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Die frommen Glücksexperten

Hugo Stamm am Montag den 6. Februar 2012

Dieser Text stammt von meinem Redaktionskollegen und Religionsexperten Michael Meier.

Pater Wallner ist auf dem Weg ein Guru der Szene zu werden: Wallner mit seiner CD Chant.

Pater Wallner ist auf dem Weg ein Guru der Lebenshilfe-Szene zu werden: Wallner mit seiner CD «Chant».

«Ich bin ein glücklicher Mensch. Und ich bin ein noch glücklicherer Mönch», bekennt Karl Wallner, Theologe des Stiftes Heiligenkreuz bei Wien. Mit seinem Buch «Wer glaubt, wird selig» will er das grosse Glück, das er dort gefunden hat, seiner Lesergemeinde schmackhaft machen. Nein, kein «Reisebüro-Glück» in Form von Wasser, Sonne, Meer und Palmen – «das wäre tödlich langweilig» -, sondern ein Glück ganz anderer Art.

Liest man Wallners «Gedanken eines Mönchs über das Glück, sinnvoll zu leben» sowie ein weiteres Dutzend Ratgeber klösterlicher Glücksexperten, gelangt man tatsächlich in eine Art Trancezustand. Und fühlt sich so, als hätte man die ganze Nacht hindurch im Chor der Engel frohlockt. Als sei man ebenso lange am Wurzelchakra massiert worden. Als habe Mike Shiva einen mit dem Pendel ins Reich der Träume entführt. Ist das wahres Glück? Das Paradies?

Für viele offenbar schon. Denn Anleitungen zum Glücklichsein aus der Klosterbibliothek werden millionenfach verkauft. Wallner ist dabei, ein Guru der Szene zu werden, was er auch seiner CD «Chant – Music for Paradise» verdankt, die zum Welterfolg wurde. Das Rezept des musizierenden und dichtenden Mönchs hat er sich wohl bei Notker Wolf abgeschaut, dem obersten Benediktinermönch weltweit. Der 72-jährige Abt gibt einen spirituellen Ratgeber nach dem anderen heraus und durfte neulich mit seiner Band als Vorgruppe von Deep Purple auftreten. Am erfolgreichsten auf der Glückswelle surft freilich Anselm Grün, ein Benediktiner auch er, der es mittlerweile auf 300 Bücher mit einer Gesamtauflage von 16 Millionen bringt. Gut hundert davon sind beim Herder-Verlag erschienen.

Immer gleiche Wege

In der Schweiz ist Pierre Stutz mit «über einer Million verkaufter Bücher», so seine Website, der Branchenleader. Kein veritabler Mönch zwar, aber Mitbegründer des offenen Klosters Abbaye de Fontaine-André ob Neuenburg, verkündet der Ex-Priester eine Theologie der Zärtlichkeit. Seit Jahrzehnten tastet er sich achtsam, behutsam und empfindsam zum göttlichen Geheimnis vor.

Sein «Kleines Buch vom Kreis des Lebens» ist ein Plädoyer, im Einklang mit den Jahreszeiten zu leben. «Die ersten Frühlingstage laden mich ein, die Kunst des Geniessens zu kultivieren.» Oder: «Knospen konfrontieren mich mit der Frage nach der Hoffnung in meinem Leben.» Überhaupt sind Bäume seine «Gesprächspartner und spirituellen Lehrmeister» geworden. Sie lehren ihn «einen einfachen Lebensstil, in dem Selbstentfaltung und Solidarität keine Gegensätze sind». Ritualbegleiter Stutz ist stets darauf bedacht, seine Spiritualität nicht als blosse Innerlichkeit zu verkaufen, sondern als politischen Akt. Das bewusste morgendliche Aufstehen bedeutet für ihn Aufstehen für die Unterdrückten dieser Welt. «Staunend, stammelnd, jauchzend, lobend, schweigend» wird er eins mit dem Kosmos.

Das Glück der spirituellen Lebenshilfeliteratur macht schnell satt, weil es auf die immer gleichen Wege führt. Wer glücklich sein will, muss «tief ein- und ausatmen», «innehalten in der hektischen Welt», «die Kultur der Langsamkeit lernen», «die Gnade des Augenblicks erkennen» (Carpe diem). Er muss «mit Ritualen den Alltag gestalten», «auf Engel vertrauen», «Konflikte als Chancen sehen», «das innere Kind umarmen», «die Kunst des Abschieds üben», überhaupt loslassen . . . Loslassen ist der Königsweg zum Glück. Eingeübt wird er am besten an Orten der Kraft. Und die Kraftorte mit den besten Frequenzen sind natürlich die Klöster.

Alle propagieren das Kloster als Gegenwelt zum hektischen Alltag. Es ist eine heile Welt, unbefleckt von der Zerrissenheit der Mystiker, auf die sich die Glücksautoren doch ständig berufen. Die mystische Literatur kennt die Gottesferne, das Hadern mit Gott, den Blick in den Abgrund sehr wohl. Die Büchlein der Neomystiker jedoch kommen wie Poesiealben daher, die man früher unter Primarschülern tauschte, geschmückt mit Bildern von Blumen, Knospen, Kleeblättern und Herzen. Als ob es darum ginge, die erste Naivität des Kinderglaubens möglichst rein zu bewahren.

Im Klappentext zum «Kleinen Buch der wahren Freiheit» schreibt Chef-Benediktiner Notker Wolf: «Mit der Freiheit ist es wie mit der Liebe: Wenn man sie aktiviert, wird sie grösser. Und sie bleibt lebendig, wenn sie lebt. Auch Freiheit wächst, wenn man sie lebt. Aber auch nur dann.» Wie wahr! Null-Aussagen finden sich in den Lebenshilfebüchern noch und noch. Inhalt und Titel sind austauschbar. So stösst man in der Klosterbibliothek auch auf «Das kleine Buch vom wahren Glück» oder auf «Das kleine Buch der wahren Liebe». Was bei Stutz «50 Rituale für die Seele» heisst, sind bei Grün «50 Rituale für das Leben». Einst wusste der bärtige Benediktiner durchaus Interessantes über Kontemplation und Versenkung zu sagen. Spätestens seit seinem 200. Buch scheint er jedoch immer trivialer zu werden. «Wenn die Liebe die Sexualität ausklammert, dann ist sie in Gefahr, zu vertrocknen», schreibt Grün etwa. Und man fragt sich bestenfalls, woher der Mönch das weiss. Fast hat man das Gefühl, dass der Verwalter der Abtei Münsterschwarzach schreibt, um die Klosterkasse aufzubessern, die er während der Finanzkrise in den Abwärtsstrudel gerissen hat.

Engel und Esoterik

Auch bei der einzigen Frau, die sich (neuerdings) ein grosses Stück vom spirituellen Lebenshilfekuchen abschneidet, könnte Geld eine Schreibmotivation sein. Margot Kässmann hat seit dem Rücktritt von der Spitze der Evangelischen Kirche Deutschlands vor zwei Jahren schon mehrere Ratgeber mit Riesenauflagen veröffentlicht. Die Bischöfin, die einst als geschiedene Frau in Spitzenpositionen die orthodoxen Kirchen brüskierte, die wegen ihrer Kritik am Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan massiv angegriffen wurde – diese mutige Frau dümpelt heute in den seichten Gewässern spiritueller Lebenshilfe. In ihrem neuesten Buch «Sehnsucht nach Leben» gibt sie zum Besten, was Hunderte vor ihr gesagt haben: «Wer Stille bewusst sucht, hat ein Bedürfnis, Abstand zu gewinnen. Nachzudenken. Innezuhalten. Vielleicht sich selber wiederzufinden in der Hektik des Alltags.»

