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Tödlicher esoterischer Wahn

Hugo Stamm am Samstag den 11. Oktober 2014

Vor 20 Jahren geriet die Schweiz weltweit in die Schlagzeilen wie noch nie zuvor. Guru Jo Di Mambro inszenierte mit seinem esoterischen Sonnentemplerorden ein beispielloses apokalyptisches Sektendrama. Es musste spektakulärer werden als frühere Ereignisse, wie er schrieb. Er sollte Recht bekommen. Die Bilanz seiner irren Aktion: 74 Tote. Ein Teil seiner Anhänger liess der Sektenchef ermorden, die restlichen Sonnentempler vollzogen mit ihm den «Transit zum Stern Sirius», also den kollektiven Suizid. Im Glauben, auf dem paradiesischen Gestirn den spirituellen Frieden zu finden.

Was geht in einem Menschen vor, der ein solches Massacker zu seinen Ehren inszeniert? Wie kamen seine Anhänger dazu, ihrem Guru in den Tod zu folgen?

Der Uhrmacher Di Mambro war schon in jungen Jahren von spirituellen Phänomenen fasziniert, wie das heute Millionen Esoteriker sind. Er glaubte, mit höheren Wesen aus der göttlichen Hierarchie kommunizieren zu können. Aus seiner angeblichen übersinnlichen Begabung leitete er den Missionsauftrag ab, die Welt in ein neues spirituelles Zeitalter zu führen. Er begründete eine Ersatzreligion und floh geistig in eine Parallelwelt.

Der Übertritt in diese virtuelle Sphäre führte zu einer Entfremdung, die auch geistige und psychische Spuren hinterliess. Da die beiden Welten nicht kompatibel sind, baute er eine zweite Identität auf. In der spirituellen Identität fühlte sich Di Mambro mit göttlichen Attributen ausgestattet. Diese Spaltung, aufgeladen mit wahnhaften esoterischen Ideen, führte zu psychischen Auffälligkeiten. Er entwickelte eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und Verfolgungsängste.

Als seine Vision vom neuen spirituellen Zeitalter am mangelnden Interesse der breiten Öffentlichkeit scheiterte, vollzog er den barbarischen Fanal: Er opferte 73 Anhänger, um in die Schlagzeilen zu kommen und in die Geschichte einzugehen.

Doch was war mit den Templern passiert, dass sie dem Guru glaubten und Suizid begingen? Sie hatten sich von spektakulären Ritualen und fantastischen Heilsideen in virtuelle esoterische Sphären entführen lassen, in denen angeblich alle menschlichen Grenzen überwunden werden konnten. Der Aberglaube wurde zur tödlichen Falle. Sie glaubten in ihrer Sehnsucht nach Erlösung an die göttlichen Fähigkeiten ihres Gurus, sein Wort war für sie die unumstössliche Wahrheit. Die suggestiven religiösen Kräfte und gruppendynamischen Prozesse trübten endgültig ihre Sinne.

Der religiöse Wahn weckte zwar ihre übersinnlichen Emotionen, machte sie aber zu spirituellen Robotern und tötete ihre menschlichen Gefühle ab. Deshalb betrachteten sie den Tod als Erlösung.

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362 Kommentare zu “Tödlicher esoterischer Wahn”

  1. Nada sagt:

    @Olive: Das hat natürlich nichts mit “richtig ” oder “einverstanden sein damit” zu tun.

    Bitte verdreh mir nicht die Worte, ich habe nicht von “richtig” und “einverstanden” gesprochen, sondern von “richtig auslegen” (d.h. im Sinne des Urhebers). Was du im übrigen mit diesem Satz bestätigst:

    sondern diese sind die extremistische Fortführung, wenn man so will, die folgerichtige Fortführung der Taten und Worte mohammends.

    also legen die doch die Worte Mohammeds (und was ist der Koran in den Augen von Rabbi Jussuf denn anderes) richtig aus. Während all diejenigen Muslime, die den Koran anders auslegen, eben die Taten und Worte von Mohammed nicht folgerichtig fortführen.

