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Stosstrupp Gottes in den Wandelhallen

Hugo Stamm am Donnerstag den 3. Mai 2012

Die Wandelhallen des Bundeshauses sind ein beliebtes und wichtiges Tummelfeld der Lobbyisten aus Wirtschaft und Verbänden. So auch an der Sondersession, zu der sich der Nationalrat heute und morgen versammelt. Im Kreis der erlauchten PR-Leute ist Beat Christen ein exotischer Interessenvertreter. Der gläubige Christ weibelt seit über 20 Jahren dafür, christliche Ideen in der Bundespolitik zu verankern. Er sieht sich als Lobbyist seines Herrn und wird gern als Bundeshaus-Beter bezeichnet. Erfüllung fände er, wenn sich das Bundeshaus in ein Gotteshaus verwandeln würde. In ein christliches natürlich – nomen est omen.

Christen wandelt unermüdlich in den heiligen Hallen. Der St. Galler CVP-Nationalrat Jakob Büchler hat ihm einen Badge für den Zutritt zur Wandelhalle verschafft. Der Bundeshaus-Beter hatte vor über 20 Jahren eine Eingebung, als er in der Bibel bei Timotheus las, die Gläubigen sollten für die Regierenden beten. Ausserdem segnete ihn ein Gläubiger mit dem Spruch aus Josua 1,3: «Überall, wo du die Fusssohlen hinlegst, wird Gott dir das Land geben.» Was sich bewahrheitet haben soll. Obwohl er missionarisch tätig ist, sagt er: «Ich habe im Bundeshaus noch nie jemanden bekehrt.» Das ist auch nicht nötig, denn er glaubt: «Das macht der himmlische Vater selbst.»

Freikirchliches Muster

Diese wortgläubige Bibelauslegung entspricht exakt freikirchlichem Denk- und Glaubensmuster. Doch der sportliche, fromme Mann, der sorgsam darauf bedacht ist, keine heiklen Aussagen zu machen, wehrt sich gegen diese Etikettierung: «Ich will nicht in die freikirchliche Ecke gedrängt werden», sagt er im Gespräch an seiner Berner Wirkungsstätte. Das überrascht, denn Christen stand von 1979 bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr im Lohn der Vereinigten Bibelgruppe (VBG), die eindeutig freikirchlich ausgerichtet ist.

Christen hängt seine fundamentalistische Ausrichtung aus taktischen Gründen nicht an die grosse Glocke. So hilft ihm denn auch, dass ihm mit Jakob Büchler ein strenggläubiger Katholik die Akkreditierung gegeben hat, und nicht ein freikirchlicher Parlamentarier der Evangelischen Volkspartei.

Christen spricht rund ein Drittel der Parlamentarier per Du an, zu einem weiteren Drittel pflegt er gute Beziehungen. Diese gehören vor allem der EVP, CVP und SVP an. Namen nennt er nicht gern, Diskretion ist ihm heilig. Er will auch nicht verraten, zu welchen Bundesräten er einen direkten Draht hat. Selbstsicher sagt er: «Meinem Vater gehören die UBS und das Bundeshaus.» Mit dieser Botschaft will er die Parlamentarier indoktrinieren, wie er erklärt. Unter Vater versteht Christen den christlichen Gott.

Seelsorger für Parlamentarier

Für manche Parlamentarier übt er seelsorgerische Funktionen aus: «Sie kommen zu mir, wenn sie persönliche oder körperliche Probleme haben.» Dann betet er für sie. Doch wie steht es mit dem politischen Einfluss? Christen weicht aus: «Ich gebe meine Meinung bekannt, wenn sie biblisch eindeutig ist», sagt er. Die Bibel müsse auch in der Politik die zentrale Richtschnur sein.

Christen lädt immer wieder Parlamentarier zu Begegnungen mit Bibelgruppen ein. Nicht ohne Stolz erzählt er, dass schon rund 80 National- und Ständeräte teilgenommen hätten. So vor einiger Zeit auch der Präsident der SP, Christian Levrat, der mit Christen junge Evangelikale in Freiburg besuchte. Er sei aus Neugier gegangen und weil er wenig über Freikirchen wisse, sagte Levrat.

Bibelgruppen in Bundesämtern

Neben seiner Lobbyarbeit im Bundeshaus war Christen an der Gründung von über 200 Gebetsgruppen an Mittelschulen und Universitäten, in Betrieben und Verwaltungen beteiligt. Auch wenn er und die VBG es nicht gern zugeben: Ziel ist die Missionierung breiter Bevölkerungskreise im freikirchlichen Sinn. Christen sucht aber nicht nur Einfluss in den Wandelhallen, seine Bibelgruppen sind auch in der Bundesverwaltung präsent: «In jedem Departement und einigen Bundesämtern ist mindestens eine Gebetsgruppe aktiv.» Er hat 1998 zusammen mit Parlamentariern auch die Arbeitsgruppe «Christ und Politik» − vormals «Vision für die Schweiz» − gegründet. Sie verfolgt das Ziel, engagierte Christen aller Parteien zu vernetzen und das christliche Gedankengut in der Politik zu verankern.

Die meisten Parlamentarier finden nette Worte, wenn sie auf den Bundeshaus-Beter angesprochen werden. Es gibt aber auch kritische Stimmen. Ein CVP-Parlamentarier, der nicht genannt sein will, hat Christen anfänglich bei seinem Engagement unterstützt. Mit der Zeit missfiel ihm jedoch sein ausgeprägter Glaubenseifer. «Christen ist eindeutig freikirchlich ausgerichtet», sagt er und fügt an: «Er liegt oft auf der radikalen Linie von EDU und SVP, die nicht mit dem christlichen Gedankengut vereinbar ist.» Christens Präsenz im Bundeshaus findet er inzwischen penetrant: «Man kommt in den Wandelhallen nicht an ihm vorbei. Er will in der Schweiz eine Gebetsarmee aufbauen. Ich habe Angst, dass sich auf solchen Wegen der christliche Fundamentalismus immer mehr ausbreitet.»

Christen weibelt nicht allein

Der Parlamentarier sagt weiter, viele Kollegen stellten sich gut mit Christen und der Gruppe «Christ und Politik», weil dies Wählerstimmen bringe: «Da braut sich eine unheilige Allianz von Freikirchen zusammen, bei der auch viele SVP-Vertreter aktiv sind.»

Christen ist nicht der einzige Gottes-Lobbyist im Bundeshaus. Jean-Claude Chabloz hat ebenfalls einen Passepartout. Bis vor gut einem Jahr gehörte auch noch Maria Wyss zum Team, doch sie erlitt eine tödliche Krankheit, weshalb sich der freikirchliche Stosstrupp Gottes reduziert hat.

Sie lebte von Licht, bis sie verhungerte

Hugo Stamm am Mittwoch den 25. April 2012
Leben nur von Licht: Dreiwöchiges Fasten und Meditieren bewirken im Körper angeblich einen Umwandlungsprozess und befähigen ihn zur Aufnahme von kosmischem Licht.

Leben nur von Licht: Dreiwöchiges Fasten und Meditieren bewirken im Körper angeblich einen Umwandlungsprozess und befähigen ihn zur Aufnahme von kosmischem Licht.

Sie sass gebannt im Kino und liess sich in eine spirituelle Welt entführen. Der Dokumentarfilm «Am Anfang war das Licht» verhiess den Eintritt in eine neue übersinnliche Dimension. Die erleuchteten Meister und ihre Schüler im Film waren der lebende Beweis, dass Eingeweihte allein von Prana, der göttlichen Energie, leben können. Dazu lieferten Quantenphysiker wissenschaftliche Erklärungen für das Phänomen. Anna Gut* wusste sofort, dass sie ihre langjährige spirituelle Suche mit dem Lichtnahrungsprozess krönen wollte.

Im Film, der 2010 in den Schweizer Kinos lief, traten vor allem zwei Protagonisten auf, die Anna Guts Überzeugung stärkten, wonach spirituell begabte Menschen entgegen der wissenschaftlichen Lehrmeinung ohne Nahrung leben können: der 62-jährige Schweizer Michael Werner, Anthroposoph und Doktor der Chemie, sowie der 83-jährige indische Yogi Prahlad Jani. Beide warteten mit wissenschaftlichen Untersuchungen auf, die angeblich beweisen, dass sie ohne feste Nahrung auskommen. Michael Werner verzichtet laut eigenen Angaben seit 2001 auf Lebensmittel, Prahlad Jani seit 70 Jahren. Ausserdem behauptet der Yogi, auch nicht zu trinken.

