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Des sexuellen Missbrauchs angeklagt

Hugo Stamm am Montag den 24. Juli 2006

In der Schweiz arbeiten mehrere tausend Heiler. Und ebenso viele Wahrsager. Viele sind sich ihrer Verantwortung bewusst und arbeiten mit der nötigen Vorsicht und Zurückhaltung. Es gibt allerdings eine beträchtliche Anzahl, die sich überschätzt. Sie akzeptieren die Grenzen ihrer Kompetenz nicht und messen sich übersinnliche Fähigkeiten zu, die sie fast unfehlbar machen. Diese Selbstüberhöhung hat oft mit dem übersinnlichen Konzept oder der Heilslehre zu tun, an die sie glauben und an die sie sich auch bei ihrer Arbeit klammern.

Dabei gibt es mehrere vermeintlich unfehlbare Systeme. Die einen behaupten, einen „Röntgenblick“ zu haben und psychische und körperliche Defizite „sehen“ zu können. Und was sie entdecken, ist für sie eine unumstössliche Wahrheit. Andere erkennen Krankheiten und psychische Probleme angeblich in der Aura ihrer Klienten. Wieder andere erklären, sie würden von aufgestiegenen Meistern (Avataren) oder Geistwesen (teilweise Engeln) Durchsagen erhalten.

Da diese Wesen göttliche Instanzen sind, wäre es eine Todsünde, ihre Botschaften kritisch zu hinterfragen. Deshalb werden sie als die reine Wahrheit empfunden. Die Heiler und Wahrsager fragen sich deshalb auch nicht, ob die Bilder oder Durchsagen, die sie erhalten, Einbildungen oder Selbsttäuschungen sind.

Dieser Glaube an die diagnostische und therapeutische Unfehlbarkeit kann vor allem für Klienten mit schweren Krankheiten verhängnisvoll sein. Aber auch für solche, die unter traumatischen Prägungen, Depressionen und psychotischen Reaktionen leiden. Denn solche Krankheiten sind in der Regel nicht mit einem kurzen Ritual, mit Naturheilmitteln oder Handauflegen heilbar.

In ihrer Ohnmacht haben Heiler, Wahrsager und Esoteriker in den letzten Jahren ein verhängnisvolles Erklärungsmuster entwickelt. Wenn sie mit ihren Heilmethoden nicht weiterkommen und die Krankheitssymptome nicht abklingen, suchen sie eine „logische“ Erklärung für ihren „Misserfolg“. Dabei greifen viele zu einer Standardantwort: Ich sehe in deiner Vergangenheit einen sexuellen Missbrauch, den du verdrängt hast. Dein Vater hat sich an die vergangen, als du ein kleines Mädchen war. Dieses Trauma ist so schwerwiegend, dass ich es nicht auflösen kann.

Da auch diese „Erkenntnis“ angeblich von den Geistwesen bestätigt wird oder in der Aura erkannt worden ist, gilt die Diagnose als gesichert. Den Rest der Geschichte kann man erahnen. Die Klientin reagiert zuerst mit Erstaunen, dann taucht sie in die Vergangenheit ein, und plötzlich erkennt sie schwache Anzeichen, die auf einen Missbrauch hindeuten könnten. Jedes unerklärliche Verhalten des Vaters wird in diese Richtung interpretiert. Selbst Strafen und Schläge. („Der Vater wollte mich unterdrücken, damit ich das „Geheimnis“ nicht verrate.“)

Die Schilderungen werden immer plastischer und werden vom Heiler oder Wahrsager bestätigt. Und je mehr die Klientin die ihr zufliegenden Bilder Revue passieren lässt, desto plausibler erscheinen sie ihr. Kommt hinzu, dass sie bei den esoterischen Seminaren viele ähnliche Geschichten von spirituellen Sucherinnen gehört hat. (Es ist in esoterischen Kreisen schon fast verdächtig, wenn eine Frau keinen Missbrauch erlebt hat.) So verdichten sich „übersinnliche Wahrnehmungen“ und vage Erinnerungsfetzen rasch zur Realität. Das hat auch den Vorteil, dass das seelische Leiden plötzlich ein Gesicht bekommt: Jetzt wird mir endlich klar, weshalb ich so oft depressiv verstimmt bin. Der Grund des Leidens liegt nicht mehr bei ihr, sondern beim angeblich bösen Vater.

Die Frauen konfrontieren in der Regel ihren Vater und die Familie mit ihrer neuen Erkenntnis. Der Schock sitzt tief. Der Vater streitet kategorisch jede sexuelle Handlung ab. Nun wird die angeblich geschändete Tochter wütend und zeigt ihn bei der Polizei an. Es kommt zum Prozess. Seine Möglichkeiten der Verteidigung sind gering, entlastende Beweismittel kann er keine anführen. Die Karten der Klägerin sind besser. Sie hat zwar keine genauen Erinnerungen, aber das Opfer ist meist glaubwürdiger, weil zum vornherein klar ist, dass der Täter seine (vermeintliche) Tat abstreitet.

Ich habe viele solche Fälle miterlebt. Meistens hält die Mutter zum angeblichen Täter. Sie beteuert, sie hätte wohl mitbekommen, wenn sich der Vater an der Tochter vergriffen hätte. Ich kenne aber auch Fälle, bei denen sich die Mutter mit der Tochter solidarisierte. Das führt fast immer zur Scheidung. Oft halten die Schwestern zur angeblich Missbrauchten. In jedem Fall aber ist der familiäre Friede zerstört, oft bricht der Kontakt ab. Wohnen die Betroffenen in einem ländlichen Gebiet, lässt sich der „Skandal“ oft nicht unter dem Deckel halten. Der Ruf des Vaters und meist der ganzen Familie leidet massiv, die Mitglieder werden geächtet.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich verurteile sämtliche sexuellen Übergriffe aufs Schärfste. Ich bin mir auch bewusst, dass das Problem oft verharmlost wird und viele Übergriffe nicht geahndet werden. Ich engagiere mich auch in einer Organisation, die sexuell missbrauchten Kindern und Frauen hilft. Es ist aber auch ein Missbrauch, anhand von „spirituellen Eingaben“ Väter des Missbrauchs zu bezichtigen, zumal diese übersinnlichen „Erinnerungen“ nicht einmal vom angeblichen Opfer stammen, sondern von einer unbeteiligten Heilerin oder einem Wahrsager, der weder den Vater noch die familiären Verhältnisse kennt. Solche Missbrauchsdiagnosen zeugen von einer religiösen Verblendung, die verheerende Auswirkungen haben können.

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