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Warum lässt uns Gott im Ungewissen?

Hugo Stamm am Mittwoch den 22. Februar 2012
Für Kant war vor allem der gute Lebenswandel zentral, nicht die Religion: Ausschnitt eines Porträts von Immanuel Kant.

Für Kant zeigte sich Gottgefälligkeit vor allem durch einen guten Lebenswandel und nicht durch «Religionswahn»: Ausschnitt eines Porträts von Immanuel Kant.

Den folgenden Impuls-Text hat Ruedi Schmid (Optimus) verfasst. Herzlichen Dank.

Das Phänomen beschäftigt die Menschen seit je: Wenn Gott sich offenbaren würde, wäre der ewige Streit um den richtigen Glauben ein für alle Mal gelöst. Er müsste nur an einem international übertragenen Anlass seinen Glauben verkünden. Warum uns Gott diesen Glaubensfrieden nicht gönnt, ist unverständlich. Entweder will er nicht, kann er nicht, oder er existiert nicht. Einstein hatte noch eine andere Erklärung dafür: «Gott kann man niemals verstehen, sondern nur sein Werk bewundern.»

Wenn Gott der Schöpfer ist, offenbart er sich durch sein Werk. Dabei funktioniert sein Werk ohne göttlichen Einfluss durch vorgegebene Naturgesetze. Auch Zufälle entstehen durch solche Naturgesetze, die lediglich wegen unpräzisen Faktoren keine Vorhersage ermöglichen. So ist beispielsweise eine gewürfelte Zahl durch die Ausgangslage des Würfels und die Wurfbewegung im Voraus bestimmt. Selbst das Argument von Aristoteles, dass es Gott als erste Ursache geben muss, ist durch die Entdeckung geschlossener Kausalitätsketten hinfällig.

Dazu Stephen Hawking: «Es passt vollkommen zu alldem, was wir wissen, wenn wir sagen, dass es ein Wesen gibt, das für die Gesetze der Physik verantwortlich ist.» Und zur Schöpfung sagte er: «Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen. […] Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es statt dem Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren.»

Die Wissenschaft ist sich einig, dass man mit der empirischen Methode, welche zu diesen Erkenntnissen führt, der Wirklichkeit am nächsten kommt. Das Problem ist nur, dass man dabei eine Wirklichkeit aufdeckt, die wir weder wahrnehmen noch verstehen können. Bereits die empirisch ermittelten Eigenschaften von Zeit, Raum und Materie sind für unseren Verstand völlig unbegreiflich. Viele Philosophen wie Aurelius und Kant haben das schon früh erkannt. Verhaltens- und Gehirnforschung erklären das folgendermassen: Der Mensch erlebt sich abgegrenzt von der Wirklichkeit in einer durch die Sinneserlebnisse selbst konstruierten Welt, an die er wegen des Selbstbewusstseins gefesselt ist. Wie sehr wir an diese selbstkonstruierte Wirklichkeit gebunden sind, zeigen die hartnäckigen Meinungsverschiedenheiten und Religionskriege.

Die Erkenntnis, dass wir die Wirklichkeit nicht verstehen können, hilft uns nun, andere Meinungen anzuerkennen und macht den Weg für Glaubensideologien frei, die zielbewusst das Leben verbessern. Dabei stellt sich die Frage: Ist ohne Gott überhaupt eine sinnvolle Vorstellung des Seins möglich? Ist ein sinnvoller Gottesglaube nicht besser als die wissenschaftliche Erkenntnis, nur ein unbedeutender, zeitlich begrenzter Teil des Universums zu sein, dazu einer mit mangelndem Verstand? Entsprechend befürwortete Kant den Gottesglauben als Prinzip der Vernunft, Pascal als Gewinn und Einstein folgendermassen: «Meine Religiosität besteht in einer demütigen Bewunderung des unendlich überlegenen Geistes, der sich in dem wenigen offenbart, was wir mit unserer schwachen und hinfälligen Vernunft von der Wirklichkeit zu erkennen vermögen.»

