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Ist die Seele nur ein Phantom?

Hugo Stamm am Donnerstag den 11. März 2010

Die Seele ist ein mysteriöses Konstrukt. Für Gläubige fast aller Couleur ist sie das Lebensding an sich. Sie ist der Sitz der Gottesenergie oder die Verbindung zum Allerhöchsten. Die Seele ist also jene Instanz, die über das Leben hinaus weist. Wenn alles vergeht, existiert sie weiter. Sie ist der Anker im Diesseits, der vor allem bei Schicksalsschlägen Trost spendet: Wenn es dick kommt im irdischen Dasein, beschert sie uns Hoffnung für das Leben nach dem Tod. Die Seele macht uns unsterblich.

Somit schafft sie die Verbindung vom Diesseits zum Jenseits. Sie ist abhängig vom Körper, aber nur auf Zeit. Gleichzeitig ist sie der Sitz unserer Identität. Nach dem Tod zerfällt zwar unser Körper, unser Bewusstsein lebt aber in der Seele weiter. Somit geht nichts verloren, was sich an Erfahrung im Leben oder in mehreren Leben angesammelt hat. Genau genommen: Ich bin die Seele, die Seele bin ich.

Ohne dieses Bewusstsein von der Seele funktionieren Glaubensgemeinschaften oder Heilsvorstellungen nicht.

Bei den fernöstlichen Philosophien und Glaubenskonzepten ist die Seele der Träger wichtiger Informationen. Wie auf einer Festplatte sind alle Taten gespeichert, die „guten“ wie die „schlechten“. Sie machen das Karma aus, das über die Zukunft entscheidet. Erlösung gibt es erst, wenn die schlechten Taten aus früheren Leben durch die guten aus dem aktuellen getilgt sind. Fällt die Bilanz negativ aus, droht eine Wiedergeburt. Pikant: Die Rückkehr auf die Erde gilt als Strafe.

Nicht so bei den westlichen Esoterikern und spirituellen Suchern, die sich die Wiedergeburt wünschen, weil sie sich ans Leben klammern. Sie glauben, durch spirituelle Entwicklung die Seele zu „reinigen“ und im nächsten Leben vom göttlichen All-Eins begünstigt oder belohnt zu werden.

Die abrahamitischen Religionen lehren ein anderes Konzept. Die Abkehr von den vielen Göttern und die Einführung des Monotheismus führten zu einem Umdenken. Das Nirwana wurde abgelöst durch einen konkreten Ort der Geborgenheit: Der Wohnsitz des Vaters wurde zum Ort der Sehnsucht und zum Zuflucht der gepeinigten Menschen, die orientierungslos durch das Jammertal irrten. Der Hinduismus mit den Tausenden von Göttern und Dämonen wurden belächelt, die Idee von der Widergeburt als archaischer Aberglaube beargwöhnt.

Dann kam die Wissenschaft. Die Anatomie zeigte auf, dass die Seele kein nachweisbares Organ ist. Psychologie und Neurologie entwarfen Konzepte und lieferten viel wissenschaftliches Material, die darauf hindeuteten, dass all das, was wir seelische Regungen nennen, mit Hirnaktivitäten erklärbar ist. Da spielen elektrische Impulse, Hormone, Adrenaline usw. eine wichtige Rolle. So wie für uns heute noch das Entstehen und die Ursache von Gefühlen ein Rätsel ist, so schwer lässt sich angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse die Seele erklären.

Bezeichnet der vielleicht wichtigste Begriff in unserem Vokabular bloss ein Phantom?

4 Jahre Blog: Diskussion über Gott und Teufel

Hugo Stamm am Montag den 8. März 2010

Zum vierjährigen Bestehen dieses Blogs erschien im “Tages-Anzeiger” der nachfolgende Artikel. Ich möchte allen Teilnehmer – den regelmässigen und gelegentlichen – herzlich für das Engagement danken. Dank gebührt auch den vielen stillen Lesern, die sich immer wieder in grosser Zahl einklinken und die Diskussion verfolgen. Hugo Stamm

Die Kirchen leeren sich, doch die Menschen interessieren sich für Glaubensfragen wie eh und je. Der Sekten-Blog hat in vier Jahren 110 000 Kommentare provoziert.

Im Februar 2006 startete der TA-Sektenexperte Hugo Stamm einen Blog auf der Tagi-Homepage Newsnetz. Die Diskussion über Sekten lief gut an, doch bald rückten auch grundsätzliche Fragen zu Religion und Glauben in den Fokus: Entspricht der Glaube einem Grundbedürfnis des Menschen oder ist er anerzogen? Befriedigen Religionen kindliche Paradiesvisionen oder sind sie ein wirksames Konzept gegen die Angst vor dem Tod?

