüfung im Diskurs zugelassen; keine Norm, und schon gar nicht ein Vertreter einer Norm, darf von Vorneherein vom Diskurs ausgeschlossen werden, gleichgültig, ob er einer säkularen oder religiösen Moral folgt.

Eine Absage an den Paternalismus

Damit geht auch eine Absage an einen Paternalismus einher, also einer Auffassung, dass es eine Ethik auch ungeachtet der Zustimmung Beteiligter und Betroffener «besser weiss». Die meisten Ethiken (theologische wie aber auch philosophische) sind oft zwangsläufig paternalistisch orientiert, da sie eine moralische Norm als richtig ausweisen können, selbst wenn Betroffene dies aus guten Gründen anders sehen mögen. Im Extremfall lassen es solche Ethiken zu, dass eine kleine Minderheit als «ethische Experten» bestimmen kann, was für die Mehrheit bzw. gesamtgesellschaftlich als moralisch zu betrachten ist. Diese mögliche Folge mag bei theologischen Ethiken resp. religiöser Moral wenig überraschen; es ist aber darauf hinzuweisen, dass dies für philosophische und damit säkulare materiale Ethiken gleichermassen zutreffen kann.

Eine Verantwortungsethik

Durch die Akzeptanz des Pluralismus und durch die Ablehnung von Paternalismus wird jedweder Dogmatismus abgelehnt, der Diskurs ergebnisoffen gelassen und eine prinzipielle Irrtumsmöglichkeit eingeräumt. Auch können Normen aufgrund veränderter sozialer und historischer Situationen und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse nochmals geprüft werden; es gibt keine in Stein gemeisselte Ethik resp. Moral. Dadurch wird die Diskursethik zu einer Verantwortungsethik, die gegenüber veränderten Situationen und Folgen von einmal als gültig anerkannten Normen nicht «blind» ist.

Grenzen des Diskurses
Die Nicht-Idealität realer Diskurse

Ein naheliegender Einwand gegen die Diskursethik ist die Nicht-Idealität realer Diskurse. In realen Diskursen ist es unmöglich, zu bestimmen, worauf sich alle Vernunftwesen in einem argumentativ geführten Diskurs einigen würden. Unsere realen Diskurse entsprechen zudem niemals vollständig den Idealbedingungen der Diskursethik – sie sind stets durch Wissens- und Machtungleichheiten, von Emotionalitäten und vom Gebrauch strategischer Vernunft verzerrt. Reale Diskurse drohen stets in Kompromissen oder blossen faktischen Mehrheitsmeinungen zu enden.

Die Diskursethik ist mit dem Problem sowohl uninformierter als auch aus z.B. emotionalen Gründen nicht-diskurswilliger Diskursteilnehmer konfrontiert. Sie muss also voraussetzen, dass alle Diskursteilnehmer ausreichend informiert sind über das, was im Diskurs behandelt wird. Und sie muss ferner voraussetzen, dass alle Diskursteilnehmer letztlich eine Art philosophische oder wissenschaftliche Haltung einnehmen können, die mit einer «methodischen Vorurteilsfreiheit» einhergeht, sodass selbst provokative Normen (wie bspw. jene, in bestimmten Fällen eine Person zu töten um fünf andere zu retten) argumentativ und fair geprüft werden können.

Das Inklusionsproblem

Die Diskursethik handelt sich mit ihrem Moralprinzip ein sog. Inklusionsproblem ein: Kleinkinder, geistig Behinderte, evtl. bereits demente Personen, Tiere und ggbfs. «die Natur» als Ganzes können an einem Diskurs offenkundig nicht teilnehmen. Sie können nur «indirekt» durch die Moral geschützt werden, stellvertretend durch Vernunftwesen, die diskursfähig sind.

Dieses Inklusionsproblem fällt umso problematischer für die Diskursethik aus, als dass es direkt aus ihren Grundannahmen folgt: Was Diskurse prüfen können, sind Normen, nicht aber die grundlegende Bestimmung, wer alles in den Schutzbereich der Moral fällt. Zwar wird es die Diskursethik zweifellos erlauben, dass Normen als gültig anerkannt werden, die Kleinkinder, Tiere oder andere diskursunfähige Wesen schützen. Diejenigen, die darüber entscheiden, werden aber immer nur die diskursfähigen Wesen (Menschen) sein, was für manche Personen, v.a. solchen mit einem religiösen Hintergrund, möglicherweise moralisch zu wenig ist.
Der Verlust der Handlungsmotivation

Eine Vernunftmoral wie die Diskursethik ermöglicht rationale Einsicht. Aber rationale Einsicht ist nicht dasselbe wie die Motivation, in einer bestimmten Weise zu handeln. Die Orientierung an einer Vernunftmoral geht mit der Loslösung von einer bestimmten Lebenswelt – wie bspw. das Leben in einer religiösen Gemeinschaft oder das Wirken in einer politischen Partei – einher, aus der wir Motivation für unser Handeln schöpfen [vgl. HABERMAS 1983, S. 119]. Während eine Vernunftmoral aus ethischer Sicht notwendig ist, um nicht Partikularinteressen zu befördern, scheinen also die Quellen der Handlungsmotivation zwangsläufig ausserhalb der Diskursethik liegen zu müssen. Deshalb ist sie auf Gemeinschafts- bzw. Gesellschaftsformen angewiesen, die ausreichend «rationalisiert» sind, um aus rationaler Einsicht auch Motivation schöpfen zu können. Doch welche Gesellschaftsformen sind in dieser Hinsicht «rationalisiert» genug? Und kann – oder soll – eine Gesellschaftsform überhaupt derart «rationalisiert» sein?