Sieben Tage kein Wasser trinken

Anna Gut, eine Mittfünfzigerin aus der Ostschweiz, liess sich nach längerer Vorbereitung auf den Lichtnahrungsprozess ein. Dieser geht auf die 54-jährige Australierin Ellen Greve zurück, die sich als Medium Jasmuheen (Duft der Ewigkeit) nennt. Dreiwöchiges Fasten und Meditieren bewirkten im Körper einen Umwandlungsprozess und befähigten ihn zur Aufnahme von Prana, erklärt sie in ihren Büchern. Der Schädel wachse, die Genstruktur verändere sich, Zirbel- und Hirnanhangsdrüse würden stark anwachsen. Jasmuheen behauptet, selbst seit 1993 vom kosmischen Licht zu leben.

Wer Jasmuheens Anweisungen folgt, nimmt in der ersten Woche nichts zu sich, auch kein Wasser. Anna Gut hielt sich strikt daran. Sogar ihren Speichel spuckte sie aus. Auch Lichtesser wissen, dass es ab dem dritten Tag kritisch wird, doch sie sind überzeugt, die Gefahr der Dehydrierung meistern zu können. Auch Anna Gut überlebte die Rosskur. Für sie ein Beweis ihrer spirituellen Entwicklung. Nach der ersten Woche trank sie wieder, fastete aber wie vorgeschrieben in den Wochen zwei und drei.

Im Winter vor einem Jahr beantwortete sie das Telefon eines Tages nicht mehr

Anna Gut wollte weiterhin nur von Prana leben und sich nicht mit verunreinigten Lebensmitteln kontaminieren. Ihre zwei erwachsenen Kinder machten sich Sorgen, denn ihre Mutter wirkte geschwächt und zog sich immer mehr zurück. Sie sei nun hoch sensibel und spüre ihre Bedürfnisse besser denn je, beruhigte sie die Kinder und versprach, den Prozess abzubrechen, sollte es kritisch werden.

Als sie im Winter vor einem Jahr das Telefon eines Tages nicht mehr beantwortete, suchten die Kinder ihr entlegenes Haus auf. Die Tür war verschlossen, ein Lebenszeichen nicht auszumachen. Gewaltsam drangen sie in das Haus ein. Sie fanden die Mutter in der Stube. Tot. Polizei, Notarzt und Staatsanwalt trafen ein und stellten Untersuchungen an. Später wurde Anna Gut obduziert. Tod durch Verhungern, teilte der Staatsanwalt den Kindern schliesslich mit. Allenfalls begünstigt durch die tiefen Temperaturen im Haus. «Die Strafuntersuchung wurde eingestellt, weil keine Hinweise auf Fremdeinwirkung festgestellt wurden», sagt Staatsanwalt Thomas Bürgi.

Mehrere Todesopfer

Anna Gut ist das erste Opfer des Lichtnahrungsprozesses in der Schweiz. Vor ihr bezahlten aber schon andere Lichtesser ihre Überzeugung mit dem Leben. Im März 1997 starb der 31-jährige Münchner Timo Degen. Die radikale Fastenkur hatte zu einem Kreislaufkollaps geführt. Auch die Neuseeländerin Lani Morris überlebte das Experiment im Juni 1998 nicht. Nach einer Woche Fasten erlitt die 53-Jährige einen Schlaganfall, verursacht durch den Flüssigkeitsverlust. Nach wenigen Tagen starb sie im Spital von Melbourne. «Der Tod eines Menschen steht von vornherein fest, es war somit das Karma der Verstorbenen», erklärte Jasmuheen.

Im September 1999 starb die 48-jährige Australiern Verity Linn in Schottland. Wanderer fanden ihren ausgemergelten Körper an einem See. Aus ihrem Tagebuch ging hervor, dass sie den Lichtnahrungsprozess absolviert hatte. Die Verfechter der Lichtnahrung liessen sich davon in ihrem Glauben nicht beirren. Bei jedem Todesfall fanden sie angeblich Ungereimtes. Die Opfer hätten fahrlässig gehandelt, erklärten sie. Oder: Die Todesumstände seien nicht seriös untersucht worden. Bei Anna Gut ist die Todesursache allerdings eindeutig. Die Ostschweizerin ist vielleicht das erste restlos dokumentierte Opfer der Lichtnahrung weltweit.

Asketen standen nie unter Dauerbeobachtung

Doch radikale Esoteriker glauben den Lichtnahrungsgurus mehr als den warnenden Stimmen, wonach der Körper ohne Nahrungszufuhr gezwungen wird, den Stoffwechsel umzustellen und die Reserven in den Organen und Muskeln anzuzapfen. Der Flüssigkeitsmangel führe ausserdem zur Ansäuerung und bewirke Leberschäden. Das Immunsystem werde geschwächt, und die Gefahr einer Infektion steige. Bei sinkendem Blutzuckerspiegel drohten Lichtesser ins Koma zu fallen; die Unterversorgung des Hirns könne zu Psychosen führen. Die Lichtesser sind jedoch überzeugt, einen Körper entwickelt zu haben, der nicht mehr nach den üblichen physiologischen Kriterien funktioniert.

Sie berufen sich auf die lange religiöse Tradition der Askese und erwähnen Yogis, die jahrelang auf Bäumen sitzen, ohne zu essen. In unserer christlich-abendländischen Kultur werden vor allem Resl von Konnersreuth (Therese Neumann) und Nikolaus von der Flüe angeführt. Nur: Das sind Einzelbeispiele von Personen, die durchwegs asketisch gelebt haben. Ausserdem standen sie nie unter Dauerbeobachtung. Nikolaus von der Flüe beispielsweise war nachts allein in seiner Höhle.

Lichtnahrungsprozess sei unbedenklich, wenn er aus spiritueller Motivation heraus unternommen werde

Der österreichische Regisseur Peter-Arthur Straubinger wehrt sich gegen den Vorwurf, mit seinem Film die Zuschauer zum Lichtnahrungsprozess zu animieren. Obwohl er zugibt, dass die jahrelangen Recherchen seine Einstellung zur Lichtnahrung verändert haben und er an das Phänomen glaubt, versteht er sein Werk als Dokumentarfilm. Zwar lässt er auch einzelne Skeptiker auftreten, doch ihre allgemeinen Aussagen gehen im vielstimmigen Chor der begeisterten Verfechter der Methode unter und wirken wie ein Feigenblatt.

Straubinger bestreitet auch, mit dem Film Propaganda für die Magersucht zu machen. Schliesslich warne er vor leichtfertigen Selbstversuchen. Sein Film enthält allerdings auch die Botschaft, dass der Lichtnahrungsprozess unbedenklich sei, wenn er aus spiritueller Motivation heraus unternommen werde. Wörtlich schreibt er: «Menschen, deren Weltsicht die mögliche Existenz der physischen Nahrungslosigkeit prinzipiell nicht zulässt, müssen meinen Film zwangsläufig als Betrug oder Manipulation abstempeln – weil nicht sein kann, was nicht sein darf.» Damit outet sich Straubinger indes als «Gläubiger» und verlässt den Boden des neutralen Dokumentarfilmers.

Rezept gegen Welthunger

In ihrem Buch «Lichtnahrung» (1998) preist Ellen Greve alias Jasmuheen das göttliche Licht Prana als «Nahrungsquelle für das kommende Jahrtausend». Die Australierin sieht in ihrem Prozess ein Rezept gegen den Welthunger und behauptet, ihre Genstruktur habe sich aufgrund der Lichtkur verändert. Skeptiker boten ihr 30’000 australische Dollar, wenn sie den Beweis antrete und ihr Erbgut untersuchen lasse. Doch sie weigerte sich. Dafür wollte sie unter ärztlicher Aufsicht nachweisen, dass sie ohne Nahrung auskommt. Die begleitende Ärztin brach den Test aber nach wenigen Tagen ab, weil Jasmuheen gefährlich ausgetrocknet war und rasch an Gewicht verlor. Die attraktive Australierin wurde auf ihren Vortragsreisen, die sie auch in die Schweiz führten, wiederholt beim Essen ertappt. Inzwischen haben weit über 10’000 Personen weltweit den Lichtnahrungsprozess gewagt. Viele brachen ihn aber vorzeitig ab, weil sie unter unerträglichen körperlichen oder psychischen Symptomen litten.

