Wie die Zünfter den Böögg klauten

Technik und fremde Völker: Holzstich des Sechseläutens von 1870 (Bild: ZB Zürich | Public Domain)

Technik und fremde Völker: Holzstich des Sechseläutens von 1870 (Bild: ZB Zürich, Public Domain)

Es muss eine wüste Sache gewesen sein, damals in alter Zeit. So wüst, dass die Obrigkeit immer neue Verordnungen ausheckte, um das Treiben zu dämpfen, und die Stadtknechte ausschickte, um für Sittlichkeit zu sorgen. Auf den Plätzen von Zürich versammelten sich die Kinder und die Jungen, kugelten in Fässern oder auf dem Bauch die Mauern herunter, viele wohl besoffen dabei – «und sobald sie den Ton der Glocken hören, fangen sie vor Freuden an zu jauchzen, zu schiessen, die Trommel zu schlagen, Holzhaufen anzuzünden, Strohmänner zu verbrennen und was der kindlichen Freuden mehr sein mögen».

So ging es zu beim Sechseläuten in Zürich. So schildert es ein Chronist im Jahr 1775. Die Zünfter kommen in der Beschreibung jenes Berichterstatters, David von Moos, zwar auch vor. Aber Strohmänner interessieren sie nicht. «Die Bürger gehen auf ihre Zünfte, zu schmausen und sich in guter Eintracht miteinander zu ergötzen.» Wenn dann die Kirchenglocke abends sechsmal läutet, «trinket man einander unter Freudengeschrey und guten Wünschen zu».

Eine Art früher Techno-Umzug

Manches kommt uns also durchaus bekannt vor bei jenem Sechseläuten. Nur gehört es noch keineswegs zusammen. Mit dem Sechs-Uhr-Läuten zur Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche kündigte man ursprünglich einen neuen Arbeitsrhythmus für die kommenden Monate an, was den Handwerkern eine gute Gelegenheit bot, ein bisschen zu feiern. Im 19. Jahrhundert war diese Tradition jedoch weitgehend eingeschlafen. Die Zünfter versammelten sich nach dem erwähnten Freudengeschrey vielleicht zu einem Rundgang, mehr war da kaum. Ihre Macht über Zürich hatten sie schon weitgehend verloren, die hatte ihnen Napoleon beziehungsweise die neue helvetische Verfassung von 1798 phasenweise sogar ganz entrissen. In den sechzig Jahren danach ging es politisch weiter bachab, die Demokratie hielt Einzug.

Doch als ob etwas kompensiert werden müsste, präsentieren sich die Zünfter mit der sinkenden Bedeutung umso sichtbarer. Die Rundgänge zu jenem Sechs-Uhr-Läuten werden grösser, werden organisierter, werden zu einem Umzug, werden zu einer regelrechten Parade.

Im Stile des optimistischen Industriezeitalters zieht man dabei technologische Faszinosa oder Bilder von exotischen Welten durch Zürich. Über die Jahre wird die Veranstaltung – wie der Zeitgeist – patriotischer, sodass «Die Heldinnen des Schweizerlandes» zum Sujet des Jahres 1873 gekürt werden. 1882 dann, zur Eröffnung des Gotthardtunnels, stehen «historische und kulturhistorische Bilder über die Beziehungen der Schweiz zu Italien seit den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart» im Zentrum der Veranstaltung.

Quartier weg, Böögg weg

Doch ein Volksfest ist das lange nicht. Nach dem Zunftumzug von 1856 meint ein Beobachter aus Deutschland, «zu einem Volksfeste fehlte ihm die tätige Teilnahme des Volkes im umfassenden Sinne des Worts». Dies zumal sich die Zünfter ja auch nicht verkleiden, sondern im bürgerlichen Anzug daherbummeln.

Aber man kann sich gut vorstellen, wie sie danach in den Quartieren vorbeischauen, wo derweil nach alter Tradition allerlei «Bööggen» brennen, auf dem Münsterhof, an der Rämistrasse, beim Lindenhof, bei der Kaserne und insbesondere im Kratzquartier, einer eher zwielichtigen Gegend zwischen See, Limmat und Fraumünster: Das ist das Zentrum des Volksfestes. Auf den Scheiterhaufen landen dabei nicht etwa Schneemann-Kopien, sondern allerlei allegorische Figuren. Ein Böögg im Selnauquartier 1893 soll einen Börsenspekulanten dargestellt haben. Noch hat der Tag viele Züge einer Fasnacht, Humor ist wichtig, sodass zugleich gern irgendwelche «Narrenspiegel» und humoristische Blätter auf den Markt gebracht werden («Die Petroleum-Spritze – Organ für Ulk und frohe Laune»).

Ab den 1860ern bereichern die Zunftorganisatoren ihre Veranstaltung mit einem Kinderumzug, aber das erst sporadisch. Auf der anderen Seite gerät das Zentrum des jugendlichen Sechseläuten-Treibens, das Kratzquartier, buchstäblich unter die Walze: Im Rahmen eines Generalplans wird es ab 1875 nach und nach geschleift, es entstehen Repräsentationsbauten wie die Nationalbank, das Haus Metropol oder die Fraumünsterpost.

In dieser Situation setzt im Jahr 1892 ein «Sechseläuten-Central-Comité» der Zünfte eins und eins zusammen: Parallel zum eigenen Umzug organisiert es die Verbrennung quasi eines Zentral-Bööggs – und dies genau ein Jahr, nachdem das letzte Haus des alten Kratzquartiers dem Erdboden gleichgemacht wurde. Vereinzelt zuckt der Sechseläuten-Karneval in den Quartieren weiter, noch nach der Wende zum 20. Jahrhundert ziehen verkleidete Kinder einen Böögg durchs Industriequartier. Aber diese Volksveranstaltungen werden eben auch konkurrenziert durch den Charme der Kinderumzüge, welche die Zünfter nun zunehmend regelmässig organisieren.

Schneemann mit Pfeife

Und so ist das Zürcher Sechseläuten auch die Geschichte einer Disziplinierung oder, noch grossflächiger betrachtet, ein Prozess der Zivilisation. Von einer «Enteignung der Festkultur von Jugendlichen» schrieb die Historikerin Isabelle Meier schon vor Jahren: Aus dem wilden Gassenfest, zu dem auch viel Bettelei gehörte, wurde ein «Triumphzug der Bourgeoisie» – der Böögg verharmlost zum Schneemann mit Pfeife, wobei sein Scheiterhaufen jetzt auch von einer Pferdestaffel im Junker-Stil umrundet wird.

Und wenn Kinder und Jugendliche da noch etwas zu suchen haben, dann höchstens im feinen Biedermeier- und Rokoko-Kostüm. Oder sonst, bitte schön, als Konsumenten.

  • Quellen/mehr: Isabelle Meier, «Von Bööggenwerken und Zunftumzügen», in: «Lücken im Panorama», hg. v. Geschichtsladen Zürich, 1986. — Neu: Werner Blum, Peter Brunner, Hadlaub Pfenninger, «Zünftiges Zürich. Ereignisse und Hintergründe», Zürich, episteme.ch, 2016.