Auch sonst stimmt sie in den Chor der schreibenden Mönche ein, wenn sie sich etwa «über die Wiederentdeckung der Engel» freut und moniert: «Wir sollten sie nicht der Esoterik überlassen.» Doch gerade mit ihrem Engelsglauben, ihren Ritualen und anderen Glückstechniken sind die Mönche auf Esoterik-Kurs. Und unterscheiden sich kaum von den Lebensberatern auf Cosma.tv. Zumindest Margot Kässmann, der evangelischen Theologin, sollte Luthers Sola Gratia, die Lehre von der unverdienten Gnade, in den Ohren klingen: Glück ist nicht machbar, Glück kann man sich nur schenken und sich von ihm überraschen lassen.

Gemeinplätze sind Gemeingut

Übrigens kommt die Glücksliteratur ohne Fussnoten aus, da Lebensweisheit keine geistigen Urheberrechte kennt. «Krisen sind auch Chancen», das kann jeder schreiben, als wäre es von ihm. Bei Binsenwahrheiten und Allerweltsthemen darf sich jeder bedienen und plagiieren, was das Zeug hält. Wer wollte schon auf geistiges Eigentum pochen? Gemeinplätze sind Gemeingut.

Und doch zitieren Glücksliteraten gerne und ausgiebig. Gewisse Zitate finden sich sogar in jedem spirituellen Lebenshilfebuch, etwa Antoine de Saint-Exupérys Einsicht: «Man sieht nur mit dem Herzen gut.» Mit Vorliebe zitieren Glückspropheten neben Jesus von Nazareth auch Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Thomas Merton, Hilde Domin oder Dietrich Bonhoeffer. Diese Dichter und Mystiker, die aus einer ganz eigenen Sprachkraft schöpfen, werten die Büchlein der Lebenshelfer ungemein auf. Unbewusst scheinen diese zu wissen: Das Glück verdient den unverwechselbaren Ausdruck. Warum dann aber nicht das Schreiben den begnadeten Autoren überlassen, die das Glück nicht mit Worthülsen kleinreden?

Obskuranten als Quotenrenner

Hugo Stamm am Freitag den 27. Januar 2012
Es wurden bewusst keine Kritiker der Esoterik in die Sendung eingeladen: Standbild aus dem «Club» vom 3. Januar 2012. (Quelle: SF)

Es wurden bewusst keine Kritiker der Esoterik in die Sendung eingeladen: Standbild aus dem «Club» vom 3. Januar 2012. (Quelle: SF)

Spirituelle und übersinnliche Themen stossen bei einer breiten Öffentlichkeit meist auf ein grosses Interesse. Unvergessen sind die Auftritte von Uriella bei Frank Baumann, Viktor Giacobbo und Roger Schawinski. Das «Sprachrohr Gottes» sorgte regelmässig für Spitzenplätze in der Hitliste der Einschaltquoten. Kein Wunder, war sie regelmässig Gast selbst bei renommierten Talk-Mastern.

Doch nicht nur die exaltierte Uriella erzielt hohe Quoten, fast alle Vertreter übersinnlicher Phänomene locken die Massen an die Bildschirme. Deshalb suchen viele Journalistinnen und Journalisten der elektronischen Medien immer wieder esoterische Themen oder porträtieren Geistheiler, Wahrsager und Hellseher.

Es ist offensichtlich, dass viele Journalistinnen und Journalisten eine geistige Nähe zu übersinnlichen Phänomenen haben. Auch beim als links verschrienen Schweizer Fernsehen. Diese drängen immer wieder mit entsprechenden Beiträgen ins Programm.

Ruedi Matter, Generaldirektor des Schweizer Radio und Fernsehen, rechtfertigte sich in einem Interview so: «Es gibt viele Menschen, die an übersinnliche Phänomene glauben.» Tatsächlich: Der Dokumentationsbeitrag über den Handaufleger Walter Wiedmer war die meistbeachtete DOK-Sendung des Jahres.

Das wissen auch Medienschaffende, die wenig mit Obskurantismus am Hut haben. Denn auch sie sind gezwungen, erfolgreiche Beiträge zu liefern. Deshalb ist die Versuchung auch bei ihnen gross, den Publikumsgeschmack zu bedienen und die Chefs zu befriedigen.

Selbstverständlich dürfen alle Medien übersinnliche Themen transportieren. Journalisten sollen die Welt abbilden, wie sie sie erleben. Allerdings sollten sie gerade bei sensiblen Themen die journalistische Sorgfaltspflicht erfüllen. Das passiert aber immer seltener.

Zwei Beispiele aus jüngster Zeit: Karin Frei, neue Chefin des Clubs, hat am 3. Januar mit Vertretern der esoterischen und übersinnlichen Gilde diskutiert und bewusst keine Kritiker eingeladen. Es wurde ein einziger Werbespot für die Esoterik und Alternativmedizin. Frei verpasste es auch, kritische Fragen zu stellen. Die Selbstdarstellung verkam zur gegenseitigen Beweihräucherung.

Am 15. Januar strahlte das Schweizer Fernsehen eine Reportage («Reporter») über die Geisterschule von André H. Corell aus. Die Schüler lernten, Poltergeister aufzuspüren und aus dem Haus zu vertreiben. Am Schluss bekamen sie ein Diplom. Eine kritische Stimme gabs nicht im langen Beitrag, Reporter Hanspeter Bäni sagte, er habe mit dem ironischen Kommentar Distanz geschaffen.

Es ist halt nicht sexy, das knackige Thema durch Spielverderber entzaubern zu lassen. Wenn über 45 Minuten ein wohliges metaphysisches Gruseln erzeugt wird, tut es den Produzenten weh, wenn ein Kritiker mit guten Argumenten sagt, dass alles fauler Zauber sei. Dann fällt die Sendung unter Umständen am Schluss in sich zusammen. Deshalb ziehen es Journalisten oft vor, keine kritischen Fragen zu stellen und keine Gegenstimmen einzuholen.

Damit verletzen sie die journalistische Sorgfaltspflicht und leisten einen Beitrag zur Volksverdummung. Nur, weil sie ihr Steckenpferd reiten oder Quoten bolzen wollen.


Blocher erschlug Hildebrand mit der Moralkeule

Hugo Stamm am Dienstag den 17. Januar 2012
Christoph Blocher

Dirigiert den Chor der Moralapostel: Christoph Blocher im Januar 2012. (Bild: Keystone)

Der Moralbegriff unterliegt immer wieder Zeittrends. Religiöse Kreise reklamieren für sich gern die Deutungshoheit für Moral und Ethik. Deshalb haftet der Moralvorstellung oft ein schaler Beigeschmack an. Die Hüter der Moral werden häufig als prüde Moralisten gesehen, die mit ihren moralinsauren Ansprüchen eine Doppelmoral kreieren.

Intellektuelle Kreise haben im Zug der Aufklärung und Säkularisierung ein Gegengewicht zur Zeigefinger-Fraktion geschaffen. Doch das Pendel schlägt wieder zurück, was unter anderem mit den fundamentalistischen Tendenzen in verschiedenen Lebensbereichen zu tun hat. Dies lässt sich am Beispiel des Falls Hildebrand exemplarisch aufzeigen. Die verbissen geführte Diskussion, die kampagnenartige Hetzjagd und die einseitige Fokussierung auf moralische Argumente machen deutlich, dass Moral als politisches Kampfmittel eine Renaissance feiert.