Nach Kant lässt sich die Welt am besten durch göttliche Gebote und Unsterblichkeit verbessern. Der Philosoph sagte aber auch unmissverständlich: «Alles, was ausser dem guten Lebenswandel der Mensch noch zu tun können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes.»

Für Pascal waren Himmel und Hölle entscheidende Gewinn-Kriterien. Einstein hingegen lehnte grundsätzlich Religionen der Moral, der Furcht und der Hoffnung ab: «Mögen schwache Seelen aus Angst oder lächerlichem Egoismus solche Gedanken nähren, der Mensch handelt nach äusserer und innerer gesetzlicher Notwendigkeit. Alles, was von den Menschen getan und erdacht wird, gilt der Befriedigung gefühlter Bedürfnisse sowie der Stillung von Schmerzen. Das ethische Verhalten des Menschen entsteht durch Mitgefühl, Erziehung und soziale Bindung und bedarf keiner religiösen Grundlage. Moral ist eine höchst wichtige Sache, aber für uns, nicht für Gott.» (Einsteins Aussagen zusammengefasst).

Spinoza war der erste Verfechter dieser Ethik, welche von den meisten Philosophen der Neuzeit übernommen wurde und von Verhaltens- und Gehirnforschung bestätigt wird. Er machte auch klar, dass durch rationales Denken dieses Ethikgefühl beeinträchtigt wird, weil sich dadurch die Wertschätzung vom Sozialen aufs Materielle verlagert, was der Zufriedenheit abträglich ist. Das wird besonders deutlich, wenn man sich vorstellt, ganz allein auf einer einsamen Insel zu leben. Da macht selbst der grösste Luxus nicht glücklich, und eine soziale Bindung wird zum höchsten Wunsch. Auch weil Frauen weniger rational denken, sind sie fürsorglicher als Männer. Dass sie dadurch zufriedener sind, zeigt die Suizidstatistik, die bei Frauen früher noch um das Sechsfache geringer war und durch die Emanzipation auf die Hälfte geschrumpft ist.

Kurz: Die Erkenntnis, dass wir die Wirklichkeit nicht verstehen können, beantwortet nicht nur die Ausgangsfrage, warum uns Gott im Ungewissen lässt, sondern fördert Toleranz und macht den Weg für einen Glauben der Vernunft frei. Dabei vermag der Gottesglaube unserem Sein einen schöneren Sinn geben, aber ethisches Verhalten entsteht durch soziale Bindung, welche allerdings durch den technischen Fortschritt an Bedeutung verliert. Dazu Einstein: «Es ist richtig, dass die Ergebnisse der Forschung den Menschen nicht veredeln und bereichern, wohl aber das Streben nach dem Verstehen.»


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912 Kommentare zu “Warum lässt uns Gott im Ungewissen?”

  1. @ Optimus sagt:

    Ihr Leben war aber schön?

    Dann ist es wohl auch abhängig von der Gesellschaft, in der man sich befindet. Entsprechend Patels These, nur in einer Gesellschaft, in der die Leute *GUT* sind, ist ein glückliches Leben gegeben.

    Ganz anders verhält es sich in diesem Schrott-und Horrorstaat hier , der immer schrottiger wird (Beispiel die Privatisierung der sich breitmachenden monopolistischen Krankenhäuser (so ein fetter Klinikkonzern am Ort) , die nicht mehr putzen, weil sie das Personal sparen und folglich gehen die Bakterien übers ganze. ) Die verätzten Augen des Frühchens gestern bei Plasberg stehen stellvertretend für den Zustand in allen möglichen Segmenten. Wohl berücksichtigt. Dieses war keine Bananengesellschaft. Es war ein Fundament vorhanden. Und dieses wurde barbarisch zerstört. Unverkennbar zu bemerken am Umgang der Menschen untereinander…

    Wo ich darin stehe? Nun, vielleicht habe ich mich an die “Zelle” gewöhnt. Mir ist inzwischen vieles zu abschreckend. Angefangen bei der pinseligen UNZUBEWÄLTIGENDEN Bürokratie oder der !gewalttätigen! Technisierung allen Lebens. Mir fällt der Abschied nciht schwer.

