Die Legende um den Schweizer Arbeitsfrieden

Am 12. April 1970 werden streikende spanische Gastarbeiter in Genf von einer Solidaritätskundgebung unterstützt: 3000 Personen nehmen an der Demonstration teil.  Foto: Keystone

Im Juli 1937 vereinbarten der Unternehmerverband und die Gewerkschaften den Arbeitsfrieden. Über seinen Ursprung gibt es vier Legenden: Er sei Ausdruck eines konfliktarmen Landes, eine Reaktion auf die faschistische Bedrohung, ein Mittel zur Stärkung der Demokratie und ein einschneidendes Ereignis gewesen.

Die Schweiz war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ebenso streikfreudig wie die meisten industrialisierten Länder Europas und Nordamerikas. In den Dreissigerjahren gab es eine harte Polarisierung zwischen einem rechten Bürgerblock und einer linken Richtlinienbewegung von Arbeitern, Angestellten und Bauern. Im Frühjahr 1937 drohte, ausgehend von Biel, eine schweizweite Streikwelle auszubrechen. Die Uhrenarbeiter verlangten Lohnerhöhungen und bezahlte Ferien. Der Bundesrat setzte für den Uhrenbogen eine Zwangsschlichtung durch. Diese schrieb einen «totalen Arbeitsfrieden», wie es anfänglich hiess, aber auch zehn Prozent mehr Lohn und eine Woche Ferien vor. Zudem öffnete sie die Tore für Kollektivverträge, was für die meisten Patrons ein Gräuel war.

Als Exponat an der Landi ausgestellt

All diese Konzessionen veranlassten Ernst Dübi, Präsident der Uhren- und Metallindustriellen (ASM), mit Konrad Ilg von der Metall- und Uhrengewerkschaft (Smuv) ein Friedensabkommen auszuhandeln. Die zuerst auf zwei Jahre befristete Vereinbarung bedeutete ein völliges Streikverbot und brachte kein einziges materielles Zugeständnis. Sie wäre beinahe an einem Lohnstreik in der Sulzer Winterthur gescheitert. Der Smuv erklärte sein Entgegenkommen mit der Unterstützung einer Exportoffensive, die er als Chance für die Sicherung der Arbeitsplätze betrachtete.

Medial und politisch warf das Friedensabkommen keine grossen Wellen. Die Nationale Front begrüsste es als Schritt auf dem «Weg des korporativen Aufbaus». Dessen Mystifizierung als «modernes Rütli» oder neues «Stanser Verkommnis» wurde vor allem von Bundesräten wie dem katholischen Korporatisten Giuseppe Motta betrieben. An der Landi 1939 wurde das Original des Friedensabkommens auf dem Höhenweg ausgestellt.

Der Konjunkturaufschwung ab 1936 war die Folge der internationalen Aufrüstung, wobei Nazideutschland für die Schweizer Wirtschaft am einträglichsten war. Wie wenig dem Smuv an einer antifaschistischen Linie gelegen war, zeigt auch seine Distanzierung von der Richtlinienbewegung und damit vom Gewerkschaftsbund. Das vom SGB aufgebaute Bündnis forderte zur Ankurbelung der Binnenwirtschaft höhere Löhne für die Arbeiter und Angestellten sowie höhere Preise für die arg gebeutelten Bauernfamilien. Beides wurde vom ASM und in der Folge vom Smuv heftig bekämpft. Aber auch die Kritik der Richtlinienbewegung an der anpässlerischen Haltung des Bundesrates gegenüber Hitler, Mussolini und Franco passte den Sozialpartnern der Exportindustrie nicht.

«Frieden ohne Gerechtigkeit»

Weiter waren der ASM und der Smuv gegen die Volksinitiative der Richtlinienbewegung zur Beendigung des undemokratischen Dringlichkeitsregimes, das die Rechte des Volkes stark beschnitt. Der SGB-Funktionär und spätere Bundesrat Max Weber, intellektueller Kopf der Richtlinienbewegung, warf dem Smuv vor, eine ähnliche Politik der «freiwilligen Gleichschaltung» zu verfolgen wie der britische Premierminister Chamberlain mit dem Münchner Abkommen. Zum Bruch zwischen Ilg und Weber kam es 1941, als der Smuv aus Rücksicht auf die Exportindustrie das Projekt einer AHV ablehnte.