Eine andere Frage ist, ob Michael Werner und Yogi Prahlad Jani tatsächlich beweisen können, dass sie ausschliesslich von Licht leben. Werner absolvierte 2004 mit dem Segen der Berner Ethikkommission in einem Spital einen zehntägigen überwachten Selbstversuch. Seither sei bewiesen, dass der Lichtnahrungsprozess funktioniere, behauptete er. Der spektakuläre Test bescherte ihm ein grosses Medienecho und brachte ihm sogar einen Auftritt in der TV-Talksendung «Aeschbacher» ein.

Den Beweis nicht erbracht

Den medizinischen Bericht seines Selbstversuchs hielt Werner allerdings unter Verschluss. Recherchen des TA haben ergeben, dass dieser für Werner ungünstig ausgefallen ist. Der Lichtesser sei in einen Hungerzustand gefallen, wie die Blutwerte einwandfrei beweisen würden. Von Lichtnahrung könne also keine Rede sein, stellte die Expertengruppe fest. Werner habe vielmehr die eigenen Körperreserven angezapft, um die Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Auffällig war auch, dass der stattliche Werner bei der Premiere des Films in Zürich einen deutlichen Bauchansatz zeigte, der auf der Leinwand noch nicht zu sehen war. Mit andern Worten: Er hat trotz angeblichem Dauerfasten deutlich an Gewicht zugelegt. Wie, bleibt offen. Werner war für den TA nicht erreichbar und beantwortete auch die Mails nicht.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit sind auch bei Prahlad Jani angebracht. Sein Fasten liess er in einem indischen Spital testen, mit dessen Direktor er befreundet ist. Der spektakuläre Fall brachte diesem viel Renommee und Gratiswerbung ein. Die Untersuchung liess aber einige Fragen offen. So ist unklar, weshalb der Urinspiegel abnahm, obwohl Jani angeblich kein Wasser löste. Nicht erklärbar sind auch die Schwankungen der Blutwerte.

Psychiater empfand den Lichtnahrungsprozess als «wohl intensivstes Erlebnis meines Erwachsenendaseins»

Bleibt die Frage, ob es strafrechtlich relevant ist, dass der Film die Zuschauer indirekt animiert, den gefährlichen Lichtnahrungsprozess zu absolvieren. Staatsanwalt Thomas Bürgi erklärt, dass der freie Entscheid bei den Kinobesuchern liege, ob sie den Film anschauen wollten. Es liege danach in ihrer Verantwortung, sich mit dem Inhalt kritisch auseinanderzusetzen.

Der eifrigste Schweizer Lichtnahrungs-Verfechter war lange Zeit der ehemalige Basler Chefarzt Jakob Bösch. Der 69-jährige Psychiater hat den Lichtnahrungsprozess selbst absolviert und beschreibt seine Erfahrungen in einem Buch von Jasmuheen. Aufschlussreich ist der Titel seines Kapitels: «Eine neue Form von Psychotherapie und spirituellem Wachstum.» In einer akademisch geprägten Landschaft wolle er damit ein Signal setzen, «dass das Weltbild der newtonschen Physik nicht genügt», erklärte Bösch. «Der Prozess wurde wohl zum intensivsten Erlebnis meines Erwachsenendaseins.»

Erfinderin distanziert sich inzwischen von radikaler Fastenkur

Und wie kommentiert der Psychiater den Tod von Anna Gut? «Das Ganze liegt nicht mehr in meinem engeren Interessenbereich. Ich befasse mich nicht mehr damit», lautet seine Antwort. Allein, unvorbereitet und heimlich den Lichtnahrungsprozess zu wagen, halte er für ähnlich unverantwortlich wie heimlich und allein in Sommerkleidern und Sandalen einen Viertausender zu besteigen.

Damit liegt er auf der Linie, die neuerdings auch die Erfinderin des Lichtnahrungsprozesses vertritt: Jasmuheen distanziert sich inzwischen von der radikalen Fastenkur. Offenbar ist ihr die Sache selbst unheimlich geworden.

* Name geändert.

Kulturkampf der religiösen Fanatiker

Hugo Stamm am Dienstag den 17. April 2012
Timbuktu, 11. April 2012.

Verblendete Freikirchler riskieren ihr Leben, wo alle anderen flüchten: Familien bereiten sich darauf vor, Timbuktu zu verlassen, 11. April 2012.

Timbuktu ist eine faszinierende Wüstenstadt mit einer langen Geschichte. Nicht nur der Name löst träumerische Fantasien aus, die Lehmstadt am Südrand der malischen Sahara wirkt wie ein verwunschener und geheimnisvoller Ort. So jedenfalls präsentierte sich mir der vom Sand bedrohte Ort vor über 20 Jahren.

Die Zeiten, in denen sich Karawanen in Timbuktu von den Strapazen erholten, sind längst vorbei. Heute ist Timbuktu eine umkämpfte Stadt. Sie ist im Würgegriff der islamistischen Bewegung Ansar Dine. Das Wüstenvolk der Tuareg hat zwar die Unabhängigkeit über den Norden Malis ausgerufen, doch gegen die Islamisten sind sie im Hintertreffen.

Islamisten haben am Sonntag eine 40-jährige Schweizerin gewaltsam entführt. Tuareg haben zuvor alle Europäer in Sicherheit gebracht. Die Schweizerin schloss sich nicht an. Sie wollte ihre Mission zu Ende führen.

Eine Mission, von der sie glaubt, sie von Gott erhalten zu haben. Diese Mission heisst Mission. Ihr Auftrag: Moslems missionieren. Denn die Endzeit kann erst anbrechen, wenn alle Menschen vom Evangelium gehört haben und die Wahl hatten, sich für oder gegen Gott zu entscheiden.

Katholiken und Protestanten missionieren nicht in gefährlichen Gebieten. Freikirchler hingegen glauben, einen besonderen Applaus des Himmels zu erhalten, wenn sie ihr Leben für Gott oder seinen Auftrag riskieren. Deshalb besteht auch kein Zweifel, dass die gekidnappte Schweizerin eine freikirchliche Missionarin ist.

Die Mission in Gebieten, die von Islamisten kontrolliert werden, ist brandgefährlich. Die Fanatiker dulden keine Christen. Jährlich werden mehrere hundert freikirchliche Missionare aus aller Welt von islamischen Extremisten angegriffen, in ihre Gewalt genommen oder ermordet. Das hält die Missionare aber nicht ab, weiterhin ihr Leben zu riskieren. Viele wiegen sich im falschen Glauben, von Gott beschützt zu werden.

Tuareg-Soldaten in Mali.

Die Missionarin verweigerte die Evakuierung: Tuareg-Kämpfer in Mali. (Keystone)

So kommt es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen. Mitschuldig machen sich auch Missionswerke wie «Jugend für eine Mission» und «Operation Mobilisation», die Gläubige zu Missionstätigkeiten in islamischen Gegenden motivieren. Wenn freikirchliche Missionare glauben, in Gebieten, die von Islamisten kontrolliert werden, auch nur eine islamische Seele zu retten, sind sie hoffnungslos verblendet. Dann zeigen sie eine ähnlich extreme religiöse Haltung wie Islamisten.


Gläubige haben es in der Ehe nicht besser

Hugo Stamm am Samstag den 7. April 2012

Die Postmoderne meint es schlecht mit Strenggläubigen aller Buchreligionen. Die Säkularisierung in vielen Lebensbereichen arbeitet ihren Dogmen entgegen. Während sie laufend Mauern bauen, um den Einbruch ihrer moralischen, ethischen und religiösen Grundsätzen zu verhindern, bröckelt das Fundament bedrohlich ab. 

Eine zentrale Bruchstelle ist auch die Ehe. Diese Institution ist Strenggläubigen heilig. Familien sind die Zellen der Glaubensgemeinschaften und der Hort, der den Nachwuchs zu sichern hat. Was Gott zusammengefügt hat, darf der Mensch nicht trennen, lesen wir folgerichtig in der Bibel. Ein Grundsatz, dem Gläubige nachzuleben versuchen. 

