Archiv für die Kategorie ‘Allgemeines’

Gott ist nicht relativ

Hugo Stamm am Mittwoch den 13. Oktober 2010

Walter Jakob hat eine Replik zu meinem Impulstext «Gott ist relativ» geschrieben, den ich hier gern zur Diskussion stelle:

Zum 50-sten Todestag von Albert Einstein erinnerte man sich nicht nur an sein geflügeltes Wort: «Alles ist relativ.»

Auch der Post-Shop kreierte eine eindrückliche Karte mit einem ganz besonderen Text dieses grossen Denkers, der wie eine Relativierung oder zumindest einer Präzisierung seiner These «Alles ist relativ» gleichkommt.

«Nicht Gott ist relativ und nicht das Sein, sondern unser Denken.»

Gott ist offensichtlich für Einstein das pure Gegenteil von relativ, kein Hirngespinst, sondern absolut, eine absolute Realität und Souveränität.

Da müssten ja unsere lieben Atheisten im Stammblog geradezu aufheulen und Einspruch einlegen. Und wie sie aufheulen, das ist ganz erstaunlich:

Am 2.10.2010 um 19.27 schrieb Horatio Michael Bamberger an Optimus, der ein guter Kenner und Verehrer von Einstein ist: «Ich bewundere Einstein wegen seiner Denkweise.»

Bamberger @ Optimus: «Bekanntlich waren die Interpretationen von Einsteins Metaphern bezüglich eines höheren Wesens ein immer wiederkehrendes Thema, die sowohl von Gläubigen wie auch von Nichtgläubigen immer wieder als Untermauerung der eigenen Argumente verwendet wurden. Was Sie hingegen nicht zu wissen scheinen, Optimus, ist, dass Einstein all diesen Spekulationen ein für allemal ein Ende setzte und zwar rund 15 Monate vor seinem Tod. Am 3. Januar 1954 schrieb Einstein nämlich folgendes an den Religionsphilosophen Erich Gutkind: «Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen…» und liess damit keine weiteren Spekulationen zu diesem Thema offen, unabhängig von den Metaphern, denen er sich über all die Jahre bediente.»

Für mich ist diese Schlussfolgerung von Bamberger etwas spekulativ und oberflächlich, wenn nicht sogar falsch. Es mag ja naheliegend und gar verlockend sein, hier im Denken von Einstein einen tiefen Röstigraben zu sehen, einen Gegensatz, wie er grösser nicht sein könnte.

Man könnte es nämlich auch ganz anders sehen, nämlich dass Gott für Einstein von solch absoluter Souveränität war, dass eben keine Religion dieser Welt und auch kein Hirni dieser Welt ihn gleichsam erfassen, pachten oder besitzen kann, höchstens einen Zipfel davon. Es stimmt, was Bamberger schreibt, Einstein hat sich sein ganzes Leben lang auseinandergesetzt mit Gott und hat tatsächlich auch gesagt: «Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott», ganz ähnlich wie Karl Barth, ein Zeitgenosse von Einstein sinngemäss bezeugte: «Gott ist der ganz andere.»

Doch Einstein hatte den Mut, zu den menschlichen Schwächen zu stehen und sein eigenes Denken als relativ eingestuft, ganz im Gegensatz zu Bamberger und Stamm. Sie beide fröhnen und missionieren den atheistischen Absolutheitsanspruch frisch fröhlich, dass die Balken krachen, jaulen aber auf, wenn Christen den Absolutheitsanspruch von Jesus Christus vertreten.

Hugo Stamm will sogar in seinem Blog vom 5.10.2010 wissen: «Gott ist relativ.» Ganz erstaunlich diese Souveränität, Sicherheit und Absolutheit eines Experten. Langsam fange ich mich an zu fragen, wer hier nun tatsächlich relativ und wer absolut ist.

Die andere Aussage von Einstein können höchst wahrscheinlich sowohl Atheisten gleicherweise wie Christen bejahen und dürfte für alle Menschen auf diesem Erdball wie Balsam sein: «Nicht das Sein ist relativ.»