  2. Ueli sagt:

    @Rabbi Jussuf
    Nachdem die “bösen Russen” (Achtung das Feindbild kommt schon wieder!) ihre Schuldigkeit getan haben und man diese jahrzentelang verteufelte um sich dumm und dämlich zu verdienen, musste unbedingt ein neues Feindbild für den “Westen” kreiert werden (vor allem für die Waffen-, Erdöl- und Söldnerfirmen der “Achse der Willigen”). Man machte es sich einfach und fand ihn spätestens nach 911 im “Islam”. Freilich wiesen selbst Kriegstreiber wie Bush und seine Junta (alle rekrutiert aus der Waffen-, Erdöl und Söldnerlobby), immer darauf hin, dass man kein “Problem” mit dem “Islam an sich” habe, sondern nur mit den Bösewichten wie Osama, Saddam und company, die man selber über Jahrzehnte aufgebaut, mit Waffen beliefert u.s.w. hatte – aber andererseits schon eine perfide Propaganda vom “gefählichen Muslim” in die Welt setzte, welche offensichtlich bis heute nachwirkt (wenn kurz vor dem Irakkrieg fast 3/4 der amerikanischen Bevölkerung glaubte, dass Saddam indirekt hinter 911 steckte – konnten diese Personen wohl auch nicht zwischen einem friedlichen Islam und Islamismus unterscheiden). Isis ist wiederum eine direkte Folge des Einmarsches der Amerikaner im Jahre 2003 und Obama bekämpft mal wieder wie gehabt ein Phantom, welches vom Westen selber kreiert wurde. Dann kommen Sie, Herr Jussuf und spielen nun den Schlaumeier, der im Islam selber die “Quelle des Bösen” verortet – ohne auch nur im Ansatz die fatale Geschichte des Westens mit dieser krisengeschüttelten Region zu analysieren. Einseitig zitieren Sie ihre Islamkritiker, die Ihre These vom “gefählichen Islam” bestätigen sollen – ohne zu merken, dass dies übelste Propaganda darstellt und im Endeffekt nur den Hass schürt.

  3. Flamen sagt:

    Randbemerkung:

    Es gibt nicht bös und/oder gut,
    sondern nur Echte und Simulanten.

    Tja.

    😀

  4. Nada sagt:

    @Hypatia: Der Frage aber, ob denn jene fundamentale Andersheit wohl unsere Gesetze respektiert, wird überhaupt nicht nachgegangen, aber es wird zumindest suggeriert, dass diese fundamentale Andersheit derart fundamental anders sei, dass sie sich auch nicht an unsere Gesetze halten würde.

    Es geht sogar noch weiter, es werden auch diejenigen zurückgewiesen, die hiesige Werte wie die Menschenrechte gerne übernehmen und in ihr Weltbild integrieren möchten, wie z.B. Samar Badawi, die Fehler nicht einfach beim Westen sucht, sondern auch in der eigenen Gesellschaft

    Die Bürgerrechtsaktivistin zögert mit einer politischen Stellungnahme. Schliesslich einigt sie sich mit Ali Adubisi, der in Berlin als anerkannter saudischer Asylbewerber weniger zu befürchten hat, auf folgende Antwort. «Sie (gemeint ist das Regime) haben den ‹Islamischen Staat› geschaffen. Sie sind die wichtigsten Geldgeber des Terrors. Sie haben friedliche Aktivisten eingesperrt und zu jahrelanger Haft verurteilt. Es ist eine natürliche Sache, dass dann so etwas wie der IS dabei herauskommt. Das Ergebnis von dieser Gewalt ist jene Gewalt. Wir und mit uns alle bürgerrechtlichen Organisationen in Saudiarabien lehnen Gewalt ab.» Nicht der Islam, sondern Gewohnheiten und Traditionen seien im Königreich massgebend, sagt Badawi. Universelle Menschenrechte wie auch spezifische Rechte für Frauen liessen sich sehr wohl mit dem Islam vereinbaren. Doch in Saudiarabien habe die Allianz zwischen einflussreichen Religionsgelehrten und dem Staat das Ziel, die Gesellschaft zu kontrollieren, und zwar bis in kleinste Detail des Alltags. http://www.nzz.ch/international/asien-und-pazifik/wir-opfern-uns-fuer-die-naechste-generation-1.18392757

    Auch wenn man bezüglich der Vereinbarkeit von Islam und universellen Menschenrechte skeptisch ist, müsste man doch solch mutigen Aktivistinnen alles Glück und gutes Gelingen bei diesem Vorhaben wünschen. Aber nein, man unterstellt ihnen lieber fehlende Einsicht in ihre fundamentale Andersartigkeit und falsche Auslegung des Korans.

  5. Nada sagt:

    @Aysha: ich finde den satz, den man hamad zuschreibt ( habe ihn selbst nicht gehört ), muslime seien trotz dem islam friedlich, eine frechheit ohne gleichen! eine anmassung! eine arroganz…ich finde keine passenden ausdrücke!!!