Es ist keine Frage, dass Philipp Hildebrand mit den Devisenkäufen – auch wenn sie von seiner Frau getätigt worden sind – unsensibel gehandelt und Fehler begangen hat. Es ist aber weitgehend erstellt, dass er kein Reglement verletzt und kein Gesetz übertreten hat. Die moralische Empörung der SVP darüber hat alle andern Parteien und Politiker derart unter Druck gesetzt, dass sie sich gezwungen sahen, in den Chor der Moralapostel einzustimmen und Hildebrand fallen zu lassen. So hat die Moral jedes politische Kalkül totgeschlagen – zum Schaden der Nationalbank, zum Schaden der Schweiz.

Ich bin kein Finanzexperte, doch selbst die «Feinde» Hildebrands billigen ihm zu, dass er ein hervorragender Nationalbanker war. Er hat bei der Diskussion um die «Too big to fail»-Debatte ein gutes Konzept ausgearbeitet, selbst gegen den Willen der Grossbanken. Ausserdem hat er den Angriff auf den Schweizer Franken erfolgreich abgewehrt. Sein Beziehungsnetz ist ausgezeichnet, Hildebrand war bei seinen Kollegen im Ausland beliebt, sein Einfluss war gross. Er spielte auch eine wichtige Rolle beim Bankenstreit. In moralischer Blindheit hat man den Mann geopfert, der sich in den letzten Jahren grosse Verdienste zum Wohl der Schweiz erworben hat. Das ist selbstzerstörerisch.

Hildebrand hat mit dem Dollarkauf 75’000 Franken Gewinn gemacht. Für einen mehrfachen Millionär ist das vergleichsweise wenig Geld. Von gewinnsüchtiger Spekulation zu sprechen, ist vermessen. Hildebrand hat den Fehler auch erkannt und den Gewinn gespendet. Deshalb wiegt sein moralisches Verschulden nicht allzu schwer.

Besonders störend am Fall ist, dass vor allem jene Politiker und Medien die Moralkeule schwingen, denen selbst der Ruch der Doppelmoral anhaftet. Christoph Blocher wollte die Nationalbank seit seiner Abwahl als Bundesrat – teilweise auch schon früher – an die Kandare nehmen, er attackierte Hildebrand auf hanebüchene Weise. Da seine Taktik durchschaut wurde, machte er sich lächerlich. Deshalb schlugen er und die SVP umso heftiger mit der Moralkeule zurück, als ihnen die Kontoauszüge Hildebrands zugespielt wurden.

Doch wie agieren die Moralapostel ihrerseits in ihrer politischen Arbeit? Wie halten sie es mit dem moralischen Anspruch, den sie Hildebrand angelegt haben?

Christoph Blocher ist nach wie vor der starke Mann in der SVP. Er gibt in jeder Beziehung den Ton an und verlangt von seinen Parteifunktionären und Politikern eine klare Unterordnung unter seine Doktrin und einen grossen Einsatz für die Partei. Wer Kritik wagt oder die Parteivorgaben nicht erfüllt, wird gemassregelt oder zurückgestuft. Alle internen Versuche – zum Beispiel der starken Berner Kantonalpartei -, die fast diktatorische Zürcher Parteitaktik aufzuweichen, wurden abgewürgt. Diese Politik ist hinlänglich bekannt.

Diese Parteiraison ist moralisch bedenklich. Viele SVP-Politiker sind gezwungen, an Parteitagen oder bei Abstimmungen in den Parlamenten nach der Doktrin von Blocher zu stimmen – teilweise gegen ihre Überzeugung. Wagen sie es trotzdem, gefährden sie ihre politische Karriere. Dagegen ist der Fehltritt von Hildebrand aus moralischer Sicht harmlos.

Wie es Blocher selbst mit der Moral hält, hat sich beim Deal mit der «Basler Zeitung» gezeigt. Er war der Strippenzieher im Hintergrund und der Geldgeber, was er lange abstritt. Es spricht vieles dafür, dass er die Öffentlichkeit angelogen hat. Dass er nun seine Tochter vorschiebt, um sich reinzuwaschen, zeigt nur wieder seine Doppelmoral. Seine Absicht ist klar: Er will die Meinung der Öffentlichkeit direkt über angeblich unabhängige Medien beeinflussen. Ein Vorgang, der an diktatorische Regimes – oder an Berlusconi – erinnert. Dass sich ausgerechnet Blocher als Moralhüter aufspielt, ist geradezu verwegen.

Helfershelfer von Blocher und der SVP ist «Weltwoche», die im Fall Hildebrand den moralischen Zweihänder ausgepackt hat. Doch wie hält es das Wochenblatt selbst mit der Moral? In einer pluralistischen Demokratie kann man davon ausgehen, dass die Besitzverhältnisse von Medien, die die öffentliche Meinung prägen, offengelegt werden. Roger Köppel, Besitzer, Verleger und Chefredaktor, weigert sich aber. Was hat er zu verbergen?

Sicher ist, dass Köppel selber nicht genug Geld hatte, um die «Weltwoche» zu kaufen. Irgendjemand hat sie ihm weitgehend geschenkt. Das kann nur eine Person sein, die eine Absicht verfolgt. Wenn man sieht, dass die «Weltwoche» oft wie ein Sprachrohr der SVP funktioniert, und wenn man sieht, wie Blocher die «Basler Zeitung» gekauft hat, bestehen kaum mehr Zweifel, wer zu den Geldgebern gehört.

Apropos Moral: Die SVP hat jahrelang das unmoralische Bankgeheimnis bei Steuerhinterziehung verteidigt, als hienge die Existenz der Schweiz davon ab. (Heute schweigt sie vornehm dazu.) Blocher und die SVP haben vehement die Überbringer der Bankdaten an die deutschen Steuerfahnder verurteilt – und nun selbst mit gestohlenen Bankdaten operiert. Und SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger hat ein Strafverfahren am Hals, weil er angeblich 250’000 Franken veruntreut hat. Eine Verfehlung, die weit schwerer wiegt als das Devisengeschäft der Hildebrands. Doch Zuppiger ist immer noch im Amt. Das nur zur Frage der Doppelmoral der SVP. Bedenklich ist dabei, dass alle Parteien und die meisten Politiker unter dem Trommelfeuer von Blocher eingeknickt sind.

Kurz: Die Mächtigen bestimmen den Moralkodex und nutzen ihn, um fragwürdige Ziele zu erreichen. Waren dies früher in erster Linie die Kirchen, verwenden heute zunehmend Politiker dieses Instrument, um ihre Machtansprüche durchzusetzen.

Surfen mit dem heiligen Geist

Hugo Stamm am Montag den 9. Januar 2012

Dieser Bericht über Freikirchen in Brasilien stammt von Sandro Benini,  Südamerika-Korrespondent des «Tages-Anzeigers».

Auf dem Surfbrett zu Jesus: Messe der evangelikalen Kirche Bola de Neve

Eine Sekte für die Generation Facebook: Messe der evangelikalen Kirche Bola de Neve in Brasilien. (Bild: Reuters)

Bevor das Spektakel zu Ehren des Herrn beginnt, müssen sich all jene von ihren Sitzen erheben, die zum ersten Mal dabei sind. 50 Personen in einem zum Gebetstempel umfunktionierten Kinosaal im Mittelstandsquartier Perdizes in São Paulo stehen auf. Die anderen Gläubigen umarmen sie. «Sei willkommen, der Herr hat dich hergeführt. Lass es dir gut gehen bei uns.» Bei uns – damit meinen sie die evangelikale Freikirche Bola de Neve (Schneeball), gegründet vor zehn Jahren, angeführt vom einstigen Marketing-Spezialisten und Hobbysurfer Rinaldo de Seixas Pereira. Im sich unentwegt ausdehnenden Universum des brasilianischen Evangelikalismus ist Bola de Neve ein religiöser Fixstern für Junge, Sportliche, Modebewusste – eine Sekte für die Generation Facebook. Deshalb steht auf der Bühne nicht ein Altar oder ein Kreuz, sondern ein umgedrehtes Surfbrett.

