Wo das Recht auf Glück herkommt

History Reloaded

Als der «American Dream» auch für Immigranten noch galt: Mexikanische Arbeiter 1942 auf dem Weg in die USA. (Foto: Bettmann, Getty Images)

Wenn heute in der Wissenschaft von Glück die Rede ist, geht es meist um Forschungen darüber, wann und unter welchen Bedingungen Menschen sagen, sie seien glücklich. Diese Studien haben ihren eigenen Wert, doch irgendwann kommt man an einem Dokument aus dem 18. Jahrhundert nicht vorbei: der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. 1776 beschloss der zweite Kontinentalkongress der 13 englischen Kolonien in Philadelphia, sich vom Mutterland loszusagen. Zu den damals verkündeten «unveräusserlichen Menschenrechten» gehörten nicht nur Leben und Freiheit, sondern auch «the pursuit of happiness», das Streben nach Glück also.

Das «Streben nach Glück» ist das amerikanischste der Menschenrechte. In der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 fehlt es ebenso wie in der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948. Die Idee, dass das Streben nach Glück ein Recht ist, hat die DNA des amerikanischen Kapitalismus geprägt. Sie steht für grenzenlose Gier ebenso wie für Erfindergeist, Wagemut und überwältigende Grossherzigkeit. Sie ist wie eine Formel, die immer wieder neu Menschen inspiriert, sich ihren Traum zu verwirklichen.

Jeffersons Entwurf und Franklins Feinschliff

Wie das «Streben nach Glück» erfunden wurde, ist eine Geschichte für sich. Autor der Unabhängigkeitserklärung war der damals 33 Jahre alte Thomas Jefferson, ein philosophisch gebildeter Plantagenbesitzer aus Virginia, der später einmal zum Präsidenten der USA gewählt werden sollte. Jefferson orientierte sich an der «Virginia Declaration of Rights» von 1776. Postuliert wird darin das Recht eines jeden Menschen auf «den Genuss des Lebens und der Freiheit, die Mittel zum Erwerb und Besitz von Eigentum und das Streben nach und das Erlangen von Glück und Sicherheit».

Der Feinschliff an Jeffersons Text stammt von Benjamin Franklin, einem der Autoren und Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung der USA. Der Unternehmer, Erfinder und Publizist war damals bereits 70 und gehörte damit einer anderen Generation an als Jefferson. Franklin änderte nicht viel an dem Entwurf, einige Änderungen sind jedoch von Bedeutung. Im ersten Satz der Erklärung etwa hatte Jefferson geschrieben: «Wir halten diese Wahrheiten» (dass alle Menschen gleich geschaffen und mit unveräusserlichen Rechten ausgestattet sind) für «heilig und unbestreitbar». Franklin machte daraus: «Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich.» Damit wurde die Erklärung der Menschenrechte säkularer und pragmatischer.

Das Individuum stärken

Manche Formulierungen aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wirken heute etwas altertümlich. Das Recht selbst, nach Glück zu streben, ist jedoch hochmodern. Es klingt nach der Entwicklungstheorie des Harvard-Ökonomen Amartya Sen, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1998. Sens zentrales Lebensthema war und ist es, die Lage der Armen auf der Welt zu verbessern. Deren wichtigstes Problem, so sagt er, ist nicht das geringe Einkommen (das kann Teil des Problems sein). Woran es den Armen wirklich mangelt, ist die Chance, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Das betrifft zum Beispiel junge Frauen in der Dritten Welt, wenn es in den Familien eine «boy preference» gibt, wie Sen schreibt – wenn also Geld und Bildungschancen nur den Söhnen zugutekommen.

Entwicklungspolitik bedeutet somit, den Menschen Zugang zu ihren Fähigkeiten zu verschaffen. Wobei «Fähigkeit» für die Freiheit steht, «unterschiedliche Lebensstile zu verwirklichen». Das ist nichts anderes als Jeffersons und Franklins «Streben nach Glück».

Das Recht auf Glück stärkt das Individuum. Die Gründerväter der USA haben der Menschheit damit ein Geschenk gemacht. Tragisch ist, dass sie nicht bereit waren, gleich auch die Schande der Sklaverei zu beseitigen. Tatsächlich dauerte es noch fast 87 Jahre, ehe Präsident Abraham Lincoln 1863 endlich Amerikas Sklaven befreite.

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