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Göttliche Wahrheit

Hugo Stamm am Mittwoch den 14. Februar 2007

Viele Esoteriker und spirituelle Sucher zeichnen sich durch ein stattliches Selbstwertgefühl aus. Sie sehen sich als die geistige Avantgarde, die sich auf das „höhere Bewusstsein“ konzentriert und von sich behauptet, die materielle Fixierung schon weitgehend überwunden und das höhere Bewusstsein erlangt zu haben. Für die geistig-spirituelle Elite ist das Übersinnliche die wahre Realität hinter den Dingen. Deshalb konzentrieren sie sich auf die kosmische oder feinstoffliche Sphäre. Das Grobstoffliche ist für sie lediglich der (noch) notwendige Träger der göttlichen Seele und des höheren Selbst, die es mit spirituellen Ritualen weiter zu entwickeln gilt.

Die Abkehr von der säkularen Welt führt zu Wertverschiebungen: Das Streben nach grobstofflichen Zielen ist für Esoteriker ein Vegetieren auf einer tiefen Entwicklungsstufe. Alle Lebensenergien müssen auf die Entwicklung der göttlichen Energien konzentriert werden, die bereits im Selbst angelegt sind, aber noch vor sich hin schlummern.

Wer dieses universelle Gesetz nicht verfolgt, ist in ihren Augen ein tumber Ignorant. Das führt fast immer dazu, dass Beziehungen zwischen esoterisch interessierten Personen (zu etwa 75 Prozent Frauen) und ihren „grobstofflich fixierten“ Partnern in die Binsen gehen. Das Argument der spirituellen Sucher: Deine negativen Schwingungen hindern mich daran, meine Frequenzen zu steigern und das höhere Bewusstsein zu erreichen. Und das kommt quasi dem übersinnlichen Tod gleich. Also wird der Partner zuerst aus dem Bett vertrieben und dann aus der gemeinsamen Wohnung. Damit die spirituellen Schwingungen wieder frei fliessen können.

Begleitet wird der Bruch der Beziehung vom Applaus der „Geistgeschwister“: Der geistige Aufstieg verlangt weltliche Opfer. Dass darunter der Ehepartner und die Kinder leiden, wird nicht berücksichtigt, schliesslich geht es nicht einfach um menschliche Dimensionen, sondern um kosmische. Da spielen Kindertränen eine untergeordnete Rolle. Wie ich von vielen Beispielen weiss, treiben etliche Heiler, esoterische „Therapeuten“ und Meister einen Keil selbst zwischen Paare, die gut harmoniert hatten, bevor der eine Teil in den Bann der übersinnlichen Phänomene gerutscht war.

Der Anspruch an die übersinnliche „Wahrheit“ und das Elitegebaren kontrastieren aber eklatant mit dem geistigen Niveau vieler esoterischer Theorien und Hypothesen. Und deren Verkünder und Gläubigen. Esoteriker zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass sie sich einen Deut um die Verifizierung ihrer Glaubenssätze kümmern. Sie sind überzeugt, die universellen Wahrheiten von aufgestiegenen göttlichen Meistern empfangen oder auf medialem Weg von göttlichen Instanzen eingeflüstert bekommen zu haben.

Die „Wahrheiten“ dieser göttlichen Autoritäten in Frage zu stellen, würde bedeuten, am System zu zweifeln. Und das will nun definitiv niemand. Also glaubt man, was da verkündet wird. Und ist es noch so absurd. Es könnte ja das ganze Glaubenssystem zusammenkrachen. Und der Aufprall auf der Erde würde bedeuten, dass man aus dem Paradies katapultiert worden ist. Und erkennen muss, dass man selbsternannten Göttern auf den Leim gekrochen ist. Diese Schmerzen wären kaum auszuhalten. Also glaubt man tapfer weiter, dass es Engel oder andere Helfer im Universum gibt, die momentan nachts ein Magnetgitter um die Erde spannen. Damit sollen die Frequenzen erhöht werden. Bald soll unsere Hirnanhangdrüse wachsen, die DNA-Struktur sich rasch verändern. Dann haben wir die Gnade, uns bald von kosmischem Licht ernähren zu können. Und dann herrscht Freude: Wir müssen nie mehr essen.

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