    Ach dieser atheistischen Glaubenssatz (als Theorie würde ich es nicht bezeichnen, da kaum falsifizierbar) wird auch auf andere Religionen angewandt. Christen, Juden und Muslime können nicht wegen sondern nur TROTZ ihrer Religion “gut” sein. Der Satz basiert auf der Annahme, dass man heilige Schriften Vers für Vers alle in die Praxis umsetzen müsse. Wenn Christen und Juden nicht rumlaufen und Homosexuelle oder Hexen/Zauberer ermorden, dann weil sie ihre Religion nicht richtig praktizieren. Sie sind also trotz der Religion gut und nicht wegen, denn als echte wahre Christen/Juden müssten sie diese Verse ja umsetzen. Eine solche Vorstellung vom richtigen Praktizieren des Glaubens kann nur haben, wer nicht weiss wie widersprüchlich diese Schriften sind und dass es einem beim besten Willen nicht möglich ist, alle Verse umzusetzen, weil sie sich zum Teil fundamental widersprechen und man somit gezwungen ist eine Wahl zu treffen. Ein Hinweis auf diesen Umstand nützt in der Regel wenig, denn die Definition, was richtiger/wahrer Glaube ist, steht selbstverständlich nur denen zu, die (fast) frei von blinden Flecken sind. Zum besseren Verständis füge ich noch folgende Kolumne von Güzin Kar an:

    Ich bin Muslim und gegen den Isis-Terror», stand da, als vorgefertigte Sprüchetafel, wie sie gern auf Facebook gestellt werden, und darunter hatte die Userin selbst hinzugefügt: «Natürlich ist es eine Zumutung, dass ich mich von Verbrechern distanzieren soll, mit denen ich nicht das Geringste zu tun habe, aber weil es dauernd von mir verlangt wird – und dem Frieden zuliebe –, tue ich es eben immer wieder und distanziere mich öffentlich.»

    Ist es keine Selbstverständlichkeit, dass demokratisch gesinnte Menschen, egal welcher Religion, die Machenschaften von Mördern verurteilen? Weshalb wird dann von unbescholtenen Bürgerinnen und Bürgern ein distanzierendes Statement verlangt? Das Phänomen des Gesinnungschecks ist leider nichts Neues, und ich selbst kenne es zur Genüge. Als Kurdistan für die hiesige Presse noch ein brennendes Thema war, wurde ich ständig gefragt, ob ich Kurdin oder Türkin sei. Menschen, die nicht einmal wussten, was Kurden oder Türken sind, verlangten eine persönliche Abstammungshistorie und ein klares Positionsbekenntnis. «Ich bin Schweizerin» wurde als Antwort nicht akzeptiert, man fand mich zickig, denn schliesslich wollte man ja bloss wissen, ob ich zu den Guten oder den Bösen gehörte. Gebürtige Schweizerinnen sind übrigens immer neutral, auch moralisch und genetisch.

    Das Interesse an Kurden und Türken liess im selben Moment nach, als die Presseberichte verebbten. Doch kaum tobte der Syrienkrieg an der türkischen Grenze, hielt man mich an, mich von diversen Gruppierungen zu distanzieren, von denen ich noch nie zuvor etwas gehört hatte. Der tägliche Konsum von Politporno verlangte nach Illustration, die man in mir gefunden zu haben hoffte. Inzwischen ist die verwirrende Lage im Nahen Osten vollends aus dem Ruder gelaufen, sodass man mich der Einfachheit halber nur noch fragt, was ich zur Verschleierung von Frauen meine. Andere haben es nicht so leicht. Meine jüdischen Freunde werden auf jeder Party über ihre Meinung zum Gazakonflikt ausgehorcht. Die Haltung von Araberinnen wird stillschweigend als bekannt vorausgesetzt, und man ist ja schon froh, wenn die nicht per Selbstmordattentat das Buffet sprengen. So wechselt man im Gespräch mit der hübschen ägyptischen Künstlerin gern zu privaten Themen und fragt, ob sie beschnitten sei. Oder wenigstens rasiert.

    Aber weshalb verlieren einigermassen intelligente Menschen jegliche Hemmungen und fragen Dinge, die man in Drehbüchern in die Sterbebettszene schreiben würde? Was soll der ständige Gesinnungstest, liebe Freunde? Habt ihr ein Paninialbum zu Hause, in das ihr uns alle nach deklarierter Zugehörigkeit einklebt? Schmeckt euch der Prosecco besser, wenn ihr wisst, dass wir mit dem Besteck wirklich nur essen und nicht schächten? Oder kann es sein, dass ihr uns, den zugelaufenen und unreinen Schweizerinnen und Schweizern eintrichtern wollt: Egal, wie lange ihr hier lebt, ich kann euch jederzeit zurückschicken, dorthin, wo ihr hergekommen seid, und sei es nur im Geiste und für die Dauer eines Gesprächs.