Nun lässt sich streiten, ob Gott bei der Partnersuche tatsächlich Regie spielt. Biologen führen eher evolutionäre Argumente an. Frauen achten stark darauf, die besten Gene für die Aufzucht zu selektionieren. Auch Soziologen halten sich lieber an wissenschaftliche Erkenntnisse denn religiöse. Sozialer Status und wirtschaftliche Potenz spielen bei der Partnersuche eine wichtige Rolle, denn die Existenzsicherung ist ein wichtiges Kriterium bei der Partnerwahl. 

Da sich Strenggläubige mit wissenschatlichen Erkenntnissen oft schwer tun, weil sie im Widerspruch zu biblischen Aussagen stehen, klammern sie sich lieber ans Bild der heiligen Ehe. So heilig scheint diese Institution aber nicht (mehr) zu sein. Hansjörg Forster, der den Arbeitszweig FamilyLife der freikirchlichen Bewegung Campus für Christus leitet, macht düstere Prognosen. Er muss es wissen. FamilyLife betreibt quasi christliche Familienpolitik und führt unter anderem Eheseminare durch. Der christliche Spezialist für Ehe- und Familienfragen hat festgestellt, dass Scheidungen bei Gläubigen ähnlich häufig vorkommen wie bei säkular orientierten Paaren, wie er dem freikirchlich ausgerichteten Magazin Idea/Spektrum erklärte. 

Irgend etwas läuft da offensichtlich schief. Entweder sind Strenggläubige nicht die besseren Eheleute, obwohl sie von sich glauben, von Gott geführt oder begleitet zu werden. Oder ihr Glaube, Gott habe ihrer Ehe den Segen gegeben, auf dass der Mensch sie nicht mehr trenne, ist ein Mythos.   

Noch schwerer wiegt für Strenggläubige der Umstand, dass sich selbst freikirchliche Leitungspersonen, die glauben, in besonderer Gnade von Gott zu stehen, immer öfter scheiden, wie Forster bestätigt. Er macht überhöhte Ideale dafür verantwortlich. “Vielfach sind die Gründe aber auch vergleichbar mit nichtchristlichen Paaren: Druck und Stress im Leben, mangelnde Kommunikation”, sagt der Ehespezialist.  

Kurz: Gläubigen hilft der Glaube wenig, wenn es darum geht, die Tücken des Lebens zu meistern. 

Ich wünsche allen frohe Ostern – und inspirierende stabile Beziehungen. Mit Gott oder ohne. 

Ein Gott der Gottlosen

Hugo Stamm am Mittwoch den 28. März 2012

Der folgende Text stammt von meinem Redaktionskollegen von Michael Meier.

«Jesus wurde als politischer Revolutionär verurteilt, obwohl er es nicht war!»: Der Theologe Hans Küng hat ein Buch über Jesus geschrieben. Bild: Keystone

«Jesus wurde als politischer Revolutionär verurteilt, obwohl er es nicht war!»: Der Theologe Hans Küng hat ein Buch über Jesus geschrieben. Bild: Keystone

Der Jesus der Evangelien war anstössiger, als Kirche und Dogma es wollen: Zu diesem Schluss kommt der Theologe Hans Küng.

Die Spitzenaussage in Hans Küngs Buch lautet: Jesus verkündete «den Gott nicht der Gottesfürchtigen, sondern den Gott der Gottlosen». Ein Gott nicht der Gesetzesfrommen, sondern der Gesetzesbrecher, und das bedeutet eine «ungeheure Revolution im Gottesverständnis». Jesus erregte Anstoss, weil er sich mit den Randexistenzen der Gesellschaft, mit den Verfemten, Diskriminierten und Deklassierten eingelassen und sich in «schlechte Gesellschaft» (Adolf Holl) begeben hat. Ganz und gar parteiisch stellte er sich auf die Seite der Armen und Zukurzgekommenen.

Umgekehrt sind Jesus die Frommen, die erbarmungslos gegen die versagenden Brüder vorgehen, die ärgsten Feinde geworden. «Ihnen, nicht den grossen Sündern, gelten die meisten Gerichtsworte der Evangelien.» Die Gesetzesfrömmigkeit der Pharisäer, so schreibt Küng, sei gerade nicht massgeblich für das Heil. Jesus war auch kein Gesetzgeber, der allgemeine moralische Prinzipien proklamierte. Indem er Gnade vor Recht stellte, stellte er das religiöse Establishment, Tempelliturgie und Gesetzesfrömmigkeit, radikal infrage. Insofern war «Jesu Botschaft zweifellos revolutionär». Ein Sozialrevolutionär oder politischer Agitator aber war er nicht.

Abgrenzung von Benedikt XVI.

Küng führt dem Leser einen unbequemen, unangepassten, aber auch kaum einzuordnenden Jesus vor Augen. Er bringt den konkreten Jesus von Nazareth und seine ursprüngliche Botschaft zum Vorschein. Und macht damit die Diskrepanz zu dem offensichtlich, was das Dogma aus ihm gemacht hat – und auch dazu, wie ihn die hierarchische Kirche repräsentiert. Damit wählt der Theologe einen diametral anderen Zugang zu Jesus als Benedikt XVI. in seinen beiden Jesus-Büchern von 2007 und 2011. Der Papst präsentiert einen verkirchlichten und vergöttlichten, also gewissermassen einen domestizierten Christus. In Ratzingers Zugang von oben erscheint Jesu Sein stets im Lichte Gottes.

Küng weiss, dass man sein Buch mit den Jesus-Büchern von Papst Benedikt vergleichen wird. Und er zieht im Vorwort ein selbstbewusstes Fazit: «Wer im Neuen Testament den dogmatisierten Christus sucht, lese Ratzinger, wer den Jesus der Geschichte und der urchristlichen Verkündigung, lese Küng.» Die beiden ehemaligen Tübinger Dogmatik-Professoren bedienen sich auch ganz verschiedener Methoden. Ratzingers Jesus-Bild von oben ist vom Dogma der hellenistischen Konzilien des 4. und 5. Jahrhunderts inspiriert. Er nimmt die Evangelien wörtlich und verdinglicht innere Heilswahrheiten zu objektiven Glaubensgegenständen.

Küng wirft Ratzinger vor, bei allem Lippenbekenntnis zur historisch-kritischen Methode deren für die Dogmatik unbequeme Ergebnisse zu ignorieren. Für ihn sind diese indessen bei der Lektüre des Neuen Testaments von unten unabdingbar. Küng unterscheidet stets zwischen dem historisch Gegebenen und der gläubigen Interpretation durch die biblischen Autoren. Die Evangelien sind keine Biografie Jesu, sie beschreiben keine Entwicklung und kein Charakterbild. Sie sind keine Dokumentarberichte, sondern engagierte Glaubenszeugnisse. So ist für Küng etwa die physische Gottessohnschaft eine nachösterliche Interpretation. Im Unterschied zu Ratzinger ist er der Meinung, dass sich Jesus selber keinen einzigen Hoheitstitel – wie Sohn Gottes, Christus, Messias – zugelegt hat. Auch wenn sein ganzes Tun und Lassen einen messianischen Anspruch erhoben habe. Für Küng ist klar: Jesus verkündete nicht sich selber, sondern das nahende Reich Gottes.

Metaphorische Auferweckung

Freilich sind dies nicht Küngs alleinige Erkenntnisse, sondern Ergebnisse der 300-jährigen Jesus-Forschung. «Das Neue Testament ist das bestuntersuchte Buch der Weltliteratur», das weiss auch Küng. So trägt er zu einem stimmigen Jesus-Bild zusammen, was allgemein an den theologischen Fakultäten gelehrt wird. Darüber hinaus ist sein Jesus-Buch eine aktualisierte Version des 1974 veröffentlichten Werkes «Christ sein», das er selber als Zentrum seiner Theologie bezeichnet. Indem er diesmal auf Anmerkungen, exegetische und theologische Erklärungen verzichtet, präsentiert er ein gut lesbares Jesus-Buch.

