Die erste Frau im britischen Parlament

Vor 100 Jahren zog Nancy Astor für die Tories ins Unterhaus ein. Sie war Feministin, stockkonservativ – und vielen zu Nazi-freundlich.

26 Jahre im Unterhaus: Lady Astor auf einer Fotografie von 1945. Foto: Bettmann Archive

Während Jahrzehnten riskierten die Suffragetten in Grossbritannien Kopf und Kragen im Kampf für die politische Gleichberechtigung der Frauen. Manche spürten an Demonstrationen die Knüppel schlagender Polizisten, viele landeten im Gefängnis, alle erlitten gesellschaftliche Ächtung. Erst mit dem Ende des Ersten Weltkriegs erreichten sie ihr Ziel teilweise. Begüterte Frauen über 30 Jahre konnten sich wählen lassen.

Aber nicht eine dieser militanten Frauenrechtlerinnen schaffte es vor 100 Jahren, im Dezember 1919, als erste Frau ins britische Parlament, sondern Nancy Astor (1879–1964) – eine Feministin zwar, aber im Vergleich zu den Suffragetten erzkonservativ und erst noch US-Amerikanerin. Sie behielt ihren Sitz bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Lieblingsgegner Churchill

Astor war erst vor dem Krieg in zweiter Ehe nach Grossbritannien gekommen. Sie hatte den steinreichen Unterhausabgeordneten Waldorf Astor geheiratet, der nach dem Tod seines Vaters dessen Adelstitel erbte und ins Oberhaus wechselte. Er hatte Nancy ermuntert, in einem Wahlkreis von Devon für die Konservativen zu kandidieren, wie sie freimütig einräumte. Sie schaffte die Wahl prompt. Die ehemalige Premierministerin Theresa May enthüllte letzte Woche in Plymouth eine Bronzestatue zu Ehren von Astor.

Nancy Astor 1923. Foto: Wikipedia

Ihre männlichen Kollegen waren alles andere als erbaut über den weiblichen Einzug ins Unterhaus, wie die Gender-Historikerin June Purvis im «History Magazine» der BBC schreibt. So beschied sie ihrem Lieblingsgegner Winston Churchill: «Wären Sie mein Ehemann, würde ich Ihren Tee vergiften.» Dieser soll ihr geantwortet haben: «Und wenn Sie meine Frau wären, würde ich ihn sogleich trinken.» Die beiden wurden nie ein Paar.

Historikerin Purvis charakterisiert Astor mit den Worten: «Sie war selbstbewusst und zäh. Mit einer stählernen Entschlossenheit trat sie gegen frauenfeindliche Abgeordnete an.» Politisch setzte sich Astor, eine Anhängerin der Erweckungsbewegung Christian Science, für die Temperenzler ein und setzte 1923 mit einem Vorstoss die Alterslimite 18 für den Kauf alkoholischer Getränke durch. In die Regierung kam sie allerdings nie und manövrierte sich politisch zusehends ins Abseits.

Überzeugte Pazifistin

Sie setzte sich – entgegen der Politik Churchills und einer Mehrheit ihrer Fraktion – unermüdlich für einen Ausgleich mit Nazi-Deutschland ein. Sie wollte als Pazifistin um alles in der Welt einen zweiten Krieg vermeiden. Vor allem aber war Astor der Überzeugung, dass Nazi-Deutschland den Briten als ein Bollwerk gegen die Sowjetunion nützlich sei. Sie hielt deren Bedrohung für gefährlicher als den Hitlerismus und lud immer wieder Nazi-Sympathisanten auf ihren Landsitz Cliveden in der Grafschaft Buckinghamshire ein. Unter dem Namen «Cliveden Set» wurde dieser Kreis von Intellektuellen und Politikern in den 1930er-Jahren ein Fokus des Appeasement, der Ausgleichspolitik mit Deutschland, wie sie Churchills Vorgänger Neville Chamberlain mit dem Münchner Abkommen vergeblich anstrebte.

Astor war zwar die erste Frau, die ins Unterhaus einzog. Aber sie war nicht die erste gewählte Parlamentarierin im Vereinigten Königreich. Ein Jahr zuvor hatten irische Nationalisten die Gräfin Constance Markiewicz von der Sinn-Féin-Bewegung zur Abgeordneten erkoren; die Republik war damals noch britisch. Doch Markiewicz nahm ihren Sitz nicht ein, weil sie als Irin die Londoner Regierung ablehnte, eine Politik, an der Sinn Féin bis heute stur festhält.

Astors Stadthaus steht am schicken St. James’s Square im Londoner West End. Eine blaue Tafel erinnert an die prominente einstige Bewohnerin. Das Haus ist heute Sitz des Naval & Military Club, dessen Mitglieder grösstenteils Veteranen sind. Pazifistin Nancy Astor hätte ihre Nachbewohner wenig geschätzt.