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Wenn der Glaube krank macht

Hugo Stamm am Montag den 10. August 2009

Ich war am Sonntag im Gottesdienst der charismatischen Gemeinschaft Kingdom Embassy International, die einen Saal in Kloten gemietet hat. Der 30-jährige Seniorpastor Wojacek legte ein rhetorisches Feuerwerk hin, dass mir beinahe Hören und Sehen verging. Unterstützt wurde er durch eine fünfköpfige Musikband.

Atmosphäre und Predigt waren hoch suggestiv. Selbst die Worte des Pastors wurden mit Musik untermalt. Setzte er zu einem stossenden und drängenden Glaubensrap an, wurde das Keyboard immer lauter und die Melodie dramatisch. Manche Gottesdienstbesucher gerieten in Verzückung oder rutschten beinahe in ein Ekstase ab. Für sie waren die starken Gefühle Ausdruck ihrer Ergriffenheit und der Nähe Gottes.

Auffällig war, dass der Glaube als das Lebensprinzip schlechthin dargestellt wurde. Wirtschaftliche, physische, psychische, soziale oder politische Phänomene sind nach Wojacek lediglich eine Funktion des Glaubens. Konflikte entstehen, weil gewisse Menschen den falschen Glauben haben oder in der geistigen Entwickelt zurück geblieben sind. Krank wird, wer am Glauben zweifelt und nicht in der Gnade des heiligen Geistes ist. Arm ist, wer nicht darauf vertraut, dass Jesus ihn beschenken und reich machen wird.

Der grösste Feind des Glaubens ist laut Wojacek der Verstand. Wer dem Zweifel Raum gibt, fällt von Gott ab. Zweifel stammen vom Verstand, den der Satan gern angreift.

Diese Dominanz des Glaubens ist fatal. Ohne Vernunft und Verstand, die letztlich die Lebenserfahrungen stark mitprägen, sind wir nicht überlebensfähig. Wir brauchen diese Instanzen, um existieren zu können. Wenn wir sie abwerten oder verdrängen, geraten wir in einen seelischen Zwiespalt und entfremden uns vom Alltag.

Das gleiche gilt für die Heilungen. Wojacek zählte mir nach dem Gottesdienst auf, wie viele seiner Gläubigen bereits von lebensbedrohlichen Krankheiten genesen sind, allein mit Hilfe des Glaubens und des Pastors. Die meisten Krankheiten sind jedoch Fehlfunktionen des Körpers auf der physischen Ebene. Also müssen sie in erster Linie auf dieser Ebene behandelt werden – mit schulmedizinischen Massnahmen. Es mögen auch psychosomatische Aspekte eine Rolle spielen, aber sicher keine religiösen. Das würde nämlich bedeuten, dass der Satan eine Krankheit ausgelöst hat. Oder Gott selbst, weil er einen Menschen für seine Glaubenszweifel oder Sünden bestrafen will.

Es ist auch unsinnig, psychische Störungen als Glaubensphänomene zu interpretieren. Seelische Verletzungen, traumatische Erlebnisse, Ängste usw. sind Auslöser von Neurosen, Phobien, Depressionen oder Psychosen. Aber sicher nicht der Satan oder Gott. Wer psychische Krisen religiös interpretiert, stigmatisiert die Betroffenen. Diese müssen nicht nur das Leiden aushalten, sondern sie sind gleichzeitig überzeugt, von Gott verlassen oder bestraft worden zu sein. Solche Glaubensängste können erst recht krank machen.

Patrioten mit höheren Weihen

Hugo Stamm am Samstag den 1. August 2009

Am 1. August prallen politische und intellektuelle Welten aufeinander, dass es – auch ohne Raketen – nur so kracht. Zwar beschwören die Politiker in ihren Reden wirtschaftliche und politische Theorien und Ansichten, doch oft hat man den Eindruck, es gehe in erster Linie um Glauben. Da ist zuerst die eigene Weltanschauung, da sind die eigenen Sehnsüchte und Ängste. Um diese werden dann politische Ideen geschmiedet. Ideen, die zu Glaubenssätzen erstarren. Und mancher Landesvater kommt sich als Guru vor, nur wagt er es nicht, dies zu sagen.