Katholische Kirche unter Druck

Die Messe startet mit dem Konzert einer Band, die kitschig-melodiöse Popmusik spielt und dazu religiöse Texte singt: «Auch wenn mich die grossen Wellen verschlingen wollen, auch wenn die Winde blasen und mich das Gewitter erreicht, ich werde keine Angst haben. Mein Leben sei dir geweiht, mein Herr und Retter.» Auf einen grossen Bildschirm werden Videoclips projiziert: Jemand steht auf einer Klippe und breitet die Arme aus, unter ihm das tosende Meer, über ihm sich jagende Wolken. Im Publikum lassen viele mit geschlossenen Augen die Arme kreisen, ihr Gesicht ein Spiegel der Glückseligkeit. Die Tanzenden und Singenden sind fast alle zwischen 20 und 30, ein Mann trägt Igelfrisur und ledernes Pulsband, eine junge Frau Strümpfe, Flamenco-Pumps und einen halblangen Jeansrock. Die beiden rhythmisch klatschenden Pastoren auf der Bühne tragen weisse Turnschuhe. Man wähnte sich in einer Disco, würde nicht nach jedem Stück jemand aus voller Kehle «Halleluja!» schreien.

Im grössten katholischen Land der Erde erlebt die katholische Kirche einen Aderlass an Gläubigen. Einer Studie des privaten Zentrums für religiöse Statistik und soziale Forschung zufolge haben sich während der letzten 10 Jahre mehr als 15 Millionen Menschen vom Katholizismus abgewandt. Davon sind 70 Prozent einer evangelikalen Freikirche beigetreten. Gehörten im Jahre 1999 knapp 10 Prozent der brasilianischen Gesamtbevölkerung dieser Glaubensrichtung an, sind es heute rund 25 Prozent. Unter den 15- bis 29-Jährigen bekundet jeder Fünfte Sympathien für evangelikale Dogmen, in deren Zentrum der segensreiche, rettende Einfluss des Heiligen Geistes steht. Die ritualisierte, oft etwas müde wirkende Feierlichkeit der katholischen Liturgie mit ihrer altertümelnden Sprache haben die Evangelikalen durch jugendliche Spontaneität ersetzt, durch Popmusik, gemeinsames Singen und Tanzen, durch Slang-Ausdrücke. Der international bekannteste Katholik Brasiliens, der Befreiungstheologe Leonardo Boff, sagte kürzlich gegenüber einer Zeitung, die katholische Kirche sei selber schuld an ihrem Niedergang. «Immer mehr Leute suchen einen einfachen, unmittelbaren, emotionalen Zugang zu Gott, und den finden sie bei den Evangelikalen.»

Die ersten evangelikalen Gruppierungen entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss von Predigern aus den USA, die jüngeren Freikirchen haben Brasilianer gegründet, nachdem sie ihr Talent zum religiösen Anführer entdeckt hatten – und die Leichtigkeit, mit der sich damit Unsummen verdienen lassen. Die 23-jährige Daniela Araújo beteuert, sie habe sich bei Bola de Neve schon am ersten Tag wohlgefühlt wie in einer Familie, trotz ihres unehelich geborenen Kindes. «Niemand hat mir Vorwürfe gemacht, weil ich Sex hatte, ohne verheiratet zu sein. Heute habe ich meinen Fehler eingesehen. Jesus hat mir verziehen.» Auch dies ist bezeichnend für viele evangelikale Sekten: Sie unterwerfen ihre Mitglieder nicht starren Regeln, sondern bringen sie dazu, sich selber den Gepflogenheiten der Gruppe anzupassen und deren Verbote – allen voran ausserehelicher Sex und Drogenkonsum – zu verinnerlichen.

Für den französischen Lateinamerika-Spezialisten Jean-Pierre Bastian ist die Evangelikalisierung Brasiliens und anderer lateinamerikanischer Länder der wichtigste religiöse Vorgang seit der Missionierung der Eingeborenen durch die europäischen Eroberer im 16. Jahrhundert. Welche politische Macht die Evangelikalen mittlerweile ausüben, zeigte sich bei den letzten Wahlen im Oktober 2010. Dass die heutige Staatschefin Dilma Rousseff in einen Stichentscheid musste, lag vor allem an einer Kampagne der Evangelikalen: Sie behaupteten, Rousseff wolle die Abtreibung legalisieren, und empfahlen dem Stimmvolk die grüne Kandidatin Marina Silva, die als Mitglied der Gruppierung Assembléia de Deus (Versammlung Gottes) eine radikale Gegnerin des Schwangerschaftsabbruchs ist.

Im Parlament haben sich 63 evangelikale Abgeordnete und drei Senatoren zu einer überparteilichen Fraktion zusammengeschlossen. Der vor kurzem verstorbene Ex-Vizepräsident José Alencar gehörte zur Igreja Universal do Reino de Deus (Universalkirche des Reichs Gottes), mit 5,2 Millionen Anhängern die zweitgrösste evangelikale Freikirche des Landes.

Evangelikale Parlamentarier kämpfen für traditionelle Familienwerte, gegen Abtreibung und Homosexuellenehen. Vor allem aber drängen sie in die Kommissionen, die Frequenzen für Radio- und Fernsehkanäle vergeben. Die Universalkirche etwa besitzt ein ganzes Medienimperium, mit dem landesweit zweitgrössten Fernsehnetzwerk Record als Prunkstück. Ihr Begründer, der zum Multimillionär und Grossunternehmer aufgestiegene Edir Macedo, verlangt von seinen Gläubigen den zehnten Teil ihres Einkommens als Spende. Schon mehrmals ermittelte der Staatsanwalt gegen den Sektengründer, weil er Geld gewaschen und mit der organisierten Kriminalität paktiert haben soll. Doch der Bischof Macedo genannte Prediger hat mächtige Freunde: Zur Einweihungsfeier eines seiner Fernsehkanäle erschienen vor 4 Jahren der damalige Präsident Lula sowie der Gouverneur von São Paulo und spätere Präsidentschaftskandidat José Serra. Gegenwärtig lässt Macedo in São Paulo den Tempel Salomons bauen – ein Gotteshaus so hoch wie ein Wolkenkratzer und so geräumig wie ein Flugzeughangar, mit Platz für 10’000 Gläubige. In den 640 Säulen sollen die Namen all jener eingraviert werden, die das 200-Millionen-Projekt durch eine Spende unterstützt haben.

Die Stärke der evangelikalen Sekten beruht nicht zuletzt darauf, dass sie für viele Bevölkerungsschichten attraktiv sind: für die Armen, weil sie in der trostlosen, von kriminellen Banden heimgesuchten Peripherie der Grossstädte als Hort solidarischer Rechtschaffenheit erscheinen. Bei der aufstrebenden Mittelklasse, weil sie deren Angehörigen im Rahmen einer eigens entwickelten Theologie der Prosperität versprechen, durch Gottes Hilfe sehr reich zu werden. Und für Jugendliche, weil sie die Anhimmelung des Heiligen Geistes mit der Verehrung eines Surfbretts kombinieren.

Schnell, laut und öffentlich

Betende Kirchgängerin in einer Bola-de-Neve-Kirche.