Als sich der Themenfächer öffnete, gewann die Diskussion rasch an Fahrt. Die Zahl der Kommentare stieg stetig an. Waren es früher etwa 200 Beiträge pro Woche, sind es heute 1000 und mehr. Ausreisser nach oben erreichten bis 2500 Leserreaktionen.

Minarettverbot mobilisierte

Am meisten Kommentare generierte die Auseinandersetzung um die überraschende Abstimmung zum Minarettverbot. Die Wogen gingen hoch, die Befürworter und Gegner der Initiative schenkten sich nichts. So kamen in wenigen Tagen über 3000 Kommentare zusammen.

Rund 2000 Leservoten provozierte der Impulstext mit dem Titel «Denkmalschutz für christlichen Gott». Es ging um die Freidenker-Plakate «Da ist wahrscheinlich kein Gott – also sorg dich nicht, geniess das Leben». Atheisten und Skeptiker lieferten sich dabei ein episches Wortgefecht mit Gläubigen.

Überhaupt lebt die Diskussion im Blog in den letzten Monaten vorwiegend von der geistigen Auseinandersetzung von Atheisten und Agnostikern mit Gläubigen. Naturgemäss prallen die Meinungen frontal aufeinander. Die zentralen Themen dabei: Wie plausibel ist die Vorstellung von einem christlichen Gott? Ist die Bibel von Gott inspiriert oder ist sie ein geschicktes PR-Instrument der Urchristen?

Für freikirchlich engagierte Gläubige ist die offene Diskussion über solche Fragen eine schiere Provokation. Manche fühlen sich in ihren religiösen Gefühlen tangiert und drohten auch schon mit einer Strafanzeige wegen Verletzung des Antirassismusgesetzes. In ihren Augen diskriminiert die Diskussion die Christen als Glaubensgemeinschaft.

Spendet uns Gott Trost?

Eine Kontroverse mit fast 2000 Kommentaren löste der Impulstext mit dem Titel «Unser tägliches Brot gib uns heute» aus. Dabei ging es um die Frage, wie es sich aus christlicher Sicht verantworten lässt, Waffenindustrien zu bauen und Milliarden in die Weltraumforschung zu stecken, wenn gleichzeitig Millionen von Menschen hungern.

Eine spannende Diskussion provozierte auch die Frage, ob und warum wir Trost in Gott finden. Weshalb zürnen ihm Gläubige nicht, wenn sie ein Kind oder einen Partner durch eine schwere Krankheit verlieren? Weshalb glauben sie, bei jener Instanz Trost zu finden, die ihre Angehörigen auch hätte heilen können?

Ein offenes Forum zieht auch Leser mit extremen Ansichten an, die den Blog als Plattform für fragwürdige Botschaften benutzen. Um die Diskussion in geordneten Bahnen zu halten, müssen ihre teilweise ehrverletzenden oder hetzerischen Kommentare gelöscht werden. Aus Rache über die angebliche Zensur überschwemmen sie den Blog gern mit unsinnigen Kommentaren. Doch alle Versuche, den Blog zu sabotieren oder lahmzulegen, sind bisher gescheitert.

"Minarette sehen wie Kirchtürme aus"

Hugo Stamm am Freitag den 26. Februar 2010

imageMinarettDer französische Philosoph und Politologe Olivier Roy hat sich intensiv mit religiösen Fragen beschäftigt und ist ein ausgewiesener Islam-Kenner. In einem Interview mit der SonntagsZeitung äussert er provokative Thesen, die eine Diskussion wert sind.

Roy erklärt, dass Religion immer bedeutender werde, weil die Gesellschaft säkularer wird. Den vermeintlichen Widerspruch erklärt Roy so: Früher war Religion in den Alltag eingebetet und deshalb nicht aufgefallen. Es war normal, religiös zu sein, „Religion war überall und nirgends“. In unserer säkularisierten Welt fallen Gläubige hingegen auf, „sie werden zu Exoten“. Religion werde auch immer sichtbarer.