Wir tun jedoch gut daran, wenn wir noch etwas tiefer nachfragen. Wenn Einstein hier gleichsam vom absoluten Sein redet, meint er damit den ganzen Menschen in all seinen Facetten, den Willensstarken gleich wie den Willensschwachen?

Ich denke schon. An anderer Stelle bekannte Einstein sich ausdrücklich zum willensschwachen Menschen. In seinem Glaubensbekenntnis von 1932: «Ich glaube nicht an die Freiheit des Willens.»

Ganz offensichtlich meinte er mit dem «Sein” den durchaus realistischen Menschen mit all seinen Licht- und Schattenseiten, also nicht nur die humanistische gute Seite, sozusagen den guten Kern im Menschen, sondern den Menschen nach dem Sündenfall in seiner ganzen Sterblichkeit, Begrenztheit und Erlösungsbedürftigkeit und dies sowohl als Genie wie als Taugenichts.

Selbst Gott ist relativ

Hugo Stamm am Dienstag den 5. Oktober 2010

Rund 30 Prozent der westeuropäischen Bevölkerung glaubt an die Wiedergeburt. Ein beträchtlicher Teil davon sind Christen. Diese möchten nicht ins Paradies eintreten, sondern die Auferstehung des Fleisches erleben. Offenbar trauen sie der Vorstellung vom ewigen Leben im Jenseits nicht so recht. Oder sie wollen nicht bis zum jüngsten Tag in einer Grauzone verbringen. Vielleicht ist ihnen auch die Vorstellung von der endlosen Harmonie im Himmel suspekt.

Der Glaube an die Wiedergeburt ist nicht mit der christlichen Heilslehre vom personalen Gott und von einem einzigen Leben auf der Erde vereinbar. Christen, die an die Reinkarnation glauben, müssten konsequenterweise aus der Kirche austreten. Sie tun es aber nicht, weil sie überzeugt sind, dass die beiden transzendentalen Konzepte durchaus vereinbar sind. Sie picken sich also heraus, was ihren momentanen Bedürfnissen und Sehnsüchten entspricht – und mischen Glaubensgrundsätze wild durcheinander. Das ist für mich eine fröhliche Wohlstandsreligion.

Der Trend zum Glaube an die Wiedergeburt zeigt zumindest, dass Heilslehren keine starren Konzepte sind, sondern wie alle Geistesströmungen Trends unterliegen. Der Einfluss des Buddhismus und der Esoterik haben das Bewusstsein der Menschen in der westlichen Welt grundlegend beeinflusst. Meditationen, Geistheilungen, schamanische Rituale usw. finden immer mehr Eingang in den christlichen Kirchen. Der Zeitgeist macht nicht vor den Kirchentüren halt. Das zeigt, dass selbst religiöse Dogmen relativ sind.

Kann Gott die Naturgesetze beeinflussen?

Hugo Stamm am Montag den 27. September 2010

Diesen Impulstext hat Ruedi Schmid (Optimus) verfasst. Herzlichen Dank.

Gemäss Bibel soll Gott einmal die Sonne gestoppt haben, damit die Kämpfe gegen die Amoriter in Kanaan bei Tageslicht siegreich beendet werden konnten. Heute wissen wir, dass Gott nicht die Sonne, sondern die Erddrehung hätte stoppen müssen und dass dabei die Menschen wegen der Trägheitskraft tangential weggeflogen wären.

Mit den Naturgesetzen lässt sich alles erklären und wenn wir alle Naturgesetze kennen und verstehen würden, dann wäre Gott nicht erfunden worden. Das ist etwa die Meinung des berühmten Astrophysiker Hawking gemäss seinem kürzlich erschienen Buch „Der grosse Entwurf“. Hawking erläutert aber auch all die Probleme mit den Naturgesetzen, was diese atheistische Meinung relativiert.

