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Ist Krankheit eine Strafe Gottes?

Hugo Stamm am Dienstag den 1. März 2011
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Wenn Gebete nicht nützen, wird eine psychische Krankheit schnell als Strafe Gottes empfunden und verschlimmert das Leid der Betroffenen: Jesus und Freud.

Das Kerngeschäft der Glaubensgemeinschaften sind Transzendenz und Jenseits. Für viele ist das Leben im Diesseits eine mühsame Zwischenstation auf dem Weg ins Heil. Trotzdem sind die Geistlichen gezwungen, sich mit den Sorgen und Nöten der Menschen im irdischen Dasein auseinanderzusetzen. Denn leidende Menschen tun sich schwer, den religiösen Codex einzuhalten. Das körperliche und psychische Wohl liegt ihnen in Krisenzeiten näher als das jenseitige.

Die Geistlichen kümmern sich bei ihrer Seelsorge also nicht nur um übersinnliche Fragen, sondern leiten die Gläubigen auch bei Alltagsthemen an. Doch da ist vor allem psychologisches Geschick gefragt, religiöse Rezepte helfen meist wenig. Liberale Seelsorger haben keine Mühe, Gott auf der Seite zu lassen, wenn es um Eheprobleme, Suizidabsichten oder Budgetschwierigkeiten geht. Strenggläubige Dogmatiker hingegen betrachten auch irdische Belange aus der religiösen Warte. Krankheit hat für sie vor allem eine religiöse Komponente. Sie ist eine Strafe Gottes, eine Prüfung oder ein Wink mit dem Zaunpfahl, das Leben zu ändern.

Wie fragwürdig dieses Syndrom ist, zeigt sich exemplarisch bei radikalen Freikirchen und esoterischen Gruppen. Nehmen wir beispielsweise psychische Krankheiten wie Psychosen, speziell Depressionen. Erkrankt ein Gläubiger einer fundamentalistischen Gemeinschaft daran, betet zuerst die ganze Gemeinde für ihn. Hilft das Ritual nicht – wieso sollte es auch, wenn beispielsweise ein kindliches Trauma die Depression ausgelöst hat? -, versucht es der Pastor mit einer Teufelsaustreibung. Dieses Angst einflössende Prozedere verstärkt aber in der Regel die Depression.

Religiöse Therapien für psychische Probleme sind deshalb meist kontraproduktiv. Der Depressive muss nicht nur seine schwere Krankheit ertragen, sondern er glaubt auch, Jesus habe ihn verlassen und bestrafe ihn. Dadurch wird seine Depression zu einer doppelten Belastung, und die Heilungschancen werden erschwert.

Ähnlich verhält es sich bei esoterischen oder spirituellen Bewegungen. Diese interpretieren Krankheiten als übersinnliche Blockade. Als Therapie verordnen sie spirituelle Rituale. Erfahren sie keine Linderung ihrer Krankheitssymptome, befürchten sie, beim Erleuchtungsprozess stecken zu bleiben.

Es ist deshalb wichtig, klare Grenzen zwischen säkularem Leben und Glaubenswelt zu ziehen.

Kann Gott die Naturgesetze beeinflussen?

Hugo Stamm am Montag den 27. September 2010

Diesen Impulstext hat Ruedi Schmid (Optimus) verfasst. Herzlichen Dank.

Gemäss Bibel soll Gott einmal die Sonne gestoppt haben, damit die Kämpfe gegen die Amoriter in Kanaan bei Tageslicht siegreich beendet werden konnten. Heute wissen wir, dass Gott nicht die Sonne, sondern die Erddrehung hätte stoppen müssen und dass dabei die Menschen wegen der Trägheitskraft tangential weggeflogen wären.

Mit den Naturgesetzen lässt sich alles erklären und wenn wir alle Naturgesetze kennen und verstehen würden, dann wäre Gott nicht erfunden worden. Das ist etwa die Meinung des berühmten Astrophysiker Hawking gemäss seinem kürzlich erschienen Buch „Der grosse Entwurf“. Hawking erläutert aber auch all die Probleme mit den Naturgesetzen, was diese atheistische Meinung relativiert.

So wie man früher irrtümlich glaubte, dass alle Naturgesetze auf der Mathematik basierten, erweist sich nun die Annahme, dass die Naturgesetze absolut und unveränderbar sind, ebenfalls als Irrtum. Denn man hat herausgefunden, dass sich bei der Entstehung von Materie (Urknall) im subatomaren Bereich unterschiedliche Naturgesetze bilden und dass nur bei einer ganz bestimmten Feinabstimmung unser Universum, die Erde und unser Leben entstehen konnten.

Also brauchte es für die Feinabstimmung unserer Naturgesetze doch einen Schöpfer? Hawking hat aber eine andere These: So wie unsere Erde durch Zufall aus fast unendlichen Möglichkeiten entstanden ist, soll auch unser Universum bezüglich den Naturgesetzen durch Zufall aus fast unendlichen Universen entstanden sein. Aber da wir diese Universen vermutlich nie ausmachen können, lässt sich diese These kaum nachweisen. Aber solange es für die Entstehung Gottes nicht den geringsten Ansatz einer These gibt, gewinnt diese Multiuniversums-These an Glaubwürdigkeit.

Auch bei der Suche nach der Einheitstheorie (Theory of everything), erfüllt sich der Wunschtraum der Naturwissenschaftler wohl kaum. Die grosse Hoffnung der Vereinheitlichung aller Theorien mit Hilfe der String-Theorie hat bereits zu fünf String-Theorien plus eine Elfdimensionale Supergravitationstheorie geführt, und man sucht nun krampfhaft nach Singularitäten. Diese Multitheorie nennt man M-Theorie. Hawking sieht darin bereits die Einheitstheorie. Ich hatte sie mir anders vorgestellt.

Bei den Versuchen in Cern zeigte sich auch, dass im subatomaren Bereich immer noch mehr unerklärbare Phänomene auftauchen und dass auch die immer weiter gehenden Beobachtungen des Universums zu mehr Phänomenen als Erklärungen führen und obwohl man krampfhaft nach verständlichen Modellen sucht, läuft die moderne Physik dem menschlichen Verstand davon.

Das Problem liegt aber nicht bei den Naturgesetzen, sondern bei unserem Verstand, der zum Leben konzipiert ist und nicht um die Wahrheit zu verstehen. Unser Verstand bildet sich nämlich nur durch Alltagserfahrung und da wir durch unsere Sinnesorgane nur ein Modell der Aussenwelt wahrnehmen, können wir die Wirklichkeit weder erkennen noch verstehen. Wir sehen z.B. nur ein ganz schmales Spektrum reflektierter elektromagnetischer Schwingungen. Spüren können wir nur die Haltekräfte der Elementarteilchen, weil diese so winzig klein sind, dass die gesamte Erdmaterie in einem 9mm-Kügelchen Platz hätte. Nur schon dass Materie eine spezielle Form von Energie ist und dass aus Nichts Materie und Antimaterie entstehen kann, entzieht sich jeglichem Verstand.