«Wehrt euch, Schweizerinnen und Schweizer», appelliert SVP-Präsident Toni Brunner in einem ganzseitigen Inserat. Bundesrat und Parlament hätten die Schweiz an den Abgrund manövriert. Die SVP werde sich dagegen wehren, dass die Schweiz untergehe.

Die Schweizer würden immer stärker zur Kasse gebeten, behauptet Brunner. Mitten in der Krise werde die Mehrwertsteuer auf acht Prozent erhöht. Ob diese Erhöhung tatsächlich erfolgen wird, steht noch in den Sternen, denn darüber werden wir am 27. September abstimmen. Weitere Aussagen von Brunner sind falsch. Es geht dabei nur um eine befristete Erhöhung der Mehrwertsteuer von 0,4 Prozent – für die Sanierung der IV. Auch dass die Erhöhung mitten in der Krise erfolgt, entspricht nicht den Tatsachen. Gerade wegen der Krise haben Bundesrat und Parlament die Erhöhung auf das Jahr 2011 vertagt. Und woher hat Brunner die gewissheit, dass wir dann immer noch in der Krise stecken?

Der SVP-Parteipräsident stellt zudem alle 300 000 IV-Rentner unter Generalverdacht. Seiner Meinung nach wird die Invalidenversicherung von IV-Betrügern systematisch ausgehöhlt. Der grösste Teil der unrechtmässig ausbezahlten Leistungen entfällt jedoch auf Fehler der Versicherung und nicht auf Betrügereien. Das hat eine Studie aus dem letzten Jahr gezeigt.

Auch sonst verteufelt Brunner die Schweiz. Die Familien würden abgeschafft, die Tore für Flüchtlinge und ausländische Sozialhilfebezüger weit geöffnet, das «Freiheitsrecht» Bankkundengeheimnis geschleift, die Landwirtschaft geopfert, die Neutralität unterlaufen und die Kinder von Bildungsbürokraten verformt. Es scheint fast, als rede Brunner die Schweiz bewusst und mit Lustgewinn in den Abgrund. Dann könnten er, Blocher und seine SVP noch wirksamer als Retter der Schweiz auftreten und in allen Gremien die angestrebte Mehrheit erreichen.

Apropos Blocher: Der abgewählte Bundesrat, der sich in der Pose des Messias gefällt, hat in einer Ansprache zum 1. August gar zum Widerstand aufgerufen. Wie vor 718 Jahren müsse man jetzt auch den USA und der EU klar machen: «Wir wollen unabhängig sein». Er warnt, die Grossmächte wollten an unser Eingemachtes, als gehörten EU und USA zur Achse des Bösen.

Die USA verlangten die vom Schweizer Recht geschützten Konto-Daten, die EU eine Anpassung der Schweizer Steuergesetze. «Dem sagt man Wirtschaftskrieg», sagte Blocher. Wenn es so weitergehe, werde es gefährlich. Wie man sich dann zu verhalten habe, könne man in der Geburtsstunde der Schweiz lernen. Auch damals habe man sich anpassen oder Widerstand leisten können. Und wie damals im Schwur müsse auch heute entschieden klargestellt werden: «Wir wollen unabhängig sein».

In die gleiche Kerbe schlug auch Ueli Maurer. Als Bundesrat musste er aber seine Ideen in etwas sanftere Chiffren packen. Die Schweiz gebe der Welt einen «permanenten Freiheitsimpuls», erklärte Maurer. Er rief dazu auf, den Kritikern und Neidern selbstbewusst entgegenzutreten. Den «Sonderfall Schweiz» könne nur kritisieren, wer die erzwungene Einheit der gewachsenen Vielfalt vorziehe, sagte der Bundesrat.

