Unser Diktator

History Reloaded

Vom Liberalen zum Reaktionären: Sonderbundsführer Constantin Siegwart-Müller.

Konnte man Siegwart das Böse ansehen? Ein Zeitgenosse beschrieb ihn so: «… ein ungewöhnlich grosser Kopf, der im Gehen beständig im Tempo des Schrittes hin und her wackelte, ein glattes, ausdrucksloses Gesicht …»

Die Erscheinung habe etwas «Lauerndes, Unheimliches» gehabt. Ja, Constantin Siegwart-Müller war der Bösewicht im Entstehungsdrama der modernen Schweiz. Er war der letzte hiesige Kriegstreiber, wollte die Eidgenossenschaft in einen «Corpus Catholicum» umbauen: Die katholischen Kantone sollten auf Kosten der protestantischen wachsen. Auf Berner Gebiet, so der Plan des Luzerner Regierungschefs und Vordenkers des Sonderbunds, sollte ein katholischer Kanton namens «Pruntrut» entstehen.

15 Jahre zuvor hatte Siegwart noch ganz anders gedacht. Nach Luzern war er gezogen, weil der Kanton als Labor liberaler Ideen gegolten hatte. Der junge Anwalt wurde Staatsschreiber der Liberalen und gründete eine radikal-liberale Zeitung. Ende der 1830er-Jahre wechselte Siegwart das Lager: Es war ein dramatischer Seitenwechsel – etwa so, als würde Cédric Wermuth zur SVP überlaufen. An den Wahlen 1841 erlitten die zerstrittenen Liberalen dann die erwartbare Kanterniederlage.

Siegwart sagte, er habe eine religiöse Erweckung gehabt, Beobachter dagegen vermuteten krassen Opportunismus. In der jetzt dominierenden konservativen Fraktion gehörte Siegwart – ein begabter Schreiber und brillanter Intrigant – sofort zu den wichtigsten Köpfen. Seine Radikalität drehte nun ins Reaktionäre.

Eine angespannte Schweiz

Als der charismatische Bauernführer Josef Leu 1845 einem Attentat zum Opfer fiel, übernahm Siegwart die Führungsrolle. Von der Luzerner Regierung wurde er mit einer Vollmacht ausgestattet. Wer anderer Meinung als Siegwart war, dem habe sofort das Misstrauen entgegengeschlagen, schrieb ein Weggefährte.

Einst der mächtigste Katholik im Land: Constantin Siegwart-Müller (1801–1869). Aus: Bucher, Sonderbundskrieg.

Die politische Spannung im Land stieg derweil an: Die Liberalen wollten einen stärkeren Bundesstaat und eine schwächere Kirche, die Konservativen das Gegenteil. Die Berufung der Jesuiten nach Luzern empörte die einen, die Auflösung der Aargauer Klöster die anderen. Zweimal versuchten radikale Freischärler, ihren früheren Gesinnungsgenossen Siegwart zu stürzen. Nur mit Glück konnte sich die Stadt Luzern halten, es gab bei den Kämpfen über hundert Tote.

«Unerschütterliche Zuversicht»

Siegwarts Regierung, durch die Freischarenzüge fanatisiert, schickte den paramilitärischen «Landsturm» los, der den flüchtenden Liberalen hinterherjagte. Geistliche verkündeten, Luzerns Feinde würden beim Übertreten der Kantonsgrenze erblinden. Einige Truppen wiesen Verbandsmaterial zurück mit der Erklärung, Gott werde aufseiten des Sonderbundes keine Verletzten zulassen. Und Siegwart, der sich an die Spitze des sonderbündischen Kriegsrats setzte, war kein Mann der Mässigung: Am 3. November 1847 befahl er den Einmarsch ins Tessin. Der bisher letzte Krieg auf Schweizer Boden hatte begonnen. Constantin Siegwart-Müller fühlte eine «unerschütterliche Zuversicht» des Volkes.

Doch Siegwart täuschte sich. Die Tessin-Attacke verpuffte, ein Vorstoss in den Aargau brachte kaum Geländegewinne, verursachte aber Chaos in der Sonderbundstruppe. Das Momentum ging auf die liberalen Truppen unter General Henri Dufour über. Das als Festung hochgelobte Freiburg ergab sich nach kurzer Belagerung, der spätere Bundesrat Ulrich Ochsenbein rückte mit den Berner Truppen ins Entlebuch vor. Im Luzerner Hinterland kam es zu den heftigsten Kämpfen des Krieges – Artillerieduelle, Dutzende Tote. Doch Siegwarts Truppen fehlte es an Nachschub und klaren Befehlen, Ochsenbeins Weg nach Luzern war frei.