Eindrücklich arbeitet Küng Jesu dramatischen Grundkonflikt mit der religiösen Hierarchie und der pharisäischen Frömmigkeit heraus. Jesus hat in dieser Sicht seinen Tod provoziert: «Seine Passion war Reaktion der Hüter von Gesetz, Recht und Moral auf seine Aktion.» Er wurde wegen messianischer Anmassung angeklagt und als Irrlehrer verurteilt, «der das Gesetz und die gesamte religiös-gesellschaftliche Ordnung vergleichgültigte». Auch als Gotteslästerer, der «den hohen und gerechten Tora- und Tempelgott zu einem Gott der Gottlosen und Hoffnungslosen erniedrigte». Küng zeigt, wie dann die römische Besatzungsmacht Jesu messianischen Anspruch in einen politischen Herrschaftsanspruch verdrehte. Der politische Konflikt mit der römischen Autorität ist nur eine Konsequenz des religiösen Konflikts mit der jüdischen Hierarchie: «Jesus wurde als politischer Revolutionär verurteilt, obwohl er es nicht war!»Behutsam nähert sich der Theologe dem, was die Evangelien als Auferweckung voraussetzen, aber nicht beschreiben. Der Osterglaube, dass der Gekreuzigte «als Verpflichtung und Hoffnung für uns» für immer bei Gott lebt, sprengt den Welt- und Denkhorizont. Die Auferweckung ist ein metaphorischer Terminus. Küng zufolge meint Auferstehung gerade «kein Weiterleben» und «keine Fortsetzung des raumzeitlichen Lebens», sondern neues Leben und Neuschöpfung, Aufnahme in die letzte Wirklichkeit, in Gottes Herrlichkeit. An diese Wirklichkeit des Auferweckten aber vermag allein der Glaube heranzukommen.

Hans Küng: Jesus. Piper-Verlag. München 2012. 304 S. 28.90 Fr.

Es war einmal eine Apokalypse

Hugo Stamm am Montag den 19. März 2012

Diesen Impuls-Artikel hat unser Blogger Felix Brunschwiler (Hypatia) verfasst. Vielen Dank.

Filmplakat des Endzeitfilms «2012».

Die 2012-Prophetie hat wohl viel mehr Verrückte in den Bann gezogen, als wir uns vorstellen können: Filmplakat des Endzeitfilms «2012» (Roland Emmerich).

Geniesse das Leben noch, solange du kannst, denn am Ende dieses Jahres werden wir alle tot sein!
Frag das nur mal Patrick Geryl*, den Untergangsdenker und Oberphantasten aus Antwerpen, einer der führenden Köpfe der europäischen 2012-Bewegung. Auf seiner website ** wird dir schlagartig klar, worum es geht. Das Ende naht!

Es beginnt mit einem gigantischen koronalen Massenauswurf auf der Sonne am 19. oder 20. Dezember 2012. Er wird das magnetische Feld der Erde derart schwer stören, dass sich unser Planet urplötzlich in entgegengesetzter Richtung durch den Raum drehen und die Sonne am 21. Dezember statt im Osten im Westen aufgehen wird. Das brüske Manöver werden wir nicht überleben, es sei denn, wir gehörten zu den 5000 Auserwählten, die sich früh genug auf der afrikanischen Hochebene versteckt halten. Bei uns in Europa und allen anderen Orten auf dieser Erde werden ausser Naturkatastrophen auch sämtliche Kernreaktoren durch Kernschmelze zerstört und 99 Prozent des bewohnbaren Landes verstrahlen. Wir müssten also weit genug fliehen können, wenn wir denn noch Zeit dazu hätten. Für Patrick Geryl ist klar: Als Fluchtpunkt für das Überleben kommt nur die afrikanische Hochebene in Frage.

Glaubt er das wirklich? – Er glaubt das wirklich, und er ist nicht der einzige. Die 2012-Prophetie hat wohl viel mehr Verrückte und solche, die sich dafür halten, in den Bann gezogen, als wir uns vorstellen können. Hollywoodregisseur Roland Emmerich machte selbst einen Film darüber, nicht über den Wahnsinn, nein, aber über die Katastrophe.

Die Vorhersage der Mayas wird selbstverständlich nicht stattfinden, aber mit der Klimaerwärmung scheint uns doch eine reale Katastrophe apokalyptischen Ausmasses zu erwarten…

Sind wir emotional abhängig vom Untergang? Gibt es nicht zu denken, dass wir es uns angewöhnt haben, Katastrophenphantasien zu konsumieren, ja, konsumieren zu wollen? Wir geniessen sie, wir verlangen danach und wehe, wenn jemand den Ernst der Sache zu relativieren beginnt! Das wollen wir nicht. Wie wenn wir kleine Kinder wären, die immer und immer wieder dasselbe Märchen von der bösen Hexe hören wollen…

Aber auch die Medien, die Politik und die Wissenschaften sorgen dafür, dass der Strom an Unheilsnachrichten nicht versiegt. Zusammen schreiben sie am Mythos vom Weltenende, dem grössten anzunehmenden Crash. Die Geschichten, die uns das Fürchten lehren, wir lesen sie allmorgentlich in der Zeitung und sehen sie in der Tagesschau.

Schau dich doch nur mal um! Das Klima, die Umwelt, die Weltbevölkerung, die Demokratie, die Ökonomie, Europa, die Vergreisung oder die Biodiversität, was auch immer, wähl Dir eins aus und stelle Dir die Frage: Gibt es da etwas, wovon wir glauben, dass es sich innerhalb absehbarer Zeit noch zum Guten entwickeln wird? – Eben.

Das Klima ist am Arsch, die Umwelt verwüstet, die Weltbevölkerung explodiert, und die Demokratie ist in Gefahr, unser ökonomisches System steht vor dem Absturz, Europa droht auseinanderzufallen, die Menschen hier werden älter und älter und mit der Artenvielfalt ist es sowieso aus und vorbei. Oh! Vergessen wir das Ärgste nicht! Bald, wenn die Muslime uns alle unterworfen haben werden, gilt auch in unserem Land die Scharia!

Einverstanden, ich übertreibe, aber achte mal darauf, wie oft der eine oder andere Experte meint, es sei nicht «fünf vor zwölf», sondern schon «fünf nach zwölf»!

Mit Angst gewinnst du Wähler für Politiker, Leser für Zeitungen, Stiftungen für Wissenschaftler. Ja, auch das gibt es, wie der Britische Philosoph Simon Blackburn einmal meinte: «Früher durften die Klimatologen froh sein mit einem Stuhl im Besenkasten der naturwissenschaftlichen Fakultät, heutzutage fliegen sie jedes Jahr mindestens zehn Mal Erste Klasse rund um die Welt.»

Niemand Vernünftiger wird heute leugnen wollen, dass unsere Welt zahlreiche ernste Probleme aufweist. Aber auch Fachleute sind da nicht immer vor der Gefahr geschützt, gewaltig zu übertreiben. – Es scheint jedenfalls nicht falsch zu sein, ein gewisses Misstrauen zu bewahren. Aber tun wir das auch? – Es wird schon nicht so schlimm kommen, nein, es wird noch viel schlimmer!

Der Weltuntergang war noch nie so nah wie heute. Andererseits ging es uns noch nie so gut. Es ist unser Wohlstand, der wenigstens teilweise die Situation zu erklären vermag: Wir haben Zeit und Möglichkeiten, unsere Gesellschaft hyperkritisch gegen das Licht zu halten. Wir starren auf die Gefahren und vergessen dabei die Sicherheit, die sie uns bietet. Ein Psychotherapeut würde uns anraten: Erinnere dich doch ab und zu der Segnungen unserer Zivilisation!

Es ist die Evolution, die uns mit «bad news bias»*** belastet. Unsere Sicht auf die Welt ist von Natur aus negativ überzeichnet. Evolutionär gesehen ist das die erfolgreichere Strategie. Wer auf die möglichen Gefahren achtet, hat die grösseren Chancen zu überleben als derjenige, der sich sorglos in Sicherheit wähnt. Es ist diese instinktive Bevorzugung des Übleren, die uns an das Märchen vom Weltenende glauben lässt.

1999 erschien das äusserst interessante Buch Apocalypses, worin deutlich wird, welche Vorteile das apokalyptische Denken in sich birgt. Der amerikanische Geschichtswissenschaftler Eugen Weber legt darin aus, wie der Glaube an die biblische Endzeit oft der Motor für den Fortschritt war. Zahlreiche Entdeckungsreisende und Wissenschaftler, darunter Christoph Columbus und Isaac Newton, waren Anhänger des Millenarismus und fanden darin ihre Motivation für ihr Tun. Was die Apokalypse für unsere Vorfahren war, ist der Kulturpessimismus für uns Heutige: Jedes Untergangsszenario ist eine säkulare Improvisation des stets wiederkehrenden Themas. Und auch wir gewinnen daraus einen Vorteil: Wegen des Klimaalarms werden wir endlich erlöst werden von unserer Abhängigkeit vom Erdöl. Weil wir zeitig genug Vorsorge gegen Vogelgrippe und Schweinepest getroffen haben, wird eine Grippepandemie vermieden werden können. Weil wir panische Angst haben vor einer ökonomischen Implosion haben, wird der Euro gerettet und Europa weiter zusammenwachsen.