Diese Sichtbarkeit expliziert er am Beispiel der Immigration. Früher seien die Immigranten nach ihrer Herkunft wahrgenommen worden, heute drehe sich alles um ihre Religion. Die Einwanderer würden bezüglich Religion Flagge zeigen und auffallen. Ausdruck davon seien der Schleier oder die Burka. Dazu hat Roy eine überraschende Erklärung: Frauen würden damit auffallen: „Es handelt sich primär um Exhibitionismus.“

Roy versteht das Minarettverbot nicht. Damit werde man die Muslime nicht los, sondern verbiete nur die sichtbaren Symbole. „Dabei sind gerade Minarette ein Versuch der Muslime, die Christen nachzuahmen.“ Die Türme liessen die Moscheen ein wenig aussehen wie Kirchen. Auf die Frage, ob die Minarette nicht die viel zitierten Speerspitzen des Islam seien, antwortet Roy dezidiert: „Im Gegenteil: Sie sind ein Zeichen dafür, dass sich die Muslime integrieren wollen.“ Minarette hätten nicht mit Gottesstaat oder Sharia zu tun, sondern stünden für den Wunsch, eine muslimische Gemeinde zu bilden. Ähnlich wie dies Kirchgemeinden tun würden.

Als Beleg führt Roy an, dass in Frankreich und Deutschland muslimische Gemeinden die christlichen nachahmen würden. Die Websites seien auf französisch oder deutsch geschrieben, und es gäbe Sportvereine und Clubs wie in christlichen Gemeinden. Der Islam werde dem Christentum immer ähnlicher, nur würden wir das nicht wahrnehmen.

Roy widerspricht den Prognosen, wonach Europa in ein paar Jahrzehnten islamisch dominiert sein werde. Momentan lebten in Europa durchschnittlich weniger als fünf Prozent Muslime. Um die Christen zu verdrängen, müssten Muslime 10 bis 12 Kinder haben und die Europäer keine mehr auf die Welt stellen. Doch auch hier passten sich die Muslime den Christen an. In Tunesien würden beispielsweise heute schon weniger Kinder geboren als in Frankreich.

Roy scheint mehr Respekt vor den Konvertiten zu haben: Christen, die sich zum Islam bekehren. Diese neigten zum Fundamentalismus. Al-Qaida habe prozentual den höchsten Grad von Konvertiten aller islamischen Organisationen. „Und ein Drittel aller Frauen, die in Frankreich die Burka tragen, sind Konvertiten.“
Überraschend ist auch die Beobachtung von Roy, dass Muslime zum Christentum konvertieren. „In Frankreich gibt es sogar eine evangelische Sekte, die aus ehemaligen Muslimen besteht. Auch hier sieht man, wie Konvertiten zum Fundamentalismus neigen. Viele protestantische Pfarrer waren ursprünglich Muslime.“

Den Grund sieht Roy darin, dass sich Religion immer stärker von der Kultur abkoppelt. So würden die traditionellen Kirchen Anhänger verlieren, die modernen aber wachsen. Wir hätten eigentlich nicht Angst vor dem Islam, sondern vor den Fundamentalisten. Diese seien ein Produkt der Moderne: „Die Frauen, die in Frankreich eine Burka tragen, werden nicht von ihren Männern dazu gezwungen. Das ist inzwischen allgemein anerkannt.“

Roy führt das Beispiel von Malika El Aroud an, einer bekannte Vertreterin des islamischen Fundamentalismus. Sie ist die Witwe eines der beiden Mörder des afghanischen Widerstandskämpfers und Taliban-Gegners Massoud und wurde 2007 wegen Aufhetzung von einem Schweizer Gericht verurteilt. „Diese Frau hat den Lebenslauf einer modernen westlichen Frau: Uneheliches Kind, Hippie-Jugend, und sie hat ihren aktuellen Ehemann, der übrigens zehn Jahre jünger ist als sie, per Internet gefunden. Fundamentalismus, auch islamischer Fundamentalismus, hat nichts mit Tradition zu tun. Es ist etwas, das sich moderne Menschen konstruieren.“

Roy wehrt sich auch gegen die Vorstellung, der Islam trage fundamentalistische Züge, weil er keine Reformation erlebt habe. Martin Luther sei ja auch ein Fanatiker gewesen. Ausserdem habe die Reformation nichts mit der Aufklärung zu tun. „Denken Sie bloss an die evangelischen Sekten, die die Evolutionstheorie ablehnen.“

Liebe nur einen Gläubigen

Hugo Stamm am Donnerstag den 18. Februar 2010

Die Suche nach einem Lebenspartner ist ein schwieriges Unterfangen. Die stetig wachsenden Scheidungszahlen machen es deutlich. Was mit Schmetterlingen im Bauch und einem langen weissen Gewand in der Kirche beginnt, endet oft im Rosenkrieg. Die Erwartungshaltung ist heute gross, die Ansprüche wachsen in der Wohlstandsgesellschaft laufend.

Besonders schwierig ist die Partnerwahl für Personen, die ihren Glauben als zentralen Lebensinhalt betrachten. Neben den äusseren Attributen und den charakterlichen Eigenschaften muss auch das Glaubensbekenntnis des Partners passen. Dadurch schränkt sich die Auswahl dramatisch ein. Radikale Glaubensgemeinschaften sind deshalb meist auch „Heiratsfabriken“.