Bettelbriefe nach Österreich

Constantin Siegwart war talentiert als Taktiker der Macht, doch als Kriegsratspräsident des Sonderbunds war er von den rasanten Entwicklungen überfordert. Seine Bettelbriefe an den Fürsten Metternich, Österreich solle zugunsten des Sonderbunds eingreifen, blieben wirkungslos. Als der Feind gegen die Stadt Luzern vorrückte, flüchtete Siegwart auf einem Dampfer mit Getreuen, Klosterfrauen und Jesuiten nach Uri. Es folgte eine zehnjährige Odyssee im Ausland. Österreichische Konservative gaben ihm und seiner Familie Unterschlupf. 

1857 kehrte Constantin Siegwart in die Schweiz zurück, nach Altdorf. Er wurde beargwöhnt, viele Feinde fürchteten ein napoleonisches Comeback. Diese Angst verschwand erst mit Siegwarts Tod 1869. Und allmählich verblasste auch die Erinnerung an den merkwürdigen, leicht dämonisch wirkenden Politiker.

Literatur: 
  • Heidi Bossard-Borner, Im Spannungsfeld von Politik und Religion. Der Kanton Luzern 1831 bis 1875, 2008
  • Erwin Bucher, Die Geschichte des Sonderbundkrieges, 1966
  • Karl Bühlmann, Der zweite Freischarenzug, 1985
  • Otto Marchi, Der erste Freischarenzug, 1971

21 Kommentare zu «Unser Diktator»

  • Isidor Knickli sagt:

    Das ist der eine Teil der Geschichte. Ich bin nicht Katholik, aber selbst mir fällt auf, dass hier selbstverständlich Geschichte aus Sicht der damaligen Sieger und derjenigen, die sich heute für deren Nachkommen halten, geschrieben wird. Das Gute hat gesiegt, selbstverständlich, das Gute siegt schliesslich immer. Ausnahmslos. Das Böse wird ausgerottet, getötet und zumindest mundtot gemacht.

    • Lorenz Friedrich sagt:

      Nagel auf den Kopf getroffen.

    • Sander sagt:

      Gut erkannt. Das hier ist nicht „History Reloaded“ sondern „History Rewritten“.
      Tatsache ist, dass der „böse“ Siegwart-Müller, was auch immer man von ihm halten will, nicht der Aggressor sondern der Verteidiger war. Es sind ja nicht Luzerner Freischarenzüge in Bern und dem Aargau eingefallen, sondern umgekehrt. Die Gründung des Sonderbundes als Verteidigungsmassnahme (nach zwei feindlichen Invasionen, nota bene) war folglich nicht nur legitim sondern absolut selbstverständlich. Dass man aus der angeblichen Illegalität des Sonderbundes nachher ein Argument für einen Angriffskrieg auf Luzern zimmerte ist plump. Wäre es den Angreiffern um Recht und Ordnung gegangen, so hätten sie ja vorher die Freischarenzüge unterbinden können, statt sie zu bewaffnen.

      • Lorenz Friedrich sagt:

        Nagel auf den Kopf, Siegergeschichtsschreibung – auch ein Staatenbund hätte erfolgreich werden können.

  • Florian Müller sagt:

    Radikale Wechsel von einem Extrem ins andere gab es immer wieder und einer davon ist Thomas Held, der es vom linken Studentenführer ’68 zum Chef der neo-liberalen Avenir Suisse schaffte.

  • Roland K. Moser sagt:

    Und wieder die Religionskrankheit.
    Frei nach Denis Diderot und angepasst an die heutige Zeit: „Wir werden erst frei sein, wenn der letzte politisch Korrekte mit den Gedärmen des letzten Religionskranken erwürgt wurde.“
    Heute droht die psychische Krankheit Islam sich in Europa auszubreiten und die Errungenschaften der Aufklärung hinweg zu fegen. Mit Hilfe der politisch Korrekten natürlich, sonst wäre es gar nicht möglich.