    ** in meinem peripheren Bekanntenkreis triffte man immer wieder einige Exemplare, die es “nötig” haben in Schlössern zu residieren :- )
    so nach dem Motto sich selbst entfalten und dem anderen nicht schaden …nochmal lol

    darin zeigen sich WErt und Praxis der ganzen Ideologien

    Mein Schwarz-Weiß beschränkt sich inzwischen auf Glück und Pech. Bon.

  2. B sagt:

    und genau dies ist auch meine politische Überzeugung (wie alles zusammenhängt Gesellschaft-Religion als Instrument im Machtspiel) , seit ich hier als Hausfrau im Blog schreibe!
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=12417#more-12417

  3. b sagt:

    http://scharfschwerdtstrasse43.de/notizen/689

    :- )

    folglich strunzte es auch nur so vor dummem Publikum. Etwa “gestandene” Mütter, die Toastbrot als gesundes Lebensmittel bewarben!

  4. b sagt:

    man muß das mal gebündelt lesen:
    und das gilt keineswegs nur für die alte, “geschlossene” Gesellschaft:

    Poppe:

    Mitglieder der Brüderbewegung

    stellen die Demokratie hinter die absoluten Werte der Religion und höchste Autorität der Bibel
    verachten Kultur und Werte der westlichen Welt
    bezeichnen Homosexualität als Sünde
    beschneiden die freie Entfaltung des Menschen, vor allem der Kinder
    fordern die Unterordnung der Frau unter die Autorität des Mannes
    lehnen die Evolution im Namen der Schöpfungslehre ab
    rechtfertigen mit der Bibel körperliche Strafen als Mittel der Kindererziehung

    und weiter
    bezüglich Erziehungszielen

    Alle Zutaten der bibeltreuen Rechtfertigung von Gewalt in der Kindererziehung kommen hier vor:

    die wörtliche Vorgabe der Bibel
    die Bibel als nicht zu hinterfragende Quelle lebenspraktischer Fragen
    der Verweis auf die Sprüche Salomos
    der Begriff der Erziehung als Zucht
    die Rute als Instrument der Züchtigung
    das körperliche Schlagen, die Gewalt aus Liebe
    technisch Ratschläge, wie und wo zu schlagen sei
    Gehorsam als Ziel der Erziehung
    die Verachtung der liberalen, gewaltfreien Erziehung
    die Vorstellung einer angemessenen Zahl von Schlagen als gerechter Strafe
    gelungene Erziehung als Brechen des Willens und gewaltames In-die-richtige-Richtung-ziehen
    Küttlers Buch »Gottes Spuren auf meinem Lebensweg«, aus dem diese vermeintlich christlichen Erzeihungsmaximen, die nichts als rationalisierter Sadismus sind, stammen, ist 2011 erschienen

    Als biblische Vorbild wird dann der weiseste König aller Zeiten, Salomon, genannt.

    »Sein Ausganspunkt ist die Furcht des Herrn. Die Begriffe Zucht, Gehorsam, Strafe stehen bei ihm hoch im Kurs. Lesen wir nur das Buch der Sprüche.«

    In der Tat wird das Buch der Sprüche dann gar nicht zitiert, denn seine Leser kennen es und wissen, was sie finden werden:

    »Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn beizeiten.«

    »Züchtige deinen Sohn, solange noch Hoffnung ist, doch lass dich nicht hinreißen, ihn zu töten.«

    »Für die Zuchtlosen stehen Ruten bereit und Schläge für den Rücken des Toren.

    und so weiter

    Das Ich zerstören
    Gepredigt wird eine Erziehung, die sich als rationalisierter Sadismus durch die Bibel legitimiert meint.

    Denn das Problem des Kindes ist, dass es ein Sünder ist. Das Kind wird in bibeltreuen Kreisen als kleiner Mensch mit einem von Natur aus verdorbenen sündigen Herzen verstanden. Vom Herzen gehe nämlich eine Rebellion gegen Gott aus, die den »geistlichen Tod« (Abwendung von Gott) mit sich bringe.