«Unsere Freiheit provoziert alle, die ihr Staatswesen weniger freiheitlich ausgestalten – früher die Fürsten, heute die Bürokraten», betonte Maurer. Die jüngsten Reaktionen in London, Brüssel oder Berlin seien nur das «Echo auf verwirklichte Freiheit».

Ausländer überwiesen ihre Vermögen in die Schweiz und ausländische Unternehmen verlegten ihren Sitz zu uns. Das bedeute, dass das schweizerische System besser und wettbewerbsfähiger sei. Dies solle allen bewusst sein, deren «Politik gegenüber der Schweiz von Neid» getrieben sei und die mit einem «Wirtschaftskrieg» erreichen wollten, was sie im friedlichen und freien Wettbewerb nicht erreichen würden. Die Schweiz gebe als kleines Land der Welt ideell, materiel und humanitär viel.

Als Kontrast eine Stellungnahme zum 1. August des Club Helvétique um Roger de Weck. Es sei ein Paradox, heisst es dort. Je enger die Beziehungen zur EU, desto grösser die innere Distanz vieler Schweizerinnen und Schweizer. „Die Feindschaft zu einem Freund verspannt immer mehr unser Land. Eine starke EU ist gut für die Schweiz. Eine Schweiz, die sich einbringt, ist gut für die EU.“

Noch nie habe die Schweiz einen so guten und friedlichen Nachbarn gehabt wie die EU: „Sie verleiht unserem Kontinent Stabilität.“ Ausserdem werde der demütige „autonome Nachvollzug“ von EU-Beschlüssen jetzt immer mehr zum „automatischen Nachvollzug“. Deshalb würde die Schweiz als EU-Mitglied freier als im Alleingang.

Ich wünsche allen einen grossen Cervelat und farbige Raketen. Hugo Stamm

Banker beten gegen die Krise an

Hugo Stamm am Donnerstag den 2. Juli 2009

In vielen Banken und Betrieben sind Gebetsgruppen aktiv, wie mein Kollege Michael Meier im TA vom 1. Juli berichtet hat. Sie setzen sich vorwiegend aus Mitgliedern von evangelikalen und charismatischen Freikirchen zusammen. Die Gläubigen der Finanzinstitute versuchen in jüngster Zeit, gegen die Finanzkrise anzubeten.

Welches Weltbild versteckt sich hinter solchen Aktionen? Was ist davon zu halten, wenn führende Manager Gott um Hilfe bitten?

Die Gebetsgruppen verdeutlichen, dass Freikirchler ihren Glauben in die Arbeitswelt tragen. Tatsächlich ist es ein zentrales Merkmal frommer Menschen, dass sie nicht zwischen einem säkularen Alltag und dem Glaubenslebens unterscheiden. Glaube ist für sie immer und überall. Er ist das dominante Lebensprinzip. Auch im harten Alltag eines Bankers.

Weiter zeigen die Gebetsgruppen, dass Freikirchler daran glauben, dass Gott immer und überall eingreift – auch in der Bankenwelt, die Jesus von seiner Mentalität her eher ein Gräuel gewesen wäre. Sie gehen von einem Gott aus, der in die Welt wirkt.

Offenbar hat das Beten der vielen Gebetsgruppen nicht gefruchtet. Die Finanzkrise traf uns mit voller Wucht. Trotzdem beten die frommen Banker munter weiter. Die Frage, ob sich Gott um das Geschäftsgebaren der Finanzwelt überhaupt kümmert, stellen sie sich trotz ihrer Misserfolge nicht. Ihr Glaube und ihr Gottesbild würde radikal ins Wanken geraten, wenn sie ihre Misserfolge zugeben müssten.

