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Die Liebe ist die Zwillingsschwester des Leidens

Hugo Stamm am Dienstag den 21. Mai 2013
Syrische Flüchtlinge in einem Lager im Libanon, 14. März 2013. (AP/Hussein Malla)

Ein Mangel an Empathie ist oft die Ursache von psychischen Krankheiten und Gewaltphantasien: Syrische Flüchtlinge in einem Lager im Libanon, 14. März 2013. (AP/Hussein Malla)

Ich kann im Leiden für einen Gott, der als allmächtig und gütig beschrieben wird, keinen Sinn erkennen, wie ich im letzten Impulstext aufgezeigt habe. Leiden auf Vorrat – also für eine ungewisse Zukunft im Jenseits – ist eine zu abstrakte Formel, um plausibel zu sein. Allerdings – deshalb komme ich nochmals auf das Thema zurück – hat das Leiden eine wichtige Funktion bei der Persönlichkeitsentwicklung, also im psychologischen Sinn.

Das Leiden ist eine emotionale Grundkonstante des Menschseins und fördert tiefes emotionales Empfinden. Nur über die Liebe und das Leiden findet der Mensch einen Zugang zu seinem Selbst und seinen echten Gefühlen, die frei von Sentimentalitäten und Sublimierungen sind.

Das Leiden verbindet uns also mit unseren Gefühlen, unserem Selbst. Wer in der Kindheit ein gesundes emotionales Fundament durch eine liebevolle Familie und viel Zuwendung entwickelt hat, erlernt beim Leiden das Mitgefühl für andere. Ohne diese Empathie ist das Erlernen einer sozialen Verantwortung kaum möglich.

Noch wichtiger: Nur wer sich in andere einfühlen kann, ist fähig, wirklich zu lieben. Er muss die Liebe nicht an einen Zweck binden. So nach dem Motto vieler Eltern: Wenn Du schön artig bist, dann liebe ich Dich. Wir sprechen dann gern von Affenliebe, was allerdings eine Beleidigung der Primaten ist, denn diese geben ihrem Nachwuchs viel Zuwendung.

Leiden assoziieren wir in unserer Kultur hingegen meist mit Schwäche. Oder wir entwickeln Mitleid. Beides ist fatal und verhindert die Entwicklung von Empathie. Wer die echten Gefühle verdrängt, weil er in der Kindheit Verletztheit und Kränkungen erlebte, kann kein gesundes Selbstwertgefühl aufbauen. Er sucht Halt in äusseren Dingen und kultiviert eine Ideologie der Stärke und der Macht. Es entwickelt sich ein krankhaftes Streben nach «mehr»: mehr Reichtum, mehr Besitz, mehr Einfluss, mehr Ansehen. Doch das Leben fragt nicht nach Status, sondern nach Inhalten, nach Mitgefühl und Liebe.

Ein Blick auf die politische und wirtschaftliche Landschaft zeigt das Resultat der Sublimierungen, Abstraktionen und der mangelnden Empathie: Globalisierung wider jede Vernunft, Gigantismus, Fusionen, Abzockerei, Gewaltexzesse im religiösen und politischen Umfeld. Wem es an Empathie fehlt, bleibt ichbezogen und wird autoritätsgläubig. Er hat auch keine Skrupel, den Profit auf dem Buckel der Kunden, Mitarbeiter und der Umwelt zu maximieren.

Das Verhängnis beginnt damit, dass Machtmenschen nie erfahren haben, was echte Liebe ist. Deshalb haben sie ein reduziertes Bewusstsein entwickelt, wie Arno Grün in seinen Büchern schreibt. Sie kompensieren ihre eigene Verletzlichkeit mit Machtgehabe. Sie haben keine Verbindung zu ihrem Selbst, zu ihren echten Gefühlen, die sie verdrängen. Dies lässt sie in -ismen oder Ideologien flüchten. Oder in fundamentalistische Glaubensgemeinschaften.

Weil sie sich und ihren Gefühlen nicht trauen können, bauen sie autoritäre Strukturen auf, die ihnen (vermeintlich) Halt geben. Weil sie nicht wissen, was echte Liebe ist, können sie Krieg gegen das eigene Volk führen (Assad in Syrien) oder die eigenen Glaubensbrüder terrorisieren (Sunniten gegen Schiiten und umgekehrt).

Der Mangel an Empathie und die Unfähigkeit zu leiden sind oft die Ursache von psychischen Krankheiten und Gewaltphantasien.

Deshalb erachte ich das Leiden im religiösen Sinn – das Leiden für Gott oder für ein Leben nach dem Tod – für fatal. Es lenkt vom «irdischen Leiden» ab und kann im Extremfall die Entwicklung von Empathie behindern.

Da bin ich mit dem Dalai Lama, den ich wiederholt wegen des Personenkults kritisiert habe, einig. Er sagte: «Paradoxerweise können wir uns selbst nur helfen, wenn wir andern helfen. … Die Voraussetzung für das Überleben unserer Spezies sind Liebe und Mitgefühl, unsere Fähigkeit, andern beizustehen und ihren Schmerz zu teilen.»

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