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Scientologen missionieren auf öffentlichem Grund

Hugo Stamm am Donnerstag den 9. Februar 2006

Um Scientology ist es in den letzten Jahren ruhig geworden. Die vielen negativen Medienberichte in den 90-er Jahren haben der amerikanischen Sekte geschadet. Seither bemüht sie sich, den Flurschaden zu begrenzen und das Image aufzubessern. Einerseits werden die Mitarbeiter und Mitglieder etwas pfleglicher behandelt (weniger Druck, Geld zu „spenden“), andererseits treten die Scientologen weniger aggressiv in der Öffentlichkeit auf.

Trotzdem hat sich eine TA-Leserin am Mittwoch wieder einmal über die missionierenden Scientologen geärgert. „Ist es legal, dass Scientologen die Passanten auf öffentlichem Grund belästigen dürfen?“ Sie entdeckte die Anhänger der Organisation am Mittwoch (8.2.06) beim Albisriederplatz in Zürich, wo sie auf öffentlichem Grund einen überdachten Stand aufbaut hatten. Den Passanten erklärten sie, sie würden eine Umfrage zum Thema “Lesen Sie gern?” durchführen. Gleichzeitig hätten sie einschlägige Pamphlete verteilt, erklärt die Leserin. Sie kann nicht verstehen, dass eine Sekte von den Behörden eine Bewilligung erhält, einen Stand an bester Passantenlage aufzubauen.

Wie ist das möglich?

Scientology bezeichnet sich bekanntlich als Kirche. Kenner der Szene sind aber überzeugt, dass dies ein Etikettenschwindel ist. Die Organisation hat zwar Geistliche und führt Gottesdienste durch, sie schreibt aber auch klar, dass sie sich nicht mit Gott beschäftigt. Als Kirche geniesst man halt Vorteile, die sich Scientology nicht entgehen lassen will. (In den USA zahlt sie keine Steuern.) So bekommt eben nur eine Glaubensgemeinschaft die Bewilligung, einen Stand auf öffentlichem Grund aufzubauen und Passanten anzusprechen. Dabei erhalten die Scientologen die Auflage, keine Bücher oder Kurse zu verkaufen.

Es ist kein Geheimnis, dass sich bei Scientology fast alles ums Geld dreht. Und dass die Gruppe kaum etwas unternimmt, ohne an den Profit zu denken. Und man liegt wohl kaum falsch, dass die Scientologen überzeugt sind, dass sich ihr Aufwand früher oder später auszahlt. Dann zum Beispiel, wenn die Passanten durch die Umfrage oder die Flugblätter neugierig werden. Und im Gespräch lassen sich die Passanten natürlich leicht ins nahe Sektenzentrum einladen. Wo dann das Geschäft ganz legal abgewickelt werden kann.

Viele Zürcher ärgern sich, dass die Behörden den Scientologen nicht die Stirn bieten und ihnen die Bewilligung nicht verweigern. Ursprünglich taten sie das. Doch die Scientologen fochten den Entscheid durch alle Instanzen an. Bis vor Bundesgericht. Und der Gesetzesbuchstabe entschied zu Gunsten der umstrittenen Organisation. Denn das Gesetz weiss halt nicht, dass Scientology in erster Linie eine kommerzorientierte Organisation ist. Oder liegt es daran, dass es die Bundesrichter gar nicht so genau wissen wollen?

 

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