Die Finanzkrise hat vielen Staaten, Betriebe, Familien und Einzelpersonen in Nöte gestürzt. Mitschuldig sind viele Kadermitglieder von Banken, die hemmungslos dem Turbo-Kapitalismus gefrönt und sich nicht um die Risiken der Anleger gekümmert haben. Zu ihnen zählen manche Mitglieder dieser Gebetsgruppen. Somit benutzen sie ihren Glauben als Feigenblatt: Statt vor der Krise auf die christlichen Werte aufmerksam zu machen und vor den drohenden Gefahren zu warnen, drehten sie am Karussell munter mit. Und profitierten von den tollen Boni. Ihr Gewissen beruhigten sie nun mit Gebeten.

Da Gott offensichtlich nicht die Notbremse gezogen hat, wäre es eigentlich an den christlichen Bankern, für ethisches Verhalten bei den Banken zu plädieren. Statt im stillen Raum zu beten, könnten sie eine Demo organisieren und analog den zehn Geboten moralische Merksätze für Finanzinstitute propagieren.

Gott, Herrscher über den Regen

Hugo Stamm am Sonntag den 14. Juni 2009

Die Familienlobby, ein Zusammenschluss freikirchlicher Sittenwächter, kämpft gegen die Verluderung von sittlichen Werten. Die Familie ist ihr heilig, Sexualität gehört in die Ehe, Homosexualität ist des Teufels. Die Familienlobby erklärt, konfessionell neutral zu sein. In Wirklichkeit ist es ein Verein mit freikirchlicher Prägung.
Seinen grossen Auftritt hatte der Stosstrupp Gottes bei der Euro-Pride in Zürich. Die Familienlobby machte mobil gegen die „Homo-Lobby“. Der Anlass werbe «unlauter für einen Lebensstil, der erwiesenermassen in grosses Unglück stürzt».
Das Weltbild der Familienlobby kennt kaum Nuancen. Sie schreibt:
„Seit Karl Marx und Friedrich Engels wollen linke Meinungsmacher und Politiker/-innen die Familie abschaffen. In jüngster Zeit sind es die 68er, die vehement an der Zerstörung der Familie arbeiten. Nach ihrem Gang durch die Institutionen haben sie in wenigen Jahren eine neomarxistische, konsumfixierte Anarchie errichtet. Die brüchigen Säulen ihres familienpolitischen Programms heissen:
* Sex nach Lust und Laune
* Abtreibung ungewollter Embryos
* Abschieben der Kinder in Krippen und Horte
* Scheidungen im Schnellverfahren ohne Schuldfrage
* Homosexualität als legitimes Partnerschaftsmodell
* … und wenn’s nicht mehr hinhaut, den Giftbecher bestellen
Der Wunsch nach treuer Liebe in Ehe und Familie ist zu tief im menschlichen Herz eingegraben. Höchste Zeit, der destruktiven Propaganda der Neomarxisten entgegenzutreten und das Modell der traditionellen Familie neu zu propagieren.„
Im Vorfeld der Euro-Pride haben die Sympathisanten der Familienlobby Organisatoren und Sponsoren mit Protestbriefen eingedeckt. Schweiz Tourismus hat mehrere Hundert Schreiben erhalten.
Die Briefe waren so ehrverletzend, dass die Organisatoren eine Strafanzeige gegen Daniel Regli, Präsident der Familienlobby, eingereicht haben. Regli präsidiert auch die SVP des Zürcher Kreises 11.
Aufschlussreich ist das religiöse Weltbild der Familienlobby. Es macht deutlich, dass freikirchlich Gläubige ein Gottesbild pflegen, wie es normalerweise kleine Kinder entwickeln. Eine Pressemitteilung der Lobby macht es deutlich. Darin heisst es, die Organisatoren hätten  100’000 Besucher zur Parade 6. Juni 09 erwartet. Es seien aber laut Polizeiangaben nur 15’000 bis 20’000 gewesen. (Der Veranstalter zählte 50’000.)
De Familienlobby glaubt, viel zum Misserfolg beigetragen zu haben. Die Anhänger beteten zu Gott, er möge es regnen lassen.  Wörtlich heisst es in der Mitteilung: „Zwar brachen die Teilnehmer in Jubel aus, als kurz vor Start des Umzugs die Sonne durch die Regenwolken hervor brach. Schon wähnte man sich im Sieg über Christen, die für Regen beteten, um die Parade zu verhindern. So setzte sich der Tross im Schatten des Ostwindes mit lauter Musik in Bewegung. Kurz vor fünf siegte dann aber der Westwind. Druck- und Gegendruck hatten eine riesige Wolkenwand aufgebaut, die sich mit Blitzen, Donner und heftigstem Regen im Zürcher Stadtzentrum entlud.“
Die Freikirchler geben ihren „Misserfolg“ teilweise zu: „Nun, auch die Familienlobby hat ihr Ziel verfehlt, die ganze Parade durch Regen zum Flop werden zu lassen. Gott, der Herr der Wetterlage, hatte offensichtlich einen etwas differenzierteren Plan. ‚Er lässt Seine Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte’ (Mt. 5,45). Er gibt auch Homosexuellen Freiraum, ihr Leben auszuprobieren. Jedoch macht Er ebenso deutlich, dass die Versuche, sich auf diese Art das Glück zu sichern, in heftigem Unwetter enden.
        Die Familienlobby kann mit dieser weisen Lösung gut leben. Sie wird ihre Aktivitäten zum Schutz und zur Förderung familiären Lebens weiter forcieren und auch in Zukunft mit dem HERRN der Wetterlage zusammenarbeiten.“
Damit ist die Frage der Theodizee eindeutig beantwortet: Die Anhänger der Familienlobby sind offensichtlich überzeugt, dass Gott jeden Regentropfen gezielt steuert.