    «Warum lässt man mich nicht einfach eine ganz gewöhnliche Schweizerin sein?», klagte ich einmal gegenüber einem Freund, der einer jüdischen Familie entstammt. Und der sagte: «Ob wir Juden, Muslime, Türken, Albaner oder Schwarze sind, bestimmen nicht wir. Das bestimmen sie.» (TA-Online)

  6. - sagt:

    Heute sprach ich mit ein junger Iraker, die mit seinem Familie aus der Irak geflohen ist.
    Er sagte zur mir;” Ich schäme mich ein Muslim zu sein, wenn ich an die Gräueltaten denkt, die ich in Irak erlebt haben”
    Er sagte; Ich verstehe nicht die Schweizer und die Europäer, die sich der IS und die Salafisten anschliesst und noch dabei denkt, dass sie in den Ferien geht”
    “Sie wissen nicht was Krieg ist” “und sie wissen nicht, wie gut es die Menschen hier in Europa geht, die können es nicht schätzen”

    Zum Schluss sagte er; “Der Gott hat die Menschen ein Herz und ein Kopf gegeben, damit sie es auch einsetzt”

    Der junge arbeitet , weil er eine Familie gründen will, dass mag ich ihm gönnen.

  7. aysha sagt:

    @ nada

    ja, den artikel von güzin kar hatte ich schon gelesen und die frau die sich distanziert hat, kenne ich persönlich. sie hat das tatsächlich so auf fb geschrieben.

    ich schwanke so zwischen: keine medien konsumieren und mich gegen hetzerische artikel wehren! beides bringt nichts! das ganze kommt mir wie ein tsunami vor…wohin soll das alles führen? diese fokusierung auf die muslime und diese dämonisierung in grossem stil ist ungut! am schluss sind doch alle verlierer: die hetzer und die muslime! und natürlich auch diejenigen die dazwischen sind. alle verlieren!

    wünsche dir einen guten wochenstart

    aysha

  8. - sagt:

    Wenn ich denn an der Aussage von die Machtgeile Front National Le Pen liesst, dass Sie der Konzentrationslager von Juden als Detail sieht, dann bin ich froh, dass es ein Gerichtshof in Europa gibt, die solche rechtsradikalen Menschen verurteilen kann.
    Solche Menschen werde der Europa nicht diktieren.

  9. - sagt:

    Niemand fokusiert sich auf die Muslime, sie haben, wie alle andere kein Sonderrabat.

    Bitte nehmen Sie das zur Kenntnis.

  10. @ Bamberger sagt:

    Ja, Jesus machte mit dem Mühlstein natürlich einen kleinen Witz. Ein Mühlstein braucht man zu? Zum Mahlen, nicht zum Ersäufen. Aber Jesus meint, man solle auch die Kleinen nicht anrühren und so werden wie die Kinder.

    PS: Jesaja 7,14 wird in Kürze erfüllt sein. Sind Sie wach? Sind Sie bereit?

  11. Süssmost sagt:

    aysha
    20. Oktober 2014 um 00:17

    ” diese fokusierung auf die muslime und diese dämonisierung in grossem stil ist ungut! ”

    Fokus auf das eigene Leben ist besser. 😀

  12. olive sagt:

    @ Nada
    19. Oktober 2014 um 19:33

    “Bitte verdreh mir nicht die Worte, ich habe nicht von “richtig” und “einverstanden” gesprochen,”

    Dann bitte ich dich um dasselbe: ich hab mit keinem Wort gesagt, dass das von dir kam, das war meine Meinung.

    Dass man den Koran auf verschiedene Art lesen und auslegen kann, darüber herrscht ja Konsens.

    Es kann also folgerichtig sein, die politische Linie inkl. die Eroberungen von Mohammed und das Anstreben eines muslimischen Grossreiches fortzuführen, wie er es versucht hat.
    Daran ist erst einmal nichts Erstaunliches, besonders für Ungläubige nicht, zeigt es doch, dass er einfach ein ehrgeiziger Mensch war.

    Neben den bekannten Autoren gibt es noch viele andere, etwas weniger bekannte, die sich in diesem Sinne äussern:
    z.B. ein Oliver Jeges, der bei Maischberger sagte:

    “Die gängige Meinung in Europa besagt heute, Terror im Namen des Islams hänge nicht mit dem Islam zusammen. Das ist so absurd wie die Behauptung, dass Religionskriege nichts mit Religionen zu tun haben“, kritisiert der Wiener Autor. Selbstverständlich habe islamistisch motivierte Gewalt mit dem Islam zu tun. Ob das dann die richtige Interpretation des Koran oder die falsche ist, das wisse nur Allah, schreibt Oliver Jeges, Sohn einer österreichischen Mutter und eines ägyptischen Vaters.

    Wenn also alles möglich ist, die guten Empfehlungen und die friedvollen Sprüche als das einzig Wahre im Koran zu sehen

    aber ebenso das andere, wer könnte dann behaupten, welche Lesart die Richtige ist?

    Ich tue es nicht und so, wie ich den Rabbi lese, tut er es auch nicht.
    Aber es gibt Unzählige, die es tun, auf die eine oder andere Weise.