So wie man früher irrtümlich glaubte, dass alle Naturgesetze auf der Mathematik basierten, erweist sich nun die Annahme, dass die Naturgesetze absolut und unveränderbar sind, ebenfalls als Irrtum. Denn man hat herausgefunden, dass sich bei der Entstehung von Materie (Urknall) im subatomaren Bereich unterschiedliche Naturgesetze bilden und dass nur bei einer ganz bestimmten Feinabstimmung unser Universum, die Erde und unser Leben entstehen konnten.

Also brauchte es für die Feinabstimmung unserer Naturgesetze doch einen Schöpfer? Hawking hat aber eine andere These: So wie unsere Erde durch Zufall aus fast unendlichen Möglichkeiten entstanden ist, soll auch unser Universum bezüglich den Naturgesetzen durch Zufall aus fast unendlichen Universen entstanden sein. Aber da wir diese Universen vermutlich nie ausmachen können, lässt sich diese These kaum nachweisen. Aber solange es für die Entstehung Gottes nicht den geringsten Ansatz einer These gibt, gewinnt diese Multiuniversums-These an Glaubwürdigkeit.

Auch bei der Suche nach der Einheitstheorie (Theory of everything), erfüllt sich der Wunschtraum der Naturwissenschaftler wohl kaum. Die grosse Hoffnung der Vereinheitlichung aller Theorien mit Hilfe der String-Theorie hat bereits zu fünf String-Theorien plus eine Elfdimensionale Supergravitationstheorie geführt, und man sucht nun krampfhaft nach Singularitäten. Diese Multitheorie nennt man M-Theorie. Hawking sieht darin bereits die Einheitstheorie. Ich hatte sie mir anders vorgestellt.

Bei den Versuchen in Cern zeigte sich auch, dass im subatomaren Bereich immer noch mehr unerklärbare Phänomene auftauchen und dass auch die immer weiter gehenden Beobachtungen des Universums zu mehr Phänomenen als Erklärungen führen und obwohl man krampfhaft nach verständlichen Modellen sucht, läuft die moderne Physik dem menschlichen Verstand davon.

Das Problem liegt aber nicht bei den Naturgesetzen, sondern bei unserem Verstand, der zum Leben konzipiert ist und nicht um die Wahrheit zu verstehen. Unser Verstand bildet sich nämlich nur durch Alltagserfahrung und da wir durch unsere Sinnesorgane nur ein Modell der Aussenwelt wahrnehmen, können wir die Wirklichkeit weder erkennen noch verstehen. Wir sehen z.B. nur ein ganz schmales Spektrum reflektierter elektromagnetischer Schwingungen. Spüren können wir nur die Haltekräfte der Elementarteilchen, weil diese so winzig klein sind, dass die gesamte Erdmaterie in einem 9mm-Kügelchen Platz hätte. Nur schon dass Materie eine spezielle Form von Energie ist und dass aus Nichts Materie und Antimaterie entstehen kann, entzieht sich jeglichem Verstand.

Aber was bringen, abgesehen vom technischen Nutzen, diese Versuchs- und Beobachtungserkenntnisse, wenn sie niemand mehr verstehen kann? Als Beweis, dass es Gott nicht geben soll? Das wäre gemein, denn zu viele Menschen brauchen einen Gottesglauben als Lebenshilfe.

Schlussgedanken: Einerseits faszinieren mich all diese Erkenntnisse, sie vermitteln mir ein wunderbares Gefühl, der Wahrheit näher zu kommen. Anderseits bin ich aber überzeugt, dass eine direkt glücksgerichtete Ideologie besser wäre, wo aber nur die Wirkung massgebend ist, nicht die Wahrheit.

PS: Wer selbst einen Impulstext verfassen möchte oder Anregungen hat, kann diese an hugo.stamm@tagesanzeiger.ch schicken.