Apropos Apokalypse. Weist nicht gerade die Ökologie religiöse Züge auf? Entdecken wir in der Klimageschichte nicht eine biblische Struktur? Am Anfang lebten wir im Garten Eden, eins mit der Natur, doch dann, vermutlich so etwa vor 6000 Jahren bissen wir in den Apfel des Baumes der Erkenntnis, wir entdeckten Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie, und da verfielen wir der Sünde und fingen an, die Erde auszubeuten und zu verschmutzen. Nun tun wir eiligst Busse – mit dem Kauf von Sparlampen! Welches wird der nächste evolutionäre Schritt sein, den die Menschheit tut? Wird das Jüngste Gericht erscheinen, wenn wir die Erde endgültig zerstört haben werden, wie die Bibel verheisst, oder wird uns ein neues Denken vor dem Untergang bewahren? Wo ist das Heilsversprechen eines evolutionären Humanismus‘, der sich der Erde verdankt?

Gott ist tot. Es ist der Mensch, der sich das alles antut. Es ist auch sein Hochmut, der vermeint, er sei der Verursacher des Untergangs. Als ob der Mensch tatsächlich imstande wäre, den Planeten zu verwüsten! Der Planet hat schon viel Schlimmeres erduldet.

Das Schwarzsehen scheint zur Condition humaine zu gehören. Doch gemach! Ist es denn wirklich so, dass alles schlechter wird? Ist die Welt nicht doch besser geworden? Warum will niemand die gute Botschaft und alle nur die schlechten Nachrichten hören?

Sogar Afrika, dieser riesige Kontinent, an den wir nur mit Sorge denken, macht Fortschritte. Die Revolutionen in Libyen und Ägypten versprechen Demokratie. Die Geburtenziffer senkt sich und das ökonomische Wachstum zieht an. – Was das betrifft, hat unser Untergangsdenker aus Antwerpen, Patrick Geryl, mit seiner Flucht auf’s Afrikanische Hochland doch die richtige Wahl getroffen: Wenn wir in einem Jahr tot und verschwunden sind, befindet er sich auf dem Kontinent der Zukunft.
* Patrick Geryl (1955) ist ein Autor aus Antwerpen. Geryl publizierte verschiedene Bücher mit eigensinnigen Theorien und Voraussagen. So etwa zeigte er sich in seinem Buch «A new Space-Time Dimension» aus dem Jahr 1979 als Gegner der Relativitätstheorie.
**http://www.howtosurvive2012.com/htm_night/home.htm
*** bad news bias: http://rhetorica.net/bias.htm

Bischof Huonder betreibt Apartheid mit Geschiedenen

Hugo Stamm am Mittwoch den 7. März 2012
Was Gott gebunden hat, darf der Mensch nicht trennen: Bischof Vitus Huonder.

«Was Gott gebunden hat, darf der Mensch nicht trennen»: Bischof Vitus Huonder. (Bild Keystone)

Am kommenden Sonntag wird der Churer Bischof Vitus Huonder während den Gottesdiensten einen Hirtenbrief verlesen lassen, der manche Atheisten mehr freuen dürfte als viele Katholiken. In einem Schreiben an seine Gläubigen macht der Vorsteher der Diözese klar, dass geschiedene Gläubige Menschen zweiter Klasse sind. Zumindest was ihre Stellung und Wertschätzung innerhalb der katholischen Kirche betrifft. Denn die Vikare und Pfarrer werden von der Kanzel verkündigen, dass Geschiedene, die wieder geheiratet haben, den Sakramenten, vor allem der Eucharistie, fernbleiben müssen. Mit ihrer zweiten Heirat haben sie quasi die Gnade des heiligen Sakraments verwirkt.

Huonder weiss zwar: «Jede Ehescheidung ist ein menschliches Drama.» Trotzdem bestraft er Betroffene, die für den Rest des Lebens nicht Single bleiben wollen. Dies, obwohl ihm klar ist, dass knapp die Hälfte der Ehen geschieden wird. Er brandmarkt also jeden zweiten Gläubigen und stösst ihn aus der Gemeinschaft.

Warum tut Bischof Huonder das? Für ihn ist die Ehe unauflöslich. Deshalb gäben nur Getrennte und Geschiedene, «welche allein bleiben, ein kostbares Zeugnis für die Unauflöslichkeit der Ehe ab». Huonder beruft sich auf Markus 10, 9-12: «Was Gott gebunden hat, darf der Mensch nicht trennen.» Nur: Es ist eine ziemliche Anmassung zu behaupten, Gott habe Ehepaare gebunden. Wenn er es denn täte, würde er einen ziemlich schlechten Job machen, zerbrechen doch die Hälfte seiner Bindungen. Laut Huonder leben wiederverheirateten Geschiedenen in schwerer Sünde.

Doch was ist mit den vielen katholischen Geistlichen, die Kinder missbrauchen, heimlich eine Geliebte haben, mit ihnen Kinder zeugen, Herr Huonder? Leben diese nicht in viel schwererer Sünde? Wie halten Sie diese von den Sakramenten fern? Gar nicht, denn diese dürfen die Wandlung sogar vollziehen und die Kommunion austeilen. Wie wollen sie den Geschiedenen diese Bigotterie erklären?

Sie hätten sich auch auf eine andere Bibelstelle abstützen können, um den Geschiedenen Trost zu spenden und sie aufzumuntern, die Sakramente zu empfangen, Herr Huonder. So sagte Jesus zu einer Ehebrecherin: «Hat dich keiner verurteilt … Auch ich verurteile dich nicht.» (Johannes 8, 10-11) Womit klar ist, dass jeder das aus der Bibel herauspicken kann, was seinem Weltbild, seiner religiösen Ausrichtung und seiner politischen Färbung entspricht. Somit geben Sie einmal mehr ein Müsterchen ihrer reaktionären Haltung ab. Wo bleibt Ihre Menschlichkeit, wo die Barmherzigkeit, wo die christliche Nächstenliebe?

Die reine Lehre ist Ihnen und vielen alten Herren in hohen Kirchenämtern wichtiger als Seelsorge. Der Widerspruch zur Haltung von Jesus, wie sie im Neuen Testament zum Ausdruck kommt, könnte grösser nicht sein. Somit entfernen Sie und ihre Gesinnungsgenossen vom rechten Kirchenrand sich meilenweit vom Geist ihres Religionsgründers.

Doch nicht genug: Ist ein Katholik, der seine Frau prügelt und fremdgeht, ein würdigerer Katholik als ein Geschiedener, der von seinem Partner verlassen worden ist? Wie, Herr Huonder, wollen Sie sicherstellen, dass die sündigen Gläubigen nicht trotz des Verbots zur Kommunion gehen? Wollen Sie ihnen ein Kirchenverbot auferlegen? Oder ihnen gar ein Kreuz – natürlich kein christliches – auf die Stirn tätowieren? Und was passiert mit wiederverheirateten Geschiedenen, die trotz des Verbots das Sakrament empfangen? Entheiligen diese die Kommunion? Begehen sie eine Todsünde?

Zum Schluss: Weshalb soll dieser Hirtenbrief manche Atheisten freuen, wie eingangs erwähnt? Mit diesem Schreiben an die Gläubigen verstossen Sie viele Gläubige und fördern die Säkularisierung der Gesellschaft ganz im Sinn der Religionsskeptiker. Man könnte es auch so formulieren: Sie arbeiten tüchtig an der Auflösung der katholischen Kirche als Volkskirche mit. Wetten, dass sich Jesus auf die Seite der Gläubigen schlagen und ob der vatikanischen Kirchenpolitik die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde.

Breitseite der Scientologen gegen Psychiater

Hugo Stamm am Donnerstag den 1. März 2012
Dicke Post: Diese DVD macht von sich reden.

Dicke Post: Dieses flammende Pamphlet gegen Seelenärzte macht von sich reden.