    • Kurt Egloff sagt:

      Die Errungenschaften der Aufklärung fegen wir hier in Europa schon alleine raus, dazu brauchen wir die Islamisten nicht. Sie mit Ihrer unreflektierten Abscheu auf Religion und Ihren simplen, als Religionskritik kaschierten Rassismus sind das beste Beispiel dafür. Religionsfreiheit war nämlich einer der wichtigsten Pfeiler der Aufklärung. Sehen Sie?

      • Roland K. Moser sagt:

        Religions-Unfreiheit ist der wichtigste Pfeiler der Aufklärung. In Europa wurde das Christentum ein wenig der Macht beschnitten. Hätten wir tatsächlich Religionsfreiheit, würden die Christen wieder Menschen foltern und verbrennen. Es ist gar nicht nett, dass sie das wollen.
        Und der Islam ist mit Hilfe der politisch Korrekten daran, sich hier auszubreiten und anschliessen Europa zu zwangsislamisieren. Europa wurde zwangs-christianisiert, im Religionsunterricht wurde Ihnen natürlich etwas anderes gesagt.
        Ich bin Religionshasser. Was daran rassistisch ist, wissen die Religionskranken sicher ganz gut.

  • Meier Pirmin sagt:

    Artikel beruht auf Halbwissen, Titel demagogisch, Näheres über Siegwart-Müller könnte man in der Geschichte Uris von Stadler-Planzer nachlesen, ferner muss man die Briefe von Philipp Anton von Segesser aus der Sonderbundszeit kennen sowie dessen Aufzeichnungen zum Thema. Grösster Fehler Siegwart-Müllers war aber wohl von der Regierung zu verantwortende Todesurteil gegen Revolutionär JR Steiger vom 3. Mai 1845. Zeit der Tendenzhistorie sollte heute vorbei sein.
    Pirmin Meier, Mitautor Kulturkampf 1841 – 2016
    PS. Es ging damals nie darum, die Schweiz unter den Einfluss einer Religion zu bringen, diese These, Ryffel, ist falsch. General der Snderbündler war Protestant.

  • Bebbi Fässler sagt:

    In der Schule lernten wir noch dasa die Habsburger unsere Feinde sind! Und Herr Siegwart wollte uns an die Schulfeinde, die Habsburger verkaufen. Damals wurde all zu oft „währschafte Faust-Politik“ betrieben!
    .
    Das Thema Helvetic und Sonderbundkrieg wurde bewusst ausgelassen, respektive es war keine Zeit mehr für dieses spezielle Fach Schweizergeschichte.

    • Bebbi Fässler sagt:

      Neben dem Schulhaus von Rapperswil war die katholische Kirche. Am Jahrestag, in der Nach der Schlacht von Näfels, wandelten die Büber, die bei der Schlacht nicht mehr nach Rapperswil zurück kamen, mit dem Köpfen in den Händen in der dunklen Kirche umher.
      .
      Für uns Buben ein Grund, diesen Ort zu meiden!
      .
      So lautete die Sage aus alten Zeiten.

  • Kurt Schwob sagt:

    Wer den damaligen Konflikt auf Religion reduziert, ist schon auf dem Holzweg. Die Religion wurde vor allem von Siegwart, aber auch von anderen (auch auf der Gegenseite) als Instrument missbraucht. Das geschieht auch heute wieder. Es gibt unter den rund 400 000 Muslimen in der Schweiz ein paar hundert Fanatiker, und natürlich gilt es diese Leute zu isolieren. Das kann man wohl am besten tun, indem man die Nicht-Fanatiker, die bei weitem in der Mehrzahl sind, als gleichberechtigte Mitbürger anerkennt (damit meine ich jetzt nicht das Bürgerrecht), und dass man ihnen das Recht auf ihre Identität zugesteht und sie nicht unter Generalverdacht stellt. In dieser Hinsicht bin ich etwas skeptisch, denn Fanatiker gibt es unter den Nichtmuslimen vermutlich in weit grösserer Zahl als unter den Muslimen

    • Toni Müller sagt:

      an Kurt Schwob: Das Einzige was Sie, von mir aus gesehen, Richtig erkannt haben ist, dass der Kommentator Ryffel wohl den Islam beschrieben hat. Ich weis nicht wie alt Sie sind, Herr Schwob, aber in 30 Jahre werden Sie eine solche Diskussionen wohl kaum mehr erleben dürfen. Dann wird es viele geben die wie Siegwart agieren. Gnade Gott