Betende Kirchgängerin in einer Bola-de-Neve-Kirche.

Im zum Tempel umgebauten Kinosaal in São Paulo heiraten heute mehrere Pärchen, die schon seit Jahren zu Bola de Neve gehören. Vor der Trauung halten die Verliebten Lobesreden aufeinander, zu süsslichen Synthesizer-Klängen und leisem Getingel gegen ein Schlagzeugbecken. Dann erteilen ihnen die Pastoren den ehelichen Segen, die Zeremonie dauert pro Paar nicht mehr als 10 Minuten. Später werden einer angeblich Besessenen die bösen Geister ausgetrieben. Die junge Frau betritt die Bühne und beginnt zu schreien, ein Prediger brüllt, der Teufel solle ihren Körper verlassen, während er in zunehmender Hektik Kreuze in die Luft malt. Die Verbindung von Hightech-Religiosität und archaischen Ritualen ist ein weiterer Grund für die Anziehungskraft evangelikaler Sekten.

Das Kokettieren mit dem Bösen, das einzig der Heilige Geist überwinden könne, hat einen eigenen Typus des evangelikalen Pastors hervorgebracht: der zum Guten konvertierte ehemalige Verbrecher. Schätzungen zufolge gibt es davon allein in São Paulo mehrere Tausend, einer von ihnen nennt sich Pastor Bang Bang. Erschreckend ist die kriminelle Karriere von Aldidudima Salles: 26 Morde und 15 Banküberfälle hat er begangen, doch man entliess ihn nach 10 Jahren Gefängnis wegen guter Führung. Heute nennt er sich Pastor Salles. Er verdient viel Geld, indem er CDs und DVDs vertreibt, auf denen er schildert, wie böse er früher war und wie gut er heute ist.

Angst treibt die Leute in den Fundamentalismus

Hugo Stamm am Samstag den 31. Dezember 2011
Christustag.

Krisen gehen nicht spurlos an den Menschen vorbei: Besucher des Christustags in Bern, 13. Juni 2010.

Das Jahr 2011 wird als mittelprächtiger Jahrgang in die Geschichte eingehen. Es hat uns gezeigt, wie fragil unser politisches und vor allem auch unser wirtschaftliches System sind. Der arabische Frühling hat zwar Hoffnung auf mehr Demokratie in arabischen Ländern gebracht, die weltpolitische Lage ist insgesamt aber nicht stabiler geworden.

An der wirtschaftlichen Front ist gar ein Paradigmawechsel zu beobachten: Die Banken, einst als unerschütterliche Pfeiler betrachtet, sind zur zentralen Gefahrenzone geworden, die ganze Wirtschaften in den Abgrund stürzen können. Und die Eurokrise zeigt uns, dass wirtschaftliche Sachzwänge die Politik beherrschen. Die Zeit der grossen Entwürfe und Visionen scheint vorbei zu sein: Die Politiker rennen von einem Brandherd zum andern und können nur versuchen, den Schaden zu mindern. Dass europäische Länder innerhalb kurzer Zeit verarmen können – trotz des Zusammenschlusses in der EU -, wäre vor kurzem nicht für möglich gehalten worden.

Diese Krisen gehen nicht spurlos an den Menschen vorbei. Die Vorstellung, dass der Wohlstand einbricht und die Altersvorsorge nicht gesichert ist, nistet sich in den Köpfen ein. Ein neues, bedrohliches Weltbild macht sich breit und prägt das Bewusstsein.

Diese Verunsicherungen bewirken bei vielen psychische Reaktionen. Angst mischt sich ins Lebensgefühl. Und Skepsis gegenüber modernen Entwicklungen in allen Lebensbereichen. Gleichzeitig wächst bei verunsicherten Menschen die Sehnsucht nach den – vermeintlich – goldenen früheren Zeiten. Diese Sehnsucht ist der wichtigste Motor für fundamentalistische Tendenzen. Am besten sind diese in religiösen Milieus zu beobachten.

Junge Menschen laufen in Scharen zur charismatischen Freikirche International Christian Fellowship (ICF). Bis zu 3000 Gläubige pilgern Wochen für Woche zu den Gottesdiensten ins Maag-Areal von Zürich. Innert weniger Jahre expandierte die Freikirche ins Ausland und betreibt heute rund 40 Ableger.

Unerwartete fundamentalistische Entwicklungen zeigen sich in arabischen Ländern. Todesmutig kämpften Tunesier, Ägypter, Libyer, Jemeniten und nun auch die Syrer gegen die Diktatoren und vertrieben sie. Doch was machen sie bei den ersten freien Wahlen nach der Revolution: In Tunesien und Ägypten wählten rund je 40 Prozent Islamisten, die klare Wahlsieger wurden. In Ägypten könnte schon bald die Scharia eine zentrale Rolle im Rechtssystem spielen. So haben es sich die Kämpfer für die Freiheit nicht vorgestellt.

Auch ultrareligiöse Juden wagen sich in Israel immer weiter vor. Neuerdings fordern sie die Trennung von Frauen und Männern im öffentlichen Raum.

Auch bei uns wittern die Fundamentalisten Morgenluft. Zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember wagte der Churer Bischof Vitus Huonder einen Angriff auf die säkularen Errungenschaften. In einem Hirtenbrief schrieb er, die Kirche messe die Aussagen und Forderungen der Menschenrechte an der Wahrheit der göttlichen Offenbarung. Den Menschenrechten gehe immer das göttliche Recht voraus, sie stünden und fielen mit dem Respekt vor dem Gottesrecht.

Damit will Huonder das Rad der Zeit zurückdrehen. Er ebnet den Boden für die fundamentalistischen Tendenzen in der katholischen Kirche, die nach der Öffnung durch das 2. Vatikanische Konzil in den 1960er-Jahren einen Rückfall erleidet. Wojtyla und Ratzinger spielten und spielen die Katalysatoren.

Ausserdem: Was, Herr Huonder, ist göttliches Recht? Leiten sie dieses von der Bibel ab? Mit Verlaub: Diese „Gesetze“ haben Menschen geschrieben. Und dass Gott sie autorisiert hat, ist doch stark zu bezweifeln.

Ich wünsche allen Bloggerinnen und Bloggern einen guten Rutsch und ein erspriessliches 2012, verbunden mit dem Dank für das tolle Engagement im Blog. Hugo Stamm


Die Seele neu entdeckt

Hugo Stamm am Montag den 12. Dezember 2011

Dieser Impulstext wurde von Ruedi Schmid (Optimus) verfasst. Vielen Dank.

Seine Behauptungen, dass eine bewegte Uhr langsamer läuft und Materie nur Energie ist, galten auch jahrelang als kindische Fantasien, bis uns die Nachweise lehrten, dass die Wirklichkeit nicht so ist, wie wir sie wahrnehmen und unser Verstand eine Illusion ist.

Einstein zeigte, dass die Wirklichkeit nicht so ist, wie wir sie wahrnehmen: Albert Einstein in den 40er-Jahren.

Der Entdeckungsurtrieb hat uns Menschen im Laufe der Evolution vom Tier abgehoben, dabei wurde das Bedürfnis, die Seele zu entdecken von den Religionen gestillt, indem sie den Glauben verbreiteten, die Seele sei immateriell, unsterblich, vom Körper getrennt und stehe in Verbindung mit einer höheren Macht. Wenn man durch Introspektion versucht, die eigene Seele zu erkennen, glaubt man, sie auf diese immaterielle Art zu spüren, aber das ist nur eine Illusion, weil sich die Gedanken im Paradoxon eines selbstbezüglichen Systems verstricken. Die Seele als Organ des Erkennens kann sich hingegen nicht selbst erkennen.

