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Die Selbstliebe der Esoteriker

Hugo Stamm am Samstag den 3. August 2013
Demütig sind viele Esoteriker vor allem sich selbst gegenüber: Uriella und Mike Shiva bei einem Esoterik-Anlass. (Keystone/Michaela Rehle)

Demut gegenüber sich selbst: Uriella und Mike Shiva bei einem Esoterik-Anlass. (Keystone/Michaela Rehle)

Demut, Achtsamkeit, Harmonie und Liebe sind die zentralen Attribute der esoterischen Heilsvorstellungen. Die Frage stellt sich aber, ob die weltweit Millionen von Anhängern dieser Ersatzreligion ihren Ansprüchen gerecht werden.

Von Demut ist wenig zu spüren. Demütig sind viele Esoteriker vor allem sich selbst gegenüber. Sie glauben, die geistige Elite zu sein, die den Aufstieg in die höheren kosmischen Sphären schafft und das neue Zeitalter begründet. Sie sehen sich als Lichtarbeiter, spirituelle Krieger, Beherrscher der übersinnlichen Energie und Vertreter der Aufgestiegenen Meister und Avatare.

Bei der Achtsamkeit schneiden Esoteriker etwas besser ab, allzu viel können sie sich aber auch in diesem Bereich nicht einbilden. Achtsam sind sie vor allem sich selbst gegenüber. Sie nehmen für sich in Anspruch, alles holen und nehmen zu dürfen, das ihrer Selbstverwirklichung dient. Als spirituelle Elite, die die Menschheit aus der geistigen Dunkelheit führen muss, gebärden sie sich recht narzisstisch und egoistisch. Ihre Achtsamkeit beschränkt sich oft auf ihre eigene geistige Entwicklung.

Auch bei der Harmonie denken sie vor allem an sich. Harmonisch soll vor allem ihr exoterisches und esoterisches Leben sein. Ihre Energien sollen harmonisch schwingen, sie wollen nicht gestört werden von negativen Kräften der Aussenwelt. Nachrichten von politischen Unruhen, Katastrophen, Epidemien stören ihre Harmonie und bringen sie vom Pfad der Erleuchtung ab. Um soziale oder politische Harmonie kümmern sich viele Esoteriker nicht. Das könnte ihre innere Balance stören.

Bei der Liebe ist es ähnlich. Esoterik erzieht ihre Anhänger dazu, sich selbst zu lieben. Wer sich vorwiegend um die eigene Selbstverwirklichung und die spirituelle Entwicklung kümmert, bringt wenig Energie auf, sich liebevoll um seine spirituell angeblich unterbelichtete Umgebung zu kümmern.

Es ist also bei der Esoterik ähnlich wie bei manchen Glaubensgemeinschaften: Anspruch und Realität klaffen weit auseinander.


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