Humanismus – Christentum: Die Absurdität des Leidens

Hugo Stamm am Mittwoch den 15. September 2010

Harvey, unser versierter Kommentator und Blogger, hat folgenden Impulstext verfasst, für den ich mich bestens bedanken möchte:

Dieser Blog wird von seinem Blogmaster auf einer humanistischen Grundlage geführt, und viele der sich aus den Anlassartikeln ergebenden Diskussionen münden deshalb oft in Gefechte zwischen Humanisten und „Gläubigen“, wobei die Kategorie „Gläubige“ schwammig bleibt.

Dabei wird zum Teil um Probleme gerungen, an deren Relevanz wohl ausserhalb des Blogs wohl gewisse Zweifel bestehen würden, würde man sich ausserhalb des Blogs für die Probleme interessieren.

Beide Gruppen sind sich aber näher als sie es wahrhaben wollen. Sowohl der moderne Humanismus wie das Christentum glauben an den Sieg des Guten;

“(IHEU-Minimal Standards) : Humanism is a democratic and ethical life stance, which affirms that human beings have the right and responsibility to give meaning and shape to their own lives” und sind damit von der Sinnhaftigkeit ihres Lebens überzeugt, mögen die Humanisten auch noch so betonen, dass das Sinnproblem für sie obsolet und ihre Ethik rein evolutionär als Art erhaltende Strategie zu erklären sei (siehe dazu die grosse Dokumentation in der „Zeit“ vom 9.9.2010 über Atheisten).

Albert Camus war im Gegensatz dazu der Meinung, dass die menschliche Existenz und das menschliche Leiden, das durch den Tod gekrönt wird, sinnlos sei. Er unterschied drei
mögliche Haltungen desjenigen, der die Sinnlosigkeit erkennt: Selbstmord, weil dadurch der Sinnkonflikt beendet wird, Flucht ins Irrationale (sei es der Glauben an ein besseres Jenseits oder in eine rationalistisches Rettungsangebot) und Revolte, der (aussichtslose Kampf gegen die Sinnlosigkeit, repräsentiert zum Beispiel durch den atheistischen Arzt Dr. Rieux in der Peste, der im Wissen um die Sinnlosigkeit Leben rettet). Für Camus wäre auch ein Leibnitz oder ein Kant, die an präetablierte Ordnungen glaubten, irrational gewesen.

Humanisten und Gläubige auf diesem Blog scheinen mir beide diesen Sprung ins Irrationale zu machen, die Humanisten, indem sie das Sinnproblem als inexistent erklären und doch im Grunde nichts anderes tun, als Sinnfragen nachzuhängen, die Gläubigen, wenn sie sich auf die Wahrheit ihres Glaubens berufen. Die Frage der Sinnlosigkeit kann nicht dadurch gelöst werden, dass man sie für inexistent erklärt; bräuchte es dafür einen Beweis, so würde er in diesem Blog geliefert. Und alle die Philosophen des 20. Jahrhunderts, die uns geraten haben, nur noch über echte (sprich empirisch feststellbare) Wahrnehmungen zu reden und über den Rest zu schweigen, haben sich selber nie an ihre Ratschläge gehalten. Vielleicht ist ja die Sinnfrage in uns genetisch implementiert und wir könne sie deshalb nicht so einfach abschütteln(?)

Nur, ob die höhnische Sisyphussche Revolte gegen die Sinnlosigkeit von Leiden und Tod letzten Endes wirklich etwas anderes ist als die Lösungsansätze der Humanisten und der Gläubigen, ist fraglich. Worin unterscheidet sich denn Dr. Rieux‘ Kampf von Albert Schweizers Ehrfurcht vor dem Leben, die, wie wir wissen, rein religiös motiviert war? Der Glaube an ethische Werte bei Humanisten und Christen, der Kampf gegen die Sinnlosigkeit bei Camus haben alle eine metaphysische Komponente, oder polemisch gesagt, sind alle Gottesdienst. Und ob man jetzt an den Tod Absaloms, der sich mit seinen Haaren im Baum verfängt, und an das Weinwunder von Kanaan glaubt oder die Geschichten für archaische und brutale ein Märchen hält, ist letztendlich nicht besonders wichtig. Nicht einmal der Glauben an den Erlöser, der für Christen zentral ist, muss sie von den Humanisten trennen. Denn was suchen Humanisten, suchen Camusisten und selbst die plattesten Materialisten denn in ihrem Leben anderes als Erlösung von der Sinnlosigkeit des Leidens?

