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Kopftuch in der Schule

Hugo Stamm am Montag den 27. Februar 2006

Seit dem Streit um die Karikaturen von Mohamed ist die Frage nach der Integration von Moslems in der westlichen Welt aktueller denn je. An Stammtischen wird lautstark gefordert, die Zuwanderer sollen entweder unsere Gepflogenheiten übernehmen oder sich wieder dorthin verziehen, wo sie hergekommen sind.

So einfach geht das nicht. Moslems haben selbstverständlich das Recht, ihre Religion auszuüben und Bräuche zu pflegen. Wenn sie allerdings unerbittlich an der religiösen Pflichtenlehre Scharia festhalten, dann klaffen unüberbrückbare Klüfte zwischen unserem freiheitlichen gesellschaftlichen Konzept und der moslemischen Weltanschauung.

Die individuelle Freiheit ist ein Grundpfeiler unseres Selbstverständnisses. Strenggläubige Moslems leben aber ihre Dogmen nicht nur in der Mosche oder beim Gebet, sondern wenden die Glaubensgrundsätze auch im Alltag konsequent an, wie es die Scharia verlangt. Die islamischen Gesetze gelten auch in gesellschaftlichen Belangen als Richtschnur. Es gibt keine Trennung von säkularer und religiöser Welt.

Unser westlicher Lebensstil widerspricht vor allem bei den moralischen Vorstellungen der Scharia. Für strenggläubige Moslems ist unsere Gesellschaft ein Ort der permanenten Versuchung und Verführung. Das erklärt auch, weshalb sich viele Moslems gegen die Integration in unsere „sündige Welt“ wehren. Aus ihrer Sicht ist das auch verständlich. Es macht deshalb wenig Sinn, die älteren Einwanderer „bekehren“ zu wollen.

Anders sieht es meines Erachtens bei ihren Kindern aus, die hier zur Schule gehen. Sie wachsen in unsere Kultur hinein. Deshalb sollten wir von ihren Eltern verlangen, dass sie unsere Gepflogenheiten wenigstens teilweise akzeptieren. Dazu gehören beispielsweise der Turnunterricht und das Klassenlager. Wenn andersgläubige Schüler nicht daran teilnehmen dürfen, werden sie ausgegrenzt. Und Kinder haben nun mal den gesunden Drang, zur Gemeinschaft zu gehören und akzeptiert zu werden. Die Lehrer sollten unbedingt mit den Eltern sprechen und ihnen die negativen Konsequenzen aufzeigen.

Ich bin auch dagegen, dass Mädchen in der Schule ein Kopftuch tragen. Sie werden dadurch noch mehr zu Aussenseitern. Und wenn sie und ihre Eltern erleben, dass man auch ohne Kopftuch ein guter Moslem sein kann, wird die Selbstverantwortung gestärkt. Sie lernen eher, Entscheide zu fällen und nicht alle Handlungsanweisungen aus der Scharia zu beziehen. Vielleicht setzt ganz sanft ein Bewusstseinsprozess ein. Und die Kinder stellen zu Hause Fragen, die sich strenggläubige Moslems nie zu stellen wagen. Die Eroberung der Freiheit ist immer ein schmerzhafter Prozess. Man kann aber das Freiheitsbewusstsein trainieren wie einen Muskel. Und nach jedem Muskelkater steigt die Leistung. Und die Freude über die neu gewonnene (geistige) Autonomie. Das gilt aber nicht nur für Moslems, sondern für uns alle. Denn wer nicht ständig für die Freiheit kämpft, kann sie eines Tages verlieren, ohne es zu realisieren.

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