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Esoterik als Ersatzdroge

Hugo Stamm am Samstag den 24. Mai 2014
Hugo Stamm

Kennen Sie auch eine wiedergeborene Kleopatra? Hier legendär gespielt von Elizabeth Taylor 1963. (Foto: Keystone)

Der Siegeszug der Esoterik durch alle westlichen Länder ist beispiellos. Der neo-spirituelle Virus griff in den letzten 50 Jahren breitflächig um sich, vor allem bei Frauen.

Wie ist das Phänomen zu erklären? Die Idee von der Selbsterlösung und der spirituellen Wunder macht einen grossen Teil der Faszination aus. Das christliche Hoffen auf die Gnade Gottes war gestern. Wir wollen die Hoheit über die Zukunft. Die Idee von der Wiedergeburt soll es richten.

Die moderne Esoterik ist wie das zivile Leben geprägt von der Globalisierung und Individualisierung. Und von einer gesteigerten Anspruchshaltung. Deshalb unterliegt auch die spirituelle Welt Modetrends und ökonomischen Zwängen. Längst ist der Esoterikmarkt ein globales Imperium, das Milliarden umsetzt. Um die Kunden anzufixen und auf Trab zu halten, werden immer neue Dienstleistungen und Produkte auf den Markt geworfen. Dabei ist die Esoterik eigentlich ein geheimes Wissen für Eingeweihte.

Einst waren Rückführungen der grosse Schlager. Die Reise zurück in angebliche frühere Leben war aufregend. Viele Frauen erfuhren auf ihrer Zeitreise, dass sie eine Reinkarnation von Kleopatra sind. (Dass aktuell Tausende wiedergeborene Kleopatras leben, gehört zu den biologischen Wundern der Esoterik.) Als jedoch die Umgebung den «neuen Kleopatras» die erhoffte Referenz nicht erwies, verlor die Rückführung an Glanz. Also zog die spirituelle Karawane weiter.

Es folgten Reisen zu spirituellen Kraftorten, um in hoch suggestiven Seminaren die kosmischen Kräfte und Geistwesen heraufzubeschwören. In weiteren Workshops gings später um Reiki, das Pendeln, die Kontaktnahme mit seinem Engel und Geistführer. Das Karussell drehte sich immer schneller, man übte das Familienstellen nach Bert Hellinger, die Geistheilung, den Lichtnahrungsprozess, das Channeling und vieles mehr.

Die Seminarleiter und spirituellen Meister versprachen bei jedem neuen Kurs den grossen Durchbruch oder die Erleuchtung. Es knisterte in den Workshops, Massensuggestion, Sehnsucht und Vorfreude heizten die Atmosphäre an. Die Euphorie wurde als Zeichen des geistigen Aufstieges interpretiert. Endlich war die spirituelle Erlösung greifbar, hofften die Sucher.

Doch wie bei allen Rauschmitteln versiegte der Strom der Glückshormone spätestens am Montag im Büro. Die Sehnsucht auf den nächsten Kick wuchs rasch an. Doch nach der zehnten Rückführung oder Umarmung der Bäume war die Kraft des euphorisierenden Rituals verpufft. Da es inzwischen mehrere Hundert esoterische Disziplinen gibt, ist die Jagd nach der Erleuchtung eine lebenslange Aufgabe geworden. Allerdings steigen viele mit der Zeit aus, weil ihnen das Geld ausgeht oder sich der erwartete Durchbruch als Fata Morgana erweist. Von der Sehnsucht blieb nur die Sucht.

 

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