Zahlreiche Kindergärten, Schulen, Behörden und Politiker im Kanton Zürich haben in letzter Zeit alarmierende Post von der Bürgerkommission für Menschenrechte CCHR bekommen. Das Couvert enthielt eine DVD mit martialischem Titel: «Psychiatrie – Die Todesfalle». Etliche Empfänger waren ratlos. Von einer Bürgerkommission hatten sie noch nie gehört. Der 90-minütige Film gab auch keinen Aufschluss. Einen Hinweis auf den Urheber fand erst, wer die beigelegte Broschüre genau studierte. Auf einer der letzten Seiten steht: «Die CCHR wurde 1969 von Mitgliedern der Scientology-Kirche und Dr. Thomas Szasz gegründet.»

Die DVD ist ein flammendes Pamphlet gegen Seelenärzte und Pharmaindustrie. Im Film mit dem Untertitel «Wie Psychopharmaka Ihr Kind töten können» schwingt permanent die Botschaft mit, dass alle Kinder, denen Antidepressiva und vor allem Ritalin gegen das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS verschrieben werden, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt werden. Laut CCHR betrifft dies 20 Millionen junge Menschen.

Bild einer skrupellosen Industrie

Eltern, die keine Erfahrung mit psychischen Krankheiten haben, erhalten tatsächlich den Eindruck, Psychiater betrieben einen vorsätzlichen Massenmord. Mit stereotypen Klischees wird das Bild einer skrupellosen Gesundheitsindustrie gezeichnet. Hauptfigur des Films ist Matthew Steubing. Der junge Amerikaner nahm sich mit 18 Jahren das Leben. Er litt unter einer schweren Depression, weshalb ihm sein Arzt Psychopharmaka verschrieb. Nach dem Tod von Matthew begann seine Mutter zu recherchieren und gelangte zur Überzeugung, dass die Medikamente zu hundert Prozent verantwortlich für den Suizid ihres Sohnes waren. Sie interviewte Leidensgenossinnen und Pharmakritiker und machte daraus den Film. Die DVD ist nach dem üblichen Strickmuster von Scientology gefertigt. So enthält der Film keine wissenschaftlichen Erklärungen oder Gegenstimmen. Er zieht auch nicht in Betracht, dass die psychischen Krankheiten Ursache für die Suizide sein könnten.

Hass auf die Fachärzte

«Es ist ein übler Propagandafilm», sagte eine Zürcher Lehrerin gegenüber dem TA. «Eltern, die nicht realisieren, dass Scientologen dahinterstecken, können verunsichert werden und die Medikamente bei ihren Kindern absetzen. Das kann die Suizidgefahr erhöhen.»

Es ist kein Zufall, dass die Scientologen vor allem Schulen und Lehrer bei ihren Kampagnen ins Visier nehmen. Tatsächlich wird unaufmerksamen Schülern immer häufiger Ritalin verschrieben. Für CCHR ist das ein Verbrechen an den Kindern. Die Organisation behauptet denn auch, es handle sich um die Vermarktung erfundener Krankheiten. Am Schluss des Films werden die Betrachter aufgefordert: «Besorgen Sie sich Fakten. Retten Sie ein Kind.»Geistiger Vater der Bürgerkommission ist Ron Hubbard. Der Gründer von Scientology schrieb: «Das grösste Verbrechen unserer Zeit ist der Gebrauch von Psychologie und Psychiatrie.» Politiker würden Psychiater unterstützen. Dazu Hubbard: «Mörder scharen sich gern um Mörder.» Ausserdem beschimpfte der Sektenführer die Fachärzte als «verrückte und tötende Psychiater». Der Hass auf Psychologen und Psychiater geht darauf zurück, dass diese Hubbards Pseudotherapien scharf kritisierten. So schrieb beispielsweise der bekannte Psychoanalytiker Erich Fromm schon 1950, Hubbard leiste sich übermässige Vereinfachungen, Halbwahrheiten und platte Absurditäten, der Scientology-Gründer betrachte den Menschen als eine Maschine. Um sich zu rächen, bekämpfen Scientologen seit über 40 Jahren die Psychiatrie.

Ableger auch in Zürich

In der Bürgerkommission für Menschenrechte CCHR engagieren sich hauptsächlich Scientologen, die den Kampf gegen die Psychiatrie im Namen ihres Sektengründers Ron Hubbard führen. Ein Ableger ist auch in Zürich aktiv, er organisiert regelmässig Informationsstände beim Pestalozzi-Denkmal, das nächste Mal am kommenden 3. März. CCHR hat in Zürich vor ein paar Jahren eine Demonstration organisiert, bei der Scientologen Transparente mit den Slogans «Psychiater zerstören Leben», und «Psychiater, fresst eure Pillen selber» in die Höhe hielten. Gemäss Felix Affolter, dem Präsidenten von CCHR Schweiz, umfasst die Kommission mehr als 350 Büros in 31 Ländern, welche die Psychiatrie überwachen würden. Wie viele DVDs die CCHR verschickt hat, kann er nicht sagen. Der Film zeige, «wie verheerend – und sogar tödlich – sich die Verabreichung von Psychopharmaka auf Kinder und Familien auswirken kann».

Warum lässt uns Gott im Ungewissen?

Hugo Stamm am Mittwoch den 22. Februar 2012
Für Kant war vor allem der gute Lebenswandel zentral, nicht die Religion: Ausschnitt eines Porträts von Immanuel Kant.

Für Kant zeigte sich Gottgefälligkeit vor allem durch einen guten Lebenswandel und nicht durch «Religionswahn»: Ausschnitt eines Porträts von Immanuel Kant.

Den folgenden Impuls-Text hat Ruedi Schmid (Optimus) verfasst. Herzlichen Dank.

Das Phänomen beschäftigt die Menschen seit je: Wenn Gott sich offenbaren würde, wäre der ewige Streit um den richtigen Glauben ein für alle Mal gelöst. Er müsste nur an einem international übertragenen Anlass seinen Glauben verkünden. Warum uns Gott diesen Glaubensfrieden nicht gönnt, ist unverständlich. Entweder will er nicht, kann er nicht, oder er existiert nicht. Einstein hatte noch eine andere Erklärung dafür: «Gott kann man niemals verstehen, sondern nur sein Werk bewundern.»

Wenn Gott der Schöpfer ist, offenbart er sich durch sein Werk. Dabei funktioniert sein Werk ohne göttlichen Einfluss durch vorgegebene Naturgesetze. Auch Zufälle entstehen durch solche Naturgesetze, die lediglich wegen unpräzisen Faktoren keine Vorhersage ermöglichen. So ist beispielsweise eine gewürfelte Zahl durch die Ausgangslage des Würfels und die Wurfbewegung im Voraus bestimmt. Selbst das Argument von Aristoteles, dass es Gott als erste Ursache geben muss, ist durch die Entdeckung geschlossener Kausalitätsketten hinfällig.

Dazu Stephen Hawking: «Es passt vollkommen zu alldem, was wir wissen, wenn wir sagen, dass es ein Wesen gibt, das für die Gesetze der Physik verantwortlich ist.» Und zur Schöpfung sagte er: «Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen. […] Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es statt dem Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren.»

Die Wissenschaft ist sich einig, dass man mit der empirischen Methode, welche zu diesen Erkenntnissen führt, der Wirklichkeit am nächsten kommt. Das Problem ist nur, dass man dabei eine Wirklichkeit aufdeckt, die wir weder wahrnehmen noch verstehen können. Bereits die empirisch ermittelten Eigenschaften von Zeit, Raum und Materie sind für unseren Verstand völlig unbegreiflich. Viele Philosophen wie Aurelius und Kant haben das schon früh erkannt. Verhaltens- und Gehirnforschung erklären das folgendermassen: Der Mensch erlebt sich abgegrenzt von der Wirklichkeit in einer durch die Sinneserlebnisse selbst konstruierten Welt, an die er wegen des Selbstbewusstseins gefesselt ist. Wie sehr wir an diese selbstkonstruierte Wirklichkeit gebunden sind, zeigen die hartnäckigen Meinungsverschiedenheiten und Religionskriege.