Aber was bringen, abgesehen vom technischen Nutzen, diese Versuchs- und Beobachtungserkenntnisse, wenn sie niemand mehr verstehen kann? Als Beweis, dass es Gott nicht geben soll? Das wäre gemein, denn zu viele Menschen brauchen einen Gottesglauben als Lebenshilfe.

Schlussgedanken: Einerseits faszinieren mich all diese Erkenntnisse, sie vermitteln mir ein wunderbares Gefühl, der Wahrheit näher zu kommen. Anderseits bin ich aber überzeugt, dass eine direkt glücksgerichtete Ideologie besser wäre, wo aber nur die Wirkung massgebend ist, nicht die Wahrheit.

PS: Wer selbst einen Impulstext verfassen möchte oder Anregungen hat, kann diese an hugo.stamm@tagesanzeiger.ch schicken.

Der Teufel als brüllender Löwe

Hugo Stamm am Montag den 20. September 2010

Die erfolgreiche Trendkirche International Christian Fellowship gibt sich gern offen und tolerant. Neuste Recherchen zeigen aber, dass sich die Freikirche auch an ein biblisches Bild klammert, das zum Beispiel Gott als leiblichen Vater und den Teufel als wütenden Satan darstellt. Ich habe den folgenden Artikel im “Tages-Anzeiger” vom 20. September publiziert:

Die Botschaft ist uralt, die Missionstechnik aber topmodern: Die Freikirche International Christian Fellowship (ICF) verbreitet die Predigten ihres Senior-Pastors Leo Bigger nicht nur über Podcast, Livestream und Handy-Applikationen (Apps), sondern seit neustem jeden Samstagmorgen über die beiden Fernsehsender Star-TV und Das Vierte.

Bigger verkündet das Evangelium am Bildschirm zwischen Softporno-Sendungen («Heisse Girls») und Teleshopping. Seine Predigten wirken etwas hölzern, die Rhetorik scheint nicht göttlich inspiriert, doch sein Enthusiasmus für die Sache Gottes ist nach wie vor ungebrochen. Somit weitet die ICF, die sich im Zürcher Maag-Areal eingemietet hat und am Wochenende bis zu 3000 Gottesdienstbesucher verzeichnet, ihre missionarische Reichweite beträchtlich aus.

Die Spenden sprudeln

Sendeplätze sind begehrt und entsprechend teuer. An Geld mangelt es der ICF aber nicht: Im Mai dieses Jahres hat die Freikirche beispielsweise 290 000 Franken an Einnahmen budgetiert, tatsächlich aber 347 000 Franken eingenommen. Das Geld stammt von den mehrheitlich jungen Gläubigen, die grosszügig spenden. Die ICF-Pastoren üben gelegentlich moralischen Druck aus. In einer Predigt der ICF St. Gallen – die ICF hat inzwischen über 30 Ableger, auch in Deutschland – empfahl der Geistliche den Gläubigen, stets zwei Couverts bereitzuhalten. In das eine müssten sie 10 Prozent des monatlichen Einkommens stecken, also den biblischen Zehnten, ins zweite gehöre «das Opfer». Es gebe Gläubige, so der Pastor, die den Zehnten nur aus Angst ablieferten. Sie würden befürchten, dass Gott sie sonst verfluche. Schliesslich wurden die Gläubigen aufgefordert, ihre Spenden in eine Liste einzutragen, damit die Abmachung mit Jesus verbindlich werde.

In einem Papier wird ausserdem den Anhängern sanft gedroht: «Gott sieht dein Geben.» Deshalb seien Bankauszüge geistliche Dokumente: «Sie zeigen, wen und was du anbetest.» Die Losung: «Verdiene so viel, wie du nur kannst.» Die Idee dahinter: Mit dem Einkommen wachsen automatisch die Spenden.

Ein sensibles Thema bei der ICF ist die Homosexualität. «Du weisst genau», mahnen ICF-Leute, dass laut Bibel «eine ausgelebte Homosexualität nicht Gottes Plan entspricht». Ein Betroffener wird mit folgender Aussage zitiert: «Gott, was habe ich falsch gemacht – womit habe ich das verdient?» Seine Schuldgefühle drückt er so aus: «Bis dahin hatte ich geglaubt, dass ich der allerschlimmste und perverseste Sünder der Welt sei.»

Daraus zieht die ICF den Schluss: «Homosexuelle Gefühle sind nicht ein sexuelles Problem, sondern die Folge von ungelösten Fragen in der persönlichen Identität.» ICF stilisiert die persönliche Neigung zu einem existenziellen Problem hoch. Die Folge sei eine «gekrümmte Identität». «Aus dieser heraus landen wir in Sünde.»

Die ICF thematisiert wie alle Freikirchen immer wieder die Endzeit. Die apokalyptischen Vorzeichen, wie sie in der Bibel prophezeit würden, seien in unserer Zeit offensichtlich. Heute würden Irrlehrer auftreten und ethnische Konflikte, Kriege und Unruhen ausbrechen, heisst es im internen Papier. Ausserdem sinke die Moral. «Wir gehören zum letzten Abschnitt der Menschheit», behauptet die ICF. Und fordert: «Sei bereit!»

Eine zentrale Rolle spielt der Satan. Wir Menschen würden «in einen tobenden Kampf» zwischen Gut und Böse hineingezogen, heisst es in einem Bibelkurs. «Denn der Teufel, euer Todfeind, läuft wie ein brüllender Löwe um euch herum. Er wartet nur auf ein Opfer, das er verschlingen kann.» Die ICF empfiehlt, für Freunde zu beten, die Jesus nicht kennen würden, weil diese dem Kampf schutzlos ausgesetzt seien.

Leidgeprüfte missionieren

Aufschlussreich sind auch die Missionsmethoden. Die Freikirche fordert die Gläubigen auf, Menschen zu kontaktieren, die Schicksalsschläge erlitten haben: Tod eines Ehepartners, Trennung, Scheidung, Gefängnis, schwere Krankheit, Job weg. Die Absicht ist offensichtlich: Verunsicherte oder verletzte Menschen sind besonders offen für Zuwendung und religiöse Hilfsangebote.

Die ICF setzt Gott in Konkurrenz zum Ehepartner: «Nur Gott kann und will deine tiefsten Bedürfnisse stillen», heisst es in Kursunterlagen. Und anders als der leibliche Vater sei Gott ein perfekter Vater. Deshalb sei er im Leben an die erste Stelle zu setzen.

Sind Globuli wirkungslos?

Hugo Stamm am Donnerstag den 26. August 2010

Täglich greifen viele Menschen zu Kügelchen und Tinkturen, die so geheimnisvolle Namen wie Acidum cabolicum oder Carbo vegetabilis tragen. Manche Personen haben stets ein
Notfallset bei sich. Während die meisten bei den Lebensmitteln die Inhaltsstoffe studieren, schlucken sie diese Mittelchen bedenkenlos. Tatsächlich haben fast drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer schon homöopathische Medikamente benutzt, rund ein Drittel tut es regelmässig. Die Welt der Globuli gilt als sanft, die Gemeinde der Gläubigen vertraut darauf blind.

