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Alles nur Suggestion?

Hugo Stamm am Dienstag den 21. Februar 2006

Religiöse Rituale können ganze Sturzbäche an Glückshormonen auslösen. Mit geschlossenen Augen und verklärtem Gesicht die erhobenen Arme im Takt eines Gospelsongs zu wiegen – was für ein emotionales Schaumbad! Überhaupt ein charismatischer Gottesdienst mit kräftigen Worten des lautstarken Predigers, der erklärt, Jesus sei gerade hier anwesend: Eine Wucht!

Oder im Kreis von erwartungsfrohen Gleichgesinnten im Schneider- oder Lotussitz eine Meditation absolvieren, die ein attraktives Medium mit sonorer Stimme leitet: Die Energien fliessen wie nie. Oder ein Hexenritual zur Sonnenwende an einem Feuer im Wald. Oder bei einer Rückführung die Entdeckung, in einem früheren Leben Kleopatra gewesen zu sein. Oder ein Tatra-Seminar, in dem wir lernen, die Sexualität in spirituelle Energie umzuwandeln. Solche religiösen oder spirituellen Gemeinschaftserlebnisse lassen uns Grenzen sprengen und in neue Dimensionen vorstossen. So jedenfalls kommt es uns vor.

Übersinnliche Erlebnisse sind spezielle Momente im Leben. Wir sehnen uns solche Situationen herbei. Und fragen uns selten, was dabei abgeht. Eine rationale Auseinandersetzung mit solchen Phänomenen könnte das emotionale Erleben stören. Doch wie bei jeder (sehr verständlichen) Sehn-Sucht wäre ein bisschen Ursachenforschung kaum fehl am Platz.

Viele spirituelle Sucher gelangen zur Überzeugung, dass das Glücksgefühl Ausdruck der spirituellen Entwicklung sei. Wenn Gläubige bei einem charismatischen Gottesdienst ausflippen, glauben sie in ihrer Euphorie, ihrem Jesus besonders nah zu sein und in seiner Gnade zu stehen. Für sie ist die Euphorie Ausdruck der richtigen Frömmigkeit und eine Belohnung von Jesus. Viele fromme Frauen gestehen denn auch freimütig, dass Jesus ihr „erster Liebhaber“ ist, also dem eigenen Ehemann den Rang abläuft.

Ähnlich verhält es sich bei spirituellen Ritualen. Die Teilnehmer interpretieren die emotionalen Highlights als Beweis der raschen spirituellen Entwicklung. Das Glücksgefühl während eines Rituals interpretieren sie als weiteren grossen Schritt zur Erleuchtung.

Solche Interpretationen können verhängnisvoll sein. Spirituelle oder religiöse Rituale sind hoch suggestiv, vor allem, wenn sie mit einer grossen Sehnsucht und hohen Erwartungen verbunden sind. Ausserdem wird die euphorische Stimmung durch das Gemeinschaftserlebnis gefördert. Gegen solche Erlebnisse ist nichts einzuwenden, ich gönne sie allen. Doch allfällige Fehlinterpretationen können sich negativ auswirken. Sie führen oft zu einer Überschätzung der eigenen spirituellen Fähigkeiten. Und – verbunden damit –in eine Scheinwelt. Deshalb ist es auch bei religiösen oder spirituellen Erfahrungen sinnvoll, gelegentlich Vernunft und Verstand als Kontrollinstanz einzusetzen. Sonst droht eine religiöse Verblendung, die zu unliebsamen psychischen Reaktionen führen kann. Schon mancher, der in spirituelle Grenzbereiche vorgestossen ist, provozierte schmerzhafte psychotische Symptome.

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