Die Autorin Ute Horn ist Expertin in solchen Fragen. Sie ist strenggläubige Christin und hat mehrere Bücher zu Beziehungsfragen geschrieben. Dabei behandelt sie unter anderem die Frage, ob ein Christ eine Beziehung mit einem Nichtchristen eingehen dürfe. Ein Beispiel aus dem Fundus von Horn: Ein junger Christ fragt sich, weshalb ihm Gott die Liebe zur Atheisten Sonja geschenkt hat. Tat er es, damit Sonja Gelegenheit erhält, Gott kennenzulernen? Doch was passiert, wenn Sonja sich nicht bekehren lässt?

Ich weiss aus meiner Beratungstätigkeit, dass die Liebe meist stärker ist als der Glaube. Die Gläubigen sind überzeugt, dass Gott ihnen die Kraft gibt, die neue Flamme zum rechten Glauben zu führen. Um die Beziehung nicht zu gefährden, drucksen sie anfänglich gern um die Glaubensfrage herum und verstecken sich. Oder sie sagen, sie würden den Partner so akzeptieren, wie er nun mal sei, verschweigen aber, dass sie die Hoffnung einer wundersamen Bekehrung nicht aufgeben.

Oft enden solche Beziehungen mit grossen Verletzungen. Stehen die Gläubigen nach Monaten oder Jahren zu ihrer Hoffnung, den Partner doch noch zum „rechten Glauben“ führen zu können, fühlen sich diese hintergangen. Schon oft mussten wegen der Glaubensfrage Verlobungen gelöst, Eheversprechen rückgängig gemacht oder Ehen geschieden werden.

„Viele hoffen, dass sich der Partner irgendwann bekehren wird“, bestätigt Autorin Horn. „Entweder warten sie so lang mit der Heirat oder schliessen in der Hoffnung auf eine Bekehrung die Ehe.“ Für die Christin der falsche Weg. Wie in solchen Situationen üblich, holt sie die Bibel als Richtschnur hervor und zitiert Korinther: „Macht nicht gemeinsame Sache mit Ungläubigen.“

Der Glaube habe bei der Partnerwahl nicht die gleiche Bedeutung wie Ehe, Kinder, Beruf, Hobby, doziert Horn. Der Glaube bestimme alles im Leben: Wie die Ehe zu führen sei, die Kinder zu erziehen, wie ich die Freunde wähle, die Freizeit gestalte. Kurz: Der Glaube geht über alles und muss auch bei der Partnerwahl ausschlaggebend sein. Wird eine Freundin oder ein Freund nicht Christ, sollte man besser auf eine Ehe verzichten, empfiehlt Horn.

Kurz: Der Der Glaube ist wichtiger als die Liebe, das jenseitige Leben wichtiger als die Existenz im Diesseits.

Oder: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – aber nur, wenn er den rechten Glauben hat.

Das Ende der neuen Religiosität

Hugo Stamm am Mittwoch den 30. Dezember 2009

Christliche Kreise beschwören seit Jahren das Erwachen der neuen Religiosität im neuen Jahrhundert. Sie erhoffen sich das „Wassermann-Zeitalter“ der christlichen Kultur, eine sanfte Revolution der Religion, die Jesus Christus vor 2000 Jahren in die Welt gebracht hat. Und fleissig suchen sie alle Anzeichen und Signale, die ihre von Hoffnung genährte Erwartung stützt.

Die Ausbreitung des Islams in Mitteleuropa hat ihren Optimismus in letzter Zeit arg gedämpft. Der Enthusiasmus eines Grossteils der Moslems für ihren Glauben steht in starkem Kontrast zum lauwarmen Engagement vieler Christen. Einzig die Freikirchen halten noch das Fähnchen der Aufrechten hoch und setzen sich mit Verve für ihre Glaubensüberzeugungen ein.

Dann kam die dicke Überraschung zum Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends: Die Schweizer Christen sind aufgestanden und haben die Expansionsgelüste der Moslems jäh gestoppt. Keine Minarette in unserem christlichen Hoheitsgebiet, entschieden sie zur Überraschung der Politiker. Viele Freikirchen reduzierten die Abstimmung auf die Formel: Christen gegen Moslems. Und rasch wurde die Initiative als Aufstand der schlafenden Christen interpretiert. Und als Wiedererstarken der christlichen Leitkultur. Endlich ein kräftiges Zeichen der neuen Religiosität! Und flugs denkt die EVP darüber nach, die christliche Leitkultur in der Verfassung zu verankern.