Heute findet man für jede seelische Wirkung im Gehirn eine materielle Ursache elektrischer oder chemischer Art. Auch verbraucht jede seelische Regung Energie, messbar durch den Sauerstoffverbrauch. Ohne dauernde Energiezufuhr stirbt die Seele. Wenn die Seele immateriell wäre, würde sie nicht auf mechanische Verletzungen, Kälte, Drogen und Krankheitserreger reagieren. Auch wird der Tod nach den materiellen Kriterien des Gehirns ermittelt, weil das die einzige Möglichkeit ist, die Seele zu beurteilen. Das sind eindeutige Nachweise, dass unsere Seele materiell funktioniert. An der Seele selbst ändert sich aber dadurch nichts, ausser man regt sich seelisch darüber auf.

So wie sich das heliozentrische Weltbild Galileos trotz religiösem Widerstand durchgesetzt hat, wird sich wahrscheinlich auch das materielle Seelenbild durchsetzen. Da die materielle Seele nicht mit dem ewigen Leben vereinbar ist, würde das für viele Religionen das Ende bedeuten. Auch der Einfluss Gottes auf eine materielle Seele wäre in Frage gestellt, so dass Gott praktisch nur noch als Schöpfer, wie beim Pantheismus und Deismus, Chancen hätte. Die Kirchenaustritte der jungen Generation sind die ersten Anzeichen dieses Wandels, der aber erst mit der Aufklärung durch Eltern und Schulen den Durchbruch schaffen wird, weil es bequemer ist, den Autoritäten zu glauben als selber zu denken.

Gläubige befürchten, dass dadurch menschliche Werte verloren gehen und dass Leben und Sterben erschwert werden. Vergleiche zwischen Gläubigen und Ungläubigen vermögen das jedoch nicht bestätigen. Aber für Menschen, die an ihrem Glauben hängen, kann eine materielle Seele zum Alptraum werden, und es wäre rücksichtslos, nicht abzuwarten, bis sich diese Glaubenskultur verflüchtigt hat.

Die Philosophie versuchte, die Seele durch menschliche Logik zu entdecken, was aber wie bei den Religionen zu unterschiedlichen Resultaten führte. Mit der empirischen Methode der Psychologie gelang es bereits, den Menschen wirkungsvoll seelisch zu helfen. Aber erst durch die Sichtbarmachung der Gehirnfunktionen kommt man der Wirkungsweise der Seele auf die Spur.

Kern der Seele ist das SEIN, das gewisse Etwas, das man als ICH empfindet. Das Besondere daran ist, dass das ICH nur im Zusammenhang mit Wahrnehmungen spürbar wird: Im Tiefschlaf, in Vollnarkose und in speziellen geistigen Zuständen verschwindet das ICH spurlos. Zum Verständnis des ICHs ist wichtig zu wissen, dass Wahrnehmungen nur als Vorstellung im Gehirn existieren, optische Täuschungen oder der Schmerz eines amputierten Gliedes macht das deutlich. Mit folgendem Experiment gelang es, das Geheimnis des ICHs zu knacken:

Mit virtuellen Bildern gelingt es, das Gefühl zu erzeugen, sich ausserhalb des Körpers zu befinden. Das ICH-Empfinden lässt sich also optisch täuschen, was nur möglich ist, wenn es nicht real, sondern nur als Vorstellung durch die Wahrnehmung existiert. Damit sind auch die Nah-Tod-Visionen geklärt. Erstaunlich ist, dass Einstein lange vor dieser Erkenntnis das ICH als eine Art optische Täuschung der Gedanken und Gefühle bezeichnete.

Aufschlussreich ist der Entstehungsprozess der Seele. Gehirnmessungen zeigen, dass etwa drei Monate vor der Geburt die ersten Wahrnehmungen einsetzen. So kann sich für die Geburt die erforderliche Atemnot bilden und auch der Durst. Nach der Geburt erscheint im Wahrnehmungszentrum ein zusammenhangsloses Wirrwarr von Sinneswahrnehmungen, und aus der Neugier, «wo bin ICH», wird aus der Übereinstimmung, wie z. B. Tasten und Sehen eine real erscheinende Welt im Wahrnehmungszentrum gebildet.

Danach entsteht das Bedürfnis, alles Wahrgenommene zu verstehen. Um z. B. die Schwerkraft zu verstehen, werden Spielsachen herum geschmissen, aber das Verstehen kann nicht kommen, weil sich aus der Beobachtung keine Ursache der Schwerkraft ableiten lässt. Deshalb bildet man sich mit der Zeit ein, zum Verstehen genüge die Gewöhnung. Als Einstein gefragt wurde, ob er eine Erklärung für seine Intelligenz habe, antwortete er: «Das einzig besondere an mir ist, dass ich noch nicht aus der Kindheit herausgewachsen bin.» Seine Behauptungen, dass eine bewegte Uhr langsamer läuft und Materie nur Energie ist, galten auch jahrelang als kindische Fantasien, bis uns die Nachweise lehrten, dass die Wirklichkeit nicht so ist, wie wir sie wahrnehmen und unser Verstand eine Illusion ist. Heute geht aus der Physik klar hervor, dass nicht einmal die Grundelemente der Wirklichkeit wie Zeit, Raum, Materie, Energie und Kräfte dem menschlichen Verstand zugänglich sind. Unser Verstand ist nicht für die Wirklichkeit ausgelegt, sondern um Leben zu ermöglichen.

Unser ICH braucht aber das Gefühl einer Wirklichkeit und so konstruiert jeder aus seinen Wahrnehmungen seine eigene Wirklichkeit. Das macht uns zu Individuen mit unterschiedlichen Ansichten, Denkweisen und Gemütszuständen. Das muss so sein, denn mit der Erkenntnis der wahren Wirklichkeit wäre alles geklärt, wir wären alle gleichgesinnt, dem Leben würde Antrieb und Sinn fehlen.

Wie Hirnmessungen bestätigen, ist unser Leben das Produkt unserer Gedanken. Das behaupteten schon Aurelius, Aristoteles und viele Philosophen danach. Einstein meinte sogar, die Unvollkommenheit des Lebens liegt einzig am falschen Denken. Unsere Gedanken sind aber so sehr an unsere selbstkonstruierte Wirklichkeit gebunden, dass wir uns nur mit Meditation oder Drogen davon lösen können. Mit dem Glauben ist auch eine beschränkte Loslösung möglich, aber unser religiöser Glaube hat sich nicht bewährt, weil er nur eine Flucht in ein anderes Abhängigkeitssystem ist und die Gedanken nicht befreit, um direkt die Gefühlswelt, in der das Leben stattfindet zu beeinflussen, wie das zum Teil bei östlichen Religionen der Fall ist. Aber grundsätzlich kann unser Leben nur über die Gedanken einer Wirklichkeit funktionieren, denn sonst würden wir in den Glücksgedanken verharren und unser Leben nicht mehr mit der Jagd nach dem scheinbaren Glück unserer Wirklichkeitsvorstellung antreiben.

Die Entdeckung der Seele hat Vorstellung und Bedeutung des Lebens verändert. Wir wissen nun, dass Leben nur unter sehr begrenzten Bedingungen möglich ist. Es zeigt sich vor allem, dass vieles, was am menschlichen Verhalten unvollkommen erscheint, einen wichtigen Zweck erfüllt. Dies erweckt den Eindruck, dass die Evolution keinen Spielraum hatte, die Seele und das Leben anders zu gestalten. Für Menschen, die sich mit der Vorstellung nicht abfinden können, dass die Wirklichkeit eine lebensnotwendige Illusion ist, wird es schwierig werden. Grundsätzlich müsste aber die Erkenntnis, in einer optimierten Welt zu leben, wo man mit den Gedanken sein Leben selbst bestimmen kann, positive Auswirkungen haben.

