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Die eigenartige Metamorphose des Sektenführers

Hugo Stamm am Samstag den 9. August 2014

Ivo Sasek ist der Gründer einer grossen christlichen Sekte mit dem seltsamen Namen Organische Christus-Generation. Seit über 30 Jahren geht der christliche Fundamentalist mit der Bibel in der Hand auf Seelenfang. Diese nimmt er wörtlich. Deshalb schrieb er in einer seiner Broschüren, dass Eltern, die ihre Kinder lieben, sie mit der Rute züchtigen sollen.

Doch nun geht der fromme Christ auf Abwege. Er sieht in den politischen Unruhen Anzeichen der Endzeit und konzentriert sich immer mehr auf seine politische Arbeit. In jüngster Zeit wurde er zum Polit-Missionar. Diese Funktion füllt er so radikal und extrem aus wie ehedem seine religiöse Mission. Doch woher nimmt jemand das politische Wissen und Bewusstsein, der sich Jahrzehntelang von der Welt abgewandt hatte?

Der Führer der Organischen Christus-Generation aus Walzenhausen AR hat vor ein paar Jahren die «Anti-Zensur-Koalition» (AZK) gegründet und veranstaltet jährlich Konferenzen mit bis zu 2500 Besuchern. Als Referenten lädt der 58-Jährige jeweils Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, führende Sektenmitglieder, etwa Jürg Stettler von Scientology, Holocaustleugner und Rechtsradikale ein.

Bei der jüngsten Konferenz am 26. Juli, über die ich im TA berichtete, schlüpfte Sasek selbst ins Gewand des Verschwörungstheoretikers und verkündete Endzeitszenarien. Dabei machte Sasek Andeutungen über den angeblich bevorstehenden 3. Weltkrieg und verbreitete Angst und Schrecken. Obwohl sein Referat den Titel «Wie verhindert man einen Weltkrieg?» trug, rief er ins Publikum: «Hier treiben sie uns in den Krieg.» Dabei meinte er das politische und wirtschaftliche Establishment und die «Kriegstreibermedien», die zum Schweigen gebracht werden müssten.

Die Rede von Sasek ist seit kurzem auf der Website der AZK zu sehen. Im Gegensatz zu früheren Konferenzen wurden diesmal nur kurze Ausschnitte aufgeschaltet. Vermutlich hat er die radikalsten Aussagen herausgeschnitten. Eine ungefilterte Version zu den gleichen Themen verbreitete der christliche Sektenführer schon beim internen «Freundestreffen» vom 24. Mai, von dem ich ein Mitschnitt besitze.

In der Rede zog Sasek gegen alle vom Leder, die nicht an die geheimen verschwörerischen Mächte glauben. Zu ihnen zählt er auch pauschal die Christen, die er als «Hosenscheisser und Nichtsnutze» schalt. Es beginne eine Räumung der Erde und der Menschheit, die von der Lust zu quälen und zu morden lebe. Wegen der Christen lasse der Teufel «die Sau raus» und bringe alle da draussen um. Die Menschen seien «medienverblödet» und würden von den Kriegstreibern wie vernunftlose Tiere zur Schlachtbank geführt, sagte Sasek.

Amerika ist für Sasek des Teufels und richtet ein orchestriertes Chaos an, wie es in den Protokollen der Weisen von Zion beschrieben ist. Das geheime Papier von Anfang des letzten Jahrhunderts enthält angeblich das Konzept, wie jüdische Politiker und Banker heimlich eine Weltregierung anstrebten. Obwohl bereits 1920 nachgewiesen wurde, dass die Protokolle gefälscht worden waren, benutzen sie auch heute noch Esoteriker und Rechtsradikale für ihren Propagandakrieg gegen die Juden.

Die Machthaber und Kriegstreiber verfolgten laut Sasek das Ziel, «die Welt auf ein Minimum zu reduzieren». Die verschwörerischen Kräfte wollten 6,5 Milliarden eliminieren, behauptete er in seiner Rede. «Glaubt ihr das?», schrie er ins Publikum, das die Frage mit einem lauten «Ja» quittierte. Christen bezeichnete er als «richtige Arschlöcher», Banker, Politiker und Medienleute nannte Sasek Banditen und Verbrecher – sie seien satanisch.

Sasek will mit der AZK Gegeninformationen verbreiten, die die Medien verschweigen würden. Er riet, alle Informationen der Machthaber zu hinterfragen und ihnen zu misstrauen. Als Beispiel nannte er Aids. Diese Krankheit sei «ein einziger verdammter Schwindel». Weiter forderte Sasek seine Zuhörer auf, Hitlers Buch «Mein Kampf» zu lesen.

Sein Ziel formulierte Sasek so: «Ich schicke mich an, das Volk zu verändern, es zu manipulieren, wenn du willst, für meinen Weg.»

Wer ist Ivo Sasek? Der Prediger wuchs in einem atheistischen Elternhaus auf, liess sich aber Ende der 1970er-Jahre zu einem freikirchlich geprägten Christentum bekehren. Mitte der 1980er-Jahre gründete er in Walzenhausen AR eine Drogenrehabilitation unter dem Namen Obadja, den Elaion-Verlag und einen Gemeindelehrdienst, aus dem die Bewegung Organische Christus-Generation (OCG) hervorging. Sasek schrieb viele radikale religiöse Schriften und Traktate. In die Schlagzeilen geriet er immer wieder, weil er in einer Broschüre die Züchtigung der Kinder mit der Rute empfahl, wie es in der Bibel festgehalten sei. Er ist Vater von elf Kindern – die Ausstrahlung seiner OCG reicht bis nach Deutschland und Österreich. Rund 3000 Anhänger verehren Sasek als ihren geistlichen Führer.

Erstaunlich ist, dass Sasek den Satan plötzlich in den USA entdeckt. Da hält er es wie rechtsradikale Kreise und Verschwörungstheoretiker. War für christliche Fundamentalisten bislang Russland der Antichrist, ist es nun der Antipode USA. Dieser Gesinnungswandel war schon bei der Annektierung der Krim durch Putin zu beobachten. Plötzlich war der starke Mann Russlands der Held, der dem verhassten Obama die Stirn bot. Der gleiche Reflex war beim Abschuss der MH17 über der Ukraine zu beobachten. Offenbar lautet die simple Gleichung: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Auch wenn dieser Freund diktatorische Allüren an den Tag legt.

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