Pastor zündelt mit dem Koran

Hugo Stamm am Freitag den 10. September 2010

Morgen jährt sich 9/11. Ein willkommener Anlass für schräge Zeitgenossen, sich ins Szene zu setzen und krude Botschaften um die Welt zu schicken. Der Streit um die Moschee auf Ground zero ruft Maulhelden hervor, Weltverschwörer wiederholen ihre abstrusen Ideen und schieben die Tat teilweise den Juden in die Schuhe, doch den stärksten PR-Effekt generiert zweifellos Terry Jones. Der freikirchliche Pastor, der einst in Köln wirkte, hat angekündigt, den Koran öffentlich zu verbrennen.

Das heilige Buch der Moslem sei teuflisch, posaunt er hinaus. Die frevlerische Tat wird von der Weltöffentlichkeit verfolgt. Hillary Clinton und Barack Obama warnten davor. Die Verbrennung des Korans würden die amerikanischen Soldaten in Übersee gefährden. Viele fragen sich: Stürzen nun die nächsten Flugzeuge ins Weisse Haus?

Die Welt spinnt – hüben wie drüben. Da kommt ein erfolgloser amerikanischer Pastor, ein Fanatiker und Extremist, und sieht im Islam den Satan am Werk. Deshalb will er ein Signal setzen. Die kindische Aktion könnte zum Fanal werden. Auf jeden Fall ist sie Ausdruck einer religiösen Verblendung. Ein falscher Glaube wird als Waffe benutzt und kann Unheil stiften. Zwar hat Jones in den letzten Stunden angedeutet, dass er allenfalls auf die Verbrennung verzichtet, der Schaden ist zum Teil aber schon angerichtet.

Auf der andern Seite lauern die Islamisten und sinnen nach Vergeltung. Sie fühlen sich aufgerufen, Allah und seinen Propheten Mohammed zu verteidigen. Dabei fragen sie nicht nach den Umständen: Gotteslästerung ist Gotteslästerung, auch wenn sie von einem unzurechnungsfähigen Pastor begangen wird. So wird eine Marginalie zum weltweiten Politikum. Der Einfluss der Extremisten nimmt erschreckend zu. Hüben wie drüben.

Hiob: Wenn Gott mit dem Teufel wettet

Hugo Stamm am Montag den 6. September 2010

Hiob ist eine der bekanntesten Figuren der Bibel. Der gottesfürchtige Mann hat es zu viel Ruhm gebracht und Eingang in unseren Wortschatz gefunden. Er hat – wenn auch ungewollt – uns den Begriff der Hiobsbotschaften beschert. Höchste Zeit, dem tapferen Mann eine Diskussion im Blog zu widmen.

Hiob war ein frommer, reicher Mann. Das wurmte den Teufel. Er sagte Gott, Hiob sei nur deshalb so gottesfürchtig, weil er von Gott privilegiert worden sei. Gott entgegnete, nein, Hiob sei aus Überzeugung ein frommer Mann. So schlossen Gott und der Teufel eine Wette ab. Gott behauptete, Hiob werde auch dann standhaft bleiben, wenn er Schicksalsschläge erleiden werde.

Gott erlaubte Satan, Hiob zu prüfen. Ein Knecht überbrachte ihm die schlechten Botschaften. Zuerst verlor Hiob seine 10’000 Nutztiere. Trotzdem zürnte Hiob nicht und lobte Gott weiterhin. Dann liess der Satan sein Haus einstürzen, alle zehn Kinder kamen um. Später brachte der Knecht eine weitere Hiobsbotschaft: Er werde schwere Krankheiten erleiden. Hiob blieb trotz Geschwüren standhaft und lobte Gott weiterhin.

