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Wie viel Sinn stiftet der Glaube?

Hugo Stamm am Freitag den 3. Mai 2013
Sinnsuche und das Wissen vom eigenen Tod sind die Domänen der Religionen. (Flickr/Danny Montemayor)

Sinnsuche und das Wissen vom eigenen Tod sind die Domänen der Religionen. (Flickr/Danny Montemayor)

Wir Menschen suchen permanent und hinter allem einen Sinn. Unser Bewusstsein ist so konzipiert. Wir haben den Drang, jedes Phänomen, jede Gefühlsregung zu ergründen und einen Sinn zu erkennen, sonst erscheinen sie uns nutzlos. Das Nutzlose, das Unsinnige, das Überflüssige betrachten wir oft als verschenkte Lebenszeit.

Wir essen, um körperlich zu überleben und einen Genuss zu gewinnen. Wir arbeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen und die Zeit in irgendeiner Form sinnvoll zu gestalten. Auch scheinbar nutzlose Tätigkeiten machen Sinn: Wir wandern in der Natur, um uns zu erholen, zu entspannen, den Gedanken nachzuhängen, die innere Balance zu finden, die Sinne zu erfreuen. Selbst die Freizeit hat also einen Nutzen: Sie macht uns stark für die wichtigen und besonders sinnvollen Aspekte des Lebens.

Oder: Wir diskutieren hier im Blog, um unsere Ansichten weiterzugeben, unseren Intellekt zu schärfen, einen tieferen Einblick ins Leben zu bekommen. Somit erhalten wir einen besseren Durchblick und ein differenzierteres Gefühl für die Welt, für das Leben an sich. Dieses vertiefte Bewusstsein gibt uns mehr Sicherheit, uns in dieser komplexen Wirklichkeit zurechtzufinden. Unser Denken, Handeln und Fühlen ist also permanent darauf ausgerichtet, einen Sinn zu erkennen. Wir sind förmlich darauf konditioniert. Die Suche nach Sinn ist ein zentraler Lebensmotor.

Die Sinnsuche im Hier und Jetzt ist also relativ leicht zu erklären. Schwieriger wird es bei der Frage nach dem Sinn des Lebens an sich. Warum lebe ich? Was ist Leben überhaupt? Wo liegt der Ursprung des Lebens? Macht das Leben an sich Sinn?

Auf diese Fragen gibt es keine klaren Antworten. Das verunsichert den notorischen Sinnsucher Mensch erheblich. Unbeantwortete Fragen treiben uns um und lassen uns nicht zur Ruhe kommen. Da sich diese Fragen nicht mit letzter Sicherheit beantworten lassen, wir offene Fragen aber nur schwer akzeptieren können, geben wir uns gern mit dürftigen Antworten zufrieden, auch wenn sie wenig plausibel sind. Hauptsache, wir finden die innere Ruhe wieder. Dieser Drang, Antworten finden zu müssen, ist der beste Nährboden für Irrglauben oder Aberglauben.

Noch schwieriger sind Antworten auf die Frage, ob das Leben endlich ist. Hier kommen wir in den metaphysischen Bereich. Weil das Leben voller Unwägsamkeiten ist und uns manchmal mit Angst schreckt und Schicksalsschlägen beutelt, sehnen wir uns nach Erlösung. Dass diese nicht im Diesseits zu finden ist, wissen wir aus Erfahrung: Das Leben steuert erfahrungsgemäss und ausnahmslos auf den Tod hin. Deshalb suchen wir gern den Sinn des Lebens im Jenseits: die Erlösung nach dem Tod. Das gibt Zuversicht und Trost. Sinnsuche und das Wissen vom eigenen Tod sind die Domänen der Religionen. Ohne diese beiden Phänomene gäbe es keine Glaubensgemeinschaften.

Doch alle metaphysischen Theorien und Erklärungsversuche stehen auf wackeligen Beinen. Es sind und bleiben Hypothesen und Spekulationen, genährt von Sehnsüchten und Ängsten.

Es gibt allerdings einen Lebenssinn, den man als weitgehend gesichert betrachten kann: die evolutionäre Entwicklung. Die Arterhaltung macht Sinn. Das Leben strebt permanent nach fortführenden Prozessen. Diese sind nur möglich, wenn wir das Leben weitergeben. So entstehen kognitive, geistige, soziale und genetische Fortschritte. Wir alle sind Teil dieser Evolution. Zum Grundkonzept gehört das Wachsen, aber auch das Sterben. Nur so findet Erneuerung statt. Im Wald müssen die alten Bäume sterben, damit es Licht für junge gibt.

Mit dem Tod haben wir Menschen aber so unsere Mühe. Wir suchen nach Auswegen – und haben sie in der Metaphysik gefunden. Für die meisten Glaubensgemeinschaften ist das Leben eine Prüfung und Vorbereitung für das Leben nach dem Tod. Doch damit bewegt sich der Mensch sehr weit vom evolutionären Konzept weg und gibt sich mit Antworten zufrieden, die nicht beweisbar, oft widersprüchlich oder schwer nachvollziehbar sind.

Für religiöse Menschen ist die Arterhaltung nicht sinnstiftend genug. Sie brauchen die spirituelle und transzendentale Dimension, um das Leben zu krönen. Dabei vergessen sie gern, dass die Arterhaltung nicht so eindimensional-biologisch ist, wie der technische Begriff vermuten lässt. Zur Arterhaltung gehört zwingend die Liebe. Ohne Empathie, soziale Verantwortung, geistige Entwicklung, kulturelle Prozesse sind emotionales Wachstum eine Illusion. Kleinkinder ohne Zuwendung gehen ein oder verkümmern geistig. Ohne Aufmerksamkeit und körperliche Nähe würden sich Menschen kaum über das Bewusstseinslevel von Tieren erheben.

Der Sinn des Lebens ist es, Liebe in die Welt zu bringen. Vielleicht ist es sinnvoll, sich mehr darauf zu konzentrieren, statt auf ein Leben nach dem Tod.

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