Alternativmedizin ist Luxus

Hugo Stamm am Dienstag den 26. Mai 2009

Wir haben die Abstimmung zur Komplementärmedizin mit überwältigendem Mehr gutgeheissen. Ich vermute, dass viele Befürworter den Entscheid in ein paar Jahren bereuen werden.

Die grosse Akzeptanz der Alternativmedizin in der Bevölkerung ist erstaunlich. Vor wenigen Jahrzehnten kannten höchstens Insider den Begriff. Kräuterhexen gehörten früher zu den Alternativmedizinern, ihr Ruf war aber oft zweifelhaft.

Mit der Esoterikwelle und dem Interesse an fernöstlichen Heilslehren wurden die „sanften Heilmethoden“ auch bei uns einem breiten Publikum bekannt.
Erstaunlicherweise sind diese Methoden fast durchwegs mit positiven Attributen besetzt. Während die Schulmedizin zunehmend als seelenlose Therapie in Verruf geraten ist, verklären viele die Alternativmedizin kritiklos. Das Abstimmungsresultat bestätigt es.

Ich habe schon oft dargelegt, dass die wichtigsten Disziplinen der Alternativmedizin wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten. Die Homöopathie verletzt beispielsweise gleich drei grundlegende Gesetze: Durch Verdünnung potenziert sich das Medikament, eine Krankheit wird durch die gleiche Krankheit bekämpft, Informationen können in Flüssigkeiten übertragen werden. Die vom Gesetz zwingend verlangte Wirksamkeit ist somit nicht nachgewiesen. (Es ist aber unbestritten, dass der Placeboeffekt bei der Homöopathie recht hoch ist.)

Ich wage die Behauptung, Homöopathie beruhe auf Aberglauben. Zumindest haben wir soeben etwas in der Verfassung verankert, das sich einer wissenschaftlichen Überprüfung entzieht. Das ist auch politisch widersinnig. Was hat die Alternativmedizin in der Verfassung zu suchen? Für die Schulmedizin gibt es auch keinen vergleichbaren Passus.

Auch bei der Akupunktur müssen grundsätzliche Zweifel angebracht werden. Diese beruht auf zwei Grundannahmen, die sich wissenschaftlich nicht prüfen lassen. 1. Durch den Körper verlaufen Energiemeridiane, die exakt lokalisiert werden können. 2. Indem man Nadeln an bestimmten Stellen der Meridiane setzt, werden Heilungsprozesse ausgelöst.