In Wirklichkeit ist das alles Wunschdenken. Die Schweizerische Evangelische Allianz, der grösste Verband freikirchlich orientierter Gläubiger und Gemeinden, war – vermutlich aus taktischen Überlegungen – entschieden gegen die Initiative. Sie fand dabei allerdings wenig Rückhalt bei ihren Gläubigen: Die meisten Freikirchler waren entschieden für die Initiative. Da sie konservativ denken, spielten bei ihnen politische Überlegungen eine grössere Rolle als religiöse Motive.

Es ist deshalb falsch, die Abstimmung als Erstarken der christlichen Leitkultur zu interpretieren. Auch für die Freikirchler war die Minarett-Initiative ein politisches Plebiszit zur Überfremdungsfrage. Das Abstimmungsresultat ist vor allem Ausdruck einer Identitätskrise.

Die neue Religiosität bleibt also Wunschdenken. Die Landeskirchen werden weiter schrumpfen. Das christliche Credo von Hoffen und Glauben ist im Zeitalter des Wohlstands und der Individualisierung ein Auslaufmodell. Wir haben die Mentalität der Versicherten verinnerlicht. Auf Erlösung nach dem Tod zu hoffen, ist nicht mehr unser Ding. Wir leben im Hier und Jetzt und wollen den Mehrwert sofort abschöpfen.

Ich behaupte nicht, dass dies eine kulturelle Errungenschaft ist. Aber es entspricht einer anthropologischen Tatsache. Da entspricht die moderne Esoterik weit mehr dem Zeitgeist. Sie bietet die Selbsterlösung und Vergottung des Menschen an. Da wäre mir dann eine christliche Mentalität doch noch lieber.

Ich wünsche allen Bloggerinnen und Bloggern ein erspriessliches 2010. Auf dass viele Wünsche in Erfüllung gehen. Gleichzeitig möchte ich allen für Ihr Engagement in diesem Forum danken. Das 2009 war der beste Jahrgang. Und bald gehen wir ins 5. Blog-Jahr. Das zeigt, dass religiöse Fragen die Menschen immer noch bewegen.

(Ich war in den letzten Wochen abwesend, weshalb meine Präsenz im Blog gering war. Nun bin ich zurück und werde mich wieder aktiver einbringen.)

Die andere Weihnachtsgeschichte

Hugo Stamm am Sonntag den 20. Dezember 2009

Was wäre, wenn Jesus zu seinem Geburtstagsfest für eine Stipvisite auf die Erde käme? Ein Besuch bei der Stätte seines Wirkens nach rund 2000 Jahren?
Wenn er beispielsweise inkognito an der Christmette im Petersdom teilnehmen würde? Und dann einen Weihnachtsgottesdienst im Zürcher Grossmünster besuchen? Was ginge ihm dabei wohl durch den Kopf?

Um Bilanz über sein Lebenswerk ziehen zu können, würde er zuerst eine Bestandesaufnahme machen. Alle Achtung, würde er den Christen zurufen. Ihr habt das Christentum zur grössten Religionsgemeinschaft getrimmt. Das lässt sich sehen.

Doch beim Studium der Kirchenstrukturen käme Jesus ins Grübeln. Was für ein chaotischer Flickenteppich! Da sind die Grosskirchen. Die Katholiken, die Protestanten, die Anglikaner, die Orthodoxen. Und dann noch Zehntausende kleiner und grosser Freikirchen.

Habe ich euch geheissen, Kirchen zu gründen und Hierarchien aufzubauen, würde Jesus ihnen in Gedanken zurufen. Habe ich euch geheissen, euch gegenseitig zu bekämpfen und einander Gläubige abzujagen? Überhaupt: Ihr glaubt alle an mich, ihr liebt mich gleichermassen. Ihr betet alle meinen Vater an und den heiligen Geist. Und stützt euch auf das gleiche Wort, mein Wort, festgehalten in den Evangelien.

Und was ist daraus geworden? Jede Kirche lehrt etwas anderes! Jede interpretiert mein Wort unterschiedlich. Ihr habt nicht einmal den gleichen Glauben, sprecht nicht die gleiche Sprache. Und ihr kämpft verbissen um den Anspruch, die wahren Christen zu sein. Irgend etwas muss da gründlich schief gegangen zu sein.

Beim Besuch im Vatikan würde der Prunk Jesus blenden. Mein Stellvertreter in Gold bestickten Gewändern in einem Palast? Hey, würde ihm Jesus gern zurufen, ich pilgerte mit meinen Aposteln umher, ausgerüstet mit wenigen Habseligkeiten.

