Logo

Wo bleibt das Wassermann-Zeitalter?

Hugo Stamm am Samstag den 11. Februar 2006

Die Esoteriker haben uns vor bald 50 Jahren das Wassermann-Zeitalter versprochen. Im Gegensatz zum auslaufenden „brutalen“ Fische-Zeitalter versprachen uns die spirituellen Sucher eine neue Epoche, in der wir Menschen das höhere Bewusstsein erlangen würden. Und so besang das Musical Hair in den 1970-er Jahren euphorisch den „acuarios“. Im neuen Zeitalter würde sich die Menschheit auf spirituelle Werte besinnen und zu sanften Wesen mutieren, verkündeten die Esoteriker.

Doch seit das Wassermann-Zeitalter angebrochen ist, dreht sich die Spirale der Gewalt und Konflikte immer schneller. Die Zahl der Krieg steigt laufend, der Terrorismus bedroht die westliche Welt, der Nahost-Konflikt eskaliert, Irak und Iran sind brandheisse Herde, und der Karikaturenstreit zeigt, wie feindlich sich die arabische und westliche Welt gegenüberstehen. Man stelle sich vor: Die Ressentiments und Vorurteile in den beiden Kulturen sind so gross, dass ein paar (schlechte) Zeichnungen reichen, um die politische Weltbühne zu erschüttern. Wie wünschte man sich in diesen gefährlichen Tagen einen „Wassermann“, der die hasserfüllten Gemüter auf ihre spirituellen Werte verpflichten und ihre Gemüter besänftigen würde. Doch das Wassermann-Zeitalter ist ebenso eine Illusion wie viele andere esoterische Heilsvorstellungen.

Der „Wassermann“ bescherte uns nicht ein sanftes Bewusstsein, sondern einen See voller Aberglauben. Trotz Aufklärung, wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Fortschritten greift der Aberglaube rasend schnell um sich. Tatsächlich neigt der Mensch in Krisenzeiten dazu, sich eine Scheinwelt zu bauen, in die er flüchten kann, wenn die Ängste und Schmerzen zu gross werden. Dann vergisst er, was ihm geholfen hat, ein kulturelles Wesen zu werden.

Ein gerüttelt Mass an Aberglauben tragen in unsicheren Zeiten auch radikale Esoteriker bei, die eben glauben, das Schicksal der Menschheit hange von der Konstellationen der Gestirne ab. Dabei müssten wir uns gerade in heiklen Situationen auf unsere Vernunft stützen und nicht auf einen „Wassermann“ hoffen.

« Zur Übersicht