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Welcher Gott ist der richtige?

Hugo Stamm am Samstag den 10. Januar 2015
Indische goetter300

Viele Wesen bevölkern den indischen Götterhimmel, auch das halbe Tierreich ist vertreten. Bild: PD

An indischen Pilgerstätten manifestiert sich eine eindrückliche Volksfrömmigkeit, wie sich auf einer Indienreise durch Tamil Nadu zeigte. Auch wenn für uns intellektuell geprägte Besucher vieles befremdlich wirkt, ist die Hingabe der Pilger und Sadhus (hinduistische Mönche) berührend. Wenn die Pilger den Dämonen Opfergaben in Form von Lebensmitteln darbringen, während vor dem Tempel die Bettler Schlange stehen, gerät unser Wertesystem ins Wanken. Oder wenn Frauen vor einem mit goldenen Tüchern umwickelten schwarzen Stein (Lingam, Symbol für das männliche Geschlechtsorgan oder die schöpferische Kraft von Shiva) niederknien und inbrünstig beten, wirkt das Ritual fremd.

Wer den Hinduismus und Indien kennt, ist aber nicht erstaunt. Denn hier bevölkern viele Wesen den Götterhimmel. Da tummeln sich Inkarnationen der Inkarnationen der Hauptgötter. Alle Abkommen geniessen ebenfalls göttlichen Status. Bevölkert ist er auch vom halben Tierreich. Nandi Bull, der heilige Stier, wird gern als Kraftsymbol angebetet. Einen besonderen Platz nimmt aber auch Ganesh ein, der Elefantengott. Populär ist weiter Hanuman, der Affengott. Die heiligen Kühe, die die Strassen bevölkern, sind ohnehin legendär.

Manchmal wirkt die Verehrung gar kurios. So besuchen viele Pilger in Deshnoke, Rajastan, einen Tempel, in dem Ratten verehrt werden. Tausende dieser Nager wuseln durch die heiligen Hallen. Sie alle sind wohlgenährt, denn sie werden von den Pilgern reichlich gefüttert.

Uns erscheint die Anbetung von Tieren wie eine Frühform einer Religion oder eines Glaubens. Bekanntlich entrümpelten die späteren Weltreligionen den Himmel von Mond, Sternen, Dämonen, Tieren und vielen Untergöttern. Schliesslich mündete die Entwicklung in den Monotheismus. Doch ist der Hinduismus deshalb eine archaische Religionsform? Dürfen wir uns ein Urteil anmassen?

Wenn man die Frage konsequent zu Ende denkt, spielt es vielleicht gar keine Rolle, ob man einen monotheistischen Gott oder Nandi Bull anbetet. Denn über das Wesen von Gott können wir nur spekulieren. Der Glaube an höhere Wesen ist immer eine Projektion. Den Gläubigen geht es dabei in erster Linie darum, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte auf eine göttliche Instanz zu lenken, ihr die Ängste zu übergeben, Trost zu suchen, Hilfe zu erhoffen und die Furcht vor dem Tod zu teilen.

Gebete haben also weniger mit Gott als mit den Gläubigen selbst zu tun. Wären wir angstfrei, hätten wir kaum ein Bedürfnis, uns den göttlichen Wesen anzuvertrauen. So hilft uns der Glaube, Leid und Elend auf der Welt besser zu ertragen. Dabei spielt es für den einzelnen Gläubigen wahrscheinlich eine untergeordnete Rolle, ob er seine Sehnsüchte auf Ratten oder einen monotheistischen Gott projiziert.

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