Zu verstehen wie die die Seele funktioniert, macht aus dem Leben ein Aha-Erlebnis ohne Aufregung.

 


Hat Gott bei den Wahlen die Hand im Spiel?

Hugo Stamm am Mittwoch den 30. November 2011
Nationalrat Philipp Hadorn (SP, SO).

Sieht hinter seiner Wahl «klar Gottes Führung»: Nationalrat Philipp Hadorn (SP, SO).

Die Schlüsselfragen für Christen lauten: Wie hält es Gott mit der Welt? Sind wir Menschen tatsächlich die Krone der Schöpfung? Hat uns Gott aus Tausenden von Galaxien und Milliarden von Sternen auf unserem Miniplaneten ausgewählt, seiner gigantischen Schöpfung die Krone aufzusetzen? Stehen wir schwachen, anfälligen Menschen im Zentrum seiner Aufmerksamkeit?

Für Gläubige, die sich an der Bibel orientieren, besteht kein Zweifel: Unser Planet ist der Nabel des Universums, Gott hat uns auserwählt. Er hat uns nicht nur erschaffen, er behütet uns, wirkt in die Welt, sorgt sich um uns. Und ganz speziell um die Rechtgläubigen.

Doch wer sind die Rechtgläubigen? Aus unserer christlichen Kulturperspektive können es die Muslime nicht sein. Sie gehen zwar wie alle Buchreligionen auf Abraham zurück, doch Mohamed war in den Augen vieler Gläubigen nicht von Gott inspiriert, als er den Koran verfasste. Auch die Hindus sind fern des Schöpfergottes mit ihren Tausenden Göttern, die oft mehr Dämon denn Heilsbringer sind. Und der Buddhismus ist für Christen keine wahre Religion, weil er keinen Gott kennt.

Tolerante und weltoffene Christen beschleicht bei solchen Überlegungen ein Unbehagen. Vor Gott sind alle gleich, argumentieren sie. Hauptsache, der Mensch bemüht sich, ein Leben nach den Geboten Gottes zu leben, die letztlich universal sind. Damit sind strenggläubige Christen nicht einverstanden. Und sie haben recht: So steht es in der Bibel nicht. Deshalb trug Jesus seinen Jüngern auf, das Evangelium zu verbreiten. Dies ist übrigens eine Bedingung zur Erfüllung des christlichen Heils am jüngsten Tag.

Strenggläubige Christen sind überzeugt, privilegiert und in der besonderen Gnade Gottes zu stehen. Und in seinem Namen zu wirken. Noch mehr: Sie glauben, mit Gott kommunizieren zu können und klare Signale von ihm zu bekommen. Dies gibt ihnen zweifellos ein Gefühl der Überlegenheit.

Ein Beispiel liefert der frisch gewählte Nationalrat Philipp Hadorn. Der Parlamentarier ist 44 Jahre alt, kommt aus Gerlafingen SO und arbeitet als Gewerkschaftssekretär. Hadorn ist seit 13 Jahren Vorsitzender der Gemeindeleitung der Freikirche Evangelische Methodistische Kirche.

Hadorn ist kein ungewöhnlicher Freikirchler. Als linker Gewerkschafter passt er nicht ins Bild der mehrheitlich konservativen Freikirchen-Gläubigen. Immerhin war er so konsequent, nicht der EVP oder der EDU beizutreten, die die Sammelbecken für Freikirchler sind, sondern der SP. Das hindert ihn aber nicht daran, an die Privilegien der wahren Christen zu glauben. In einem Interview steht er offen dazu.

Hadorn gewann die Wahl sehr knapp und lag mit nur 22 respektive 28 Stimmen vor seinen härtesten Konkurrenten. «Hatte da Gott die Hand im Spiel?», fragte der Interviewer. «Für mich ist das ganz klar», antwortete der Neo-Nationalrat. «Ich wusste eine ganze Schar von Betern hinter mir. Von daher sehe ich hinter meiner Wahl klar Gottes Führung – wie schon bei meinem ganzen politischen Weg.»

Die Bibel sei seine Richtschnur, erklärt Hadorn weiter. Er wolle aber nicht behaupten, immer richtig zu entscheiden. «Aber mit dem Wirken des Heiligen Geistes rechne ich konkret.» Gottes Segen bedeute ihm sehr viel. Er bringe zum Ausdruck, dass «Gott immer zu mir steht, was auch passiert».

Die Logik von Hadorn muss ein Desaster für Andreas Brönnimann sein. Der Berner EDU-Politiker wurde bei den Wahlen zum Teufel gejagt. Damit verlor seine stramme Christenpartei ihren einzigen Sitz im Nationalrat. Nach der Leseart von Hadorn bedeutet dies: Gott muss auch bei seinem Mitchristen Brönnimann die Hand im Spiel gehabt haben – wie bei allen Rechtgläubigen. Doch diese Hand liess den Berner fallen. Das ist für den Betroffenen nicht nur eine politische Abfuhr, sondern ein religiöses Desaster, das vermutlich viel schwerer wiegt.

Nur: Wenn man in einer Demokratie genau hinschaut, wählt nicht die Hand Gottes die Parlamentarier, es sind die Stimmbürger, die mit ihrem Wahlzettel die Entscheide fällen.

Das magische Kreuz von Ground Zero

Hugo Stamm am Donnerstag den 15. September 2011
Die Stahlträger in Kreuzform werden am 11. September 2004 am Ground Zero präsentiert.

Zufall oder ein göttliches Zeichen? – Die Stahlträger aus den Trümmern am Ground Zero, September 2004.

Beim Aufräumen der Überreste des World Trade Center in New York entdeckte ein Arbeiter zwei Tage nach dem Terroranschlag ein Kreuz aus Stahlträgern, das aus den Trümmern ragte. Die Skulptur berührte die Arbeiter. Sie interpretierten das christliche Symbol als Zeichen Gottes und als Ausdruck der Hoffnung: Der Herr hat uns nach der unfassbaren Katastrophe nicht verlassen.

Das Kreuz fand auf Ground Zero, dem Gelände des Grauens, einen Ehrenplatz und diente als Mahnmal. Ende Juli 2011 musste es einem neuen Gebäude weichen und wurde im Keller des Neubaus gelagert – als zentrales Exponat des soeben erbauten Gedenkmuseum. Ende dieses Monats wird das Kreuz pünktlich zum Jahrestag dort ausgestellt. Millionen werden es fortan als kleines Wunder und höheres Zeichen bestaunen.

Der Glaube kennt keinen Zufall

Die drei eingestürzten Türme enthielten Tausende Tonnen Stahlträger. Viele dieser Elemente waren im rechten Winkel montiert, bildeten also eine Art Kreuz. Es überrascht deshalb nicht sonderlich, dass die Arbeiter auf ein Trümmerteil stiessen, das sie an das christliche Symbol erinnerte.

Wer hatte bei diesem Ereignis die Hand im Spiel? Der Zufall oder Gott? Im tief religiösen Amerika, wo sich Präsidentschaftskandidaten mit Stolz als christliche Fundamentalisten präsentieren und die Evolutionslehre als «nur eine Theorie» oder gleich als Irrlehre verdammen, sehen viele Amerikaner im Kreuz von Ground Zero ein Zeichen Gottes. Stellen wir also nüchterne Fragen. Was hat das Kreuz mit Gott zu tun? Was will er damit sagen, falls er wirklich dieses Zeichen gesetzt hat? Welchen Zweck verfolgt er damit?

