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Die Sterne sind entlarvt

Hugo Stamm am Sonntag den 14. Mai 2006

Passen nun Widder besser zu Steinböcken oder zu Jungfrauen? Oder hat eine Beziehung mit einer Waage vielleicht doch bessere Zukunftschancen? Doch was macht der Widder, wenn er einer intelligenten, fröhlichen und hübschen Fisch-Frau begegnet und sich Hals über Kopf verliebt? Soll er dann die Sterne fragen? Soll er ihnen glauben, wenn sie ihm ins Ohr flüstern: „Widder mit Fisch? Behüte Gott. Da kannst Du die Scheidung eingeben, bevor Du ihr den Ring an den Finger gesteckt hast.“
Ein Forschungsteam aus Deutschland und Dänemark wollte es wissen, wie es sich wirklich mit den Sternen und Sternzeichen verhält. Gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Geburtsmonat, dem Sternzeichen und den Charakterzügen?
Professor Peter Hartmann von der Universität Arhus und seine Kollegen sammelten Daten und Informationen von über 15’000 Menschen, die sie aus verschiedenen Datenbanken bezogen. Ihre Resultate sind ernüchternd. Persönlichkeitsmerkmale seien nicht abhängig von Sternzeichen, erklären sie ohne Wenn und Aber. Die Zeit der Geburt sage nichts über die Charaktereigenschaften aus.
Das Resultat erstaunt zwar nicht wirklich, ist aber für einen Grossteil der Bevölkerung ein herber Dämpfer. Denn fast die Hälfte glaubt an die Macht der Sterne oder an die Sternzeichen. Tendenz steigend. Ich zweifle allerdings, dass sich diese von der wissenschaftlichen Studie verunsichern lässt. Gegen den Glauben an die Kraft der Gestirne ist kein (Vernunfts-)Kraut gewachsen. Warum? Weil es eben ein Glaube ist. Und der lässt sich nicht erschüttern. Auch nicht von den ausgewerteten Daten von 15’000 Personen. Und schon gar nicht von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Schliesslich würde ihr Weltbild zusammenkrachen, wenn sie die Hoffnung auf die Sterne verlieren würden. Schliesslich würde sich auch der Glaube an die Horoskope verflüchtigen. Somit wären viele Hoffnungen, Erwartungen und Sehnsüchte vergeblich gewesen. Und das Geld für die „Analysen“ aus dem Fenster geworfen. Und man müsste sich eingestehen, einem Aberglauben gehuldigt zu haben. Das wären schmerzliche Erkenntnisse. Deshalb glaubt man lieber, dass sich astrologische Erkenntnisse eben nicht mit wissenschaftlichen Methoden verifizieren lassen. Und so bleibt die Kirche im Dorf – oder eben im Sternenhimmel.
Gebildete Astrologen gehen sofort zum Gegenangriff über. Sie erklären, frühere Untersuchungen hätten gezeigt, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen den Charaktereigenschaften und dem Sternzeichen gebe. Was sagen die Wissenschafter um Peter Hartmann dazu? Die früheren Studien hätten nur kleine Probandengruppen untersucht und deshalb keine statistisch relevanten Resultate hervorbringen können.
Warum soll man nicht an die Sterne oder den Einfluss der Sternzeichen glauben? Das ist doch harmlos, sagen viele, auch nicht Sternen-Gläubige. So einfach ist es leider nicht. Die Gefahr besteht, dass die Sterndeuter sich von Horoskopen abhängig machen, ihr Verhalten auf die Aussagen der Astrologen ausrichten und die Verantwortung an eine „höhere Macht“ abgeben. Viele befragen vor schwierigen Entscheiden die Sterne. Statt auf ihre Gefühle zu hören und die Lebenserfahrungen beizuziehen, überlassen sie die Entscheide den Astrologen oder den Sternen. Wobei wir bei meinem Lieblingsthema wären: Die geistige Freiheit ist vielleicht das wichtigste Gut, das es zu kultivieren und zu schützen gilt.
Wie sagen doch die Astrologen? Sterne lügen nicht. Kunststück: Sie können ja gar nicht reden.

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