Auch empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Theorie fragwürdig ist und die Wirksamkeit nicht nachgewiesen werden kann. Bei einer Untersuchung wurden Patienten mit gleichen Symptomen in zwei Gruppen eingeteilt. Bei der einen Gruppe wurden die Nadeln nach der Akupunkturmethode korrekt gesetzt. Bei einer Vergleichsgruppe wurden die Nadeln den Patienten absichtlich an falschen Punkten gesteckt. Resultat: Der Effekt war bei beiden Gruppen ähnlich. Es drängt sich also die Vermutung auf, dass auch Akupunktur lediglich einen Placeboeffekt bewirkt.

Mir geht es aber im Zusammenhang mit der Abstimmung um ein anderes Problem. Ich behaupte, dass die Alternativmedizin in erster Linie eine Luxusmedizin ist, die nicht in die Grundversicherung gehört.

Konkret: Alternativmedizin wird vor allem bei harmloseren Symptomen eingesetzt. Bei Erkältung, Schnupfen, Allergien, die die Gesundheit nicht gefährden, bei leichten Kopfschmerzen, Entzündungen und Verletzungen usw. Das sind mehrheitlich Krankheiten, mit denen unser Körper selbst problemlos fertig wird.

Die Alternativmedizin fördert ausserdem die Verweichlichung der Gesellschaft. Wir sind nicht mehr bereit, Krankheitssymptome auszuhalten. Viele rennen wegen jedem Wehwehchen zum Handaufleger, Heiler oder Naturheilarzt. Exakt jene Leute, die die Naturverbundenheit als wichtiges Lebensziel propagieren, vertrauen ihrem Körper, der immer noch der beste Arzt ist, nicht. Es sei daran erinnert, dass die überwiegende Zahl der Krankheiten auch ohne Intervention ausheilt. Es dauert nun mal sieben Tage, bis eine Erkältung auskuriert ist. Der Prozess kann weder durch Tabletten noch durch Globuli beschleunigt werden. Damit lassen sich bestenfalls die Symptome unterdrücken.

Ärgerlich ist auch, dass viele Konsumenten, die in der Alternativmedizin ein Wundermittel sehen, die Schulmedizin verteufeln. Doch sobald sie selbst eine schwerwiegende Krankheit erleiden, zögern sie – zum Glück – nicht, zum Arzt zu gehen. Bei einem Blinddarm, bei Nierensteinen, einer Hirnhautentzündung, einer Lungenentzündung, bei einem schweren Unfall und vielem mehr können ihnen Globuli nicht helfen, sondern nur die verhassten Ärzte mit ihrer Spitzenmedizin. Auch bei Krebs verzichten nur wenige Anhänger der Komplementärmedizin auf Bestrahlung und Chemotherapie.

Alternativmedizin ist also eine Luxusmedizin, weil sie es bei den meisten Krankheiten nicht braucht und weil sie bei schweren Krankheiten nichts taugt. Wenn der Trend weiter geht, werden immer mehr Leute die Alternativmedizin in Anspruch nehmen, was die Kosten in die Höhe treiben wird. Luxus sollte die Allgemeinheit nicht zahlen. Deshalb gehört die Alternativmedizin nicht in die Grundversicherung. Wer sich den Luxus leisten will, soll auch in Zukunft eine Kosten deckende Zusatzversicherung abschliessen.

(Da ich im Ausland bin, kann ich mich nicht an der Diskussion beteiligen.)

Kirchen am Ende?

Hugo Stamm am Sonntag den 17. Mai 2009

Die religiöse Landschaft der Schweiz hat sich in den letzten 50 Jahren radikal verändert. Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren die meisten Menschen überzeugte Christen – katholische oder reformierte. Die Zahl der Konfessionslosen war gering, Atheisten betrachtete die Öffentlichkeit beinahe als Geistesgestörte. In katholischen Stammlanden hatten es die Reformierten schwer und wurden als zweitklassig betrachtet. Ähnlich funktionierte es bei umgekehrten Vorzeichen. Jedenfalls war man stolz, reformiert oder katholisch zu sein.