    Die gesunde Entwicklung des Kindes zu einer eigenständigen Persönlichkeit wird mit Bezug auf die fundamentalistisch verstandene biblische Wahrheit zu verhindern versucht (vgl. Pressemitteilung der Fachstelle für Sektenfragen infoSekta zum Tag der gewaltlosen Erziehung am 30. April 2011: Körperliche Züchtigung in Gottes Namen (PDF)). Das Ziel der Züchtigung ist es, dem Nachwuchs das religiöse Weltbild der Eltern zu vermitteln. Die Züchtigung entspricht der Strafe Gottes für Sünde. Es geht deswegen immer um das eine: den Willen der Kinder zu brechen, mit allen Mitteln. Das teuflische Ich muss mit Gewalt ausgetrieben werden.

    alles zitiert nach Dr. K. Poppe,
    Scharfschwertstraße

  5. b sagt:

    viel Leid, viel langzeitangelegte Explosivität, vermutlich noch über Generationen, was diese Familien wegen der Denominationsegoismen und Trennungsangelegenheiten/Spaltereien erleben. Und tabuisiert ist dieses Thema! Und zugekleistert mit Zement. Sowas gibts woanders nicht. Das ist was ganz eigenes bei den Brüdern. Was ganz Schauriges, Befremdliches, Grausiges, Unterirdisches.

  6. b sagt:

    8. M Ä R Z

    schon auffälig, wo überall “versehentlich” (und nicht zum ersten Mal) gelöscht worden ist! …

    auch sollte Frau dahin gehen, wo ihr “geglaubt” wird

    http://scharfschwerdtstrasse43.de/notizen/677

  7. meine religiöse Mägdung sagt:

    »Achthaber der Brüderbewegung kommen prinzipiell unangemeldet, immer zu mehreren, beginnen selbstverständlich mit einem gemeinsamen intensiven Gebet und haben das Recht, das Innere der Woh- nung zu inspizieren. „Nicht schriftgemäße Bilder“ an der Wand, gar Bücher „aus der Welt“, erst recht heidnische Symbole wie Adventskranz und Weihnachtsbaum, unziemlich gekleidete Mädchen. (Als unziemlich gelten schon bloße Oberarme und hell bestrumpfte Beine.)

    🙂

    8. März 2012

    so was wie oben konnte Frau in den Jahren 1980 bis 1990 durchaus in Nürnberg erleben!

  8. heidi reiff sagt:

    Ich hab alle Bücher von Alice Miller gelesen war für mich aufschlussreicher als das AT und NT.

  9. Lautmalerin sagt:

    “bibeltreu und sauber”
    Gott schenkt den Brüdern absolute Gewißheit
    http://forum.bruederbewegung.de/viewtopic.php?f=4&t=235&sid=eec5f7699e6cc452959c4cd38974d301

    ohoh, eiei

    und ich “she” sie wieder: Die schwarzen Anzüge und Zylinder …jedoch nicht im 19.Jahrhundert, sondern hinter ihren Notebüchern (und schwitzend in Pornoniederungen verschämt grabend, wie sie selbst berichteten)

  10. Lautmalerin sagt:

    wenn SIe mich fragen: ich finde es enttäuschend, dass hier auf diesen Sekten-Seiten eines der mächtigsten und einflußreichsten Fundamente des wiedergeborenen evangelikalen Glaubens, der Freikirchen, und ihrer weiteren Verzweigungen so wenig Interesse und Beachtung fanden “zerstritten, zerrüttet, verfeindet, verhasst” (und wie peanut einst konstatierte: “diese paar unbedeutenden”….
    manN weiß es eben auch historisch gesehen n i c h t BESSER)

  11. Very little woman or man merits an individual’s cry, plus the a person who is really won‘big t cause you to cry.
    nike free run http://www.nikeschuhedamenherren.com/nike-free-run-männer-leder-running-schuhe-schwarz-gold-p-1183.html/