Fazit & Ausblick

Diskursethik setzt wenig an inhaltlichen Überzeugungen voraus. Die allermeisten, die an Diskursen teilnehmen, sollten das, was die Diskursethik inhaltlich voraussetzt, mittragen können, ungeachtet dessen, ob sie eine religiöse oder eine säkulare Weltanschauung vertreten. Diskursethik baut auf die Kraft des «besseren Argumentes» und schliesst niemanden aus, an der Gestaltung moralischer Normen teilzunehmen. Dies kommt einer pluralistischen Gesellschaft klar entgegen.

Jedoch werden an die Diskursteilnehmer erhebliche Anforderungen gestellt, die unrealistisch, d.h. in realen Diskursen nicht einholbar sind. Das bestreiten Diskursethiker nicht. Das Ziel müsse aber sein, reale Diskurse so nahe wie möglich an das Ideal heranzubringen, wobei das Ideal zugleich als «Massstab» diene, um zu bewerten, wie gültig allfällige Normen sein können. Die Beschränkungen realer Diskurse seien durch institutionelle Vorkehrungen (z.B. geeignete Orte von solchen Diskursen wie ein Feuilleton, aber auch Bürgerforen, Konsenskonferenzen usw.), wirksame Konventionen (z.B. Prozessabläufe, Verhaltensregeln) und letztlich Bildung einer Öffentlichkeit, die informiert, engagiert und mit der richtigen Haltung an Diskursen teilnimmt, abzuschwächen. Auch sei jede Argumentation «virtuell intersubjektiv»: Selbst wenn es im realen Diskurs unmöglich sei, zu wissen, worauf sich alle Vernunftwesen einigen würden, seien wir in der Lage, unsere Egozentrik argumentativ zu überschreiten und dadurch zu antizipieren, was andere Vernunftwesen unseren Argumenten entgegenhalten könnten. Die Argumente, die wir dann vorbrächten, seien darauf ausgerichtet, im Prinzip für jedes Vernunftwesen nachvollziehbar und kritisierbar zu sein.

Dennoch scheint nicht klar, wie kontrastierende Meinungen aufgrund von gegensätzlichen Weltanschauungen diskursiv aufgelöst werden können. Wer bei der Frage des Schwangerschaftsabbruchs tief überzeugt ist, dass das Leben im theologischen Sinne heilig ist und es mit der Befruchtung beginnt, wird selbst dann, wenn er noch so diskurswillig ist, einer Norm wie jener, die «Free-Choice»-Vertreter befürworten, nie zustimmen können – und umgekehrt; denn dazu scheinen sich die moralischen Interessen der Beteiligten zu sehr gegenseitig auszuschliessen. Was Weltanschauungen betrifft, die von Vorneherein nicht bereit sind, an Diskursen teilzunehmen, weil sie glauben, sich absolut im Recht zu befinden (z.B. verschiedene fundamentalistische Ausprägungen von Religionen, manche Öko- und Tierrechtsbewegungen, manche Parteien usw.), ganz zu schweigen.

Doch: Was sind die Alternativen? Zu glauben, man könne alle Menschen von der eigenen weltanschaulichen Position – sei diese religiös oder säkular orientiert – argumentativ überzeugen, scheint eher naiv. Das einzige Mittel, dafür zu sorgen, dass alle dasselbe glauben, dürfte die Aufgabe von Freiheit, Pluralität und Demokratie sein, mit anderen Worten: Der Einsatz von Zwang, Gewalt und Indoktrination. Letzteres mag für weltanschauliche Positionen, die davon ausgehen, dass sie absolut im Recht sind und sich nicht irren können, zuweilen als zulässiges Mittel betrachtet werden, da Werte wie «Freiheit», «Pluralität» und «Demokratie» für sie evtl. keine Werte sind, die zu beachten wären. Für alle aber, die diese und ähnliche Werte vertreten, kann die Diskursethik trotz aller Grenzen realer Diskurse eine echte Alternative in einer pluralistischen Gesellschaft darstellen – denn sich auf bestimmte Normen zu einigen mag eher möglich sein als auf ganze Weltanschauungen.

