Logo

Heiler gegen Ärzte

Hugo Stamm am Montag den 10. April 2006

Der Beitrag über die Homöopathie hat gezeigt, dass alternative Heilmethoden die Leser in zwei Lager teilt. Diese Erfahrung mache ich seit vielen Jahren. Was mir besonders auffällt: Die Diskussion nimmt oft die Qualität eines Glaubenskrieges an. Deshalb interessiert und beschäftigt mich das Phänomen mit wachsender Aufmerksamkeit.
Auffallend ist die Vehemenz, mit der viele Vertreter alternativer Disziplinen ihr Interessengebiet verteidigen. Dafür habe ich durchaus Verständnis. Wenn sie aber mit einem Kriegsvokabular pauschal auf die Schulmedizin und Pharmaindustrie eindreschen, offenbaren sie einen missionarischen Eifer. Um nicht sogleich einen Sturm der Entrüstung auszulösen, stelle ich meine Haltung vorweg: Es gibt in allen erwähnten Bereichen unseriöse Anbieter und Exponenten, Missbrauch findet sich bei allen Disziplinen, auch der Schulmedizin und der Pharmaindustrie. Eine pauschale Verteufelung zeigt nur, dass die Kritiker Feindbilder kultivieren, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden.
Traditionelle Medizin und die Alternativen Methoden gegeneinander auszuspielen, macht keinen Sinn. Ich kenne viele Beispiele, bei denen Heiler den Tod ihrer Patienten verschuldeten, weil sie diese nicht an die Schulmedizin „ausliefern“ wollten. Ein Beispiel: Eine 23-jährige Frau mit starken Ohrenschmerzen suchte einen Heiler auf. Dieser gab ihr Tinkturen aus Naturheilkräutern. Die Schmerzen wurden immer unerträglicher und weiteten sich auf den ganzen Kopf auf. Die junge Frau wagte es nicht, Schmerzmittel zu schlucken. Das sei Chemie, sagte der Heiler. Chemie störe die Energieflüsse und schwäche die Selbstheilkräfte. Nach zehn Tagen hielten die Eltern die Schmerzensschreie ihrer Tochter nicht mehr aus und riefen gegen ihren Willen den Notfallarzt. Dieser wies sie sofort in ein Krankenhaus ein. Doch es war zu spät, die junge Frau starb nach wenigen Stunden.
Die Obduktion ergab, dass die Patientin eine Mittelohrenentzündung hatte, die sich zur Hirnhautentzündung auswuchs. Hätte sie rechtzeitig Antibiotika geschluckt, würde sie heute noch leben. (Es gibt aber auch Vertreter der Naturheilkunde, die dies allen Ernstes bestreiten.)
Ich selbst benutze Medikamente nur im äussersten Notfall. Zum Beispiel bei gefährlichen Infektionen oder mörderischen Schmerzen. (Was zum Glück selten vorkommt.) Und in diesen akuten Situationen helfen Naturheilmittel eben nicht gut genug. Nebenbei gesagt: Es gibt verschiedene Krankheiten, bei denen herkömmliche Medikamente lebensrettend wirken können.
Ich wage die These, dass bei leichteren chronischen Krankheiten der Körper der beste Arzt ist und Medikamente nicht braucht – auch keine Naturheilmittel. Bei gravierenden akuten Krankheiten geht es (leider) oft nicht ohne chemischen Einsatz.
Ich erwarte von den Verfechtern der Naturheilkunde mehr Wille zur „ganzheitlichen“ Betrachtungsweise. Sie monieren, dass die Medikamente Nebenwirkungen hervorrufen würden. Das trifft durchaus zu und ist bedauernswert. Doch wenn die Alternative der Tod ist, dann sind die Nebenwirkungen der Medikamente wohl immer das kleinere Übel. Ganz abgesehen davon, dass auch Naturheilmittel Nebenwirkungen zeigen. Alles, was wir einnehmen, hat Nebenwirkungen. (Wenn auch oft nur in sehr geringem Mass.) Die Natur einseitig zu verklären, zeugt nicht von geistiger Unabhängigkeit. Wenn ich Tollkirschen oder Fliegenpilze esse, können die „Nebenwirkungen“ tödlich sein. Aber selbstverständlich nehme ich bei leichten Krankheiten auch lieber Naturheilprodukte als herkömmliche Medikamente.
Die pauschale Verteufelung der traditionellen Medizin ist auch aus einem andern Grund kurzsichtig. Jährlich flicken die Chirurgen in der Schweiz Tausende von Unfallopfern (Verkehr, Arbeit, Sport) auf wunderbare Weise zusammen. Oder: Wer geht schon bei einem akuten Blinddarm zu einem Heiler? Viele Esoteriker fluchen zwar jahrein und jahraus über die „verbrecherischen Götter in Weiss“, sind aber sehr froh, wenn ihnen der Neurologe bei einer Hirnblutung die Kalotte öffnet und damit womöglich das Leben rettet.

« Zur Übersicht