Vom Liebling Hitlers zum Verräter

Vor 75 Jahren beging Erwin Rommel Suizid – er wurde dazu gezwungen. Um den «Wüstenfuchs» ranken sich noch immer Mythen.

Die Nazi-Propaganda machte seine Erfolge bekannt: Erwin Rommel mit der 15. Panzerdivision in Libyen, 1941. Foto: Universal History Archive via Getty Images

«In einer Viertelstunde bin ich tot» – so verabschiedet sich Erwin Rommel am 14. Oktober 1944 von Frau und Sohn. Vor dem Haus in Herrlingen bei Ulm warten Adolf Hitlers Chefadjutant sowie der Chef für Ehrenangelegenheiten im Heerespersonalamt – und eine Ampulle Zyankali. Die beiden Generäle bringen den Generalfeldmarschall zu einem Waldstück. Dort zerbeisst er die mit dem tödlichen Gift gefüllte Kapsel.

Rommel hat die Wahl: Entweder Prozess wegen Hochverrats vor dem Volksgerichtshof, oder er bringt sich selbst um und verschont damit seine Familie vor Sippenhaft und Schmach. Er wählt die zweite Option. Dazu gehört das Staatsbegräbnis, das vier Tage später mit Pomp in Ulm stattfindet. Hitler ist nicht anwesend, lässt der Witwe aber sein «aufrichtiges Mitleid» per Telegramm zukommen.

Laut Totenschein stirbt Rommel an «Herzschlag als Folge eines im Westen erlittenen Dienstunfalls». Tatsächlich aber ist sein Tod von oberster Stelle angeordnet worden. Wie konnte er, der lange als Liebling Hitlers gegolten hatte, in Ungnade fallen?

Im Zentrum der Macht

Am 15. November 1891 als Sohn eines Lehrers im schwäbischen Heidenheim geboren, geht er auf Druck des Vaters zum Militär. Im Ersten Weltkrieg beweist der junge Infanterieoffizier Führungsstärke und erhält mehrere Orden. Nach dem Krieg bleibt er bei der Armee, macht Karriere – soweit dies nach der Niederlage möglich ist – und sucht nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 die Nähe zu Hitler, denn ihn begeistert die Idee eines Grossdeutschen Reiches.

Er wird Kommandeur im persönlichen Begleitbataillon des Führers. Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 kommandiert Rommel das mobile Führerhauptquartier und ist somit für die Sicherheit Hitlers verantwortlich. Er befindet sich nun im Zentrum der Macht.

1940 führt er in Frankreich erfolgreich eine Panzerdivision. 1941 steht er dann dem Deutschen Afrikakorps in Libyen gegen die britische Armee vor. Im Sommer 1942 gelingt es ihm, zusammen mit den Italienern die Festung Tobruk einzunehmen. Die Nazi-Propaganda sorgt dafür, dass seine Erfolge bekannt und gefeiert werden. Der «Wüstenfuchs» wird zum Mythos stilisiert – um vom negativen Kriegsverlauf in Russland abzulenken.

Rommels Mission scheitert

Doch das Blatt wendet sich. Entgegen Hitlers Befehl zieht er sich angesichts einer Grossoffensive der Briten später in Afrika zurück – und wird abgezogen. Noch fällt er nicht in Ungnade, seinen bisherigen Erfolgen und seiner Beliebtheit sei Dank. Hitler schickt ihn ins besetzte Frankreich, wo er einen Schutzwall gegen die Alliierten aufbauen soll – er tut dies allerdings an der falschen Stelle. Am 6. Juni 1944 landen die Alliierten in der Normandie – der Krieg ist für die Deutschen nicht mehr zu gewinnen. Die Mission Rommels ist gescheitert, er wird am 17. Juli schwer verletzt.

Drei Tage später, am 20. Juli, detoniert eine Bombe in der Besprechungsbaracke Hitlers, dieser überlebt. Obwohl Rommel im Lazarett liegt, soll er Kontakte zum militärischen Widerstand unterhalten haben. Das sagen die Verschwörer in den Folterkammern der Gestapo aus.

Täter, Mitwisser oder Opfer der Nazis?

