Wählen Sie die wichtigste Figur der Schweiz

Die Kritik hatten wir natürlich erwartet: Warum so wenige Frauen? Wer im Jahr 2017 eine Liste wichtiger Persönlichkeiten präsentiert, soll gefälligst Ausgewogenheit schaffen! Dies die gängige Meinung. Das Problem ist nur: Wir schreiben hier über Geschichte. Aber wir machen sie nicht. Und es lässt sich einfach nicht wegdeuten, dass unsere Vorfahren wenig Sinn für Diversity hatten; dass die Hälfte der Bevölkerung in der Schweiz bis vor sehr, sehr kurzer Zeit (historisch gesehen) drastisch beschnitten wurde in den Möglichkeiten: in Machtfragen, in der Wirtschaft, Wissenschaft, selbst im kulturellen Ausdruck. So drastisch, dass sie das Land zu wenig mitsteuern konnte.

Ohnehin bleiben solche Listen «grosser Menschen» immer subjektiv, weshalb wir Sie seit Samstag um weitere Vorschläge gebeten haben. Die Frauen, die dabei empfohlen wurden, sind meist Zeitgenossinnen und noch lebende Persönlichkeiten (aus den naheliegenden Gründen). Aber eben: Damit wir nicht in den Tiefen heutiger Politkämpfe landen, lassen wir Lebende für einmal draussen – hier geht es um grosse Verstorbene.

Eine Zeit davor, eine Zeit danach

Weiter wirkten viele der vorgeschlagenen grossen Schweizerinnen im kulturellen Bereich. Mehrfach nominiert wurden etwa Sophie Taeuber-Arp, Meret Oppenheim, Trudi Gerster oder Iris von Roten. Womit wir umgehend beim zweiten Kritikpunkt sind: Weshalb so wenige Künstler, Schriftsteller, Kulturschaffende? Antwort: Weil die Sache hier diffuser ist. In der Physik gibt es eine Zeit vor Einstein und eine Zeit nach Einstein, in der Mathematik eine Zeit vor Leonhard Euler und eine Zeit danach; in der Politik haben wir 1848 wirklich einen Bruch mitsamt Verantwortlichen, und wer die Menschenrechte als speziell wertvollen Sprung unserer Zivilisation empfindet, wird die Gründung des Roten Kreuzes als Meilenstein würdigen. Also auch Gründer Henri Dunant.

Heidi-Erschafferin und Schriftstellerin Johanna Spyri (1872). Foto: Keystone

In den Künsten jedoch gelingt es weitaus seltener einem vereinzelten Menschen, die Seh- und Hörweisen oder Empfindungen seiner Zeit umzufärben, einen Wandel auszulösen. Man redet hier denn auch eher von Strömungen, Schulen, Richtungen, Zeitgeist. Gewiss, hin und wieder gibt es auch da Meister mit buchstäblich historischer Wirkung. Die Italiener würden wohl ihren Michelangelo aufführen, die Spanier ihren Picasso, die Kolumbianer ihren García Márquez. Aber wer wären in der Schweiz vergleichbare Solitäre?

Viele oder keiner

Wer jedenfalls verlangt, dass Sophie Taeuber-Arp oder Meret Oppenheim auf eine 25er- oder 30er-Liste der Schweizer Geschichtsfiguren gesetzt werden, muss auch Alberto Giacometti, Jean Tinguely und HR Giger vorbringen, ferner Hodler und Johann Heinrich Fuessli, vielleicht auch Segantini, Valloton und Anker, dann Hans Holbein, schliesslich Dürrenmatt, Frisch, Keller, Gotthelf, Ramuz, Walser, Hesse, Spitteler … Und am Ende stünden wir vor der Frage: Bei wem soll man denn da sein Kreuzchen setzen? Wenn wir ehrlich sind: entweder bei vielen oder keinem.

Es liesse sich jedenfalls kaum rechtfertigen, stattdessen Frauen wie Annemarie Schwarzenbach oder die Reiseautorin Isabelle Eberhardt aufzulisten, beim grössten Respekt vor ihren Leistungen. Wir würden sie dadurch ja zu Alibi-Frauen degradieren.

Eine dritte Gruppe von Leserinnen und Lesern brachte herausragende Spezialisten eines Fachgebiets vor – etwa Eugen Huber, den Verfasser des Zivilgesetzbuches; Leonhard Euler, den Mathematiker; oder Fritz und Paulette Brupbacher, die Sexualaufklärer. Andere empfahlen regionale Figuren, und hier finden sich ebenfalls faszinierende Nennungen: Emilie Lieberherr, die Zürcher Stadträtin und Entstauberin der Drogenpolitik; Guglielmo Canevascini, Tessiner SP-Regierungspatron und antifaschistischer Vorkämpfer; Johann W. F. Coaz, ein massgeblicher Gebirgstopograf und Forstpolitiker aus dem Bündnerland. Aber wenn es darum geht, tragende Geschichtsfiguren zu benennen, so sollten diese doch wohl landesweit ausgestrahlt haben oder internationalen Ruhm einheimsen – oder aber eine Nachwirkung haben, welche ihre Leben und folgende Generationen überspannte.

Für wen gilt das also noch? Fünf Namen würden wir auf Ihre Anregung hin gern neu aufnehmen:

  • Gottlieb Duttweiler (1888–1962), den Gründer der Migros, Mann des sozialen Kapitals, ein Revolutionär unserer Einkäufe.
  • Marie Goegg-Pouchoulin (1826–1899), die Pionierin der Frauenrechte und Gründerin der ersten internationalen Frauenorganisation.
  • Else Züblin-Spiller, (1881–1948), die Sozial- und Gesundheitspolitikerin sowie Gründerin eines Unternehmens, das bis heute jeder kennt: der SV Group.
  • Alberto Giacometti (1901–1966), jener moderne Bildhauer, dessen Wertschätzung mit zunehmendem Abstand stetig zu steigen scheint, und zwar weltweit.
  • Jeanne Hersch (1910–2000), die wichtigste Philosophin der Schweiz.
  • Max Frisch (1911–1991) & Friedrich Dürrenmatt (1921–1990): Die erst befreundeten, dann zunehmend entfremdeten Literaten, welche zu Giganten der deutschen Nachkriegsliteratur wurden.