Das gefiel Gott, zumal er die Wette gewonnen hatte. Als Dank schenkte er Hiob neuen Reichtum und neue Kinder.

Die Geschichte von Hiob wirft Fragen auf:

Was ist das für ein Gott, der mit dem Satan eine Wette eingeht und unschuldige Kinder opfert?

Gelten für Gott die Gebote, die er für die Menschen auferlegt hat, nicht?

Aus psychologischer Sicht würde man heute das grausame Spiel, das Gott mit Hiob und seiner Familie betrieb, als pathologisch bezeichnen.

Was für einen Eindruck von Gott haben die Frau und die Kinder von Hiob erhalten?

Alles Gen oder was?

Hugo Stamm am Freitag den 3. September 2010

Bevor ich ein neues Thema vorgebe, möchte ich eine Konzeptänderung vorstellen. Ich habe während viereinhalb Jahren längere, in sich geschlossene Texte zu verschiedenen Themen aus den Bereichen Glauben, Aberglauben und Sekten verfasst und zur Diskussion gestellt. Ich möchte nun den Versuch wagen, den Blog aktueller zu gestalten und die Bloggerinnen und Blogger in die Gestaltung der Impulsbeiträge miteinzubeziehen.

Konkret: Ich werde häufiger als bisher neue Beiträge aufschalten und versuchen, aktuelle Ereignisse zu berücksichtigen. Das müssen nicht immer ausgefeilte Texte sein, sondern können auch Gedankenanstösse oder Hinweise auf aktuelle Gesprächsthemen, Artikel, Stellungnahmen oder Meinungen von Fachleuten betreffen. Gleichzeitig möchte ich Euch alle an der Gestaltung der Impulsbeiträge beteiligen. Wer einen Text hat oder eine Anregung, soll mir diese in einem Mail schicken: hugo.stamm@tagesanzeiger.ch. Bitte meldet mir, unter welchem Namen (Nickname oder richtiger Name) Ihr Euern Text veröffentlichen möcht.

In diesem Sinn ein erster Versuch: Thilo Sarrazin, Vorstandsmitglied der deutschen Bundesbank, vertritt in seinem Buch «Deutschland schafft sich selber ab», die These, Juden hätten ein gemeinsames Gen. Diese Behauptung löste eine heftige Kontroverse aus. Seine biologistische Argumentation insinuiert, Intelligenz, soziales Verhalten, Mentalität, Weltbild und vieles mehr seien stark abhängig von den Erbanlagen. Meine Gegenthese: Charakter und Persönlichkeit werden nicht in erster Linie von Genen bestimmt, sondern von Erziehung, Bildung, Lebenserfahrung, Umfeld usw. Ich erachte die Milieutheorie als wesentlich evidenter.

Frauenfeindliche Religionen

Hugo Stamm am Dienstag den 17. August 2010

Die Emanzipation der Frauen wurde über Jahrhunderte fast weltweit hintertrieben. Einzige Ausnahme bildeten ethnische Minderheiten, welche das Matriarchat kannten und teilweise heute noch kennen. Man liegt also kaum falsch mit der Behauptung, dass die systematische Unterdrückung der Frau vor allem vom Mann ausgeht. Es ist schlicht die Macht des (physisch) Stärkeren, der sich die Privilegien gewaltsam angeeignet hat. Das reicht bis zur sexuellen Verfügbarkeit.

Die Unterdrückung der Frau hat zweifellos anthropologische Ursachen. Die Macht ist des Menschen liebstes Kind. Sie gehört zum evolutionären Prozess. Wir brauchen die Triebe, um überleben zu können: Den Selbsterhaltungstrieb, den Überlebenstrieb, den Arterhaltungstrieb.