Verwundert würde Jesus die Fahrt des Papstes beim Besuch seiner Gläubigen im Papamobil beobachten. Panzerglas? Hast du Angst vor deinen Gläubigen, lieber Benedikt? Muss ich dir in Erinnerung rufen, dass ich zu den Armen und Kranken gegangen bin, ihnen Trost und Heilung gebracht habe? Dass ich mich mit den Huren unterhielt und die Pharisäer aus dem Tempel warf? Und du willst mein Stellvertreter sein? Du, der du abgeschieden und fern der gesellschaftlichen Realität in einer Männerwelt lebst?

Nächste Station würde Jesus bei den Protestanten machen. „Bei euch gefällt mir, dass ihr keinen Machtapparat mit hohen Würdenträgern aufgebaut habt. Ausserdem gesteht ihr den Gläubigen zu, den Glauben individuell auszugestalten. Doch in eurer grenzenlosen Toleranz duldet ihr auch Fundis in euren Reihen, die meinen Glauben verdrehen. Ihr seid mutlos und habt kein Profil.“

Bei den Orthodoxen bliebe Jesus nicht lang. Ihr seid so verstaubt und konservativ, würde er ihnen sagen. Ihr klebt so ängstlich am Wort, dass ihr das Leben verpasst. Glauben heisst Leben. Die Bibel ist nur eine Richtschnur. Alles ist in Bewegung, im Fluss, wie könnt ihr euch da starr an den alten Buchstaben klammern?

Dann nähme Jesus die Hunderttausenden Pastoren und Prediger der Freikirchen an seine Brust. „Jeder von euch behauptet, in direktem Kontakt mit mir zu stehen und aktuelle Worte von mir zu empfangen. Ich kann mich nicht erinnern, je mit einem von euch gesprochen zu haben. Ihr seht Dinge, die es nicht gibt und hört Botschaften, die nur in eurer Fantasie bestehen.“

Zum Schluss würde Jesus alle Bischöfe, Pfarrer, Vikare und Geistlichen zusammen rufen. Ich habe in der Bibel nichts gesagt von prunkvollen Gotteshäusern. Ich habe euch nicht angewiesen, in vornehmen Pfarrhäusern zu wohnen, hohe Saläre von den Gläubigen einzufordern. Ich habe euch nicht gesagt, ihr sollt Reichtümer anhäufen und gesellschaftliche Macht anstreben. Ich habe euch nur aufgetragen, zu den Menschen zu gehen und ihnen vom Glauben zu erzählen.

Doch eher gehe ich durch ein Nadelöhr, als dass es mir gelingen würde, die immensen Kirchenstrukturen zu zerschlagen. Der Fehler meines Vaters war wohl, dass er euch Menschen den Machtdrang gegeben hat.

Jesus erhob sich und machte sich rasch davon.

Spiritualität – jenseits von Gott und Glaube

Hugo Stamm am Donnerstag den 10. Dezember 2009

Spirituelles Empfinden ist nicht zwingend an eine Heilslehre oder einen Glauben gebunden. Spiritualität ist eine Fähigkeit, die Welt mit dem Geist zu durchdringen. Dabei ist das Augenmerk vor allem auf die geistige Verbindung zu transzendentalen Dimensionen oder auf das Jenseits gerichtet.

Spiritualität hat also eine starke persönliche oder subjektive Komponente. Bei Mitgliedern von Glaubensgemeinschaften sind die spirituellen Freiheiten aber eingeschränkt. Heilslehren definieren Spiritualität nach klaren Mustern. Glaubensgemeinschaften geben vor, wie die Gläubigen spirituell zu leben haben und wie sie das Verhältnis zum Jenseits oder Gott gestalten müssen.

Ich frage mich hingegen, weshalb wir das spirituelle Empfinden auf transzendentale Ziele ausrichten müssen. Spiritualität ist eine emotionale, empathische Disziplin, die im Gemütsbereich angesiedelt ist. Deshalb führen spirituelle Rituale zur Ausschüttung von Glückshormonen, im Extremfall zu euphorischen Entäusserungen, die zu temporären Rauschzuständen führen können. Es ist kein Zufall, dass Skeptiker gern das Bild von der Sucht bemühen, wenn sie an extreme Glaubensformen denken. Denn die SehnSucht ist ein starkes Element religiösen Empfindens.

Die Bindung der spirituellen Gefühle an starre Konzepte führt zu einem Absolutheitsanspruch, zu Konkurrenz und Intoleranz. Die Rivalität der Glaubensgemeinschaften trägt ein starkes Konfliktpotential in sich, das auch heute noch zu Gewaltexzessen führt. Auch die daraus resultierende Mission trägt nicht zum Frieden bei.

