Komiker in der Politik

Auf der Bühne und in der Politik erfolgreich: Alfred Rasser. (Foto: Comet Photo AG/ETH Zürich)

Die Ukraine muss einen neuen Präsidenten wählen. Gute Chancen hat dabei Wladimir Selenski. Was zum Lächeln anregt: Selenski ist von Beruf Schauspieler und Komiker – ein Possenreisser als Staatsoberhaupt! Dieser Selenski spielte in einer Fernsehserie ausgerechnet den Präsidenten der Ukraine. Er weiss also, wie man einen Staatspräsidenten gekonnt darstellt. Das wäre in etwa so, wie wenn Ueli-Maurer-Double Viktor Giacobbo plötzlich selber Schweizer Bundesrat würde.

So absurd ist das aber gar nicht. Beppe Grillo in Italien war vor der Gründung seiner Cinque-Stelle-Bewegung ein gefeierter Kabarettist. Mittlerweile ist ihm und seinen Wählerinnen und Wählern das Lachen etwas vergangen. Andere Komiker in der Politik sind oder waren: Jimmy Morales in Guatemala, Al Franken in den USA, Martin Sonneborn in Deutschland («Die Partei») und Jon Gnarr in Island («Die beste Partei»).

«Läppli» im Bundeshaus

Auch in der Schweiz gibt es ein bekanntes Beispiel: Alfred Rasser (1907–1977), der mit seinen «Läppli»-Figuren das Schweizer Kabarett in den 1950er- und 1960er-Jahren prägte, war auch Politiker. Er füllte landauf, landab die Säle und begeisterte Theater, Film und Fernsehen. Auch wenn er auf der Bühne häufig als «HD Läppli» und «Demokrat Läppli» den Naivling darstellte, war er ein politischer Mensch. Das zeigte sich unter anderem darin, dass Offiziersgesellschaften und vaterländische Verbände Rassers Kabarett massiv kritisierten. 1955 bereiste Rasser China, was drastische Konsequenzen nach sich zog. Prompt galt Rasser als Kommunist. Daraufhin kündigten Theater bestehende Verträge, und das Radio strich die geplante Unterhaltungsreihe mit Rasser.

Seine Familie hatte Existenzängste und ass monatelang Brot nur noch mit «Leberwurst aus der Tube», wie Franz Rueb in der Biografie über Rasser schreibt. Immerhin erholte sich der Kabarettist wieder, nicht zuletzt dank der Reaktivierung seiner sehr populären «Läppli»-Figuren. Als der Kabarettist 60 Jahre alt war, wechselte er die Bühne: Alfred Rasser wollte weg von Theater, Fernsehen und den Läpplis, er wollte als Politiker ins Bundeshaus. Zwei Jahre zuvor hatte er über den Berner Parlamentsbetrieb gedichtet:

«Wo Berge sich erheben
Da steht ein Bundeshaus.
Drin viele Zwergli leben.
Die gehen dort ein und aus.
Ein jedes tut das, was es will
Und kann’s nicht viel, dann schwatzt es viel
Dann bleibt das Volk der Zwergli still.
Man nennt das Politik, das Spiel.
Das Wursteln hat sein Domizil.
(…) In Köpfen rauscht viel Stroh.
Und alli sitze do.
Wir sind die kleinen Zwergli
Und wohnen hinterm Bergli.
Heissa, heissa, ho
Wie sind wir doch so froh! Juhui!»

Nun wohnte Rasser in Rheinfelden und kandidierte im Aargau als Nationalrat für den Landesring der Unabhängigen. Der beabsichtigte Szenenwechsel kam zuerst gar nicht gut an: Es sei eine «Unverschämtheit», wenn ein Kabarettist, der sich über den Staat lustig gemacht habe, in die Politik gehe. «Läpp(l)ischer geht’s nimmer!» hiess es damals in den Zeitungschlagzeilen. Die Journalisten karikierten Rasser mit seinem Bühnengenre: «Demnächst grosse Premiere: Läppli zieht ins Bundeshaus. Neuer Schwank von Alfred Rasser.» Doch die Aargauer Stimmbürger sahen das anders und wählten Alfred Rasser Ende Oktober 1967 in den Nationalrat.

Das Publikum war ihm treuer als die Institutionen

Der Kabarettist, der von sich selber sagte, er habe «s’Lääbe lang nie gfolgt», füllte die neue Rolle als Politiker durchaus mit Ernsthaftigkeit und einem guten Gespür für die Themen der Zeit: Erstmals drängte es ihn ans Rednerpult, als es um den Prager Frühling ging; sein erster Vorstoss war ein Postulat, das den Bundesrat um Gespräche mit der aufgebrachten 1968er-Jugend bat. Ausserdem trat er für Frieden, soziale Gerechtigkeit und kulturelle Fragen ein. Damit schuf er sich nicht nur Freunde – dies im Bundeshaus wie auch in den Medien, die ihn auch bei ernsten Politthemen konsequent «den Kabarettisten» nannten und damit seine Haltung kleinmachten. Das Publikum blieb ihm aber treu: Wenn er nicht im Bundeshaus war, füllte Rasser noch immer die Schweizer Säle, zudem schaffte er nach vier Jahren locker die Wiederwahl. Bis 1975 blieb er im Nationalrat.

Übrigens: Rassers «HD-Soldat Läppli» wird ab November in Basel neu aufgeführt; dagegen sind für die Komik in der Politik heute andere zuständig. Manchmal auch solche, die diese Berufsbezeichnung nie trugen. Und den Humor eher unfreiwillig produzieren.

Literatur: Rueb, Franz; Alfred Rasser; Zürich 1975.