Literatur
Apel KO (1976) Transformation der Philosophie. Band 2: Das Apriori der Kommunikationsgesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt a.M.
Apel KO (1988) Diskurs und Verantwortung. Suhrkamp, Frankfurt a.M.
Habermas J (1983) Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln. Suhrkamp, Frankfurt a.M.
Habermas J (1991) Erläuterungen zur Diskursethik. Suhrkamp, Frankfurt a.M.

Jesus liebte die Kinder

Hugo Stamm am Mittwoch den 17. April 2013

Lydia Siegenthaler hat eine Replik auf meinen Impulstext geschrieben, den ich hier gern zur Diskussion stelle:

Lasset die Kinder kommen.

Das Gemälde «Lasset die Kinder zu mir kommen» (ca. 1600) von Ambrosius Francken I. (Foto: Uni Leipzig)

Als Mutter von drei Kindern und Mitglied einer Freikirche kann ich ihren Artikel nicht unbeantwortet lassen. Sie beschreiben darin, dass die Beratungsstelle Infosekta jährlich ungefähr 200 bis 300 Anfragen zu Freikirchen erhält. Davon schildern manche körperliche Züchtigung von Kindern. Auch der Kinderschutz kenne das Problem.

Ich gebe Ihnen vollumfänglich recht. Es ist eine Schande, dass es Ratgeber gibt, die das körperliche Bestrafen von Kindern gutheissen. Kinder zu schlagen, aus welchem Grund auch immer ist verwerflich. Immer. Trotzdem empfinde ich Ihren Artikel als hetzerisch und beleidigend. Obwohl sie erwähnen, dass die meisten Freikirchen Körperstrafen ablehnen und sich auch die Evangelische Allianz davon distanziere, erweckt ihr Text den Anschein als wäre es in christusgläubigen Familien gang und gäbe die Kinder zu schlagen.

Ich werde nicht auf Ihre Argumentation eingehen, denn wer den Artikel mit kritischen Augen liest, wird schnell merken, dass genaue Zahlen und klare Studien fehlen. Stattdessen würde ich das Augenmerk der Leser gern auf etwas anderes lenken. Die von ihnen zitierten Bibelstellen stammen aus der Zeit vor Jesus. Die zentrale Figur der Freikirchler aber ist Jesus. Er gilt als Vorbild und hat von sich selbst gesagt: «Ich bin Sohn des lebendigen Gottes… …Wer mich sieht, der sieht den Vater.» (Johannes 14, 9).

Wie ging dieser Stellvertreter Gottes mit Kindern um? Einmal brachten Mütter ihre Kinder zu ihm. Die Freunde von Jesus wollten sie abweisen, der Meister habe keine Zeit. Durchaus eine übliche Reaktion zur damaligen Zeit. Jesus aber holte die Kinder zu sich und sprach: «Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes (Himmelreich)!»(Mt 19,13)

Gegen den Zeitgeist und gegen die Meinung seiner Freunde macht Jesus hier deutlich, wie sehr er Kinder liebt. Ich bin überzeugt, dass Menschen, die Jesus von Herzen lieben und ihn als ihren Freund kennen, früher oder später darauf aufmerksam werden, dass Körperstrafen nicht zum Erziehungsrepertoire seiner Nachfolger gehören dürfen.

Christen leben ihr Elternsein genauso gut oder schlecht wie alle, die ihre Kinder von Herzen lieben, es tun. Natürlich passieren Fehler und selbstverständlich sollen diese angesprochen werden. Aber wäre es nicht besser, solchen Eltern Alternativen zur Prügelstrafe anzubieten? Wäre es nicht effizienter, feinfühlig das Gespräch zu suchen?

Deshalb füge ich der Vollständigkeit halber noch untenstehende Bücherliste ein.

Aufgelistet sind diejenigen Erziehungsratgeber, die ein Erziehungsverständnis beinhalten, das Infosekta folgendermassen beschreibt: «Grundsätzlich sind beim dogmatisch-autoritativen Erziehungsverständnis die Eltern-Kind-Beziehungen von liebevoller Zuwendung geprägt, die kindlichen Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Schutz und Regulation
werden weitgehend abgedeckt.»

● Etter, Heinz (2010). Erziehen im Vertrauen. Das Join-up-Konzept.
● Fly High-Elternkonferenz (2012). Transkript zweier Kursmodule. Stiftung Schleife Winterthur.
● Holmen, Mark & Teixeira, Dave (2009). Den Glauben zu Hause leben. Willow Medien.
● Kimmel, Tim (2011). Eine auf Gnade basierende Erziehung. Adullam Verlag.
● Mauerhofer, Armin (2011a/b). Bibelwoche Lörrach, FEG Lörrach – Transkript zweier Kursmodule
● Mühlan, Claudia & Mühlan, Eberhard (2012). Das Grosse Familien-Handbuch. Schulte und Gerth.
● Ruthe, Reinhold (2011). Die Kunst, verantwortlich zu erziehen. Verlag Bredow.
● Silk, Danny (2010). Erziehung mit Liebe und Vision. GloryWorld-Medien.