Warum die Innerschweiz wirklich katholisch blieb

Wie fromm waren die Schwyzer früher? Bischof Markus Büchel während einer Messe im Kloster Einsiedeln. Foto: Keystone

Stellt man die Frage, warum sich die Urschweiz, Luzern und Zug nicht der Reformation angeschlossen haben, lauten die gängigen Antworten:

  • Religiös waren die Innerschweizer zu fromm und zu papstgläubig.
  • Wirtschaftlich hingen sie zu stark vom Wallfahrtsgeschäft und vor allem von den Solddiensten ab.
  • Sozial waren die Zünfte und der humanistische Klerus zu schwach.
  • Politisch wehrten sie sich ohnehin gegen die «Neuerung aus dem expansionistischen Zürich», um den legendären ETH-Professor Linus Birchler aus Einsiedeln zu zitieren.

Gehen wir diese allfälligen Gründe mal durch – und wenden wir uns dann dem Hauptfaktor zu.

Wie fromm waren beispielsweise die Schwyzer wirklich? Im Rahmen des Marchenstreits mit dem Kloster Einsiedeln im 14. Jahrhundert versprachen sie jedem, der ihnen den Abt tot, verstümmelt oder gefangen ausliefern würde, eine Kopfprämie von 400 Gulden. Noch 1580 diskutierte die katholische Tagsatzung über einen Antrag, das Zölibat nur während der Advents- und Fastenzeit zu erzwingen, weil sonst Priestermangel drohe. Was den Papst betrifft, waren die Zuger anfänglich dagegen, auf dessen Wunsch gegen Frankreich in die Schlacht von Marignano zu ziehen. Zwingli hingegen amtete 1515 als Feldprediger der papsttreueren Glarner. Sechs Jahre später schlossen die Innerschweizer gegen den Willen Zwinglis einen Soldvertrag mit dem papstfeindlichen Frankreich. Hätte der bedeutende Wallfahrtsort Einsiedeln frei entscheiden können, wäre er reformiert geworden.

Die Reformation fand auch auf dem Land statt

Eine erhebliche, wenn auch überschätzte Rolle spielten die Einnahmen aus dem von der Reformation abgeschafften Söldnerwesen. Um 1500 gab es in der Innerschweiz 595 private Pensionäre, die vom Blutgeschäft lebten. Die Länderorte Uri, Schwyz und Unterwalden waren dank den öffentlichen Pensionen praktisch steuerfrei. In Luzern und in Zug machten sie etwa 60 Prozent der Staatseinnahmen aus. Aber auch in Zürich waren es bis zum Söldnerverbot 1521 beachtliche 43 Prozent. Zudem gab es – vor allem unter den Müttern der jungen Reisläufer und in der Geistlichkeit – ein grosses Malaise. So konnte an der Zuger Fasnacht von 1523 eine Massenschlägerei zwischen einer französischen und einer päpstlichen Rotte nur knapp verhindert werden. Die Humanisten, die die Verrohung durch die fremden Kriegsdienste anprangerten, beriefen sich dabei auf den Bruder Klaus.

Die politische Schwäche der Zünfte in Luzern bot den humanistischen Geistlichen und Laien zwar keine mit Zürich vergleichbare Basis. Aber die Reformation in der Eidgenossenschaft war mindestens so ländlich wie städtisch. Peter Kamber schreibt in seiner Dissertation «Reformation als bäuerliche Revolution»: «Ohne bäuerliche Reformation wäre in Zürich die städtische Reformation nicht durchzubringen gewesen.»

Was war also der wichtigste Unterschied zwischen Zürcher und Innerschweizer Dörfern zur Zeit der Reformation?

Vergleichen wir Menzingen im Zuger Berggebiet und Marthalen im Zürcher Weinland: Beide Gemeinden kämpften während des 15. Jahrhunderts für eine eigene Pfarrei gegen zwei mächtige Klöster. Die Menzinger begründeten ihr Gesuch, das sie 1479 dem Papst einreichten, damit, «dass sie durch den weiten Weg und den winterlichen Schnee am Gottesdienstbesuch in der Baarer Pfarrkirche gehindert würden». Zudem «müssten bisweilen Erwachsene ohne Sakramente und Beichte und Kinder ohne Taufe sterben.» Allerdings hatten sie als selbstbewusste Bergleute bereits zwei Jahre zuvor mit dem Bau einer Kirche begonnen. Gegen heftigen Widerstand des Klosters Kappel, der Patronatsherrin der Mutterpfarrei Baar, erreichten sie vier Jahrzehnte vor der Reformation ihr Ziel.

Die Katholiken wehrten sich früher

Die Untertanengemeinde Marthalen begründete 1524 ihre Weigerung, dem Kloster Rheinau weiterhin den Zehnten zu bezahlen, mit folgenden Argumenten: Der Weg zum Gottesdienst im Kloster sei zu weit und der zuständige Mönch komme häufig zu spät. «Deshalb sterben Kinder ungetauft und alte Menschen ohne das heilige Sakrament», was den Menschen das ewige Leben raubte. Die Weinländer, unter ihnen viele Leibeigene, verlangten einen örtlichen Priester, «der für ihr Seelenheil sorgte und ihnen das Wort Gottes predigte». In der «bäuerlichen Revolution» kamen zwei Anliegen zusammen: die Gewährleistung einer sicheren und «wohlfeilen», also günstigen Heilsversorgung und die Auslegung des Evangeliums. Damit sollte in den Worten des Historikers Peter Blickle «das einseitig zugunsten der Herren verformte Recht als illegitim denunziert werden.»

In Menzingen war für das Seelenheil gesorgt, und das Evangelium hatte für Bauern, die an der Landsgemeinde mitreden konnten, nicht die gleiche soziale Sprengkraft. Die Innerschweizer blieben nicht etwa deshalb katholisch, weil sie kirchentreuer waren als die Zürcher Landbewohner – sondern weil sie sich gegen den Klerus und die Klöster früher und erfolgreicher durchgesetzt hatten.