Logo

Das Kreuz mit den Sternen von Monica Kissling

Hugo Stamm am Donnerstag den 24. Januar 2013
Astrologin Monica Kissling. (Foto: Standbild SF)

Lässt die Sterne sprechen: Astrologin Monica Kissling. (Foto: Standbild SF)

Monica Kissling alias Madame Etoile, die Ikone der Schweizer Sterndeutung, hat derzeit einen schweren Stand. Was sie seit 22 Jahren auf DRS 3 (seit kurzem SRF 3) verkünde, sei Scharlatanerie, monieren Freidenker und lancierten eine Petition zur Abschaffung der Sendung.

Kissling lässt allerdings nichts auf ihre Sternbilder kommen und verteidigt ihr Business vehement. Um die Fundamentalkritik abzuwenden, behauptet sie, die Gestirne hätten keinen direkten Einfluss auf uns Menschen, sie würden lediglich Situationen abbilden und Hinweise geben. Bei ihrer nächsten Radio-Sternstunde beschreibt sie dann aber die Wirkung der Venus wieder so unmittelbar, als würde das Gestirn unser Schlafzimmer direkt mit erotischer Energie aufladen.

Damit stürzt Madame Etoile SRF 3 in ein Dilemma. Der Sender kann schlecht behaupten, Astrologie erlaube seriöse Beratung. Seine Glaubwürdigkeit wäre sofort im Eimer, der Spott landesweit. So flüchtet er sich in die Behauptung, Kissling biete Unterhaltung. Nur stellt sich dann die Frage: Was genau ist am repetitiven astrologischen Vokabular von Madame Etoile unterhaltsam? Ihre Sterndeuterei ist frei von jeder Ironie. Erst recht von Selbstironie.

Madame Etoile reagiert gereizt, wenn sie in die Unterhaltungsschublade gesteckt wird. Das ist nachvollziehbar, schliesslich richtet sie sich mit ihrer astrologischen Beratung an Menschen in Krisen. Deshalb verkündet sie, sie arbeite absolut seriös. Und doppelt nach, Astrologie sei die «älteste Erfahrungswissenschaft».

Vielleicht sollten sich Programmmacher und Kissling darüber einigen, ob die Sendung erfahrungswissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln will oder in den Unterhaltungsbereich gehört. Sie könnten dabei auch gleich klären, was seriöse von unseriöser Astrologie unterscheidet. Für Monica Kissling ist die Antwort klar: Sie versteht sich als psychologisch orientierte Sterndeuterin, also als Vertreterin der astrologischen Königsdisziplin, deren Seriosität für sie ausser Frage steht.

Kritische Geister sehen den Fall anders: Für sie wird die Astrologie nicht seriöser, wenn man sie mit einer Prise Geisteswissenschaft garniert – höchstens ein bisschen aufgeblasener.

Höhepunkt der Astro-Posse war dann in der jüngsten Ausgabe der «SontagsZeitung» die Aussage von Madame Etoile, sie habe gewusst, dass Anfang Jahr Ärger auf sie zukommen werde, die Sterne hätten es ihr vorausgesagt: «Eine klassische Konfliktsituation», sagte sie. Dann vergleicht sie tatsächlich Astrologie mit der Meteorologie. Wie der Wetterbericht mache die astrologische Prognose eine Vorhersage.

Wie bitte? Vielleicht sollte Monica Kissling mal in einem Wetterstudio beobachten, wie viele konkrete Wetterfakten zusammengetragen werden und wie diese in komplexe, wissenschaftliche Modelle gepackt werden. Da stellt sich schon die Frage, ob sie einfach alle verfügbaren Argumente zusammenkratzt, um sich aus dem Dilemma zu befreien, oder ob sie tatsächlich daran glaubt, was sie erzählt.

Dann fragt die Journalistin: «Viele Menschen haben Mühe mit der Vorstellung, dass die Sterne etwas mit unserem Charakter zu tun haben sollen. Bitte erklären Sie.» Antwort: «Ich kann den Zusammenhang sehr gut erklären», sagt Kissling. Also bitte: «Ich kann es natürlich auch nicht restlos erklären, sonst könnte man es ja auch beweisen.»

In der gleichen Ausgabe der «SonntagsZeitung» findet sich das Horoskop von Monica Kissling. Unter meinem Tierzeichen (Widder) steht folgendes: «Lust auf eine spannende Bekanntschaft? Kein Problem, die Liebessterne sind in Flirtlaune. Aus einer spontanen Bekanntschaft kann sich eine leidenschaftliche Affäre entwickeln.» Nun wissen wir es: Auch Sterne flirten. Ich stelle mir dies sehr romantisch vor. Bei frostiger Kälte und riesigen Distanzen.

Doch wie wirkt sich das kosmische Balzen auf uns Menschen aus? Stieben die Liebesfunken der Venus bis zu uns in die Bars, Büros oder Schlafzimmer? Und was ist mit den Widder-Babys und –Kindern? Mit den Grippekranken? Den alten und gebrechlichen Leuten? Den Kranken in den Spitälern? Den Kriegsopfern in Syrien? Den Vertriebenen in Mali? Fallen sie liebestrunken übereinander her? Fragen, die uns vielleicht die Sterne von Madame Etoile beantworten können. Aber bitte etwas kompetenter als bisher.

Hier der Wortlaut der Petition: http://www.activism.com/de_CH/petition/srf-soll-scharlataneriepropaganda-beenden/41559

« Zur Übersicht