Inzwischen sollten wir Männer aber gelernt haben, dass wir eine Entwicklungsstufe erreicht haben, bei der die Triebe nicht nur förderlich sind, sondern hinderlich im friedlichen Zusammenleben der Geschlechter und Völker. Die Arbeitsteilung, die technische Entwicklung, die Zivilisationsbestrebungen führen uns langsam vom triebgesteuerten „Tier“ zum kultivierten Wesen – oder sollten es zumindest tun. Allerdings sind wir noch weit davon entfernt, emanzipierte Menschen zu sein. Ein Blick in die Weltgeschichte und in die aktuelle Politik zeigt es deutlich.

Ein wesentlicher Hemmschuh auf dem Weg zu Emanzipation sind die Religionen. Die meisten huldigen dem männlichen Prinzip. Im Judentum, Islam, teilweise auch im Hinduismus und Buddhismus geben immer noch die Männer den Ton an und prägen die Glaubensgemeinschaften. Im Christentum ist es nicht besser, vor allem in der katholischen Kirche, die auch in der Moderne von einem klerikalen Männerbund geleitet wird, der den Frauen bestenfalls eine dienende Rolle zugesteht.

Die Geistlichen der Buchreligionen legitimieren ihre Machtstellung mit dem Hinweis auf die heiligen Bücher. Wenn eine Frau Ehebruch begeht, wird sie in islamistischen Gemeinschaften, die nach der Scharia leben, teilweise heute noch gesteinigt. Den Ehemännern drohen selten so drakonische Strafen. Und wenn ein Mann eine Frau loswerden will, muss er ihr lediglich drei Wörter an den Kopf werfen.

Wir Europäer haben aber wenig Grund, mit dem Finger gegen Osten zu zeigen. Die Bibel ist ebenfalls ein reicher Fundus an frauenfeindlichen Sprüchen.

Ich sehe keinen Grund, weshalb die Frauen nicht die gleichen Rechte, Möglichkeiten und Chancen haben sollen wie die Männer, in allen Lebensbereichen – auch im religiösen. Einmal mehr entfalten Glaubensgemeinschaften eine Bremswirkung bei der Entwicklung sozialer Gerechtigkeit und der Verwirklichung der Menschenrechte.

Ist die Bibel judenfeindlich?

Hugo Stamm am Samstag den 24. Juli 2010

Wäre die Bibel ein aktuelles Buch, das heute erstmals veröffentlicht würde, müssten sich Autor und Verleger mit aller Wahrscheinlichkeit wegen Verletzung der Rassismusnorm verantworten. Die Verantwortlichen müssten mit einer Verurteilung rechnen.

Das „heilige Buch“ enthält zahlreiche Aufforderungen zu Völkermorden. Rassistische Aussagen werden aber vor allem gegen die Juden gemacht. Ausgerechnet gegen die Juden, muss man anfügen. Schliesslich ist das jüdische Volk laut Bibel das auserwählte Volk Gottes. Wie passt das zusammen? Das ist eines der vielen ungelösten Rätsel der Bibel.

Picken wir ein paar Beispiele heraus und beginnen mit Paulus. „Die Juden haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Mass ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn ist schon über sie gekommen.“ (1 Thess. 2; 14-16). Mindestens in diesem Aspekt ist die Bibel prophetisch: Auch 2000 Jahre später wirkt der Fluch noch immer nach.

Die Unreinen und Ungläubigen aus dem Judentum werden an anderer Stelle so charakterisiert: „Denn es gibt viele Ungehorsame, Schwätzer und Schwindler, besonders unter denen, die aus dem Judentum kommen. Diese Menschen muss man zum Schweigen bringen, denn aus übler Gewinnsucht zerstören sie ganze Familien mit ihren falschen Lehren … Für die Reinen ist alles rein, für die Unreinen und Ungläubigen aber ist nichts rein, sogar ihr Denken und Gewissen sind unrein. Sie beteuern, Gott zu kennen, durch ihr Tun aber verleugnen sie ihn; es sind abscheuliche und unbelehrbare Menschen, die zu nichts Gutem taugen.“ (Tit. 1; 10-16).