Die wenigsten kennen die homöopathischen Theorien und wissen, was effektiv in den Mitteln steckt. Die lange Liste der Substanzen enthält denn auch ein paar unappetitliche Ingredienzien. Die Hersteller töten zum Beispiel Tiere und zerhacken sie. Darunter Kakerlaken, Kreuzspinnen, Waldameisen. Verwendet werden auch Eierstockextrakte, Sekrete von Stinktieren, Schlangengifte oder Ausscheidungen von Pottwalen. Im Dschungel der Tinkturen und Globuli haben nur noch Spezialisten den Überblick, gibt es doch Tausende von Mitteln und Potenzen. Patienten sind da rasch überfordert.

Gegen Malaria nicht geeignet

In jüngster Zeit schlägt den Homöopathen jedoch ein rauer Wind entgegen. Kritiker erinnern daran, dass es den Fachleuten in den letzten zwei Jahrhunderten nicht gelungen sei, eine plausible oder wissenschaftlich fundierte Erklärung für die Wirkungsweise der magischen Kügelchen zu liefern.

Der prominenteste Kritiker ist der weltweit erste Professor für Komplementärmedizin, der deutsche Arzt Edzard Ernst, einst selbst ein Homöopath. Er hat klinische Studien durchgeführt und 200 Untersuchungen ausgewertet. Sein Fazit: «Homöopathie ist eine widerlegte Methode.» Den Protest der Homöopathen konterte er mit einem Gegenangriff: Ernst versprach jedem 100’000 Dollar, der die Wirksamkeit der Heilmethode nachweisen kann. Bis heute musste er noch keinen Cent bezahlen.

Unterstützt wird Ernst vom britischen Psychiater Ben Goldacre. «Die Leute zahlen, um von einer vermeintlichen Autoritätsperson belogen zu werden.» Ein Beispiel: Touristen wollten oft keine Malaria-Prophylaxe betreiben, weil die Medikamente Nebenwirkungen zeigten. Deshalb schluckten sie auf Anraten eines Homöopathen einfach Globuli. Schon mancher sei deshalb nach einer Malaria-Ansteckung beinahe gestorben.

Vor wenigen Wochen hat der britische Ärztebund ultimativ erklärt: Homoöpathie ist Hexenzauber. Bei den knappen Mitteln im Gesundheitswesen sei es unverantwortlich, Geld für Quacksalberei auszugeben. Der Protest gilt auch der Königsfamilie, die seit Jahrzehnten ihre schützende Hand über die Homöopathie hält. Die Royals schlucken selbst bei jeder Unpässlichkeit homöopathische Mittel. Im Februar protestierten Hunderte von Skeptikern in mehreren britischen Städten gegen die staatliche Unterstützung. Sie zogen zu Apotheken, kauften Globuli und schluckten gemeinsam ganze Fläschchen. Trotz massiver Überdosis spürten sie keine Reaktion.

Tatsächlich glauben Homöopathen, ihre Methode helfe gegen alle Leiden. Der Homöopathieverband Schweiz dazu: «Grundsätzlich können alle akuten und chronischen Krankheiten behandelt werden, ob sie nun physischer oder psychischer Natur sind.» Er behauptet auch, Homöopathie sei eine «wissenschaftliche Therapie».

Auch bei Badeunfällen geeignet

Der deutsche Arzt und Homöopath Jens Wurster schrieb gar ein Buch mit dem Titel «Die homöopathische Behandlung und Heilung von Krebs und metastasierter Tumore». Darin dokumentiert er die angebliche Heilung von Krebskranken.

Das Expertenportal für Homöopathie vnr.de erklärt, die Homöopathie wirke auch bei Badeunfällen. Bei gefüllter Lunge müsse Antimon tartaricum verabreicht werden, bei Atemstillstand Camphora (Kampfer), und wenn der Verunfallte bereits einen eiskalten Körper habe und dunkelviolett angelaufen sei, solle ihm Carbo vegetabilis (Holzkohle) verabreicht werden. Wie er die Mittel schlucken soll, wird nicht verraten.

Die meisten Globuli-Konsumenten reagieren gelassen auf den Glaubenskrieg und vertrauen weiter auf die Wirkung der Kügelchen. Sie gewichten die eigenen Erfahrungen höher als die Argumente der Fachleute und deren Studien. So viele Patienten können sich nicht irren, argumentieren sie. Deshalb halten sie sich an die Losung: Wer heilt, hat recht. Nach überstandener Krankheit schreibt man die Genesung lieber der sanften, sympathischen Homöopathie zu als der nüchternen Schulmedizin.

Stärkere Wirkung durch Verdünnung

Der Begründer der Homöopathie war Samuel Hahnemann (1755–1843). Der deutsche Arzt hatte bei einem Selbstversuch angeblich herausgefunden, dass eine Substanz, die bei einem gesunden Menschen Beschwerden auslöst, einen Kranken heilen kann. Hahnemann nahm daraufhin Chinarinde zu sich, die seinerzeit zur Bekämpfung der Malaria verwendet wurde, und stellte danach malariaähnliche Symptome bei sich fest. Daraus leitete er den Lehrsatz ab: Ähnliches kann mit Ähnlichem geheilt werden. Zum Beispiel: Als Hahnemann herausfand, dass Patienten auf das hochgiftige Schwermetall Thallium mit Haarausfall reagierten, setzte er den Stoff gegen Haarausfall ein. Natürlich verdünnt.

Damit schuf er ein zweites, ungelöstes Problem: Hahnemann und seine Nachfolger behaupten, mit der Verdünnung werde die Wirkung verstärkt. Die Homöopathen sprechen von Potenzierung. Diese These widerspricht aber allen bekannten Naturgesetzen. Wenn Sirup verwässert wird, schmeckt er nicht mehr nach Sirup.

Dieses Paradox erklären viele Homöopathen so: Das Wasser nimmt beim Verdünnen und Verschütteln die Information des Wirkstoffes auf. Doch auch diese These findet keine Bestätigung in der Naturwissenschaft. Das Phänomen, dass Wasser ein Gedächtnis habe, wird höchstens noch in der Esoterik propagiert. Für Kritiker ein weiterer Widerspruch: Würde unser Wasser Informationen von andern Substanzen übernehmen, wäre es wohl nicht mehr trinkbar. Denn es ist im Lauf der Jahrmillionen mit Gift in Berührung gekommen, der homöopathischen Theorie zufolge müsste es verseucht sein. Und: Wenn sich durch das Potenzieren die Wirkung verstärkt, müsste dies nicht auch für die Nebenwirkungen gelten?

Homöopathen halten entgegen, die Mittel entfalteten ihre Wirkung nicht wie pharmazeutische Medikamente. Globuli unterstützten vielmehr den vom Körper angeregten Heilungsverlauf. Sie verweisen weiter darauf, dass Globuli auch bei Säuglingen und Tieren wirkten. Fazit: Die Verfechter der sanften Heilmethode weisen die wissenschaftlichen Befunde zurück. Der Zürcher Homöopath Marco Righetti erklärt: «Fast alle Studien über die Homöopathie missachten die Grundlagen und Grundregeln der Homöopathie, sind praxisfremd und meist ohne jegliche Praxisbedeutung.»

