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Heiler spielen mit dem Leben ihrer Patienten

Hugo Stamm am Samstag den 5. April 2014
Unrealistische Versprechen: Eine Heilerin behandelt eine Patientin. (AFP/Boris Heger)

Unrealistische Versprechen: Eine Heilerin behandelt eine Patientin. (AFP/Boris Heger)

Die Diagnose Krebs löst bei Patienten einen Schock aus. Mit einem Schlag ist nichts mehr wie es war. Die Existenz ist bedroht, die Zukunft ungewiss. Pläne, Projekte, Wünsche, Träume werden unwichtig. Das Bewusstsein wird überflutet von der Angst: Was ist morgen, in den nächsten Wochen und Monaten? Und dann die Bilder im Kopf: Operation, Bestrahlung, Chemo. Ein Leben auf Sparflamme, entkräftet, ohne Haare. Ein Alptraum, der beim Aufstehen einsetzt und einen ins Bett begleitet.

In solchen Grenzsituationen sucht der menschliche Geist zwangsläufig nach Alternativen und Auswegen. Von hier ist der Weg zum Heiler nicht mehr weit.

Es gibt fast 500 Alternativmethoden zur Schulmedizin und allein in der Schweiz mehrere Zehntausend Geistheiler und alternative Therapeuten. Das Problem: Ein Konsumentenschutz fehlt. Jeder kann sich Heiler nennen und Patienten empfangen. Er darf aber keine Heilung versprechen. So will es das Gesetz. Doch viele Heiler greifen gern in die Trickkiste, wie Berichte von Betroffenen oder ihren Angehörigen zeigen. Sie sprechen dann nicht von Therapie, sondern von Übertragung der Heilenergie. Und sie erzählen von andern Klienten, die nach der Behandlung gesund geworden seien. Die Botschaft ist klar: Heilung ist möglich, Alternativmethoden können Wunder bewirken.

Doch wer signalisiert, er könne mit Handauflegen oder Energieübertragung Krebs heilen, ist ein Scharlatan. Wer ein Minimum an Empathie und Redlichkeit mitbringt, macht keine unrealistischen Versprechen. Denn falsche Hoffnungen können tödlich sein: Manche Krebspatienten verzichten auf schulmedizinische Therapien, weil sie hoffen, durch den Heiler geheilt zu werden.

Es braucht keine Voraussetzungen, um eine Praxis als Geistheiler zu eröffnen. Viele Heiler haben keine Ahnung von Anatomie und Pathologie. Niemand prüft, ob sie das Einfühlungsvermögen besitzen, um verantwortungsbewusst mit Patienten arbeiten zu können.

Ein Beispiel: Ein 50-jähriger Mann litt an Krebs. Er war in ärztlicher Behandlung, suchte aber auch Hilfe bei einem Heiler. Seine Frau begleitete ihn jeweils. Nachdem er gestorben war, schickte der Heiler die Rechnung. Er heftete einen Post-it-Zettel drauf und schrieb: «Freundliche Grüsse.» Ein Wort des Trostes suchte die Witwe vergeblich.

Ein weiteres Beispiel: Ein Arzt diagnostiziert bei einer 32-jährigen Frau Brustkrebs. In ihrer Panik wendet sie sich an einen Heiler. Das kriegen wir hin, sagt dieser. Bedingung: Keine harten Therapien wie Operation, Chemo, Bestrahlung. Sie müsse nur ihre spirituelle Blockade lösen und werde gesund. Die Patientin vertraut ihm blind. Alle warnenden Stimmen schlägt sie in den Wind. Als sie nach einiger Zeit über Schmerzen klagt, sagt der Heiler, diese seien Ausdruck des Heilungsprozesses. Auf keinen Fall dürfe sie Schmerzmittel schlucken, weil diese die Selbstheilungskräfte blockierten. Bald leidet die junge Frau Qualen und schreit vor Schmerzen.

Kurz vor dem Tod lässt sie sich doch noch untersuchen. Der Krebs hatte bereits das Schulterblatt durchlöchert. Ihre Überlebenschancen hätten bei schulmedizinischer Betreuung rund 90 Prozent betragen. Der Heiler konnte nicht belangt werden, weil die Patientin eigenverantwortlich gehandelt hatte.

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