Impfungen polarisierten schon vor 200 Jahren

Genial oder grausam? Dr Edward Jenner bei der Impfung eines Achtjährigen. (Foto: Three Lions/Getty Images)

Genial oder grausam? Dr Edward Jenner bei der Impfung eines Achtjährigen. (Foto: Three Lions/Getty Images)

Die ersten Impfungen im 18. Jahrhundert bedeuteten einen Segen für die Menschheit. Ein Kuckuck-Forscher stand dahinter.

Der Arzt Edward Jenner (1749–1823) war ein genauer Beobachter. Dem Mann aus der tiefsten westenglischen Provinz fiel auf, dass Melkerinnen kaum je an Pocken erkrankten, die epidemisch auftraten – oft mit tödlichen Folgen. Die Bäuerinnen wiesen an ihren Händen Pusteln von Kuhpocken auf, die sie anscheinend resistent machten.

Jenner entnahm den infizierten Eutern der Tiere Sekret und rieb es in oberflächlich geritzte Haut-Verletzungen seiner Patienten. Er war nicht der Erste, der auf diese Idee kam; in Deutschland hatte es bereits ähnliche Versuche gegeben. Aber Jenner beschrieb das Verfahren wissenschaftlich und propagierte es vor allem als Beitrag zur Volksgesundheit. Der Mann soll mehr Leben gerettet haben als jemals ein anderer Mensch, heisst es in den englischen Schulbüchern.

Impfen polarisierte schon im 18. Jahrhundert

Der Mann hatte keine universitäre Ausbildung, was für viele Landdoktoren üblich war. Er ging vielmehr bei erfahrenen Ärzten in die Lehre, die nach der in medizinischen Kreisen weit verbreiteten Devise arbeiteten: «Nicht lange nachdenken, lieber handeln.» Jenner war so konsequent, dass er seinen kleinen Sohn 1796 impfte. Der Legende nach soll dieser mit 21 Jahren an den Folgen der Prozedur gestorben sein. Alles Quatsch, sagten dagegen Jenners Bewunderer. Der junge Mann habe unter Typhus gelitten, an dem schon Jenners Frau tödlich erkrankt war und frühzeitig starb. Die Episode zeigt, wie sehr die Impfungen bereits damals polarisierten.

Wie die meisten cleveren Menschen seiner Zeit fühlte sich Edward Jenner von der Neugier getrieben, die Welt gesamtheitlich zu verstehen. So richtete sich sein Ehrgeiz etwa auf Beobachtungen in der Vogelwelt, vor allem der Kuckuck hatte es ihm angetan. Er beschrieb, wie die ausgewachsenen Vögel ihre Eier den Nestern anderer Vögel anvertrauten. Vor allem aber entdeckte er, wie die geschlüpften Kuckuck-Küken ihre kleinen Konkurrenten aus dem Nest schmissen.

Jenner machte Karriere. Der Mann vermochte seine Zeitgenossen zu überzeugen und genoss weltweiten Ruf als Mitglied ausländischer Akademien in Amerika und Schweden. Er schaffte es sogar zeitweilig auf den Posten des Leibarztes des englischen König Georg IV.

Ein Schweizer testete an Waisenkindern

Auch in der Schweiz fanden die Berichte über Impfungen Resonanz. Einer der Pioniere war der um eine Generation jüngere Berner Rudolf Abraham von Schiferli (1775–1837). Er war ein angesehenes Glied der besseren Gesellschaft und lachte sich eine Schönheit des zaristischen Hofs an, mit der er ein Kind hatte. Vor allem aber beliebte er, mit Impfungen zu experimentieren. Dabei bewies er allerdings nicht Jenners Mut, seinen eigenen Nachwuchs als Versuchskaninchen heranzuziehen. Er wählte dafür lieber Kinder in Waisenhäusern aus. So konnte ihm nicht allzu viel passieren, sollte einmal ein Impf-Experiment schieflaufen. Auch von Schiferli war von der Wirksamkeit des Verfahrens stets überzeugt. Er beobachtete sogar, dass Impfungen bei Pockenkranken ebenfalls wirkten und für einen milderen Verlauf des Leidens sorgten.

Von Schiferli plagten allerdings im Gegensatz zu Jenner Nachschubsorgen, denn die Kuhpocken waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Schweiz wenig verbreitet. Die Landbevölkerung war zwar aufgerufen, den Behörden die Fälle bei einer Zentralstelle zu melden, und kassierte dafür eine Belohnung. Dennoch scheiterten die Ärzte oftmals beim Versuch, die Sekrete zu sammeln. Die Bläschen waren ausgetrocknet, beim Melken geplatzt oder verunreinigt.