Alles nur Placebo-Effekt?

Die Mittel müssten bei jedem Patienten individuell angepasst werden, sagt Righetti. Dies verunmögliche Doppelblindstudien, wie sie bei der Prüfung von Medikamenten angewendet werden. (Bei Doppelblindstudien wird der Hälfte der Testpersonen das zu testende Medikament abgegeben, der andern Hälfte ein Mittel ohne Wirkstoffe.)

Homöopathen führen gerne übersinnliche Gründe an: Es gebe zwischen Himmel und Erde viele Phänomene, die sich unserer Ratio noch entzögen.

Kritiker wie Edzard Ernst halten entgegen, Globuli bewirkten einen relativ hohen Placebo-Effekt, seien also eine Art Scheinmedikament. Der Berner Immunologie-Professor Beda Stadler wirft den Homöopathen vor, sie würden den Placebo-Effekt als Wirkung der Globuli interpretieren. Viele leichtere Krankheiten würden ohnehin spontan abklingen. Verschwinde das Leiden nach der Einnahme von Globuli, werde die Heilung irrtümlicherweise dem homöopathischen Mittel zugeschrieben.

Die Homöopathie kennt drei Potenzen (Verdünnungsverhältnisse): D, C und Q. D-Potenzen werden im Faktor 1:10, C-Potenzen 1:100, Q-Potenzen 1:50’000 gemischt. Das Verdünnungsprozedere in den drei Kategorien kann endlos wiederholt werden. D9 bedeutet beispielsweise ein Verhältnis von 1:1 Milliarde (entspricht einem Tropfen in einem grossen Tanklastwagen), D23 führt zu einem Verhältnis 1:100 Trilliarden. Bei einer hohen Q-Potenz würde man im ganzen Universum kaum mehr ein Molekül finden.

Manche Apotheken potenzieren ihre homöopathischen Mittel selbst, was sehr lukrativ sein kann. Aus 1 Liter Grundstoff, den der Apotheker beispielsweise für 500 Franken kauft, kann er bei hohen Potenzierungen unendlich viele Fläschchen gewinnen und Margen von mehreren Zehntausend Prozent erreichen. Seine Arbeit dabei: fleissig schütteln. Es gibt Apotheken, die 20’000 verschiedene Mittel führen.

Keine Wiederkehr des Religiösen

Hugo Stamm am Mittwoch den 4. August 2010

In den Medien war in letzter Zeit oft von der Wiederkehr des Religiösen die Rede. Beobachter der religiösen Szenen glauben, eine neue Besinnlichkeit ausgemacht zu haben. Ausserdem zeigen viele Menschen einen Überdruss gegenüber Wissenschaft und Technik. Und die Konsumwut lasse manche auf neue «weiche» Werte wie Glauben und Spiritualität besinnen. Ausdruck davon sei auch die Tendenz «zurück zur Natur».

Stimmen diese subjektiven Wahrnehmungen? Meine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen lassen mich zweifeln. Ich bin vielmehr der Überzeugung, dass die Bedürfnisse nach religiösen oder spirituellen Betätigungen und Lebenszielen recht konstant bleibt, also nicht zunimmt.

Viele Personen wollen sich nicht kritisch mit Glaubensfragen auseinandersetzen. Zweifel könnten das Bewusstsein grundsätzlich erschüttern. Ausserdem ist die kritische Hinterfragung religiöser Dogmen ein anstrengender geistiger Prozess, der verunsichert und oft auch mit schmerzlichen Prozessen verbunden ist. Viele Menschen haben zwar keinen intensiven Bezug mehr zu einer Glaubensgemeinschaft, sie fürchten sich aber auch vor den Antworten, die kritische Fragen auslösen könnten.

Was passiert dann mit den vielen Christen, die der reformierten und katholischen Kirche den Rücken kehren? Sie glauben entweder weiterhin an den christlichen Gott oder schustern sich in synkretistischer Manier ein eigenes Glaubenskonzept oder eine spirituelle Heilsvorstellung zusammen. Wie in vielen sozialen Bereichen zeigt sich auch im Religiösen eine Individualisierung. Immer mehr nehmen sich die Freiheit heraus, sich selbst im Kosmos der modernen Spiritualität zu orientieren. Davon profitieren vor allem fernöstliche Heilskonzepte wie der Buddhismus und esoterische Strömungen.

Ein Umfrage in Deutschland unterstützt meine Thesen. Einerseits verliert der Glaube, in dem Menschen sozialisiert worden sind, an Bedeutung. Die Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg ergab folgendes Resultat: Die Aussage „Religion ist wichtig im Leben, um glücklich und zufrieden zu sein“ bejahten 48 % der Italiener, 32% der Finnen, 31 % der Russen (!) und Engländer, 26 % der Franzosen und 25 % der Schweizer. Das ist erstaunlich wenig.

Andererseits sagen die Zahlen wenig über die religiösen oder spirituellen Empfindungen der Mehrheit aus. Diese ist indifferent und befasst sich kaum intensiv mit Glaubensfragen. Sie ist auch weit davon entfernt, sich als Atheisten zu empfinden. Unter dieser Mehrheit dürften sich viele befinden, die eine agnostische Haltung pflegen, ohne zu wissen, was ein Agnostiker ist. Die Forscher kommen denn auch zum Resultat, dass keine Wiederkehr der Religion zu beobachten sei.

Langfristig wird die Religiosität aber höchstwahrscheinlich abnehmen. Junge Leute, die nicht mehr in Familien aufwachsen, in denen religiöse Werte vermittelt und Rituale gepflegt werden, entfremden sich rasch. Vor allem für die christlichen Glaubensgemeinschaften ist dies keine erfreuliche Perspektive.

Erleuchtung im Schnellverfahren

Hugo Stamm am Mittwoch den 14. Juli 2010

Die Esoterik ist ein Teich voll Plastikwörter. Jede spirituell interessierte Person kann beliebig darin fischen und jene Begriffe herausziehen, die ihr gerade am besten hilft, die Welt in ein pastellenes Licht zu tauchen. Noch besser: Jeder und jede kann die schwammigen Begriffe beliebig mit eigenen Inhalten füllen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Dieses Spiel der Illusionen und Selbsttäuschungen kann täglich neu veranstaltet werden. Je nach Laune und Bedürfnis fischt man andere Ingredienzien aus dem übersinnlichen Biotop.

Nehmen wir den Begriff „erleuchtet“. Vor der Zeit des Esoterikbooms war jemand in unseren Breitengraden erleuchtet, der eine überraschende neue Erkenntnis machte, oder dem ein „Licht aufgegangen“ ist. Das konnten auch banale Dinge des Alltags betreffen.

Seit sich die esoterischen Ideen und Konzepte in unser Alltagsbewusstsein geschlichen haben, findet eine schleichende Neudefinierung statt. Oder besser: Der Begriff wurde allmählich umdefiniert. Er gewann zunehmend an Bedeutung, und diese Bedeutung wurde schwer und schwerer. Heute gehört er zu den Schlüsselwörtern der spirituellen Sucher, die danach streben.