1943 geriet das 1939 für fünf Jahre erneuerte Friedensabkommen unter starken Druck. In der Chemie-, Textil- und Baubranche brach eine mächtige Streikbewegung aus, die bis 1947 andauerte. In den Basler Grossbetrieben Ciba und Sandoz wurde der vom Smuv vorgeschlagene Arbeitsfrieden von den Belegschaften mit 2291 Nein- und einer einzigen Ja-Stimme abgelehnt. Die neu gegründete Chemiegewerkschaft setzte Gesamtarbeitsverträge mit Lohnerhöhungen bis zu 30 Prozent durch. Die meisten Kollektivverträge, deren Zahl sich zwischen 1943 und 1946 verdoppelte, bedeuteten einen relativen Arbeitsfrieden, der bloss für die vereinbarten Inhalte und nur während der Vertragsdauer galt. Aufgrund der ernüchternden Erfahrungen mit dem absoluten Arbeitsfrieden zog die Evangelische Gewerkschaft Svea 1944 die kritische Bilanz: «Er will den Frieden sichern, vergisst aber den Gedanken der Gerechtigkeit.»

Der Arbeitsfrieden als Teil der schweizerischen Identität setzte sich erst im Kalten Krieg durch. Ende der 80er-Jahre beinhalteten zwei Drittel der Kollektivverträge die absolute Friedenspflicht. Seither hat es zwei Relativierungen gegeben. Einerseits griff die Unia, ein Zusammenschluss von Smuv und Bau-, Chemie-, Textil- sowie Dienstleistungsgewerkschaften, vermehrt zum Mittel des Arbeitskampfes. Andererseits schrieb die Totalrevision der Bundesverfassung 1999 im Artikel 28 das Streikrecht fest. Ohne den von der SVP heftig bekämpften «Schicksalsartikel» wäre die Verfassung an der Urne gescheitert. Dank diesem Grundrecht gibt es für Individuen höchstens noch einen relativen Arbeitsfrieden.

3 Kommentare zu «Die Legende um den Schweizer Arbeitsfrieden»

  • Rolf Zach sagt:

    Was halt immer vergessen wird, dass Schweizer Volk stimmt eher anti-sozial im bürgerlichen Sinn, weil unsere Macht-Elite es verstanden hat, uns aus beiden Weltkriegen heraus zu halten. Diese Verschonung von der europäischen Katastrophe dieser beiden Weltkriege hat dafür gesorgt, dass die Einkommen für viele im Mittelstand gewahrt blieben und deshalb die soziale Frage nicht die gleiche Virulenz hatte wie zum Beispiel im benachbarten Deutschland.
    Die AHV kam erst nach 1945, als diese in England eingeführt wurde.
    Ebenso ist zu beachten, dass die Gewerkschaften eine Organisation der Facharbeiter waren und nicht der Hilfsarbeiter, wovon es viel mehr gab.
    Gelernte Monteure bei Hasler hatten sehr gute Löhne, fast vergleichbar mit heute. Textilarbeiter ohne Lehre waren der letzte Dreck.

  • Ulrich Gerber-Kohler sagt:

    Merkwürdig: dass 1932 die Arme wahllos in streikende Genfer Arbeiter schoss, verschweigt uns der Armee-Mitarbeiter Lang. Natürlich waren die ca. 90 Verletzen und fast 20 Tote extrem abschreckend. Dazu kam ein Fichenstaat: mein Urgrossvater hat gestreikt. Er wurde in der Folge von teilweise bis 3 KaPos beobachtet und „verfolgt“, mehrere Wochen. Diese „naziähnliche“ CH-Behörden-System hat natürlich extrem abgeschreckt. Zwei der drei Söhne haben in der Folge ihre Stellen verloren. Meinem Urgrossvater, er war ein kleiner Kohlhändler, wurde von der Kantonalbank der Firmen-Kredit gekündet, grundlos. Die Tochter vom Grossvater war am Gymnasium und musste zum Rektor und wurde abgemahnt inkl. Androhung Rauswurf aus dem Gymnasium. So wurde im Polizei- und Fichenstaat CH Streiks verhindert.

  • Ronnie König sagt:

    Und einmal mehr der Beweis, dass die SVP nicht für den Büezer da ist, ihm das aber vorgaukelt. Also, die Bauern streikten und demonstrierten auch immer wieder und das wohl zu recht, wenn auch vergessen wird in diesen Kreisen, dass sie so gesehen am meisten von allen „sowjetisiert“ sind. Die SVP sieht sich als Hauptvertreter der Bauern. Und beide Gruppen schimpfen gegen Sozis. Würde man mal da alles soziale rausnehmen, so wären viele Bauern aber arm dran, nur wenige hätten zu lachen. Genau so die Arbeiter, einst der Linken zugeneigt, wollen sie die Errungenschaften für sich abbauen? Glaube ich nicht recht, aber so stimmen die doch tatsächlich an der Urne, weil sie sich verwirren lassen mit anderen Themen. Interessant nicht?

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