Wie sähe eine auf das Irdische bezogene Spiritualität aus? Eine Frage, die eigentlich leicht zu beantworten ist: Das grösste Geheimnis, das die stärksten Emotionen auslöst, sind Liebe und Empathie. Diese beiden Phänomene haben ja durchaus einen religiösen Aspekt. Menschlichkeit kommt durch das Einfühlungsvermögen und die Liebe in die Welt. Oft ist ihnen der Glaube im Weg, weil er ein trennendes Element ist, das Menschen voneinander entfernt.

Weshalb etwas im spekulativen Jenseits suchen, wenn wir es in uns finden?

Minarettverbot: Der falsche Protest

Hugo Stamm am Sonntag den 29. November 2009

Die Überraschung ist perfekt, das Volk hat den meisten Politikern, Parteien, Verbänden, Kirchen und vor allem den Gurus der Umfrageinstitute eine Lektion erteilt: Eine Mehrheit und die Stände wagten den Aufstand.

Wie war die politische Sensation möglich? Es ging zwar um das Minarett, in Wirklichkeit benutzten viele Stimmbürger aber die Abstimmung zu einem vielfältigen Protest: Ein Protest gegen die Ausländerpolitik, gegen die Zuwanderung, gegen die Islamisierung Europas, gegen die mangelnde Integration, gegen das Fremde an sich. Kurz: Das Minarett war die perfekte Projektionsfläche, um alle Formen von Frust und Ressentiments loszuwerden. Es war meines Erachtens eine Abrechung, eine Chropfleertete. Die Stimmkarte als Stimmungsbarometer des Schweizer Volkes.

Es fragt sich nur, ob eine Abstimmung das richtige Instrument ist, den Frust loszuwerden. Denn in der Sache bringt der Protest wenig. Es wird kein Moslem weniger einwandern, es wird nicht eine Moschee weniger gebaut. Und ob eine Moschee ein Türmchen hat oder nicht, hat keinen Einfluss auf die Zuwanderung, die Ausbreitung des Islams und den Umstand, dass Ausländer manchmal Schweizern die Arbeitsstelle wegnehmen.

Die in der Abstimmung offenbarten Ressentiments können allerdings negative Konsequenzen haben. Das Plebiszit kann den Religionsfrieden gefährden, es besteht die Gefahr, dass die Moslems weiter isoliert werden, wodurch die Integration erschwert würde. Ausserdem steht der internationale Ruf der Schweiz als pluralistischer, toleranter Staat auf dem Spiel. Als Tourismusland könnte dies schmerzlich werden, vor allem in Krisenzeiten. Nach den verschiedenen internationalen Pleiten in den letzten Monaten geraten wir erneut in die internationalen Schlagzeilen. Die ersten Boykottankündigungen sind bereits am Sonntagabend laut geworden. Die Lust von Ghadhafi, die beiden Schweizer Geisel freizulassen, dürfte kaum gewachsen sein.

Wir laufen auch Gefahr, ins Visier der Islamisten zu geraten. Sollte es zu Anschlägen kommen, würden die Touristen erst recht ausbleiben.

In der Regel wird dem Schweizer Volk bei den Abstimmung eine grosse Besonnenheit attestiert. An diesem Sonntag hat es den politischen Instinkt vermissen lassen.

Ich höre bereits die Proteste auf diese Zeilen: Ich sei feige und würde nicht für die Freiheit kämpfen. Minarette haben mit Freiheit wenig zu tun. Wenn wir unsere Ressentiments und Vorurteile nicht mit besseren politischen Instrumenten und Argumenten zum Ausdruck bringen können, ist es um die politische Kultur schlecht bestellt. Wir sollten dort für die Freiheit einstehen, wo sie wirklich in Gefahr ist.

Die aufmüpfige Lilith

Hugo Stamm am Sonntag den 13. September 2009

Neben Genesis eins und zwei der Bibel gibt es einen weiteren interessanten Schöpfungsmythos. Nach jüdischer Auslegung der alten religiösen Schriften (Midrasch) spielt Lilith die Hauptrolle. Die selbstbewusste Frau war nicht bereit, sich Adam unterzuordnen.

Laut den alten Schriften ertrug Adam die Einsamkeit schlecht und bat Gott um Abhilfe. So erschuf Gott Lilith aus demselben Lehm wie Adam. Gott sagte Lilith, sie solle Adam untertan sein. Die Schriftenforscher sind sich aber nicht einig, ob Gott gemeint hat, Lilith solle beim Geschlechtsverkehr unter ihm liegen. Lilith wehrte sich und verliess das Paradies nach dem Motto: Lieber allein als untertan.