Heute interessiert es kaum mehr jemanden, welcher Glaubensgemeinschaft man angehört oder ob man konfessionslos ist. (Abgesehen von den Moslems, bei denen noch erhebliche Ressentiments bestehen.)

Vor 50 Jahren herrschte ein gesellschaftlicher Zwang, die Kinder religiös zu erziehen und konfirmieren zu lassen oder zur Erstkommunion zu schicken. Mitglieder von Freikirchen wurden als Stündeler belächelt. Der Glaube wurde über die gesellschaftlichen Normen und die Erziehung weitergepflanzt, die religiöse Landschaft bliebt stabil.

Inzwischen haben religiöse Zugehörigkeit und Glaube stark an Bedeutung verloren. Im Zug der Individualisierung und Emanzipation kam es zu einer radikalen Werteverschiebung. Der religiöse Flickenteppich ist in letzter Zeit so bunt geworden, dass die Religionszugehörigkeit höchstens noch die Geistlichen kümmert.

Deshalb gehen die meisten jungen Leute locker mit dem Thema Religion und Glauben um. Viele Eltern lassen ihren Kindern die Wahl, ob sie sich konfirmieren lassen wollen. Die wenigsten glauben, dass das Seelenheil von der Religionszugehörigkeit abhängt. Viele junge Leute nehmen für sich das Recht heraus, selbst zu entscheiden, an welchen Gott sie glauben wollen – wenn überhaupt. Sie betrachten den Glauben als individuelle Frage und beanspruchen das Selbstbestimmungsrecht.

Somit verlieren die Glaubensgemeinschaften einen entscheidenden Trumpf: Konnten sie früher mit der Angst vor der Verdammnis drohen, müssen die Geistlichen heute auf der menschlichen Ebene überzeugen, wenn sie die Jungen bei der Stange halten wollen. Auf Repression reagieren heute viele allergisch. Sie wollen angstfrei leben und sich nicht die Hölle heiss machen lassen. Pfarrer, die zu oft das Wort Sünde im Mund führen, sind auf verlorenem Posten.

Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche, die ins ICF pilgern oder in grossen Scharen dem Papst zujubeln, zu einer kleinen Minderheit gehören. Die Mehrheit kann sehr wohl etwas mit Fragen nach Glauben und Religion anfangen, sie besetzen die Begriffe hingegen durchwegs mit positiven Werten.

Der Salzburger Religionspädagoge Anton A. Bucher formuliert es so: „Gespart geblieben sind den Jugendlichen dämonische Gottesbilder, beispielsweise ein Buchhaltergott, der genau registriert, was auch unter der Bettdecke geschieht. Darin spiegelt sich eine tief greifende Liberalisierung der religiösen Erziehung wider.“ Für Bucher sind dies positive Entwicklungen. Er spricht von einem undogmatischen Geist und betont, dass religiöse Absolutheitsansprüche der Vergangenheit angehören.

Bricht sich diese liberale Haltung weiter Bahn – Zweifel darüber bestehen kaum -, haben die traditionellen Glaubensgemeinschaft in Zukunft einen schweren Stand. Es sei denn, sie definierten Religion und Glauben neu. Die Bibel jedenfalls toleriert diese offene Haltung nicht.

Extrapoliert man die Entwicklung der religiösen Landschaft in den vergangenen 50 Jahren in die Zukunft, ist mit weiteren massiven Umwälzungen zu rechnen. Eine Überlebenschance haben die Landeskirchen vermutlich nur, wenn sie die Drohbotschaften über Bord werfen und Frohbotschaften verbreiten. Und wenn sie den Gläubigen helfen, den Alltag im Diesseits zu bewältigen. Das Leben im Jenseits kommt schliesslich noch früh genug.

