Die enthauptete Spionin

Geballte Spionagekraft vor dem Zweiten Weltkrieg (v.l.): Benita von Falkenhayn, Günther Rudloff, Jerzy Sosnowski, Yuri von Sosnowski. Foto: Ullstein Bild, Getty Images

In Spionagefilmen geht es immer um Liebe und Verrat. Bei dieser wirklich so geschehenen Geschichte dreht es sich auch um Liebe und Verrat, dazu noch um Adel, Hitler, Enthauptung und den Schweizer Bezug. Damit überholen die Ingredienzen der Realität sogar die Fiktion.

Benita von Zollikofer-Altenklingen entstammt dem noblen Thurgauer Adelsgeschlecht vom heute noch bestehenden Schloss Altenklingen in Wigoltingen. Sie, die eigentlich Benita Ursula Wilhelmine Kathi Florin heisst, gehört zum deutschen Seitenast der Schweizer Adeligen und wächst in Berlin auf. Während des Ersten Weltkriegs arbeitet sie als Rotkreuz-Helferin.

Dreimal verheiratet

Doch die junge Adelige ist von der Liebe geradezu besessen. Um dem Zugriff ihrer Mutter zu entkommen, die eine standesgemässe Heirat für ihre Tochter wünscht, heiratet Benita schon im Alter von 20 Jahren einen deutschen Oberstleutenant ausser Dienst – doch die Ehe hält gerade mal zwei Jahre.

Der nächste, den sie ehelicht, ist von der Herkunft her besser, nämlich ein Adeliger, Richard von Falkenhayn. Diese Ehe hält sieben Jahre. 1932 heiratet sie nochmals, jetzt den blaublütigen Flugzeugingenieur Josef Baron von Berg, der bei Siemens arbeitet und russischer Kriegsflieger gewesen war, bevor er nach Deutschland kam und sich einbürgern liess.

Das Partygirl in Berlin

Die lebenslustige Benita von Berg ist Ende der 1920er-Jahre ein richtiges Berliner Partygirl. Sie verliebt sich in den äusserst charmanten und grosszügigen Georg von Sosnowski, den Ritter von Nalecz.

Benita von Berg und Jerzy Sosnowski. Bild aus dem Buch «Rittmeister Sosnowski».

Zunächst weiss sie nicht, dass ihr Geliebter ein polnischer Nachrichtenoffizier ist, der in Berlin deutsche Geheiminformationen beschaffen soll. In Wahrheit heisst er Jerzy Sosnowski, er sieht so attraktiv aus, mit seinen hellen Augen unter den dunklen Haaren, er charmiert, flirtet, dass er auch bei anderen adeligen Frauen sehr gut ankommt.


Ausschnitt aus dem Film «Rittmeister Wronski» (1954), gestützt auf das Buch «Rittmeister Sosnowski» von Michael Graf Soltikow.

Später wird er als «polnischer James Bond» bezeichnet. Er treibt sich in Edelcafés, Tanzlokalen, Spielcasinos und auf Pferderennbahnen herum. Auch die ahnungslose Benita lässt sich von ihm verehren, beschenken und umgarnen, sodass sie mit ihren adeligen Freundinnen Irene von Jena (Tochter eines Generals) und Renate von Natzmer (verwandt mit Reichspräsident Hindenburg) aufschlussreiche Dokumente aus dem Reichsministerium, wo sie arbeiten, deutsche Aufmarschpläne beschafft und die Kopien gegen gutes Geld Jerzy übergibt. Der polnische Bond zahlt mit (viel) Geld und (wenig) Liebe.

Rettungsversuch aus dem Thurgau

Doch die deutsche Abwehr schläft nicht. Die drei Spioninnen und ihr polnischer Verbindungsmann fliegen auf – weil eine weitere Gespielin des Polen eifersüchtig ist, als Doppelagentin wirkt und ihn verpetzt. Die Spioninnen werden 1934 verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Benita von Berg und Renate von Natzmer werden zu Tode verurteilt. Benitas dritter Ehemann lässt daraufhin die Ehe für nichtig erklären, um seine Haut zu retten.

Im Thurgau laufen die Drähte heiss: Der Familienrat der von Zollikofers versucht es in Berlin mit einem Gnadengesuch – ohne Erfolg. Hitler lehnt alle Gesuche des Adels ab.


Die Hinrichtung der Benita von Falkenhayn, Ausschnitt aus einem polnischen Film.

Am 18. Februar 1935 muss Benita, die sich nach annullierter Ehe wieder von Falkenhayn nennt, im Gefängnis Berlin-Plötzensee ein langes, graues Kleid anziehen und wird in den Innenhof geführt; der Scharfrichter Carl Gröpler kommt und schlägt ihr mit dem Handbeil den Kopf ab.

Michael Graf Soltikow: Rittmeister Sosnowski. Roman. Verlag der Stern Bücher, Hamburg 1954.

Nach der Exekution verfügt Hitler, alle zukünftigen Exekutionen mit der Guillotine zu vollstrecken. Auf allen Plakatsäulen Berlins ist von der Vollstreckung der Todesurteile zu lesen.

Der tiefe Fall der Aristokratin mit Schweizer Wurzeln wird im Roman «Rittmeister Sosnowski» detailreich ausgebreitet und später in Polen verfilmt – in der Schweiz ist die Geschichte wenig bekannt. Dabei ist das Leben der Benita von Falkenhayn, geborene von Zollikofer-Altenklingen, schauriger und trauriger als jeder Film.

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