Der ganz grosse Sündenfall war denn auch, dass die Juden Jesus ans Kreuz geliefert haben.

So überrascht es nicht, dass die Kirchenväter bis in die Neuzeit die Ansicht vertraten, die Juden seien mit dem Satan im Bund. Und von ihm besessen. Selbst bei Luther finden sich antijudaistische Aussagen der üblen Sorte. Für den Reformer beteten die Juden den Teufel an, wie Franz Buggle in seinem Buch „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“ nachweist.

Die Stigmatisierung der Juden als Unreine und Satansgläubige zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Christentums. Die christlichen Völker verantworten zu einem guten Teil den Hass auf die Juden, der sich bis in die heutige Zeit fortsetzt. Die christlichen Gemeinschaften sind ursächlich mitverantwortlich für die Ausgrenzungen, Folterungen und Ermordungen von unzähligen Juden in den vergangenen Jahrhunderten. Und am Beinahe-Genozid während des Dritten Reichs. Dem Genozid am Volk Gottes.

Gottesbilder sind Trugbilder

Hugo Stamm am Freitag den 25. Juni 2010

Der griechische Philosoph Xenophanes hat sinngemäß gesagt, würde ein Pferd zeichnen können, sähe Gott pferdeähnlich aus. Und hätte ein Löwe Hände wie ein Mensch, würde Gott einem Löwen gleichen.

Diese Erkenntnis machte der Denker vor 2500 Jahren. Sie heute noch genau so aktuell und gültig.

Xenophanes spricht ein Problem an, das die Religionen und Glaubensgemeinschaften heute noch nicht gelöst haben und nie werden lösen können. Es erweist sich geradezu als Pferdefuss.

“Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild, weder dessen, was oben im Himmel, noch dessen, was unten auf Erden, noch dessen, was in den Wassern unter der Erde ist; du sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht dienen; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht an den Kindern derer, die mich hassen, der aber Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht an den Kindern derer, die mich lieben und meine Gebote halten.” (Ex 20,4-6; Zürcher Bibel)

Das Dilemma: Wir können uns nur annähernd ein Bild von Gott machen.
Oder anders herum: Gott ist immer anders, als sich ihn die Menschen vorstellen. Die Bilder sind untaugliche Hilfskonstrukte. Ja, die Bilder sind teilweise so plump, dass jeder halbwegs intelligente und gebildete Mensch erkennt, dass Sehnsucht und Fantasie der Menschen das Gottesbild bestimmen.

Die reformierte Kirche hat die Krux erkannt und die Bilder aus den Kirchen verbannt, in der Hoffnung, sie auch aus den Köpfen der Gläubigen verbannen zu können. Doch das ist ein sinnloses Unterfangen, denn es missachtet die lerntheoretischen Gesetze.

Der Mensch ist gezwungen, sich Bilder zu machen. Ohne Bilder kann er nicht denken. Und somit nicht lernen. Wir müssen in Bildern denken, um etwas zu begreifen und in unser Bewusstsein aufnehmen zu können. Analogien und Vergleiche sind die wichtigsten Instrumente unseres Lernens. Das ist unser Standardprogramm der Software im Hirn. Als Kinder können wir nur durch beobachten und vergleichen die Welt erfassen und die Phänomene einordnen.

Somit stecken Gläubige in der Falle, die versuchen, sich kein Gottesbild zu machen. Wer Gott denkt, macht sich ein Bild von ihm. Wem es gelingt, kein Bild von Gott zu machen, verdrängt ihn aus seinem Bewusstsein.

Gott ist für uns Menschen unsichtbar. Also können wir uns kein Bild von ihm machen. Es hat ihn noch niemand gesehen und Zeugnis abgelegt. Was für uns unsichtbar und unfassbar ist, existiert nicht wirklich, sondern höchstens in unserer Fantasie. Somit gibt es ähnlich viele Gottesbilder wie Gläubige.