Die Erkenntnis, dass wir die Wirklichkeit nicht verstehen können, hilft uns nun, andere Meinungen anzuerkennen und macht den Weg für Glaubensideologien frei, die zielbewusst das Leben verbessern. Dabei stellt sich die Frage: Ist ohne Gott überhaupt eine sinnvolle Vorstellung des Seins möglich? Ist ein sinnvoller Gottesglaube nicht besser als die wissenschaftliche Erkenntnis, nur ein unbedeutender, zeitlich begrenzter Teil des Universums zu sein, dazu einer mit mangelndem Verstand? Entsprechend befürwortete Kant den Gottesglauben als Prinzip der Vernunft, Pascal als Gewinn und Einstein folgendermassen: «Meine Religiosität besteht in einer demütigen Bewunderung des unendlich überlegenen Geistes, der sich in dem wenigen offenbart, was wir mit unserer schwachen und hinfälligen Vernunft von der Wirklichkeit zu erkennen vermögen.»

Nach Kant lässt sich die Welt am besten durch göttliche Gebote und Unsterblichkeit verbessern. Der Philosoph sagte aber auch unmissverständlich: «Alles, was ausser dem guten Lebenswandel der Mensch noch zu tun können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes.»

Für Pascal waren Himmel und Hölle entscheidende Gewinn-Kriterien. Einstein hingegen lehnte grundsätzlich Religionen der Moral, der Furcht und der Hoffnung ab: «Mögen schwache Seelen aus Angst oder lächerlichem Egoismus solche Gedanken nähren, der Mensch handelt nach äusserer und innerer gesetzlicher Notwendigkeit. Alles, was von den Menschen getan und erdacht wird, gilt der Befriedigung gefühlter Bedürfnisse sowie der Stillung von Schmerzen. Das ethische Verhalten des Menschen entsteht durch Mitgefühl, Erziehung und soziale Bindung und bedarf keiner religiösen Grundlage. Moral ist eine höchst wichtige Sache, aber für uns, nicht für Gott.» (Einsteins Aussagen zusammengefasst).

Spinoza war der erste Verfechter dieser Ethik, welche von den meisten Philosophen der Neuzeit übernommen wurde und von Verhaltens- und Gehirnforschung bestätigt wird. Er machte auch klar, dass durch rationales Denken dieses Ethikgefühl beeinträchtigt wird, weil sich dadurch die Wertschätzung vom Sozialen aufs Materielle verlagert, was der Zufriedenheit abträglich ist. Das wird besonders deutlich, wenn man sich vorstellt, ganz allein auf einer einsamen Insel zu leben. Da macht selbst der grösste Luxus nicht glücklich, und eine soziale Bindung wird zum höchsten Wunsch. Auch weil Frauen weniger rational denken, sind sie fürsorglicher als Männer. Dass sie dadurch zufriedener sind, zeigt die Suizidstatistik, die bei Frauen früher noch um das Sechsfache geringer war und durch die Emanzipation auf die Hälfte geschrumpft ist.

Kurz: Die Erkenntnis, dass wir die Wirklichkeit nicht verstehen können, beantwortet nicht nur die Ausgangsfrage, warum uns Gott im Ungewissen lässt, sondern fördert Toleranz und macht den Weg für einen Glauben der Vernunft frei. Dabei vermag der Gottesglaube unserem Sein einen schöneren Sinn geben, aber ethisches Verhalten entsteht durch soziale Bindung, welche allerdings durch den technischen Fortschritt an Bedeutung verliert. Dazu Einstein: «Es ist richtig, dass die Ergebnisse der Forschung den Menschen nicht veredeln und bereichern, wohl aber das Streben nach dem Verstehen.»


Wenn Pastoren Kranke heilen

Hugo Stamm am Dienstag den 14. Februar 2012
Die katholische Kirche setzt auf die Hoffnung einer Heilung durch Jesus oder Gott.

Die katholische Kirche setzt auf die Hoffnung einer Heilung durch Jesus oder Gott: Priester segnen Kranke.

Die meisten Religionen, Glaubensgemeinschaften und Sekten fühlen sich nicht nur berufen, die Seelen der Menschen zu heilen oder auf ewige Zeit zu retten, sie sehen es auch als ihre Aufgabe an, den Gläubigen bei körperlichen Leiden zu helfen. Seriöse Gemeinschaften sind zurückhaltend, was religiöse Versprechen auf Heilung betrifft, und bieten geistigen Beistand an, radikale scheuen sich aber nicht, Heilung anzupreisen. Man kann das Urteil wagen: Religiöse Gemeinschaften, die behaupten, Gott heile durch ihre Pastoren, Priester, Meister oder Gurus Kranke, haben eine sektenhafte Schlagseite.

Das Sektenbarometer verläuft etwa so: Die reformierte Kirche verspricht keine Heilung, sondern höchstens Unterstützung durch das Gebet. (Ausgenommen vielleicht reformierte Pfarrer, die einen freikirchlichen Hintergrund haben.) Die Reformierten nehmen eine pragmatische Haltung ein: Glaubensheilungen lassen sich nicht nachweisen, Fromme sterben mit der gleichen Häufigkeit wie der Durchschnitt der Menschheit. Ausserdem sind keine Glaubensheilungen dokumentiert, die eine klare Aussage zuliessen.

Die katholische Kirche, die sich mehr von Ritualen und einer emotionalen Gläubigkeit leiten lässt, ist es ihren Gläubigen schuldig, an der Hoffnung auf Heilung durch Jesus oder Gott festzuhalten. Die Millionen von Gläubigen, die jährlich zu Wallfahrtsorten wie Lourdes oder Medjugorje pilgern, glauben an Wunder. Viele von ihnen sind schwer krank und hoffen, geheilt heimzukehren.

Jährlich suchen vier bis sechs Millionen Gläubige Lourdes auf. Von den rund 7000 bisherigen angeblichen Heilungen, die dem medizinischen Büro gemeldet worden sind, sind lediglich 67 als Wunderheilungen anerkannt. Das dürfte ein ähnlich hoher Prozentsatz sein, den die Schulmedizin als unerklärliche Spontanheilungen kennt. Und pikant: Die katholische Kirche spricht nicht von Heilungen, die durch Gott bewirkt worden sind, sondern von Wundern. Wunder sind aber unerklärliche Phänomene.

Bei den Freikirchen sieht die Sache anders aus. Sie legen die Bibel wörtlich aus und nehmen Gott beim Wort: Jesus hat Kranke geheilt und Tote auferweckt. Was Jesus konnte, können die freikirchlichen Pastoren heute noch. So verheisst es auch die Bibel. Sie organisieren Heilungsgottesdienste und präsentieren gern Gläubige, die bei ihnen geheilt worden sein sollen.

Ein Beispiel. Volker Jokiel, ein frommer Mann, der im Wallfahrtsort Medjugorje lebt, hat ein Schreiben an die Abgeordneten des deutschen Bundestages, der Länder, der Kreistage, Stadt- und Gemeinderäte, an etwa 600 Amtsgerichte «mit Betreuungsabteilungen und ihrer Schreckensjustiz», medizinische Organisationen, an deutschsprachige Pfarrgemeinden sowie etwa 500 Medien verschickt.

Darin schreibt er: «Jesus machte in seinen Offenbarungen durch den Priester Monsignore Ottavio Michellini deutlich, dass sein Kommen auf die Erde vor etwa 2000 Jahren vor allem darauf ausgerichtet war, eine Vielzahl der Menschen von Dämonen und Krankheiten zu befreien.» Jesus fordere von allen Priestern, Bischöfen und Laien im Stand der Gnade, seinem Beispiel zu folgen. Schliesslich habe er diesen in Markus 16, 15-18 den Auftrag gegeben und gesagt: «Ein Wunder kostet Gott nichts.»

Viktor Jokiel spricht von «unwiderlegbar bewiesenen Heilungen von Tausenden und Abertausenden von Menschen». Jesus erkläre, dass die Ursachen von psychischen und geistigen Leiden in dämonischen Mächten liegen würden und sogar viele körperliche Leiden «auf das Quälen durch böse Geistwesen zurückzuführen sind».

Kurz: Der gute Gottesmann ist ausgezogen, den Menschen zu predigen, dass sie sich Gott zuwenden müssen, um geheilt zu werden. Eine Haltung, die die meisten Freikirchen ebenfalls vertreten. Nur: Dokumentiert sind keine der Glaubensheilungen. Auch Mitglieder von Freikirchen sterben an Krebs oder Schlaganfällen. Glauben mag selig machen, aber nicht heilen.