Wo Sklaverei lange ausgeblendet wurde

Auch Schweizer Unternehmerfamilien wie die Eschers und die Guisans waren in die Sklaverei verstrickt. Was lange unter den Tisch gekehrt wurde, kommt jetzt ans Licht.

Ein Grundbesitzer in Brasilien wird von seinen Sklaven getragen. Zeichnung von Jean-Baptiste Debret, 1835. Foto: Getty Images

«Die Literatur wird durchforscht werden», prophezeite 1939 Bertolt Brecht in den Svendborger Gedichten und spielte damit auf deren Klassencharakter an und auf die Frage, wer unter welchen Bedingungen in wessen Interesse worüber schreibt und ob das Elend der Unterdrückten auch wirklich zur Sprache kommt. Heute muss man diese Fragestellung um die koloniale Dimension erweitern. Zum Beispiel bei Gottfried Kellers Roman «Martin Salander» aus dem Jahr 1886.

Der Protagonist des Buchs, aus dem schweizerischen Münsterburg stammend, wird in Brasilien mit dem Anbau und Handel von Kaffee und Tabak sehr reich, und sein Sohn reist ebenfalls nach Brasilien, um dort die väterlichen Geschäfte weiterzuführen. Arnold Salander erweitert den Grundbesitz an geeignetem Pflanzland und findet «für Betrieb und Aufsicht» einen tüchtigen Schweizer, der bald am Geschäft beteiligt werden soll. Was für ein Geschäft? Aufsicht über wen? Wer baute Tabak und Kaffee an? Keller und/oder Salander schweigen.

Als Keller seinen Roman 1886 in der «Deutschen Rundschau» vorabdrucken liess, war die Sklaverei in Brasilien noch in Kraft. Zur Zeit von Salanders erstem (ca. 1859–1866) und zweitem (drei Jahre in den 1870er-Jahren) Brasilienaufenthalt sowie zur Zeit des Wirkens seines Sohnes galt für Brasilien, was der grosse nigerianische Historiker Joseph Inikori in seiner monumentalen Studie «Africans and the Industrial Revolution in England» so ausgedrückt hat: Brasilien war bezüglich Exportproduktion und Demografie «ein afrikanisches Land».

Kein Tabak ohne Sklaven

Aber nicht nur die Literatur wird durchforscht werden, sondern auch die Werbung: In einer Beilage des «Tages-Anzeigers», die online immer noch abrufbar ist, singt der «Grandseigneur der Zigarrenbranche» Heinrich Villiger das Loblied der brasilianischen Tabake. Dabei wird auch die Geschichte abgehandelt und erzählt, wie der portugiesische Seefahrer Pedro Álvares Cabral 1500 Brasilien entdeckte. Die Tabak konsumierenden Indianer kommen vor, erwähnt wird der portugiesische Staatsmann Marquês de Pombal, und die verschiedenen Phasen der Tabakexporte nach Europa werden fachmännisch abgehandelt.

Von 1500 geht es in flottem Tempo über 1570 und 1775 zur Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal im Jahr 1822. Der Abschnitt über die Geschichte endet dann mit Ausführungen über die sandigen Böden und das Klima («Durchschnittstemperaturen von 25 Grad»). Nur die Sklavinnen und Sklaven kommen nicht vor.

Dabei war die Anbauregion des Recôncavo, zu der Villiger langjährige enge Kontakte hatte, eine der dauerhaftesten Sklavenhaltergesellschaften der Neuen Welt. Während dreier Jahrhunderte schufteten dort versklavte Männer und Frauen aus Afrika sowie deren Nachkommen und produzierten auf den sandigen Böden um die Bucht von Bahia Tabak zum Export nach Europa und Westafrika. Sklaven waren es, welche die Tabaksamen aussäten, düngten, die Setzlinge pikierten, die Plantagen bewässerten, das Unkraut jäteten und schliesslich die Tabakblätter ernteten, trockneten und zum Transport verpackten.

Um die Städte Cachoeira, Maragogipe, Nazaré und São Felix entstand im 19. Jahrhundert eine Industrie, welche den Tabak verarbeitete, den die umliegenden Distrikte mit Sklavenpopulationen von 20 bis 70 Prozent produzierten. Dies machte aus dem Recôncavo eine der dichtesten Sklavenbevölkerungen von ganz Brasilien: 1872 betrug sie noch rund 80’000 Sklavinnen und Sklaven. Die Sklaverei wurde in Brasilien ja erst 1888 abgeschafft, just in dem Jahr, als der damals 28-jährige Kaufmann Jean Villiger eine Cigarrenfabrik im eigenen Wohnhaus in Pfeffikon gründete.

Jährlich 110 Sklaven aus Afrika

Aber nicht nur die Literatur und die Werbung werden durchforscht werden, sondern auch die Geschichte. Zum Beispiel diejenige der Familie Guisan. Über deren Vorfahren weiss etwa Markus Somm in seiner Biografie des Generals nur zu sagen, dass sie seit 1472 das Bürgerrecht von Avenches besassen und Handwerker, reiche Bauern, Pfarrer, Lehrer, Offiziere und Ärzte hervorbrachten. Kolonialherren kommen nicht vor.

Das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) weiss immerhin von Henri Guisans direktem Vorfahren Jean Samuel Guisan (1740–1801), dass er erst nach Paramaribo (heute Surinam) und dann nach Cayenne (heute Französisch-Guayana) auswanderte, wo er Hauptmann in französischen Diensten wurde und als Chefingenieur für hydraulische Arbeiten zuständig war. Von Sklaverei kein Wort.

Herr Hunderter Sklaven: Jean Samuel Guisan.

Dabei waren es Sklaven, die für ihn die Kanäle und Polder gruben und in der von ihm verwalteten Gewürzplantage arbeiteten. Für seine Plantage L’Espérance schloss er einen Vertrag über die jährliche Lieferung von 110 Sklavinnen und Sklaven aus Angola und von der Goldküste ab. Sein Onkel Nicolas David Guisan (ca. 1727–1781) – über den das HLS schweigt – war Mitbesitzer und Verwalter von nicht weniger als acht surinamesischen Kaffee- und Zuckerplantagen mit Hunderten von Sklaven. In seinem Testament verfügte Nicolas David Guisan die Freilassung einer gewissen Nanetta Gerarda Guisan (ca. 1771–1852), welche er als leibliche Tochter anerkannte. Sie war vermutlich aus einer Beziehung Guisans mit seiner Sklavin Johanna la Liberté hervorgegangen.

Es besteht jedoch durchaus Anlass zur Hoffnung: Die Leitung des HLS ist sich der kolonialen weissen – oder besser: schwarzen – Flecken bewusst und ist gewillt, diesen Mangel demnächst anzugehen. Heinrich Villiger antwortete auf einen offenen Brief bezüglich seiner «sklavenfreien» Tabakwerbung mit Höflichkeit und Offenheit und kündigte an, sich persönlich mit der Beziehung der Schweiz zur Sklaverei eingehender zu befassen. Landauf, landab wird an grossen Indiennes-Ausstellungen (Prangins, Neuenburg, Zürich) thematisiert, dass diese Schweizer Textilien die Währung des Sklavenhandels waren.

Und dank der kubanischen Plantage «Buen Retiro» (auf der wohl eine schwarze versklavte Cousine von Alfred Escher gelebt hat) ist dafür gesorgt, dass auch das Zürcher Escher-Keller-Jubiläumsjahr nicht zu einem schönen Rückzug auf sich selbst wird.