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Der Drogentrip der Homöopathen

Hugo Stamm am Samstag den 12. September 2015
drugs

Im Film «The Master» (2012) ist Freddie Quell (Joaquin Phoenix) einer Sekte mit ihren wilden Orgien und Sitzungen völlig ergeben. Screenshot: «The Master» (Youtube)

Rund um ein entlegenes Tagungszentrum bei Handeloh in der Lüneburger Heide spielten sich vor ein paar Tagen gespenstische Szenen ab. 29 Ärzte, Heilpraktiker und Homöopathen torkelten umher, getrieben von Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Krämpfen, Schmerzen, Atemnot und Herzrasen. Die Zentrumsleiterin alarmierte Polizei und Rettungskräfte. 160 Helfer rasten zum Unfallort, ein zusätzlicher Notarzt wurde mit dem Helikopter eingeflogen. Die Tagungsteilnehmer waren teilweise nicht ansprechbar. Die Rettungskräfte richteten ein Notlazarett ein und verteilten die Patienten auf die umliegenden Spitäler. Zwei Seminarteilnehmer befanden sich kurzfristig in akuter Lebensgefahr.

Die Ermittlungen ergaben, dass alle Tagungsteilnehmer die synthetische Droge 2C-E, ein Amphetamin, das auch unter der Bezeichnung Aquarust bekannt ist, eingenommen hatten. Nun rätselt halb Deutschland, wie sich ausgerechnet Ärzte und Heilpraktiker eine solche Amphetaminvergiftung zuziehen konnten. Die Medien spekulieren, ob ihnen jemand die verbotene Droge in den Tee geschüttet habe.

Es gibt eine plausiblere Erklärung: In den letzten Jahren hat sich im deutschsprachigen Raum eine grosse Szene gebildet, die sich der Psycholyse verschrieben hat, also der Drogentherapie. Ihre Anhänger glauben an esoterische oder spirituelle Heilsvorstellungen und sind überzeugt, dass Drogen die Türöffner ins Unbewusste oder zu einer magischen, übersinnlichen Welt sind. Deshalb gehören vor allem Naturheilpraktiker, Homöopathen und esoterisch verblendete Ärzte und Therapeuten zu dieser Szene.

Die Massenvergiftung von Handeloh passt in eine Reihe ähnlicher Vorfälle, die sich in den letzten Jahren im Rahmen psycholytischer Therapien ereignet haben. Am 19. September 2009 verabreichte der 50-jährige Arzt Garrik R. ­einem Dutzend seiner Klienten bei einer Psycholyse-Therapie Ecstasy. Plötzlich rutschten die Teilnehmer in einen Horrortrip ab. Sie halluzinierten, schrien, verdrehten die Augen, und Speichel lief ihnen aus dem Mund.

Garrik R. geriet in Panik, hatte aber Angst, die Ambulanz zu alarmieren. Als die ersten Klienten ins Koma fielen, löste er Alarm aus. Für einen 28-jährigen und einen 59-jährigen Mann kam jede Hilfe zu spät, ein weiterer Teilnehmer fiel zwei Wochen lang in ein Koma. Der Arzt hatte die Drogenrationen falsch dosiert. Garrik R. wurde zu 4 Jahren und 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Er war Schüler des Schweizer Psychiaters Samuel Widmer, der seit rund drei Jahrzehnten mit Drogen experimentiert. Widmer baute in Lüsslingen SO die Kirschblüten-Gemeinschaft mit rund 200 Anhängern auf, die sektenhafte Aspekte aufweist. Seine Anhängerschaft umfasst schätzungsweise mehrere Tausend Personen. Schon rund 2500 Klienten haben an den Drogensitzungen teilgenommen. Viele von ihnen hat er zu Psycholyse-Therapeuten ausgebildet. Etliche führen nun selbstständig die verbotenen Drogentherapien durch.

Ein weiterer Vorfall ereignete sich am 13. März 2009 in Widmers Zentrum in Lüsslingen selbst. Bei einer Psycholyse-Ausbildung mit rund 60 Teilnehmern lief die Sitzung aus dem Ruder. Mehrere Personen zeigten Vergiftungserscheinungen und erlebten einen Horrortrip. Ein paar Teilnehmer wurden mit Valiumspritzen behandelt, wie Aussteiger berichten. Als Co-Therapeut amtete der Berliner Arzt Garrik R.

Ein ähnlicher Zwischenfall ereignete sich auch bei einer Drogensitzung in Zürich, die die Ärztin F. M. und ihr Ehemann, ein bekannter Wirtschaftsanwalt, leiteten. Als bei der Polizei eine Strafanzeige einging, setzte diese das Paar im Dezember 2009 in Untersuchungshaft. Die Ärztin hatte jahrelang viele Psycholyse-Sitzungen mit Ecstasy und LSD durchgeführt.  F. M. wurde zu einer 16-monatigen bedingten Gefängnisstrafe verurteilt. Auch sie war Schülerin des Psychiaters Samuel Widmer.

Nicht genug: Am 27. April 2014 nahm S. B. in Begleitung einer Freundin eine Substanz ein, wie sie es von ihren jahrelangen Psycholyse-Therapien und der Therapeutenausbildung bei Widmer gewohnt war. Sie bekam unerträgliche Kopfschmerzen und fiel in einen komatösen Zustand. Ihre Begleiterin suchte telefonisch Rat bei einer Therapeutin von Widmer, die auf Migräne tippte. Als sich der Zustand nicht verbesserte, rief die Freundin nach 50 Stunden den Notarzt. Im Spital diagnostizierten die Ärzte einen schweren Hirnschlag und zwei grosse Hirnblutungen, die von den Subs­tanzen ausgelöst worden waren.

Im vergangenen März führte die Solothurner Staatsanwaltschaft eine Razzia bei Widmer durch und eröffnete ein Strafverfahren gegen ihn und drei seiner Helfer, weil sie mutmasslich gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen haben. Ausserdem durchsuchte die Polizei am 29. August erneut die Räume von Widmer. Will die deutsche Polizei rasch verstehen, was sich im Tagungszentrum von Handeloh abgespielt hat, müsste sie sich wohl mit der Solothurner Staatsanwaltschaft in Verbindung setzen.​

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