Adam zürnte wieder bei Gott. Dieser erschuf ihm ergebene Eva aus seiner Rippe. Doch sie war ein Tussi und liess sich von der Schlange verführen. Damit war sie zur Hauptsache verantwortlich für die Ur- und Erbsünde und für die Vertreibung aus dem Paradies. Seither lastet angeblich der grosse Fluch auf der Menschheit.

Lilith hat den Zorn Gottes auf sich geladen, weil sie sich für ihre Freiheit gewehrt und seinem Willen widersetzt hat. Zur Strafe wurden ihre Kinder getötet. Die aufmüpfige Frau wird auch in der Bibel genannt. Im Buch Jesaja wird die Verwüstung Edoms beschrieben. Auf den Ruinen hausten Tiere und andere Wesen, zum Beispiel Lilith: „Da treffen Wüstentiere mit wilden Hunden zusammen, und Bocksdämonen begegnen einander. Ja, dort rastet die Lilit und findet einen Ruheplatz für sich.“ (Jes 34,14)

Der Kampf für die Freiheit war immer schon ein steiniger Weg. Und es ist wohl kein Zufall, dass sich Gott mit Adam identifiziert hat. Es wäre interessant zu wissen, wie sich die Geschichte der Menschheit entwickelt hätte, wenn Gott dem Prinzip der Gleichberechtigung zum Durchbruch verholfen und sich für Lilith stark gemacht hätte.

Halten wir fest: Es gab also schon im Altertum Menschen, die sich an der Unterdrückung der Frauen gestört haben, sonst wäre die Legende von Lilith nicht entstanden. Dieser emanzipatorische Ansatz wurde aber konsequent unterdrückt, wie uns auch das Neue Testament beweist. Und laut den Mythen hat Gott dem Mann in den alten Schriften geholfen, seine dominante Funktion auszuüben.

Frauen, die für Gleichberechtigung und Emanzipation kämpfen, müssen sich also gut überlegen, ob sie aus Gott eine weibliche Gestalt machen wollen. Von der Rolle her ist und bleibt Gott eine Machtfigur mit männlichen Attributen. Dieses Bild zieht sich durch die ganze Bibel.

Alle Glaubensgemeinschaften sind gleichwertig

Hugo Stamm am Mittwoch den 19. August 2009

Spirituelles Empfinden ist nicht zwingend an eine Heilslehre oder einen bestimmten Glauben gebunden. Spiritualität ist ein Versuch, die Welt mit dem Geist und der übersinnlichen Intuition zu erfassen, wobei das Hauptaugenmerk auf die transzendentalen Dimensionen oder auf das Jenseits gerichtet ist.

Spiritualität hat also eine starke persönliche oder subjektive Komponente. Bei Mitgliedern von Glaubensgemeinschaften sind die spirituellen Freiheiten aber stark eingeschränkt. Die Heilslehre gibt vor, wie sie Spiritualität zu leben haben und wie sie das Verhältnis zum Jenseits oder Gott gestalten müssen.

Ich frage mich hingegen, weshalb wir das spirituelle Empfinden auf transzendentale Ziele ausrichten müssen. Spiritualität ist eine emotionale, empathische Disziplin, die im Gemütsbereich angesiedelt ist. Deshalb führen spirituelle Rituale zur Ausschüttung von Glückshormonen, im Extremfall zu euphorischen Schüben und Rauschzuständen. Es ist kein Zufall, dass Skeptiker gern das Bild von der Sucht bemühen, wenn sie an extreme Glaubensformen denken.

Die Bindung des spirituellen Empfindens an starre Konzepte führt zu einem Absolutheitsanspruch, zu Konkurrenz und Intoleranz. Die Rivalität der Glaubensgemeinschaften trägt ein starkes Konfliktpotential in sich, das auch heute noch zu Gewaltexzessen führt. Auch die daraus resultierende Mission trägt nicht zum Frieden bei.

Sinnvoll wäre deshalb eine Charta, bei der sich alle Religionsgemeinschaften verpflichten, die Existenzberechtigung aller Religionen und Heilslehren zu akzeptieren. Ausserdem müssten sie bestätigen, dass sie keine Beweise für die Richtigkeit ihres Glaubens und ihrer Dogmen gibt. Daraus müsste in der Charta abgeleitet werden, dass alle Glaubensgemeinschaften gleichwertig sind. Wer nicht der Charta beitreten würde, käme auf eine schwarze Liste und würde Privilegien wie Steuerfreiheit und Benützung des öffentlichen Grundes zu Missionszwecken verlieren.

Weiter müssten sich die beteiligten Glaubensgemeinschaften verpflichten, die Mission ausserhalb ihres angestammten Kulturraumes einzustellen. Dadurch könnten religiös motivierte internationale Konflikte entschärft werden.