Was bedeutet eigentlich Erleuchtung? So genau weiss das niemand. Das ist auch ganz praktisch. So kann jeder und jede jene Sehnsüchte und Fantasien in den Begriff projizieren, die ihm am attraktivsten und nützlichsten erscheinen. Eine Grenze nach oben gibt es nicht.

Im weitesten Sinn ist die Erleuchtung eine spirituelle oder religiöse Erfahrung, die die Grenzen der sinnlich erfahrbaren Phänomene überschreitet. Wer sich erleuchtet fühlt, glaubt im Besitz des höheren Bewusstseins zu sein.

Erleuchtung hat je nach Kultur und Heilslehre eine andere Bedeutung. Im Buddhismus und anderen fernöstlichen Heilsvorstellungen spielt der Begriff seit je eine zentrale Rolle. Erleuchtung erlangt man vor allem durch geistige Versenkung, Meditation und Entsagung: Wer die innere Leere erreicht und sich von irdischen Gebundenheiten löst, über den kommt die Erleuchtung angeblich wie ein Flash. Da sie sich nicht steuern lässt, wird sie oft als göttliche Gnade verstanden.

In der Esoterik ist alles viel handfester. Und westlich effizient. Den weltlichen Bedürfnissen zu entsagen ist nicht unser Ding. Wir wollen Luxus und Erleuchtung gleichzeitig. Und wir wollen wissen, wie sich die Erleuchtung anfühlt, welche Effekte damit verbunden sind.

Deshalb gibt es Kurse, in denen ich den Prozess zur Erleuchtung beschleunigen kann. Das kostet zwar einige tausend Franken, verspricht aber eine Abkürzung des Weges. (Schliesslich fehlt uns die Zeit für jahrelange Versenkung.) Und die spirituellen Meister oder Gurus benennen das Ziel präzis wie bei einem Managerkurs: Bilokation, Telepathie, Telekinese, Transformation, Lichtnahung, höheres Bewusstsein, Hellsichtigkeit, geheimes Wissen usw.

Das sind alles schwammige Phänomene, die weder klar definiert werden können, geschweige denn nachgewiesen. Dabei erliegen viele Allmachtsfantasien. Sie glauben, als Erleuchtete in göttlichen Frequenzen zu schwingen und Teil der geistigen, kosmischen Instanz zu werden. Im Extremfall führt dies zur Selbstvergottung. Und damit zur Entfremdung von der Alltagsrealität, zu Wahrnehmungsverschiebungen und Realitätsverlust. Schöne neue Welt.

Die Hölle, ein Guru zu sein

Hugo Stamm am Sonntag den 2. Mai 2010

In diesen Tagen sind zwei Filme in den Schweizer Kinos angelaufen, die exemplarisch und eindrücklich die Tragik grosser Guru-Gemeinschaften dokumentieren. Filmteams haben sich auf die Spuren der Transzendentalen Meditation und der Bhagwan-Bewegung gemacht, die in den 1970er-Jahren gross geworden sind und immer noch beachtliche Anhängerzahlen aufweisen.

Die Filme zeigen, dass die Mitglieder auf Gedeih und Verderben den Launen und persönlichen Entwicklungen der Gurus ausgesetzt sind. Und: Das Leben als Guru ist die Hölle. Anfänglich schweben die spirituellen Führer zusammen mit ihren Devotees auf einer gigantischen übersinnlichen Welle. Für den Guru sind Verehrung und Hingabe seiner Anhänger ein endloser Kick, er schwimmt in einem Meer von Adrenalinen. Und die Schüler heben ab im Glauben, ihren Meister gefunden zu haben, der sie im Schnellzug zur Erleuchtung führt.

Dabei bewegen sich alle Akteure in Scheinwelten. Im Lauf der Jahre und Jahrzehnte realisieren die Gurus, dass Verehrung eine Folter ist. Sie taugt weder als Stimulanz noch als Lebensinhalt. Mit der Zeit hassen Gurus die permanente Unterwerfung. Sie sind im goldenen Käfig gefangen. Vermutlich beginnen sie auch, ihre Anhänger dafür zu verachten. So mutieren sie mit der Zeit zu unausstehlichen Despoten. (Bhagwan flüchtete in die Drogen.) Und die Anhänger zu abhängigen Marionetten.

Diese Sektensyndrome machen die beiden Filme auf eindrückliche Weise transparent. Ich habe im „Tages-Anzeiger“ folgende Filmkritiken zu den Werken geschrieben:

Mag sein, dass es Zufall ist, wenn jetzt gleich zwei Filme über Guru-Bewegungen in die Kinos kommen, die zur Hippiezeit viele junge Menschen aus dem Westen elektrisierten. «David Wants to Fly» und «Guru» zeigen jedoch beide, dass sich die Filmsprache in diesem Fall besser eignet als das geschriebene Wort, um das Sektenphänomen sinnlich erfahrbar zu machen. So stürzen die beiden Gurus Maharishi Mahesh Yogi und Bhagwan auf der Leinwand synchron vom spirituellen Thron.

In ihrer Eindringlichkeit und Unmittelbarkeit entlarven die Dokumentarfilme die beiden verstorbenen indischen Gurus als machthungrig unddespotisch. In «David Wants to Fly» wird zugleich auch der Starregisseur und Maharishi-Anhänger David Lynch («Lost Highway») entzaubert. Der deutsche Jungfilmer David Sieveking nimmt hier sein Publikum mit auf die Reise zu David Lynch. Er heftet sich dem Meister an die Fersen und will erfahren, wie man die menschlichen Abgründe findet und ein erfolgreicher Regisseur wird. Der Regisseur schwärmt seinem jungen Kollegen vor, er verdanke sein kreatives Potenzial und höheres Bewusstsein seinem Guru Maharishi Mahesh Yogi.

Der Filmstudent kratzt das letzte Geld zusammen, um den rund 4000 Franken teuren Kurs in Transzendentaler Meditation (TM) zu absolvieren. Er staunt über das Yogische Fliegen, ein kurioses Hüpfen im Lotussitz, bei dem die TM-Anhänger glauben, mit übersinnlichen Kräften die Gravitation zu überwinden. Als Sieveking auch bei der Meditation kein Erweckungserlebnis erfährt und die autoritären Strukturen erlebt, will er noch einmal mit Lynch sprechen.

Der grosse David schrumpft

Im zweiten Interview schwurbelt dererfolgreiche Regisseur nicht mehr abgehoben von Erleuchtung und höherem Bewusstsein, sondern reagiert ungehalten auf die kritischen Fragen. Der kleine David wächst über sich hinaus, der grosse David schrumpft immer mehr. Der Jungfilmer will die Welt ergründen, in der sich sein Idol bewegt, seit sich Lynch nach dem Tod seines Gurus 2008 zum Botschafter der weltweiten TM-Bewegung entwickelte.