      • Kurt Schwob sagt:

        Warum sollten wir Gottes Gnade hier brauchen? Ich sehe keine Gefahr für die Schweiz, sofern wir uns nicht zu religiösen oder pseudo-religiösen Eiferern entwickeln. Ich vertraue auf die Kraft unserer Kultur, dass sie auch Menschen mit anderer Auffassung integrieren kann, sofern deren Identität nicht verteufelt wird – sie konnte es auch früher, als nicht weniger Leute schon an den Weltuntergang glauben. Ich selber werde das in 30 Jahren – also mit 107 – wohl tatsächlich nicht mehr erleben, da haben Sie recht.

    • Roland K. Moser sagt:

      Der Konflikt war religiös motiviert.
      Wieso sonst hätte es wohl ausdrücklich eine katholische Schweiz geben sollen? Der Sonderbund bestand doch aus den katholischen Kantonen?

      • Lorenz Friedrich sagt:

        In den Reihen der Bundestruppen waren aber auch katholische Orte (Solothurn, Tessin) zu finden, AI blieb neutral; Der militärische Kommandant des Sonderbundes war ein Protestant.

      • Kurt Schwob sagt:

        @Moser: Sie verwechseln die Waffen mit jenen, die sie in der Hand haben und für ihre (durchaus nicht-religiösen) Interessen einsetzen. Das tun Sie und viele andere ja auch beim IS, der angeblich für den Islam kämpft. Übrigens auch auf der Gegenseite, falls es denn eine ist: G.W.Bush hat, wie viele andere, für den amerikanischen Waffeneinsatz im Irak Gottes Segen erbeten, Trump hat schon Ähnliches gesagt. Halten Sie Trump auch für einen Christen, bloss weil er „God bless America“ sagt? Dann war wohl General Franco ebenfalls ein guter Katholik?

  • Benno Stechlich sagt:

    Ein schönes Bild eines rechtskonservativen Populisten der nur an sich denkt. Interessant sind die Parallelen zu Trump. Sogar die radikale Richtungsänderung stimmt, war doch Trump einmal ein Demokrat, aber dort wäre er nie Präsidentschaftskandidat geworden.

  • Sander sagt:

    Mit Verlaub, aber solche Artikel sollte man vielleicht lieber von einem Historiker schreiben lassen.
    Das hier abgelieferte ist reine Polemik unter Auslassung der relevanten Fakten. Es entsteht ein völlig verdrehtes Bild.
    Selbstverständlich bin auch ich froh, dass die Liberalen und nicht die Konservativen den Sonderbundskrieg gewonnen haben.
    Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass dieser Krieg in erster Linie von den Liberalen verursacht und gewünscht war.
    Das entscheidende Element sind hier die Freischarenzüge: Durchaus existenzbedrohende militärische Invasionen aus dem Aargau und aus Bern in Richtung Luzern. Nicht nur unter Duldung sondern auch mit Unterstützung der jeweiligen Regierungen der Aggressor-Kantone.
    Sonderbund = Selbstverteidigung.

  • Ryffel sagt:

    Sehr aktuell. Etwas mehr als 150 Jahre erst ist es her, dass ein Teil von Religionsangehörigen zusamen mit anderen Gleichgesinnten versucht haben, die Schweiz unter den Einfluss einer Religion zu bringen. Daraus resultierte auch ein Verbot dieses Religionszweiges (Orden). Die Situation ist heute nicht anders. Eine Weltreligion mit Alleinanspruch, eigenem Gesetz, dem Anspruch, dass die Religion vor dem Staat kommt, der Tod von Andersgläubigen in Kauf genommen wird, sollten diese nicht konvertieren etc. etc. Auch damals gab es Gemässigte. Gibt es auch heute. Aber es liegt an uns zu entscheiden, wer von dieser Religion wohin gehört, bzw. welchen Platz er hier einnimmt oder zu einnehmen vorgibt.

    • Yvonne sagt:

      Immer wieder faszinierend, wie jeder aus der Geschichte nur genau das herausliest, was seine bereits bestehenden Vorurteile bestätigt. Ich z.B. lese aus dieser Geschichte heraus, dass das Christentum keinen Deut besser ist als der vielgeschmähte Islam, den Sie zwar nicht namentlich erwähnen, aber unübersehbar meinen.

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