Trotzdem werden fundamentalistische Glaubensgesellschaften und Sekten weiterhin gut gedeihen. Es wird immer eine Minderheit von Menschen geben, die die letzten Fragen beantwortet haben müssen, um nicht zu verzweifeln. Oder die Halt in einer radikalen Gruppe brauchen, weil sie die Freiheit nicht aushalten.

Die Gefahr eines radikalen Glaubens

Hugo Stamm am Freitag den 8. Mai 2009

Es ist eine Binsenwahrheit und gehört zu den menschlichen Grunderfahrungen, die schon kleine Kinder machen: Extreme sind gefährlich. Und zwar in allen Lebensbereichen.

Wenn ich zu viel Schokolade esse, wird mir übel. Wenn ich mit dem Fahrrad zu schnell den Berg hinunter fahre, verliere ich die Kontrolle und stürze. Wenn ich mich egozentrisch verhalte, finde ich keine Freude. Wenn ich zu viel Alkohol trinke, verliere ich die Kontrolle und werde abhängig. Wenn ich zu viel arbeite, erleide ich ein Burnout-Syndrom. Selbst sinnvolle Betätigungen können im Extremfall schädlich sein.

Bewusste und unbewusste psychische Prozesse und Abläufe funktionieren am besten, wenn das Prinzip des Ausgleichs eingehalten wird. Psychische Stabilität und innere Ruhe finden wir, wenn wir ein Gleichgewicht der vielseitigen Interessen und Bedürfnisse erreichen. Es ist zwar sinnvoll und gehört zu den wichtigen Lebenserfahrungen, zwischendurch über die „Stränge“ zu hauen und radikale Erfahrungen zu machen. Wer aber nicht rechtzeitig wieder den Ausgleich schafft, droht abzustürzen.

Kurz: Jede Form der Überdosis ist langfristig schädlich.

Diese Grundregel lässt sich auch auf den Glauben übertragen. Überbetonung und einseitige Konzentration religiöser Rituale, Dogmen und Lebensregeln führen zu ungesunden Prägungen, Entfremdung von der Alltagsrealität oder gar zum Fanatismus. Die Geschichte der Religionsgemeinschaften zeigt es deutlich auf.

Auch die christlichen Grosskirchen mussten dies lernen. Kreuzzüge und Inquisition waren Auswüchse eines solchen Fanatismus. Die Absolution hat schliesslich den Tropfen geliefert, der das Fass zum Überlaufen brachte und zur Reformation führte. Luther hat quasi den Ausgleich geschaffen und die katholische Kirche langfristig gezwungen, sich zu mässigen. Der Prozess des Ausgleichs hat zu einer Versachlichung und Mässigung geführt. Ähnliche Entwicklungen können selbst bei älteren Sekten beobachtet werden.

Diese Mässigung und neue Erkenntnisse führten letztlich dazu, dass die Kirchen ihr Verhältnis zur Bibel überdenken und revidieren mussten. In einem langen Prozess rangen sich die Theologen und Geistlichen dazu durch, das „Wort Gottes“ in der Bibel neu zu interpretieren: Erachteten sie die biblischen Aussagen früher als authentische oder von Gott inspirierte Aussagen und Dogmen, betrachten sie diese heute als Gleichnisse, Metaphern und Bilder, welche in die heutige Zeit übertragen werden müssen.

Viele christliche Sondergemeinschaften und Freikirchen haben diese innere Balance noch nicht gefunden. Abstriche an der Bibel gibt es nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse werden ausgeblendet. Sie sind immer noch radikal in ihrem religiösen Fühlen, Denken und Handeln verwurzelt. Sie haben noch nicht erkannt, dass extreme Positionen zu einer psychischen Verkrampfung und einseitigen Weltsicht führen. Deshalb können sie Menschen und Glaubensgemeinschaften nicht akzeptieren, die andere religiöse Prämissen setzen. Aus ihrer Einseitigkeit und Intoleranz holen sie die fragwürdige Legitimation, mit allen Mitteln zu missionieren.