Der Jungfilmer mutiert vom stillen Beobachter zum hartnäckigen Rechercheur. Die TM-Fürsten, Rajas genannt, glauben immer noch, Sieveking realisiere einen PR-Film über TM mit Lynch als Star. So kann er interne Sitzungen filmen und die Rajas interviewen. Hinter dem stereotypen Lächeln der erleuchteten Sektenfürsten entdeckt Sieveking eine bigotte Welt, in der Geld und Macht die dominierenden Themen sind. So gesteht der Schweizer Raja Felix Kägi, er habe eine Million Franken bezahlt, um TM-Fürst zu werden. Der Jungfilmer dokumentiert, dass der Guru mit solchen Schachermethoden ein Milliarden-Imperium und eine totalitäre Bewegung aufgebaut hat.

Im letzten Interview reisst der kleine David dem grossen die Maske vom Gesicht. Zuerst verweigert Lynch das Gespräch, dann will er den Film verbieten lassen. Das Strahlen des Meisters weicht Zornesfurchen, Lynch verbittet sich kritische Fragen. Vor der Premiere des Films in Berlin drohte Lynch gar mit rechtlichen Schritten. Sieveking liess sich nicht einschüchtern. Man dankt es ihm. Einziger Stilbruch in seinem Film: Sieveking flicht die wechselvolle Geschichte mit seiner Freundin mit ein. Sie hat weder mit Lynch, TM noch mit dem Film etwas zu tun.

Während Sieveking in seinem filmischen Erfahrungsbericht die eigeneSuche (und Enttäuschung) zum Thema macht, verzichten Sabine Gisiger («Do It») und Beat Häner in ihrem Film «Guru» auf jeden Kommentar und lassen allein Bilder und Zeugen sprechen. Die Zürcherin und der Basler ergründen den Sex-Guru Bhagwan, indem sie sich auf Interviews mit zwei Zeitzeugen konzentrieren, die Bhagwan eng begleiteten. Der Engländer Hugh Milne war der Bodyguard des Gurus, die Inderin Sheela Birnstiel, die heute im Kanton Baselland zwei Heime für alte und behinderte Menschen führt, seine persönliche Sekretärin.

Mit unbewegter Kamera halten die beiden Filmer auf die Gesichter ihrer Zeugen und lassen sie die Geschichte von Bhagwan und der riesigen Bewegung erzählen. Die Schilderungen der beiden Augenzeugen untermauern sie mit reichhaltigem Archivmaterial. Der Befund fällt ähnlich aus wie bei Sieveking: Die Bhagwan-Bewegung wird als Sekte demontiert, Bhagwan selbst als herrschsüchtiger Guru, der die Anhängerschar als Kulisse für seine Selbstinszenierung brauchte. In den letzten Jahren degradierte er seine Schüler zu Arbeitstieren, die gleichzeitig Millionen spendeten: Bhagwan wollte als jener Mensch im «Guinnessbuch der Rekorde» verewigt werden, der die meisten Rolls-Royce besitzt.

Wenn Sheela Birnstiel erzählt, dass sie als junge Anhängerin für einen Blick von Bhagwan gestorben wäre, glänzen ihre Augen wie vor 40 Jahren. Und das Entsetzen steht ihr ins Gesicht geschrieben, als sie die totalitäre Phase derBewegung in Oregon beschreibt: wie die eigenen Sicherheitskräfte mitMaschinenpistolen das Sektengelände bewachten und die Telefone derAnhänger abhörten.

Der Guru wird zum Junkie

Packend ist dabei auch der Hochseilakt von Sheela. Sie ist nicht nur Sektenopfer, sondern auch Täterin, zog sie doch im Machtzentrum die Fäden. Obwohl sie die Fehlentwicklungen und ihre eigene Rolle beschönigt, enthalten ihre Aussagen genug Fakten, die den Horror dokumentieren. Die interne Paranoia sei von aussen aufgezwungen worden, das diktatorische Regime eine Folge davon gewesen, behauptet sie. Nun versteinert sich ihr Gesichtsausdruck.

Hugh Milne, der Bhagwan auch mit der Kamera beobachtete, schildert, wie der Guru vom geistig lebendigen Provokateur zum lethargischen Junkie verkümmert, der sich mit Drogen vollpumpt und mehrere Jahre schweigend vor sich hin vegetiert. Seine Anhänger werden sich nicht beirren lassen undihren Guru weiterhin als Messias verklären. Der Film ist aber ein Zeitdokument, das die Diskussion um Bhagwan auf eine neue Ebene hebt.

Maharishis Transzendentale Meditation

Maharishi hatte 1958 die Transzendentale Meditation (TM) gegründet und inspirierte mit seinen spirituellen Theorien die Hippie-Bewegung der 60er-Jahre. Seine Bekanntheit verdankte er Künstlern wie den Beatles, den Beach Boys, Clint Eastwood und Deepak Chopra, die zu Füssen des Gurus meditierten. Heute zählen Filmregisseur David Lynch und der Sänger Donovan zu seinen Jüngern. TM hat sich über die ganze westliche Welt ausgebreitet, zeitweise soll die Bewegung bis zu fünf Millionen Anhänger gezählt haben. In den 70er- und 80er-Jahren residierte Maharishi in Seelisberg UR.

Der Guru versuchte, die Wirkung spiritueller Energie auf das Bewusstsein wissenschaftlich zu beweisen. Maharishi behauptete, seine Jünger könnten durch kollektive Meditation ein energetisches Kraftfeld erzeugen, das den Weltfrieden sichere. Dazu bildete er sogenannte Yogische Flieger aus, die mithilfe der Meditation die Schwerkraft überwinden lernen sollten. Ausserdem hat Maharishi die alte indische Heilkunst Ayurveda nach Europa gebracht und damit ein Vermögen gemacht.

Der Filmemacher David Lynch behauptet, ihm stünden sieben Milliarden Dollar zur Verfügung, um den Planeten mithilfe der Meditation zu retten. TM will in der Schweiz die grossen Städte komplett niederreissen und nach vedischen Prinzipien neu aufbauen. Damit sollen in Zukunft Not und Unglück verhindert werden.

Der Guru lockte seine Jünger mit Sex

Bhagwan Rajneesh («der Göttliche», zuletzt bekannt als Osho) zog in den 70er-Jahren mit einer Synthese von fernöstlicher Spiritualität und freiem Sex Anhänger aus ganz Europa an. Sein Ashram im indischen Poona wurde zu einem riesigen Treffpunkt für Althippies und Aussteiger. Später bauten sie in Europa Zentren auf und gründeten Discos, Restaurants und andere Kleinbetriebe. Hunderttausende kleideten sich in rote Gewänder und trugen Halsketten mit dem Bild ihres Meisters, die Malas.

Nach Konflikten mit den Behörden floh Bhagwan in die Wüste von Oregon (USA), wo seine Anhänger eine Stadt für 10 000 Personen aus dem Boden stampften. In dieser Zeit mutierte die spirituelle Grossgemeinschaft zur totalitären Sekte. Bhagwan schwieg jahrelang, das Zepter schwang die Inderin Ma Anand Sheela, die militant wurde, Anschläge plante und 1986 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Später heiratete sie einen Schweizer Bhagwan-Anhänger. Seither besitzt sie den Schweizer Pass und heisst Sheela Birnstiel.