Von Schiferli und Jenner sind sich im Leben mit Sicherheit nie begegnet. Unsicher ist, ob der Schweizer die Schriften des Engländers gekannt hatte. Einerlei, die beiden erkannten, dass die Zeit reif war, eine bedrohliche Krankheit mit neuen Methoden anzugehen.

9 Kommentare zu «Impfungen polarisierten schon vor 200 Jahren»

  • Nina Wegmann sagt:

    Der Bericht ist einseitig. Beide Seiten beleuchtet zum Beispiel das Buch
    Dissolving Illusions: Disease, Vaccines, and The Forgotten History von Suzanne Humphries MD. Dort sieht man auch die Opfer der Experimente von oben erwähnten Herren im Bericht des Autors.

    • Heidi Herrmann sagt:

      Das Buch beleuchtet nicht beide Seiten. Das ist ein Pamphlet zweier Impfgegner, das in seiner chaotischen Aufzählung von historischen Quellen, Fakten und Möchtegernfakten. Sicher kein Sachbuch, geschweige denn von irgend einem wissenschaftlichen Gehalt.

      • Daniel Slamanig sagt:

        Polemik war schon seit jeher der billigste rhetorische Trick, um die Gegner nicht ernst zu nehmen, Frau Herrmann.

  • Peter Müller sagt:

    Bezüglich der Pocken war mein Vater der Wissenschaft offenbar voraus. Während in meiner Jugendzeit nämlich praktisch alle geimpft wurden, hat mein Vater gewusst, dass das Risiko der Impfung bereits um ein Vielfaches grösser ist, als das Risiko einer Pockenerkrankung. Er schein vorausgesehen zu haben, dass die Pocken ausgerottet werden können. Die Impfung seiner Kinder hat er deshalb verweigert – und im nachhinein Recht bekommen.
    Ein Impfverweigerer war er aber nicht: was man damals bereits impfen konnte, wurde bei uns auch gemacht. Die damals üblichen Kinderkrankheiten, gegen die es keine Impfung gab, haben wir ohne Probleme durchgemacht.

    • Andreas Schild sagt:

      Die Ausrottung auf die sich ihr Vater verlassen hat, war nur möglich weil sich genügend andere haben impfen lassen (sog. Herdenimmunität).
      Deswegen ist eine Impfung nicht nur für den Impfenden selber wichtig und wirksam, sondern auch für alle anderen, insbesondere diejenigen die nicht impfen können (Säuglinge, Personen mit Erkrankungen des Immunsystems).

      Ihr Vater war somit nicht der Wissenschaft voraus, sondern ein Nutzniesser (es gäbe auch weniger neutrale Ausdrücke…) all derer die der Wissenschaft vertraut haben und das kleine Impfrisiko auf sich genommen haben.

  • Martin Frey sagt:

    Geniale Würfe hatten es schon immer schwer, genauso wie die brillanten Köpfe dahinter.
    Dabei sind Impfungen wohl eine der 3-4 grössten weichenstellenden Errungenschaften der Medizin. Abermillionen Leben konnten damit gerettet, ganze Seuchen dafür ausgerottet werden.
    Seltsam nur, dass dieselben spätmitteralterlichen Vorbehalte auch im Jahre 2019 immer noch herumgeistern, und auch durch immer wiederkehrende, auf Fakten basierende Aufklärungsversuche nicht aus der Welt zu schaffen sind.

  • van der Waerden Oliver sagt:

    Interessant, danke!

  • Peter Sager sagt:

    Heute sind aber andere Meinungen nicht mehr erlaubt. Es gibt nur noch eine Impfdiktatur. Warum ist das neue Kinderspital 3 mal grösser als das alte und hat gut je 10 mal mehr Neurologen / Gastroentrologen / Herzspezialisten als Masernexperten? Warum braucht es keine Masernexperten wenn draussen eine Epidemie ist?

    • Stefan Knecht sagt:

      Im Mittelalter lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 7 Jahren, heute bei etwas mehr als 80 Jahren.

      Ich bin überzeugt, dass Sie als kritisch denkender Mensch einen Zusammenhang mit unserem Gesundheitssystem resp. mit der Kindersterblichkeit (Achtung Hinweis!) herstellen können und Ihre Frage betreffend Kinderspital dadurch beantwortet wird.

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