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Die Kraft des positiven Denkens

Hugo Stamm am Donnerstag den 27. April 2006

Die esoterische Weltsicht basiert über weite Teile auf den Vorstellungen des „positiven Denkens“. Was die wenigsten wissen, die den Begriff in harmloser Weise als durchaus sinnvolle Aufmunterung brauchen: Hinter dem unscheinbaren Allerweltsbegriff versteckt sich ein komplettes spirituelles Konzept, das sich optimal an die wirtschaftlichen und sozialen Ziele unserer Gesellschaft anpasst: Wie in unserem Alltag sind auch beim positiven Denken Effizienz, Erfolg und Egozentrik die zentralen Werte. Die Suggestivmethode erweist sich als angeblicher Zauberstab, mit dem sich auf „geistigem Weg“ und ohne Anstrengung angeblich alles auf der spirituellen und vor allem materiellen Ebene erreichen lässt. Es geht also beim eigentlichen positiven Denken nicht darum, mit Optimismus den Alltag zu bewältigen, sondern es beinhaltet ein Heilsystem, mit dem sich utopische Wunschvorstellungen vermeintlich mühelos realisieren lassen.
Beim positiven Denken geht es darum, unser Bewusstsein mit suggestiven Kräften zu programmieren. Das Credo: Wir sind, was wir denken, und die Welt lässt sich mit der geistigen Kraft des positiven Denkens beliebig bewegen. Wenn ich im Geist eine positive Welt kreiere, dann wird sich mir diese genau so manifestieren.
Für positive Denker funktioniert die Psyche wie ein Computer, den man programmieren kann. Doch das Unbewusste löscht keine Eindrücke, auch wenn man tausendmal die Delete-Taste drückt.
Vater des positiven Denkens ist der Amerikaner Joseph Murphy. Er hat unzählige Bücher dazu geschrieben. Er behauptet, die suggestive Methode garantiere Reichtum und Wohlstand. Alles, was wir in Gedanken visualisierten, verwirkliche sich in der materiellen Welt. Autos, Häuser und Wolkenkratzer waren laut Murphy einst lediglich Ideen oder Gedankenimpressionen im Geist eines Menschen, die ins Unterbewusstsein gesickert und später realisiert worden seien. Für ihn ist „Wohlstand eine Geisteshaltung“. Beim positiven Denken werde das Wachbewusstsein des Menschen von seinem Unterbewusstsein aktiviert, und „das Gesetz der Anziehung setzt Reichtümer zu ihm in Bewegung – aussersinnlich, geistig und materiell“, behauptet Murphy, ohne das Phänomen näher zu erklären.
Um reich zu werden, muss man sich laut Murphy nicht anstrengen, alles lässt sich im Schlaf erreichen. Beim Hinübergleiten soll ein Wort „festgehalten“ und wiederholt werden, nämlich der Begriff „Wohlstand“. „Reichtum ist eine gute Gewohnheit, Armut dagegen eine schlechte – das ist der ganze Unterschied zwischen Reichtum und Armut“, schreibt der Millionär Murphy in einem Anfall von Zynismus. Und er erklärt die Armut für eine geistige Krankheit.
Der Vater des positiven Denkens übergiesst alle Menschen mit Hohn und Verachtung, die ihren Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit verdienen. Der Guru des positiven Denkens behauptet, im Schweisse des Angesichts zu Reichtum zu kommen sei lediglich eine zuverlässige Methode, früh auf dem Friedhof zu landen. Es sei völlig unnötig, seine Kräfte auf diese Weise zu verschwenden. “Wer sich reich fühlt, wird reich.”
Das positive Denken ist eine geistige Zwangsmethode. Die propagierten Effekte wie ein vollkommen angstfreies Leben, ewige Harmonie, absolute Gesundheit und Reichtum sind unreife Ziele und widersprechen allen Lebenserfahrungen. Hier werden kindliche Paradiesvisionen gezüchtet. Positive Denker können eine emotionale Regression erleiden. Es führt letztlich zu Narzissmus, Egoismus und zu einer Selbstvergottung.
Der Schweizer René Egli bringt es in seinem Buch „Das Lola-Prinzip“ auf den Punkt. Er schreibt: “Wir sind eins mit Gott. (…) Also: wir werden nicht sein wie Gott, wir sind Gott! (…) Entweder wir sind hier und jetzt Gott – oder wir werden es niemals sein. Wir sind Gott. Jetzt. Wir haben lediglich vergessen, dass wir Gott sind.” Die Geschichte lehrt uns aber, dass Menschen, die sich göttliche Fähigkeiten zugemessen haben, kein Segen für die Menschheit waren.

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