Nach Problemen mit den Einwanderungsbehörden wollte Bhagwan aus den USA fliehen, wurde aber 1985 verhaftet. Nach seinem Tod 1990 zerfiel das Zentrum in Oregon, seine Anhänger reaktivierten den Ashram in Poona, den sie in eine spirituelle Wellness-Oase verwandelten. Weltweit bekennen sich heute noch Zehntausende zur Anhängerschaft Bhagwans. Auch in der Schweiz gibt es noch kleinere Kommunen.

Fanatismus ist lernbar

Hugo Stamm am Donnerstag den 22. April 2010

Der Islam wird verantwortlich gemacht für den angeblichen Zusammenprall der Kulturen. Gleichzeitig wirkt er auf manche junge Leute aus unserem Kulturkreis attraktiv; sie wechseln den Glauben und werden Konvertiten. Nicolas Abdullah Blancho, Präsident des radikalen Islamischen Zentralrats der Schweiz, ist ein Konvertit. Ebenso sein Pressesprecher Quaasim Illi und der umstrittene deutsche Prediger Pierre Vogel, der wiederholt auch in der Schweiz in den Schlagzeilen stand. Der Zentralrat ist in unserem Land das Sammelbecken für radikale Konvertiten. Wie lässt es sich erklären, dass sich junge Männer einen langen Bart wachsen lassen und sich fremden Dogmen unterwerfen?

Messianischer Eifer

Konvertiten sind, unabhängig von der Religion, Überzeugungstäter. Glaube und Ideologie dominieren ihr Bewusstsein. Die einzigen relevanten Werte und Inhalte erkennen sie in der übersinnlichen Welt. Sie suchen den exotischen Kick, um die Sehnsucht nach dem religiösen Abenteuer zu befriedigen. Deshalb müssen sie alles niederreissen, was sie an die Vergangenheit bindet. Der Glaubenswechsel ist Signal und Ritual zugleich: Sie betäuben ihr Bewusstsein, um eine neue Identität zu erzwingen. Eine der Welt zugewandte Sinnlichkeit ist für sie Gefühlsduselei.

Für den Glaubenswechsel zahlen die mehrheitlich jungen Konvertiten einen hohen Preis. Deshalb sind ihre Erwartungen an die neue Religion unerfüllbar hoch. Sie verschreiben sich dem neuen Glauben und sind von messianischem Eifer beseelt.

Hinter dem Phänomen verbergen sich vielfältige Ursachen. Konvertiten sind oft verhaltensauffällig oder emotional unausgeglichen. Manche schaffen den Übergang von der Pubertät, die geprägt ist von Hormon-schüben und radikalen Weltbildern, ins Erwachsenenleben nicht. Deshalb entwickeln sie einen Hass auf die Aussenwelt. Der Weltschmerz lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Die Schuld für ihr Verlorensein und ihre Desorientierung suchen sie in der «alten Welt».

Darum verbünden sie sich mit dem «Feind» und suchen Halt in radikalen Gemeinschaften. Die Aussenwelt wird zur Projektionsfläche ihrer eigenen Ängste und Unsicherheiten. Mit dem Glaubenswechsel fliehen sie vor sich und den eigenen Problemen. Bei vielen ist die Konversion eine Rebellion gegen die Eltern oder die Gesellschaft.

Überidentifikation aus Angst

In der Übergangszeit sitzen die Konvertiten zwischen allen Stühlen. Um die Zerrissenheit zu überwinden und sich gegen Widerstände zu behaupten, entwickeln sie eine Überidentifikation mit dem neuen Glauben. Sie indoktrinieren sich selbst und werden immer radikaler. Sie müssen sich und der Umgebung beweisen, dass sie den richtigen Weg gewählt haben.

Gleichzeitig bleiben Konvertiten in ihren neuen Glaubensgemeinschaften lange Zeit Fremde und werden misstrauisch beobachtet. Die emotionale Bindung harzt, weil sie nicht in der Mentalität und Tradition ihrer neuen Umgebung verwurzelt sind. Um sich Vertrauen und Zuneigung zu erkämpfen, kompensieren sie ihre Unsicherheit mit Überanpassung und Übereifer. Sie suchen ein neues Fundament und entwickeln dabei gern fundamentalistische Tendenzen. Dabei leiden sie an einem mangelnden Selbstwertgefühl. Das sind klassische Sektensyndrome.

Schematisches Empfinden

Der abrupte Glaubenswechsel führt oft zu einer emotionalen Regression. Nur so lassen sich die Sehnsucht nach dem Absoluten und die eigene Weltsicht einigermassen in Deckung bringen. Die Welt wird in Schwarz und Weiss geteilt. Wirklich lebendig fühlen sie sich nur in einem engen Glaubenssystem. Die Suche endet in einer Weltflucht.

Extremismus hat meist auch gruppendynamische Ursachen. Je extremer einer sich gebärdet, desto grösser sind Belohnung und Akzeptanz. Die Erfolgserlebnisse sind ein Kick. Diese Konditionierung führt oft zu Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen. Der Schritt zu Wahnvorstellungen und Militanz ist dann nicht mehr gross, zumal man sich fast nur noch in ihrem radikalen und lebensfeindlichen Biotop bewegt. Fanatismus ist lernbar. So können radikale Konvertiten unberechenbar und eine Gefahr für die Gesellschaft werden.

Der Sühnetod von Jesus

Hugo Stamm am Freitag den 2. April 2010

In der Wochenzeitschrift Idea, einem Blatt aus der freikirchlichen Szene, fand ich diese Woche einen erstaunlichen Artikel. „Ist Gott unmenschlich?“, fragte die fromme Publikation.

Der Text dokumentiert, dass sich selbst strenggläubige Christen manchmal fragen, wie biblische Texte und Gleichnisse auf uns moderne Menschen wirken. Offensichtlich beschleicht auch sie manchmal ein mulmiges Gefühl, wenn sie die Metaphern ohne Glaubensscheuklappen lesen. Deshalb suchen sie rasch eine Rechtfertigung und „sinnvolle“ Erklärung für unverständliche Bilder. Ein Beispiel, das gut zu Ostern passt:

Der deutsche Theologe Klaus Baschung untersucht die Argumente des Atheismus und formuliert die These so: Für Atheisten gäbe es perverse Phantasien, deshalb auch perverse Religionen. Religionen, die Menschenopfer forderten, seien perverse Religionen. „Der Höhepunkt des Perversen ist die Vorstellung von einem Gott, der seinen eigenen Sohn opfert, um seinen Zorn zu befriedigen“, resümiert Baschung die atheistische Argumentation. Der Sühneopfertod sei Kern des Glaubens. Brutaler könne Religion nicht sein. „Vom Blut des gekreuzigten Jesus gehen Blutspuren zu seinen Anhängern und machen sie blutrünstigt“, fasst er die atheistische Auffassung etwas gar eigenwillig zusammen. Wer ein Menschenopfer anbete, bahne weiteren Menschenopfern den Weg.