Viele Gläubige weichen solchen Fragen aus. Sie betrachten ein Phänomen und halten die erste Assoziation für plausibel. Glauben heisst denn auch, für wahr halten. Am liebsten glauben sie, was Trost spendet, ihre Sehnsucht nährt und ihre Ängste betäubt. Deshalb sehen sie gern auch in weltlichen Dingen eine höhere oder spirituelle Bedeutung.

Der Glaube bedient die emotionale Seite in uns. Diese lässt sich nicht gern von Verstand und Vernunft bremsen. Deshalb lieben wir in religiösen Belangen Erleuchtungen und vermeiden nach Möglichkeit Fragen. Der Glaube an einen gütigen Gott nährt die Hoffnung, dass es einen versteckten Sinn gibt. Dass sich im Meer der irdischen Ungerechtigkeiten eine Insel der Freundlichkeit und der Güte finden lässt. Schon die Urchristen haben erkannt, dass der Verstand der Feind des Glaubens ist. Mit entwaffnender Offenheit schrieben sie in die Bibel: «Selig sind die Armen im Geiste.»

Terror als Strafe Gottes?

Wären die Arbeiter auf Ground Zero nicht der Gefühlsduselei verfallen, hätten sie Fragen gestellt. Wäre es von Gott nicht ein sinnvoller Akt der Barmherzigkeit gewesen, die 3000 Eingeschlossenen im Word Trade Center zu retten, statt die göttliche Allmacht in ein versengtes Stahlkreuz zu investieren?

Diese Frage berührt das religiöse Grundproblem der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes. Konkret: Wie kann der allmächtige Gott, der nach christlicher Lehre in das Leben der Menschen wirkt, das grenzenlose Leid zulassen? Wie hält er es aus, unschuldige Menschen, die er angeblich nach seinem Ebenbild geschaffen hat, in der Flammenhölle der brennenden Türme sterben zu lassen? Wie kann man an einen Gott als gütigen Vater glauben, der das endlose Leiden auf der Erde duldet? Galileo Galilei erkannte das Dilemma schon vor fast 500 Jahren: «Ich fühle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu benutzen.»

Weil sich die Fragen nach der Barmherzigkeit Gottes dem Verstand erziehen, klammern wir uns gern an Zeichen und Wunder. Auch Theologen und gläubige Philosophen stehen machtlos vor dem Dilemma, dass die Lebenserfahrung mit dem Bild kollidiert, das der christliche Glaube und die Bibel zeichnen.

Wer an Zeichen Gottes glaubt, braucht eine selektive Wahrnehmung. Er muss, selbst bei offenkundig Sinnlosem, alles verdrängen, was das Bild von Gott als gütigem und gerechtem Schöpfer trübt. Das Beispiel vom Kreuz auf Ground Zero zeigt: Die Konsequenz des Glaubens ist der Aberglaube.

Bischof Haas erregt wieder die Gemüter

Hugo Stamm am Freitag den 12. August 2011

Der Glaube mancher Geistlicher treibt gelegentlich seltsame Blüten und wirft kein besonders günstiges Licht auf die Vertreter Gottes. Hauptdarsteller dieser Geschichte ist Erzbischof Wolfgang Haas. Die Gläubigen der Diözese Chur haben ihn in den 1990er Jahren vergrault. Die Liechtensteiner, offenbar noch konservativer als wir Schweizer, gaben ihm 1997 Asyl. Seine guten Beziehungen zum Fürstenhaus dienten als Schmiermittel.

Das ging lang recht gut. Doch nun bringt Haas auch die liechtensteinische Seele zum Kochen. Pièce de restistance ist die Burg Gutenberg, die über einem Felsen von Balzers thront und zu den Wahrzeichen von Liechtentein gehört. Diese Burg beherbergt eine Kapelle. Ein idealer Ort zum Heiraten. In den letzten fünf Jahren wurde die Burg renoviert. Nun sollen Hochzeiten helfen, die teure Rennovation zu finanzieren. Doch jetzt stellt sich Haas quer. Er weigert sich nämlich, die Kapelle zu segnen und ihr das Gütesiegel der katholischen Kirche aufzudrücken.

Die Begründung lässt viele Liechtensteiner den Kopf schütteln. Unter ihnen sind auch viele, die bisher treu hinter ihrem erzkonservativen Hirten gestanden haben. Haas befürchtet, dass die grandiose Aussicht die Hochzeitsgäste vom eigentlichen Akt, der kirchlichen Trauung, ablenken könnte. Schliesslich gehe es nicht um ein Happening, sondern um eine Glaubenszeremonie, liess Haas verlauten.

Ähnlich argumentierte Haas, als er sich weigerte, am 15. August eine Feldmesse abzuhalten. Dann feiert Liechtenstein seinen Staatstag. Der Erzbischof meinte, die Vermengung eines gesellschaftlichen oder politischen Ereignisses mit einem Gottesdienst sei nicht statthaft.

Wahrscheinlich steckt ein anderer Grund hinter Haas’ Weigerung. Der Erzbischof schmollt ganz einfach. Er ist frustriert, weil Regierung und Fürstenhaus hinter dem Partnerschaftsgesetz gestanden haben und nun gar die Trennung von Kirche und Staat anstreben. Haas fürchtet um seinen Einfluss und seine Machtposition.

Apropos Segnung der Kapelle: Bisher haben sich katholische Geistliche selten geweigert, wenn es darum ging, alle möglichen Gebäude oder Gegenstände zu segnen. Unter ihnen finden sich Schützenhäuschen und Panzer. Was ums Himmels Willen soll denn gesegnet werden wenn nicht ein Kapelle?

War der Amok religiös motiviert?

Hugo Stamm am Samstag den 23. Juli 2011

Ich wurde heute verschiedentlich gefragt, wie ich das Massaker in Oslo und auf der Insel Utoya interpretiere, bei dem bisher 7 Personen bei Explosionen starben und 85 Jugendliche vom Attentäter erschossen wurden. Der mutmassliche Täter habe sich nicht nur in rechtsradikalen Kreisen bewegt, sondern sei auch ein christlicher Fundamentalist.

Ich bin weit davon entfernt, einen Zusammenhang zwischen der unbegreiflichen Tat und dem Glauben des Amokschützen zu konstruieren. Es ist unwahrscheinlich, dass er aus dem Glauben ein Motiv herleitete. Als wahrscheinlicher erachte ich es, dass er sich aus seiner politischen Ideologie heraus fanatisieren liess. Der Hass auf das Fremde – wahrscheinlich auch in sich – hat ihn vermutlich in eine krankhafte Gegenwelt geführt.

Ich gehe davon aus, dass ihn nicht einmal seine rechtsradikale Ideologie zu dieser Tat verleitete. Sonst hätte er den Irrsinn kaum im Alleingang – so sieht es im Moment aus – vollzogen. Die Motive oder den Auslöser müssen meines Erachtens auf der psychologischen Ebene gesucht werden.

Die Untersuchungen werden zeigen, dass der Täter eine multiple Persönlichkeit war, unter Wahnvorstellungen, Realitätsverlust oder Wahrnehmungsverschiebungen litt, unfähig zur Empathie oder emotional regrediert war, unbewusste Persönlichkeitsanteile abgespalten hat usw.

Zurück zur religiösen Frage – schliesslich interessiert uns im Blog dieser Aspekt: Mit dem Glauben hat die Tat nichts zu tun, der Glaube hat aber auch nicht verhindert, dass er zum Amokläufer wurde.