75 Jahre nach dieser bis ins letzte Detail durchdachten Ausschaltung Rommels ist noch immer unklar, ob er tatsächlich am Attentat vom 20. Juli beteiligt gewesen war oder es zumindest billigte.

Die Putschisten hätten ihn gerne in ihren Reihen gesehen – denn ein populäres Gesicht hätte dem Staatsstreich zu Rückhalt in der Armee und der Bevölkerung verholfen. Gegen eine Mittäterschaft beim Attentat gegen Hitler spricht aber, dass Rommel dem Führer nur wenige Monate vor dem Attentat die Treue geschworen hatte – der vermeintliche Widerstandskämpfer zeigte somit Mühe, sich von seinem Mentor loszusagen. Dazu kommt: Frau und Sohn bestritten nach Kriegsende, dass sich Rommel am Widerstand gegen Hitler beteiligt habe. Das hätte seiner Soldatenehre widersprochen.

Auch die Beurteilung der Person Rommels bleibt Streitpunkt zwischen den Historikern: War er Mittäter der Nazis? Fakt ist: Rommel war nie Mitglied der Nationalsozialistischen Partei NSDAP, er sei der Ideologie Hitlers eher gleichgültig gegenüber gestanden und auch kein Antisemit gewesen. Durch diese Nähe zum Führer muss er aber früh von den Kriegsverbrechen und der Vernichtung der Juden gewusst haben. Verhindert hat er sie nicht. Deshalb sprechen ihm einige Historiker eine Mitverantwortung zu.

Andere weisen darauf hin, dass Rommel keine konkreten Kriegsverbrechen nachzuweisen seien: weder persönlich begangene noch von ihm angeordnete. Zwar sei seine Karriere der Nähe zu Hitler geschuldet, aber auch seiner militärischen Begabung.

Ein widersprüchlicher Held

Klar ist: Hitler verlor das Vertrauen in seinen Lieblingssoldaten und schaffte es, den vermeintlichen Konspirateur zu beseitigen, ohne dass die Bevölkerung und sogar sein näheres Umfeld Verdacht schöpften. Erst nach Ende des Dritten Reiches wurde die Wahrheit bekannt und machte aus der Legende vom «Wüstenfuchs» die Legende vom aufrechten und ritterlichen Soldaten, ja gar vom Märtyrer. Noch 1961 wurde Rommel zu Ehren eine Gedenkstätte in Heidenheim errichtet.

Mitte der 90er-Jahre setzte sich in Deutschland allerdings eine Umdeutung der Rommel-Legende durch – eine Entmythifizierung. Er verschwand aus Lexika zum deutschen Widerstand. Doch bleibt noch vieles aufzuarbeiten – auch der Umgang mit diesem «konstruierten Mythos» der Nachkriegszeit, der wohl einigen dazu gedient hat, das ambivalente Verhalten manches Deutschen im Dritten Reich zu erklären und zu rechtfertigen.

4 Kommentare zu «Vom Liebling Hitlers zum Verräter»

  • Markus Moreno sagt:

    Bestens geschrieben, vielen Dank!

  • Daniel Stoffer sagt:

    Wieso kann man diesen Artikel nicht bewerten? Von mir bekäme er ein Empfehlenswert!

  • Frantisek von Wartburg sagt:

    „Fakt ist: Rommel war nie Mitglied der Nationalsozialistischen Partei NSDAP“
    Was soll dieser „Fakt“ besagen?
    War jemand NSDAP-Mitglied, ruhte seine Parteimitgliedschaft ab Wehrdienstantritt bzw. Zugehörigkeit zur Wehrmacht. Da Rommel zeitlebens Berufssoldat war, ist das Kriterium Parteimitgliedschaft also nichtssagend. Aktive Parteimitgliedschaft von Wehrmachtsangehörigen war erst ab 1944 möglich.

    • gabi sagt:

      Angesichts dessen, wie viele, eigentlich vollkommen unpolitische Menschen, genötigt wurden in die Partei einzutreten (wenn sie z.B. ihre Stelle behalten wollten), sagt selbst die Mitgliedschaft ebenso viel oder so wenig aus, wie die Mitgliedschaft in der Partei im späteren Ostblock.

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