Dann liefert der Theologe die christliche Antwort auf die brutalen Bilder. Er nimmt das Beispiel der Opferung Isaaks, wonach Gott Abraham befiehlt, seinen Sohn als Treuebeweis umzubringen. Baschung erklärt, es sei Gott darum gegangen, den Menschen klar zu machen, sie sollten Menschenopfer durch Tieropfer ersetzen. Menschenopfer würden in der ganzen Bibel entschieden abgelehnt.

Isaak sei eine besondere Figur, auf ihm hätten die Verheissungen Gottes an Abraham geruht. Entscheidend sei die Frage: Nimmt Gott seine Verheissung zurück? Gott bleibe sich also treu. Er bleibe auch den Menschen treu, die sich ihm zuwendeten. „Wer genauer nachdenkt, erkennt in der schlimmen Erfahrung des Abraham das menschliche Antlitz Gottes“, schreibt der Theologe.

Als weiteres Beispiel führt er die Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ an. Das sei kein Aufruf zur Rache. „Sie mahnt vielmehr, ein Vergehen nicht übermässig zu bestrafen. Strafe dürfe nicht über die Tat hinausgehen.

Weiter thematisiert Baschung das Gleichnis, wonach Gott die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die Gott hassen. Wer Gott aber lieb habe und die Gebote halte, dürfe mit seiner Barmherzigkeit rechnen. Der Theologe interpretiert es so: Die Barmherzigkeit sei grösser als die Heimsuchung. Die Barmherzigkeit sei quasi universell, die Heimsuchung beschränke sich auf drei bis vier Generationen.

Ich unterlasse es, die Interpretation zu kommentieren. Auffallend ist aber, dass der Theologe keine Erklärung zum grössten Opfer gibt: Dem Sühnetod von Jesus.

Ich wage es deshalb, ein paar Gedanken zu Ostern anzustellen.

Wir betrachten die Ostergeschichte immer aus unserer menschlichen Perspektive: Gott hat seinen eigenen Sohn geopfert, um uns zu retten. Jesus starb den Sühnetod. Ich habe aber die Ostergeschichte in der Kirche noch nie aus der Perspektive von „Täter“ oder Opfer gehört. Zum Beispiel: Gott hat seinen Sohn von Menschen ermorden lassen. Oder: Jesus wurde ohne dessen Einwilligung ans Kreuz genagelt. (Warum hast du mich verlassen, rief Jesus Gott an, bevor er ermordet wurde.)

Und: Mir ist bisher nicht aufgefallen, dass durch den Sühnetod von Jesus die Welt entscheidend menschlicher geworden ist. Geschweige denn göttlicher. Es wäre interessant, wie Theologe Baschung dieses Gleichnis deuten würde.

Ich wünsche trotzdem allen Bloggerinnen und Bloggern schöne Ostern.

Katholische Kirche taumelt von Krise zu Krise

Hugo Stamm am Montag den 22. März 2010

Die katholische Kirche, die Petrus auf einen Fels gebaut hatte, taumelt in Europa von Skandal zu Skandal. Der am Samstag veröffentlichte Hirtenbrief des Papstes zu den sexuellen Übergriffen hätte zum Befreiungsschlag werden sollen, doch das höchstinstanzliche pastorale Schreiben wurde erneut zum Bumerang. Die wohl tiefste Krise der katholischen Kirche zeigt exemplarisch, dass der elitäre Männerbund im Vatikan den Bezug zur Realität und den Blick für die Gläubigen weitgehend verloren hat. Und wohl auch die Gunst des Himmels – wenn es diesen denn gibt. Man stelle sich vor, was Rebell Jesus von seinen Erbverwaltern auf der Erde halten würde. Er müsste sie wohl wie die Pharisäer aus dem Tempel werfen.

Ein paar Stationen, die den Geist der Kirche dokumentieren:

Der Papst ernennt Marian Eleganti vor kurzem zum Weihbischof von Chur. Eleganti war viele Jahre Mitglied der reaktionären «Seidnitzer-Sekte», des umstrittenen Priesterwerks des österreichischen Priesters Josef Seidnitzer. Die Marienverehrer waren selbst dem Vatikan ungeheuer, ihr Priesterseminar wurde nicht anerkannt. In seinem Lebenslauf verschweigt Eleganti seine geistige und geistliche Verirrung.

Widerstand gegen Eleganti gibt es im Bistum kaum, obwohl Eleganti der vielleicht grössere Hardliner ist als Wolfgang Haas, den vor allem die Zürcher Katholiken zum Teufel gejagt haben . Einzig der Volketswiler Pfarrer Marcel Frossard wagt öffentliche Kritik. Er befürchtet, dass das Bistum Chur zur Sekte wird.

Der Vorgang ist bezeichnend für den Zustand der Kirche: Der Vatikan ist nicht von seiner erzkonservativen Linie abgerückt und bringt im zweiten Anlauf nach Haas einen weiteren Traditionalisten. Und die kritischen Gläubigen sind müde geworden, gegen die reaktionären Kräfte anzukämpfen. Sie sind in die innere Immigration geflüchtet oder haben sich endgültig von der Kirche entfremdet. So verkommt sie zum frömmelnden Altherren-Club, der keine Priesteranwärter mehr findet und 80-Jährige Pfarrer auf die Kanzel schicken muss. Attraktiv bleibt sie so vor allem für weltfremde autoritäre Musterschüler, die womöglich einen verklemmten Bezug zur Sexualität haben.

Ein weiteres Beispiel ist der Hirtenbrief. Heute diskutieren Medien und Öffentlichkeit nicht über dessen Kernbotschaft, sondern über die Umstände und Auslassungen. Der Papst erwähnt nur Irland und übergeht die jüngsten Enthüllungen in Deutschland.

Ein Zufall ist das nicht, denn dann würde er selbst ins Zentrum der Diskussion rücken. Denn keiner wusste so viel über die Übergriffe wie er, wie Hans Küng erklärt. Und keiner hat die Skandale so erfolgreich unter den Teppich gekehrt. Als Erzbischof von München und in seiner 24-jährigen Zeit in der Glaubenskongregation hatte Papst Benedikt XVI. Als Sittenwächter direkt mit den Übergriffen zu tun gehabt. In der Kongregation würden «seit langem alle Missbrauchsfälle zentralisiert, damit sie unter höchster Geheimhaltungsstufe unter der Decke gehalten werden können», erklärte Küng.

Es ist deshalb kein Zufall, dass sich Ratzinger in seinem Hirtenbrief nicht für die Politik der gezielten Vertuschung entschuldigt, wie die Opfer von Irland monieren. Der Papst hätte sich selbst anklagen müssen. Und zugeben, dass er zu einem grossen Teil mitverantwortlich war für die Taktik, dass fehlbare Priester einfach versetzt wurden. Und sich munter weitere Übergriffe leisten konnten.

Wenn Kirche so aussieht, so stellt sich die Frage, woher sie ihre Daseinsberechtigung als Hüterin von Ethik und Moral nimmt.